Arizona Cardinals in der Sezierstunde

Die Arizona Cardinals waren eine der positiven Überraschungen des abgelaufenen Jahres mit ihrer verdienten 10-6 Bilanz in der knüppelharten NFC West. Sie verpassten die Playoffs aufgrund eben dieser Divisionsstärke, aber sie hinterließen trotzdem einen extrem starken Eindruck, und jede Wette: Es waren fünf oder sechs Teams froh, dass die Cards letztlich nicht in die Post Season kamen… zu mächtig wirkten sie in der Saisonschlussphase.

Die Cardinals waren viele Jahre unter dem Headcoach Ken Whisenhunt berüchtigt dafür gewesen, eine unterirdische Pass-Offense durchschleppen zu müssen, in der sich niemand entscheiden konnte, ob die Qualität des Quarterbacks oder jene der Offensive Line schlechter war. Letztlich wurde Whisenhunt genau deswegen gefeuert und im letzten Winter durch Bruce Arians (ex-OffCoord der Steelers und Colts) ersetzt.

Überblick 2013

Record        10-6
Enge Spiele    5-3
Pythagorean    9.5     9
Power Ranking  0.633   7
Pass-Offense   6.5    10
Pass-Defense   5.5     7
Turnovers       -1

Management

Salary Cap 2014.

Die zweite wichtige Neuerung: QB Carson Palmer wurde aus Oakland geholt. Palmer, ein ehemaliger 1st-Draftpick der Cincinnati Bengals, ist einer der NFL-Profis mit diesen einzigartigen Karriereverläufen, über die du Bücher schreiben könntest. Gekommen als große Hoffnung, die siechenden Bengals zu revitalisieren, und schon im zweiten Jahr als Starter dort ein All-Pro würdiges Kaliber mit dem ersten Playoffeinzug der Mannschaft seit zwei Jahrzehnten. Es ging zuhause gegen den Erzfeind Steelers, und im allerersten Offense-Spielzug brachte Palmer einen 70yds Pass downfield an den Mann. Ein Traumstart… bis die Kamera ins Backfield schwang. Dort lag Palmer mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden. Er war von einem Steeler lang genug am Bein festgehalten worden, dass Palmers Knie sich verdrehte und so ziemlich alle wichtigen Bänder im Knie rissen.

Der Anfang vom Ende Palmers als Superspieler: Er kam zwar zurück, aber er ward nie mehr so gut. Zwei Jahre später musste er seine Sehnen im Wurfarm via Tommy John-Operation flicken lassen. Später zerstritt er sich mit dem Owner Mike Brown in Cincinannti und bestreikte frustriert vom Misserfolg der Bengals-Franchise seine Mannschaft. Wurde für einen behämmerten Tauschhandel nach Oakland verschifft, wo er die Raiders (!) trotz einer Orgie an Interceptions um ein Haar in die Playoffs geführt hätte. Wurde in Oakland rausgeschmissen, und ging in seinem dritten Frühling nach Arizona.

Kein Mensch hält Palmer mehr für einen Elite-QB, aber er ist ein gigantisches Upgrade über alles an Quarterbacks, was die Cards seit dem Karriereende Kurt Warners nach der 2009er Saison so durchschleppen mussten. Palmer warf zwar auch 2013 viele Interceptions (22 an der Zahl), aber im Verlauf der Saison stabilisierte sich die Offense unter seiner Führung immer besser. Palmer warf über den Saisonschnitt nur 23% tiefe Pässe, komplettierte dabei 63% für insgesamt 6.5 NY/A – ein Wert, der für Cards-Verhältnisse Sektkorkenknallen bedeutet.

Palmer ist 34, und eigentlich muss Arizona somit schon mittelfristig an seine Nachfolge denken. Fällt dieses Jahr der richtige Quarterback in den Slot, sollte Arizona im Prinzip schon zugreifen. Wer kann schon garantieren, wie lange Palmer noch halten wird?

Auf der anderen Seite: Auch Headcoach Arians ist kein Jungspund mehr. Mit 62 Lenzen wird Arians auch nimmer so langfristig planen können, will er seinen ganz großen Wurf noch schaffen.

Wenn Arizona kurzfristig denkt, geht es andere Baustellen als Quarterback an. Die allergrößte adressierte man schon in der Free-Agency mit dem Einkauf von LT Jared Veldheer aus Oakland. Veldheer ist erst 26 und gilt als großes Talent, und er konnte dank seiner Verletzung in der letzten Saison auch vergleichsweise billig für 7 Mio/Jahr eingekauft werden.

Veldheer als Anker der linken Seite, und als sein Nebenmann wird LG Jonathan Cooper einrücken. Cooper war vor 12 Monaten der #7-Draftpick des Jahrgangs, gefeiert als eines der größten Talente seit Äonen, aber er erlitt dann einen komplizierten Fußbruch und fiel die ganze Saison aus. Schienbeinbrüche sind für so schwere Jungs wie Cooper (140 Kilo) oft unangenehmer als man denken würde, aber denk mal positiv drüber: Arizonas Monster-Team wird dieses Jahr quasi um einen Gratis-First Rounder verstärkt. Mit Veldheer und Cooper kriegst du zwei potenzielle Ankermänner für die größte Baustelle des Teams.

Der Rest der Offense Line ist mit C Sendlein, RG Sendlein und RT Bobby Massie okay, aber nicht hervorragend besetzt. „Okay“ ist dabei gemessen an den Katastrophen von 2010-2012 ein Kompliment. Vor allem Massie soll auf der rechten Seite enormes Potenzial gezeigt haben. Center und Right Guard könnten aber noch via Draft durch Upgrades ersetzt werden.

Auf Tight End gibt es derzeit in Arizona nicht allzu viel, mit dem man arbeiten kann. TE Rob Housler wird von PFF.com als einer der schlimmsten Stammspieler der NFL beschimpft, aber Fakt ist: Andere sahen schon viel Potenzial in Housler: Noch ein junger Spieler, durchaus athletisch genug, aber noch etwas unreif. Arians liebt vielseitige Tight Ends, die gut fangen und blocken können. Er coachte einst Heath Miller in Pittsburgh, über den er immer wieder in Interviews schwärmt. Er (respektive seine Führungskräfte) draftete in Indianapolis zwei Tight Ends in hohen Positionen – alles andere als auszuschließen, dass Arizona resp. Arians diesmal spätestens in Runde 2 nach einem Tight End á la Jenkins aus Washington greifen.

Nicht direkt eine Schwachstelle für 2014, aber durchaus nicht unheikel mit Blick 2015 und darüber hinaus ist die Situation auf Wide Receiver: Dort schaffte Michael Floyd zuletzt endlich den Durchbruch. 20% der Anspiele des Jahres gingen auf Floyd, 34% davon tief. Floyd häufig Doppeldeckungen, und fing trotzdem 66 Bälle für über 1000yds. Auf Floyd wird man längerfristig bauen können, aber die große WR-Legende in Arizona, Larry Fitzgerald, könnte diesmal ihr letztes Halali in der Wüste sehen. Nicht, dass Fitzgerald großartig abgebaut hätte; er ist immer noch einer der effizientesten Wide Receivers, nur eine Spur unter der absoluten Elite, zu der er selbst auch früher gehörte.

Es ist sein Vertrag. Fitzgeralds Vertrag ist so gebaut, dass es in einem Jahr möglicherweise zur Trennung kommen muss: Fitzgerald wird dann zwar immer noch 14 Mio. dead-money anschreiben, aber das ist vielleicht für Arizona immer noch besser als einen 8-Mio. Roster-Bonus zu zahlen und sich somit auf Jahre hinaus weiter zu kastrieren. Für Fitzgerald selbst hat eine Neustrukturierung auch nicht wirklich viel Sinn – er könnte höchstens auf Gehalt verzichten. Verzichten deswegen, weil er andernorts kaum mehr einen Vertrag der Güteklasse Arizona bekommen wird, und somit auch nach einem samaritanischen Moment immer noch mehr einstecken würde als sonst. Nur: Wie viele NFL-Profis verzichten? Wie viele Menschen verzichten?

So oder so sind die Cards nach dem Abgang von Slot-WR Roberts gezwungen, Nachschub zu draften. WR Ginn aus Carolina ist bestenfalls Durchschnitt und verhindert, dass sich Superstar-CB Peterson weiter in sinnlosen Puntreturns aufreibt, aber Ginn ist keine echte verlässliche Receiver-Waffe.

Selbst wenn du an Ginn, den Wide Receiver, glaubst, ist es mit dem Fitzgerald-Vertrag im Hinterkopf fast ein Muss, hier mittelfristig zu denken und schon den Nachfolger einzulernen.

Aus dem Corp der Runningbacks kam Mendenhall abhanden, der seiner Gesundheit zuliebe mit nur knapp mehr als 27 Jahren zurücktrat. Das erlaubt den Cardinals, künftig stärker auf die Rookie-Sensation RB Andre Ellington zu bauen: Ellington wurde letztes Jahr extrem selten eingesetzt (117 Carries, machte aber als change of pace Back sensationelle 5.6yds/Carry und addierte dazu noch 39 Catches als Multiwaffe.

Ellington ist vielleicht in dieser Konstellation auch am effizientesten, weswegen RB Dwyer aus Pittsburgh geholt wurde. Dazu gibt es den Power-Back Taylor (ex-Stanford Cardinal) und Ryan Williams, zwei Backs, die in den letzten Jahren gedrafet wurden, als Entlastung. Ellington muss also keine 300 Carries sehen, aber no way, dass es wieder nur 117 sein sollten.

Summa summarum würde ich sagen: Tight End ist der große kurzfristige Need, den man angehen sollte. Mindestens ein Wide Receiver, und sei es als Absicherung gegen einen Abgang von Fitzgerald in einem Jahr. Und wenn der richtige Groschen fällt, kannst du schonmal auf Quarterback oder Center/RG denken.

Die Defense der Cardinals war zuletzt fast immer großartig, egal ob unter dem alten DefCoord Horton oder unter dem neuen Todd Bowles. Dieses druckvolle Spiel der 3-4 Cardinals ist immer eine Augenweide. Nun wurden viele Ergänzungsspieler bzw. Backups ziehen gelassen, weil der Kader ansonsten zu teuer geworden wäre, und sie wurden durch billiges Nachrückermaterial ersetzt.

Der Superstar der Front-Seven ist der DE/DT Calais Campbell, der 2013 mal wieder von einer unsympathischen Position aus 11 Sacks und fassungslose 67 Successes (Summe aus Tackles für EPA-Gewinn, Sacks, Fumbles, Interceptions) erzielte. Campbell ist J.J. Watt light, und zählt vorne für zwei. Dank seiner Arbeit können die Cards systemtechnisch die Linebacker etwas gen „andere“ Seite ziehen, wo der alternde Superbowl-Held von 2008, Darnell Dockett, nicht mehr zum Spitzenfeld gehört. Dockett ist nicht „schlecht“, aber er ist kein Campbell. Und Docket ist dank seines Vertrags ein heißer Kandidat, 2014 entlassen zu werden (zählt dann als 33jähriger 9.8 Mio. gegen die Cap, aber würde nur 3 Mio. dead-money anschreiben).

In der Mitte soll sich NT Dan Williams, ein ehemaliger 1st-Rounder, mittlerweile durchgesetzt haben. Als erste Backup-Option wurde Frostee Rucker gehalten; in Alameda Ta’amu gibt es noch einen weiteren jungen ehemaligen Draftpick zum Einlernen.

Die Linebacker hinter dieser sensationellen Anspiellinie verlieren in Brinkley und Dansby ihren beiden Inside-Starter des letzten Jahres. Hier ist die Frage, ob der famose Daryl Washington (einst TCU Horned Frogs) künftig wieder verstärkt Inside-Linebacker spielt. Washington brillierte schon früher häufig in einer Art Weakside-Linebacker Rolle.

Die andere ILB-Rolle ist zu besetzen (Draft?). Auf OLB gibt es John Abraham, eine der positiven Erscheinungen des letzten Jahres, aber Abraham wird mit 35 nicht jünger. Hier könnte für mein Empfinden versucht werden, eine Nachbesserung zu finden.

Man sollte allerdings nicht vergessen, welche Talente die Cards hier in der Hinterhand halten: Ein Kevin Minter, ein Alex Okafor, ein Sam Acho sind alles junge Linebacker, die vor nicht allzu langer Zeit als potenzielle hohe Draftpicks gehandelt wurden. Sie alle haben den Durchbruch noch nicht geschafft, aber mit nur 1-2 Jahren Erfahrung sind sie noch lernfähig. Ein Minter könnte durchaus Grund für die Cards gewesen sein, Dansby ziehen zu lassen. Ein Okafor galt schon oft als potenzieller Star-DE, könnte als OLB eingesetzt werden. Selbst ein Matt Shaughnessy (ehemals Oakland Raiders) konnte schon als Kurzzeit-Starter von der OLB-Position überzeugen und ist noch kein überalterter Routinier.

Es ist halt die Frage, wie viel Vertrauen das Trainerteam in diesen Schwall an noch ungeprüften Jungstars hat.

Das Defensive Backfield genügt durchaus höchsten Ansprüchen: CB Patrick Peterson kannst du nach drei Jahren des Einlernens mittlerweile auf jeden gegnerischen Top-Wideout loslassen, und er wird dir nur wenige Fehler begehen; Peterson ist ein echter Shutdown-Cornerback geworden. Der andere Stamm-CB ist mit Antonio Cromartie ein Neuzugang aus New York, berühmt geworden als Vater von tausend Kindern und Meister der Interceptions. Cromartie ist vielleicht kein Weltmeister mehr, aber als zweiter Mann im Tandem sicher ein massiver Gewinn – und er gibt dir die Chance, einen CB Powers in die Rotation zu schicken.

Als eine Art Freelancer zwischen Slot-CB und Free-Safety wird wieder Tyrann Mathieu agieren, der Honey-Badger, dessen Rookiesaison alle baff hinterließ. Mathieu, dieses wandelnde Drogenproblem, blieb als Rookie clean und glänzte als Playmaker der allerersten Güte. Er riss sich allerdings gegen Saisonende das Kreuzband. Wie fit er zurückkehren wird, bleibt abzuwarten, aber nehmen wir auch hier den guten Fall an, und wir haben einen sehr, sehr jungen Spieler für einen jungen Abwehrkern, der seine beste Zeit wohl erst noch vor sich hat.

Einzig bei der Safety-Combo Johnson/Jefferson würde ich meine Hand noch nicht ins Feuer legen, dass hier Großes kommt. Ich halte es durchaus nicht für ausgeschlossen, dass die Cards Safety als wichtigste Priorität sehen und entsprechend versuchen, schon in Runde 1 einen Safety zu draften.

Insgesamt dank verbesserter Offensive Line und QB Palmer gut aufgestellte Cards-Mannschaft. Sie wird dank Coopers Rückkehr und des eigenen 1st-Rounder im Prinzip durch zwei 1st-Rounder ersetzt. Wenn die größten kurzfristigen Lücken wie TE, OLB oder Safety zur Zufriedenheit gelöst werden, ist man vermutlich auch diesmal ein Spitzenteam. Aber man wird im Hinterkopf schon über 2014 hinaus denken müssen.

Es ist also überraschenderweise auch auf die Arizona Cardinals ein Auge zu werfen.

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5 Kommentare zu “Arizona Cardinals in der Sezierstunde

  1. Kompliment an deinen Blog! Verfolge die NFL seit etwa 1,5 Jahren und zunehmend intensiver und habe lange nach einer deutschsprachigen Seite über die NFL gesucht, die mir die Infos bietet, die ich suche!

    Eine Frage: Hättest du eventuell Interesse daran, etwas über die Frontline-Reportage „League of Denial“ zu schreiben und über die Concussion-Situation in der NFL allgemein? Finde das ganze Thema (neben dem sportlichen Aspekt) sehr interessant und vor Allem aus der NFL hört man so gut wie keine Reaktionen.

  2. Hallo Fabio,

    ich habe weder das Buch gelesen noch die Dokumentation gesehen und werde auf unabsehbare Zeit auch nicht dazu kommen.

    Das Thema Gehirnerschütterungen/CTE kann ich nur schwierig behandeln, weil ich über quasi null medizinisches Wissen verfüge. Ich kann die Denke der NFL über die Jahrzehnte nur grob aufzeichnen, ohne was Kulturelleres beitragen. Ich kann nur Bilder sprechen lassen – ich denke da an die Highlight-Reels von meiner NFL-Einstiegszeit, gar nicht so lange her (ca. 10-12 Jahre), wo Hits glorizifiert wurden, für die Spieler heute aus dem Verkehr gezogen werden, weil der Liga sonst die Implosion droht.

    Ich kann zu dem Thema CTE einen Gastbeitrag von Kai Pahl (Allesaussersport.de) auf diesem Blog empfehlen: Die dunkle Seite, der Junior Seau behandelt.

    An der Stelle verweise ich auch noch einmal auf einen faszinierenden Artikel aus dem Esquire, der die Denke im Football-Spielerkreis ganz gut nachzeichnet: Theater of Pain.

  3. Jetzt müsste er auch in den Kommentaren funktionieren. WordPress hat eine Verlinkungs-Option umgestellt, das Problem falscher Verlinkungen existierte in den letzten Wochen leider schon des Öfteren auf diesem Blog.

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