Minnesota Vikings in der Sezierstunde

Nächste Sezierstunde mit einer Mannschaft, deren Abschmieren im Herbst 2013 man hatte kommen sehen können: Minnesota Vikings, das Aschenputtel des Jahres 2012, das aus dem Gar Nichts heraus um eine atypisch gebaute Offense herum die Playoffs erreicht hatte, aber im letzten Herbst nach vielen Indikatoren doch wieder in das untere Tableau der NFC fiel. Genauer gesagt: Sie waren das 23t-beste Team der Liga, wie es erstaunlich viele Effizienz-Stats aufzeigen. Es folgte der Trainerwechsel. Es wird noch folgen: Ein Quarterback-Wechsel, zumindest sind sich darin alle einig.

Überblick 2013

Record         5-10-1
Enge Spiele    4-4-1
Pythagorean    5.9    23
Power Ranking  0.392  23
Pass-Offense   5.8    22
Pass-Defense   6.7    23
Turnovers      -12

Management

Salary Cap 2014.

Minnesotas geschasster Head Coach Les Frazier war für mich nie ein großer Innovator, und seine Statements über seine Offensiv-Philosophie kommen zirka 30 Jahre zu spät um als zeitgemäß zu gelten, aber trotzdem war der Mann für mich nie ein klarer Kandidat für eine Entlassung. Grund: Seine Teams spielten sauber. Sie spielten am oberen Rand der Leistungsfähigkeit. Frazier hatte zwei Probleme: Er bekam die Secondary nicht mehr gebacken – und ausgerechnet diese galt als sein Spezialgebiet. Das zweite: Der vor drei Jahren als neuer Franchise-QB gedraftete Chris Ponder schaffte nie den Durchbruch und wäre spätestens nach 2012 reif für eine Auswechslung gewesen… aber dann übertünchte der Playoff-Lauf und für die anämische Playoffvorstellung bekam eh Joe Webb auf die Fresse…

Ponder ist ein sympathischer Knabe, einer mit dem du dich gerne abgeben kannst. Er trinkt auch gerne mal ein Bier in der nächsten Kneipe um mit dir über Gott und die Welt zu sinnieren, schleppt vom Spielfeldrand die heißen Schnitten nach Hause ab, ohne aber als Angeber rüber zu kommen und dir nur mit Kinn voraus zu begeben. Nur leider reichen nett und blässlich für die NFL nicht so recht: Der Verwalter Ponder hatte nie den Wurfarm um sich die schweren Pässe zu trauen, um die Doppeldeckungen á la Stafford zu zerschießen, und er hatte nie die Reaktionsschnelligkeit der anderen Monster-QBs. Er blieb in seinen Jahren als Starter stets auf banale Offense beschränkt.

Und Ponder war ein wandelnder Kandidat, mit Schulterverletzungen zwei, drei Wochen krankgeschrieben zu werden. Weil sein Backup Matt Cassel dann auch stets etwas besser spielte, war die Ära Ponder in den Twin-Cities dann auch recht schnell beendet – wie auch die Ära Frazier.

Der neue Trainerstab ist einer mit klingenden Namen: Head Coach wird der ehemalige DefCoord der Cincinnati Bengals, Mike Zimmer, kein Mann von Traurigkeit in seiner Wortwahl im Training, und einer, der seit vielen, vielen Jahren als Headcoach-Kandidat galt, aber jedesmal durch die finalen Bewerbungsgespräche gerasselt war. Zimmer war für mich schon den Jim Johnson der letzten Jahre gewesen – ein hervorragender Defense Coordinator, dessen Upside „Coordinator“ blieb. Für Head Coach eine Nummer zu klein befunden.

Nun kam Zimmer durch, und er holte sich klingende Assistenten in seinen Stab. Der bekanntere der beiden ist sicher OffCoord Norv Turner, bei dem auch immer alle sagen, er sei ein viel besserer Coordinator als Head Coach, aber Turner hat seine Chance als Chef wenigstens bekommen. Norv gilt als Verfechter einer tieferen Offense, im Optimalfall basierend auf einem harten Laufspiel, aber mit einem Quarterback, der ganz gerne mal die langen Pässe auspackt. Norv spielt keine krassen Spread-Offenses, sondern operiert normalerweise aus einer standardmäßigen 2 WR / 1 TE / 2 RB Offense.

Der Blick auf den Kader gibt her: Bis auf den Quarterback sind alle Ingredienzien da. RB Adrian Peterson wird nicht jünger, aber mit 28 ist er noch ein Stückchen vom Abbauen entfernt, und er gehört mit seinem knochentrockenen und doch so explosiven Laufstil durchaus in die Kategorie Backs, die Turner so liebt. Peterson ist nicht der Allerbeständigste, aber er ist eine konstante Gefahr, die langen Läufe zu brechen. Sein Backup wird nach dem Abgang von Turner noch gesucht, und möglicherweise via Draft gefunden: Die Ausschreibung läuft auf einen fangstarken Back hinaus, der in den dritten Downs auch mal kurz einen Blitz aufnehmen kann um dann auf der Option-Route die notwendigen 4yds zur neuen Angriffsserie mitnimmt.

Auf Wide Receiver verfügt Minnesota über drei coole Optionen, die sich auf dem Papier super ergänzen: WR Cordarrelle Patterson ist dabei die Allzweckwaffe, der Mann, der als Rookie zwar nur 28% tief angespielt wurde, der aber mit seinem Explosivität eine Neigung entwickelte, aus mittellangen Bälle großartige Runs nach dem Catch zu generieren. Patterson ist in Topform eine nicht zu bremsende Wucht. Möglich, dass er den hoch riskanten Move des Front Office im letzten Jahr doch wert war – er muss höchstens noch etwas beständiger werden.

Seine Ergänzung ist der wenig aufregende, aber stets verlässliche Routenläufer Greg Jennings, mit dem der Quarterback stets quasi Pro-Day spielen kann: Du weißt, dass Jennings in 2.2 Sekunden auf Position x downfield y stehen wird, und kannst ihm den Standardpass dahin servieren. Der dritte Mann ist Jerome Simpson, der in lichten Momenten immer wieder wie ein angehender Klassemann aussieht, aber dann doch zu trainingsfaul ist um die letzten Schwächen auszumerzen, und so halt in der Region zwischen 40 und 60 Catches als dritter Mann stecken blieb.

Die Tight Ends sind auf Jahre um den Stammspieler Kyle Rudolph gebaut: Kein Gronkowski, kein Hernandez, aber ein Spieler Marke Witten: Verlässlich, macht dir die Catches, wenn die anderen dir die Einzeldeckung überlassen, und bringt so übers Jahr 60 Catches für 600yds auf das Tablett. Rudolph war allerdings letztes Jahr verletzt – ich denke aber nicht, dass Minnesota hier großartig nachbessern wird.

Die Offensive Line der Vikes war in den letzten Jahren stets eine der verlässlicheren: LT Kalil (Draftklasse 2012) gilt als aufstrebendes Talent, und bis auf die LG-Position dürften alle Stammplätze schon vergeben sein: C Sullivan, RG Fusco, RT Loadholt waren in den letzten Jahren immer gute Stützen. Für besagten Left-Guard wurde Ducasse aus New York geholt – nicht unbedingt ein Move, der nach „Starter“ schreit, aber möglicherweise angesichts weiterer Lücken im Kader schon die Lösung für die Vikings 2014.

Zur Defense, die künftig von George Edwards gecoacht wird, dem ehemaligen DefCoord der Buffalo Bills. Welche Strategie Edwards verfolgen wird, bleibt abzuwarten. Fakt ist, dass die Vikings unter Frazier nur relativ selten mehr als vier Passrusher auf das Spielfeld schickten und somit zu den am wenigsten blitz-freudigsten Teams der Liga gehörten. Vermutlich wird Zimmer das letzte Wort in Sachen Abwehr haben – und Zimmer war auch eher ein Mann, der gerne mit maximal vier Mann die Pocket bestürmte.

Das Herzstück der Defense – die Line – muss den Abgang vom langjährigen Stamm-DT Kevin Williams verkraften. Williams hatte eine große Karriere im lila-Trikot, mutierte nach zwei Einstandsjahren als passrushender 4-3 Under-Tackle mit jeweils 10 und mehr Sacks zu einem der komplettesten Lauf-Tackles, Bestandteil von einigen der besten Run-Defenses aller Zeiten. Seinen Nachfolger drafteten die Vikes schon im letzten Jahr: DT Sharrif Floyd, einen sehr beweglichen Tackle, der als Rookie allerdings noch etwas überfordert gewesen sein soll. Floyd soll sich im Lauf des Jahres aber immer besser in die Mannschaft integriert haben.

Von Floyd erwartet man an die 1000 Snaps für diese Saison. Die Wahrscheinlichkeit, dass sein regelmäßigster Partner der aus New York geholte DT Linval Joseph sein wird, ist hoch; Joseph ist mit 25 Lenzen noch ein sehr junger Spieler, der in seiner Rolle als Rotations-Tackle bei den Giants hervorragende Leistungen gezeigt haben soll – er wird vielleicht kein 1000 Snaps spielen, aber wenn es 600-800 sind, dann passt das schon. Als weitere Ergänzung könnten Fred Evans (bekam einen neuen Vertrag) und Tom Johnson aus New Orleans fungieren.

Die größte Lücke gibt es auf Defensive End: Jared Allen wurde ziehen gelassen, womit der ganz große Knaller als Passrusher von den Ecken abhanden geht. DE Everson Griffen, ein 26jähriger Spieler aus den eigenen Reihen, bekam einen mörderischen Vertrag zugeschachtelt, bei dem nur die Frage offen blieb, wie viel Prozente der Vikes-GM als Provision auf die Vertragssumme in seine eigene Brieftasche stecken darf. Griffen ist kein „schlechter“ Spieler, aber seine bisherige Zeit in der NFL lässt nicht vermuten, dass er sich in einer Reihe mit den besten auf seiner Position befindet.

Der zweite Defensive End ist Brian Robinson, der als Ergänzung zu Allen jahrelang eine recht gute Figur machte, der aber als nicht in der Lage gilt, allein einen Passrush zu entzünden. Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass Minnesota im Laufe der ersten Runden nach einem Defensive End greifen wird, um hier zumindest Tiefe in den Kader zu bringen.

Linebacker galt stets als leichter Schwachpunkt in Minnesota, und mit Jasper Brinkley aus Arizona wurde bisher nur ein echter Linebacker neu geholt, während z.B. Desmond Bishop nach einem verletzungsgeplagten Jahr erstmal keinen neuen Vertrag bekam. Zimmer galt in Cincinnati als Mann, der durchaus wert auf schnelle, wendige Linebackers legt, weswegen auch hier bei entsprechender Lage im Draft durchaus ein neuer Spieler folgen könnte.

In der Secondary sind zwei Positionen fix: FS Harrison Smith, ein exzellenter Mann, gibt den einen Safety, CB Xavier Rhodes gibt den #1-Corner. Smith kehrt von einer schweren Beinverletzung zurück, dürfte aber wieder fit sein, Rhodes sollte als Rookie zuletzt genug gelernt haben um ab sofort als echte Stütze zu taugen.

Weil CB Munnerlyn für recht ansehnliche Kohle aus Carolina geholt wurde, ist davon auszugehen, dass Munnerlyn als zweiter Stamm-CB angedacht ist. CB Sherels und CB Cox könnten für die Tiefe zuständig sein, aber möglicherweise wird auch hier noch nachgebessert.

Zimmers Bengals-Defenses kamen eigentlich alle ohne großartige Safetys aus, aber sie versuchten schon, sehr gute Qualität und Tiefe bei den Cornerbacks zu erreichen. Daher würde ich schon erwarten, dass man zumindest die Augen offenhält, wenn es um das Draft-Board bei Cornerbacks geht.

Größte Lücke ist also Quarterback. Das ist einerseits gut, weil du im Prinzip nur einen Spieler von der Relevanz entfernt bist. Auf der anderen Seite auch wieder nicht gut, weil genau QB die Position ist, auf der alle immer gesattelt sein wollen. Die 2014er-Klasse bekommt mittlerweile einigermaßen laue Kritiken. Wie die Vikings zu den Prospects stehen, ist mir nicht bekannt, aber es ist bekannt, dass Turner sehr gern mit Quarterbacks arbeitet und auch schon so manchen richtig weit gebracht hat. Es ist auch bekannt, dass Minnesota an #8 draftet. Es ist aber offen, ob es einen Sturm auf die QBs zu Beginn des Draft geben wird, oder ob ähnlich wie 2013 abgewartet wird.

Sollte man überzeugt sein von einem Knaben wie Bridgewater und er an #8 auf dem Tablett liegen, ist ein Zupacken der Vikings zu erwarten.

Auf alle Fälle würde ich nebenher versuchen, Defensive Ends und zumindest einen jungen Linebacker zu bekommen. In den mittleren und späten Runden vielleicht einen Cornerback und einen Runnnigback mit Fangqualitäten – so wäre zumindest mein Schlachtplan in diesem Fall.

Nochmal: Ohne besseres Offensiv-Passspiel werden die Vikings in der NFC North erstmal ein Mitläufer bleiben. Mit dem richtigen Quarterback sind sie aber per sofort wieder in der Verlosung um ein Playoffticket in einer engen und gar nicht so einfachen Division.