Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

Die Pittsburgh Steelers sind ein weiteres dieser Teams, das sich seit einigen Jahren in einem Übergangszustand befinden: Zu gut besetzt für einen echten Umbruch, aber zu durchschnittlich, zu alt, um mit den ganz Großen mitzuhalten. Eine der Ursachen war, dass GM Colbert über mehrere Jahre einen klassischen Managementfehler in der NFL beging und seinen Kern aus alten Superbowl-Recken auf Druck zusammenhalten wollte – auf Kosten von verzögerter Verjüngung und resultierend in teuren Verträgen und einer angespannten Cap-Situation.

Das engt die Spielräume der Steelers auf dem Transfermarkt ein, und zwang Colbert die letzten zwei, drei Jahren, vor allem die Defense langsam und unterschwellig zu verjüngen zu versuchen.

Eine der beißenden Fragen für die Steelers-Fans war in den letzten Jahren, wie weit es noch mit der Genialität von DefCoord Dick LeBeau her ist: „Blitzburgh“ war immer weniger zuletzt, und spätestens als man sich von Terrelle Pryor für einen 93yds-TD verarschen ließ, wunderte man sich, ob LeBeau denn überhaupt noch mitkriegt, welche Entwicklung die NFL-Offenses so genommen haben.

Überblick 2013

Record         8-8
Enge Spiele    2-5
Pythagorean    8.2    14
Power Ranking  0.557  12
Pass-Offense   6.4    12
Pass-Defense   5.9    10
Turnovers      -4

Management

Salary Cap 2014.

Die Frage kann man aber auch Richtung Spielermaterial drehen: Wie logisch ist es eigentlich, dass eine einst dominante Defense plötzlich eher mittelmäßig wird, wenn langjährige Recken, ja Superstars, wie NT Hampton, OLB Harrison, ILB Farrior oder OLB Woodley den Laden verlassen? Wenn vom einst besten Linebacker-Corp der Liga nur noch ein einziger Mann – der grundsolide ILB Lawrence Timmons – übrig bleibt?

Die Versuche, die Linebacker-Klasse zu halten, war ja durchaus da: 2013 draftete man zum Beispiel d von der University of Georgia, einen der dominanten Passrusher des Jahrgangs. Bei Jones hatte man aber Bedenken aufgrund seiner Gesundheit, aufgrund seines Körperbaus, aufgrund seiner Fähigkeit, gegen gut gesetzte Blocks zu bestehen. Jones konnte als Rookie keine dieser Bedenken widerlegen. Er hatte nur einen einzigen Sack – und der kam ungeblockt.

OLB Woodley wurde ziehen gelassen. Zumindest OLB Worilds konnte gehalten werden, aber so ganz überzeugend findet niemand eine Combo Jones/Worilds als Vollzeit-Tandem von den Flanken. Innen wurde LB Moats aus Buffalo geholt um Timmons zur Seite zu stehen, aber mit der Kadertiefe ist es bei den Linebackern nicht mehr weit her. Möglich, dass ein neuer Grünschnabel gedraftet wird, oder dass man dem nicht allen koscheren Sean Spence eine Chance gibt sich zu beweisen.

In der Defensive Line gab man das enttäuschende Talent Ziggy Hood endgültig auf. Man scheint auf den aufstrebenden DT/DE Cam Hayward zu bauen, der hervorragende Ansätze zeigte. Hinter Hayward gibt es jedoch kaum Alternativen. Die zweite End-Position in der 3-4 Defense von LeBeau ist noch komplett offen, und NT McLendon ist auch noch nicht annähernd an seinen Vorgänger Hampton hingekommen.

Der brauchbare DT Woods wurde abgegeben, während man mit Cam Thomas aus Pittsburgh immerhin einen mittelprächtigen Ersatz holen konnte. Echte Stützen dürften diese Männer nach aktuellem Kenntnisstand aber kaum werden. Es gilt als geritzt, dass Pittsburgh dort vorne nachbessern muss.

In der Secondary vermisst man prinzipiell ein wirklich starkes Cornerback-Tandem. Man hat zwar in SS Troy Polamalu immer noch eine Safety-Legende im Line-Up, aber Polamalu war zuletzt immer öfter verletzt, und nach mittlerweile elf Jahren im Getümmel der NFL könnte es schneller als erwartet soweit sein, dass sein Körper endgültig „Nope“ sagt. Es ist möglicherweise zu früh, ihn zu ersetzen, und möglicherweise sind die Lücken andernorts zu krass um seinen Nachfolger schon jetzt zu draften, aber man muss das nahende Karriereende bei Polamalu schon im Kopf halten.

Vielleicht steht der Nachfolger aber auch schon im Kader: Shamarko Thomas, gedraftet im letzten Jahr und bisher ohne nennenswerte Einsatzzeit geblieben. Man vertraut Thomas aber wenig genug um Mike Mitchell aus Carolina nicht doch einen 5yrs/25 Mio. Vertrag unterjegubelt zu haben – ein Wahnsinn angesichts der sonst so gezahlten Preise auf dem Markt. Mitchell ist der Mann, der einst von den Oakland Raiders in der zweiten Runde gedraftet wurde, floppte, und später in Carolina wenigstens ein annehmbarer Stammspieler wurde. Aber 5 Mio/Jahr in einem offenen Markt?

Alles in allem war Pittsburghs Defense aber zuletzt trotz des fraglichen Spielermaterials nicht „schlecht“: Sie gab z.B. 2011 nur 4.9 NY/A gegen den Pass auf – ein sensationeller Wert, besser als z.B. die Seahawks dieses Jahr. 2012 hatte man bockstarke 5.3 NY/A, was auch heuer eni Top-5 Wert gewesen wäre. 2013 mit 5.9 NY/A immer noch eine Top-10 Passdefense. Es fehlt halt ein bissl der letzte Punch zur absoluten Dominanz. Und: Seit Jahren werden erstaunlicherweise kaum mehr INTs gefangen – immer unter 2% INT-Quote, was unterirdisch ist, sich aber auch wieder schnell wenden kann.

Immerhin haben die Steelers nach Jahren des Schimpfens mittlerweile eine Offensive Line, die ihren Namen verdient: Es ist keine dominante Line, aber sie ist zumindest keine Sollbruchstelle mehr. LT Beachum kannst du immer upgraden, aber angesichts der notwendigen Blutauffrischung in der Defense wird ein Draften von Offense Tackles in den ersten Runden nur dann passieren, wenn tatsächlich zufällig das richtige Prospect auf dem Tablett liegt. Beachum ist für einen ehemaligen Siebtrundendraftpick (2012er Jahrgang) aber schon jetzt eine sehr gute Geschichte, und er verhindert vor allem, dass der gefloppte Mike Adams den Tackle geben muss.

Dahinter kannst du weiter auf QB Roethlisberger bauen: Ben wirft zwar kaum mehr tief (2013 nur noch 20% tiefe Pässe), aber seine Improvisationskünste sind weiterhin unerreicht. Er scheint sich auch mit OffCoord Haley mittlerweile so gut zu verstehen, dass die allwöchentlichen Clashes in den Lokalmedien rar geworden sind. In WR Antonio Brown hat er einen All-Pro würdigen Go-To Guy, der letztes Jahr sensationelle 29% der Steelers-Anspiele sah und diese zu 110 Catches für 1498yds und 8 TD verwertete – und das ohne echte komplementäre Waffe, die ihn entlasten hätte können.

Zwei seiner Receiver-Kollegen wurden ziehen gelassen: Emmanuel Sanders ging nach Denver, Jerrico Cotchery nach Carolina. Damit bleibt neben Brown nur noch der grundsolide TE Miller als bekannte Anspielstation.

Der sehr junge WR Markus Wheaton hatte als Rookie nur wenig Einsatzzeit, und konnte diese bisher nicht für Eigenwerbung nutzen. Wheaton wird vermutlich ab sofort mehr Spielzeit bekommen, aber nicht überrascht sein, sollte Pittsburgh noch einen jungen Wide Receiver draften. Die eingekauften Lance Moore aus New Orleans und Heyward-Bey aus Indianapolis stehen schließlich nicht für 100%ige Qualität, und beide müssen sich nach Jahren in Domes erst einmal an einen Acker von Spielfeld gewöhnen.

Breit aufgestellt ist Pittsburgh im Backfield, das zuletzt unterirdische Effizienz-Zahlen einfuhr, trotz optisch gar nicht so übler Runningbacks: Le’Veon Bell erwies sich als beweglicher als gedacht und steuerte vor allem auch 45 Catches bei. Bell hatte trotzdem recht maue Statistiken (3.5yds/Carry). Als eine Art neuer Power-Back wurde Blount aus New England geholt – Blount hatte dort ein paar wenige massive Spiele und viel Leerlauf, und wurde entsprechend von Belichick ziehen gelassen. Bell/Blount sollten in Summe aber ein recht wuchtiges Duo abgeben, das maximal noch durch einen Billig-Back ergänzt wird.

Sieht nicht unterirdisch aus für Pittsburgh. Als größte Baustellen sehe ich die Front-Seven: Ein 3-4 Defensive End fehlt, und dann dürfte es gerne noch ein Talent zum 3-4 OLB sein, wenn wir uns schon zwei Wunschspieler aussuchen dürfen.

Auf Cornerback ist man durchaus unterdurchschnittlich besetzt, aber zumindest die Historie zeigt, dass man in Pittsburgh stets eher auf den Passrush/Blitz vertraute und Cornerback maximal als „1B“-Priorität sah. Von zumindest einem neuen Cornerback bin ich aber überzeugt. Man könnte auch Ike Taylor auf seine alten Spielertage zum Safety umschulen und zwei neue Cornerbacks draften.

In der Offense würde ich zu einem Wide Receiver mit Speed tendieren, sofern man nicht voll von Wheaton überzeugt ist. Mit den Steelers ist es wie mit vielen guten, aber nicht hervorragenden Teams: Schlagen zwei oder drei Draftpicks sofort ein, ist das Team per Knopfdruck wieder ein AFC-Titelanwärter (immer durchschnittliches Spielglück angenommen). Aber selbst mit einem bloß durchschnittlichen Draft können die Steelers durchaus qualitativ mit den besseren Teams in der AFC mithalten.

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2 Kommentare zu “Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

  1. DHB war nur ein Jahr bei den Colts und das Problem was er hat sind eindeutig seine extrem schwachen Hände. Als ehemaliger Top 10 Pick (zu unrecht, RIP Al Davis) und seinen übelst guten körperlichen Voraussetzungen hab ich da viel mehr erwartet. Dafür ist der Typ charakterlich einwandfrei. Trainiert hart und spielte gegen Ende der Saison ohne aufzumücken nur noch im Special Teams. Ich wünsche ihm alles Gute, aber ich glaube nicht mehr daran.

    Hat Brad „the Beard“ Keisel eigentlich seine Karriere beendet?

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