Miami Dolphins in der Sezierstunde

Konsolidierungsphase in Miami nach einer Saison des Grauens: Sportlich verpasste man nach einer großen Einkaufstour die Playoffs und geriet abseits des Spielfeld durch eine sehr üble Mobbing-Geschichte in die Schlagzeilen – eine Geschichte, bei der es am Ende einen Haufen Verlierer gab und die den Eindruck erweckte, dass der Trainerstab den Laden nicht mehr unter Kontrolle hatte bzw. ganze Mannschaftsteile aus Asozialen zusammengefügt wurden.

Das alles hätten die Dolphins etwas übertünchen können, hätten sie die gute Ausgangslage die Post-Season geschafft, aber die verspielten sie mit einer aseptischen Vorstellung im Saisonfinale gegen die Jets – zuhause, gegen einen eigentlich hilflosen Gegner.

Ganz so Trümmerhaufen ist Miami ein gutes Vierteljahr später nimmer. GM Ireland wurde gefeuert und durch GM Dennis Hickey ersetzt. Hickey behielt Headcoach Joe Philbin und Großteile des Trainerstabs, aber er entsorgte sich einiger Kopfschmerzen, indem er dem weißen Offensive Guard Richie Incognito, dem Mann im Zentrum der Mobbenden, eine Rückkehr verweigerte, und OT Jonathan Martin, den Gemobbten, nach San Francisco verschiffte.

Überblick 2013

Record         8-8
Enge Spiele    6-4
Pythagorean    7-5    19
Power Ranking  0.433  22
Pass-Offense   5.5    28
Pass-Defense   6.0    11
Turnovers       -2

Management

Salary Cap 2014.

Hickey hat noch einige PR-Arbeit zu leisten, aber er verhinderte zumindest ein weiteres Aufblasen der Zustände und richtete hernach seinen Fokus auf das Sportliche, wo er viele Transaktionen machte.

Absolute Priorität Nummer 1 in dieser Offseason war und ist die Offensive Line, letztes Jahr ein Torso allererster Güte, nicht bloß wegen der internen Streitereien, die zum Abgang Martins und zum Rausschmiss Incognitos führten: 58 Sacks gegen den bemitleidenswerten jungen QB Ryan Tannehill, der abseits des ständigen Passrushes sogar ganz passabel aussah.

Tannehill ist ein sehr schwierig zu bewertender Quarterback: Als Rookie 2012 hatte er die Entschuldigung der fehlenden Skill-Players. 2013 kann man ihm attestieren, keinen Schutz genossen zu haben und ein seelenloses Offensiv-Konzept durchschleifen zu müssen. Tannehill sieht in einem Vakuum wie ein sehr brauchbares QB-Talent aus: Mobilität, rattenscharfer Wurfarm, die Traute, auch die schwierigen Pässe zu nehmen – das alles ist höchst NFL-reif. Aber Tannehill baut dann immer wieder die Grottenspiele ein. Die Frage für Miami ist, ob diese mit der bisherigen O-Line Katastrophe zusammenhängen oder nicht.

Auf alle Fälle sind die ersten Moves bereits gemacht: LT Branden Albert wurde in einem lange erwarteten Move für einen schweren Fünfjahresvertrag (rund 9 Mio/Jahr) aus Kansas geholt um die Blindside des Quarterbacks zu beschützen. Der zuletzt bei den Rams sehr gelobte OG Shelley Smith wurde aus St Louis geholt und könnte durchaus einen der Stammplätze besetzen – Smith ist halt noch relativ unerfahren trotz seiner bereits 27 Lenze, und er war noch nie mehr als Ergänzungsspieler (letztes Jahr 372 Snaps). Aus Detroit holte man OT Fox, bei dem es mich überrascht hinterlassen würde, wenn er wirklich zum Starter ernannt wird. Dagegen wurde eine Latte an enttäuschenden Recken fortgeschickt: OT Clabo, OT Bomber McKinnie plus Martin und Incognito.

Das heißt summa summarum: Mit LT Albert und C Pouncey sind immer noch erst zwei Stammplätze fix besetzt. Smith könnte als „halber“ Starter durchgehen, während zumindest noch die rechte Seite Offensive Line unbesetzt bleibt: Hier sind die Wettquoten unter 1:1.5, dass Miami nicht zumindest einen seiner ersten beiden Draftpicks für Offense Liner rausgibt. Eher sind es zwei in einem Draft, der recht gut aufgestellt sein soll bei Tackles, und auch zwei hervorragende Guards hat. Vielleicht ist gar der Offense Guard der erste, der gezogen wird.

Passt die Line, kannst du am Konzept deiner Offense feilen, und dafür wurde OffCoord Bill Lazor aus Philadelphia geholt. Lazor war auch bei den Lions im Gespräch, und ich hätte nichts lieber gesehen als einen OffCoord Lazor in Detroit, aber der Mann entschied sich dann doch für Miami, wo er einen recht zufällig zusammengewürfelten Haufen auf eine Richtung trimmen soll.

Nur welche Richtung wird es sein? Lazor sah schon alles, was es an profitauglichen Offenses in den letzten Jahren so gab: Er war schon Assistent unter Mike Holmgren und Joe Gibbs, und zuletzt QB-Coach unter Chip Kelly in Philadelphia. Dazu gibt es einen Headcoach Philbin, der selbst eine eigene Agenda mitbringt und die klassische Packers-Offense intus hat. Ich sehe hier viel Kreativitätspotenzial, aber durchaus auch Bust-Chancen, wenn sich die Riege nicht auf etwas Kohärentes einigen kann.

Fakt ist: Miami hat den Quarterback. Miami wird vermutlich auch sowas wie eine Offensive Line haben, und dann kannst du plötzlich mit dem Spielermaterial anfangen zu arbeiten. Dann kannst du einen WR Mike Wallace öfters tief schicken als zuletzt, wo Tannehill längst in den Boden gerammt war, bis Wallace die 20yds tief ins Herz der Secondary gerannt war. Wallace wurde zwar immer noch in 31% der Fälle tief angespielt, aber seine Stats lesen sich gemessen an seinem Vertrag ernüchternd: 73 Catches, keine 1000yds, und das, obwohl er 141 Mal angespielt wurde und damit ein Viertel der Dolphins-Pässe sah.

Wallace ist gewiss das größte WR-Talent im Kader. Das zweite Talent ist WR Gibson, der immer wieder wie der angehende Superstar aussieht ehe er sich mit Kreuzbandriss auf die IR verabschiedet. Ein typischer #2-Receiver ist Brian Hartline. Dazu gibt es WR Matthews, der gutes Potenzial angedeutet hat, und den halben TE/HB Charles Clay, letztes Jahr berühmt geworden durch einen faszinierenden Catch/Lauf in der Crunch-Time gegen New England. Clay ist ein ungewöhnlicher Spieler, wird häufig für Hopp-oder-Topp Spielzüge eingesetzt.

Für das Backfield wurde RB Moreno aus Denver geholt. Moreno ergänzt die Rotation, die sich bisher RB Lamar Smith Miller und RB Dan Thomas teilten, beides Spieler, denen man einst gutes Potenzial bescheinigte, die aber als Enttäuschungen gewertet wurden. Moreno ist bei weitem der vielseitigste von all diesen Backs, da er zumindest auch mal einen Ball zu fangen imstande ist und somit eine Dimension in die Offense bringt, die überall Standard ist, nur in Miami bisher nie war (alle Runningbacks brachten letztes Jahr gemeinsam 40 Catches für ganze 230yds zustande).

Mit diesem Material muss Lazor arbeiten können, sofern die Offense Line passt. Es ist vorstellbar, dass man einen Tight End oder Wide Receiver ergänzt, sollte in den mittleren Runden gerade einer auf dem Präsentierteller liegen, der ins Konzept passt. Aber Prio 1 und 2 (und vielleicht sogar 3) in der Offense ist Offensive Line.

Die Defense ist eh nicht so schlecht: Überdurchschnittlich gegen Lauf und Pass, und wenn auch kein absolutes Kaliber, so erwiesen sich die meisten Zweifel an DefCoord Kevin Coyle doch als unbegründet. Man musste mit DT Soliai (nach Atlanta) und CB Carroll (nach Philadelphia) zwar zwei Stützen ziehen lassen, aber dafür wurden mit CB Grimes und DT Starks zwei Stützen gehalten.

Ganz klar ist noch nicht, was man denn eigentlich spielen will: 4-3 oder 3-4, oder ein Mischmasch. Es gerüchtelte auch schon, dass man den erst letztes Jahr für teures Geld und hohe Kompensation an #3 gedrafteten DE/OLB Dion Jordan schon wieder via Trade loswerden wollte – ein bizarrer Move, weil man normalerweise solche Talente nicht so schnell aufgibt. Das bedeutet entweder: Jordan ist eine Flasche, oder Jordan passt nicht ins System. Aber hätte man das nicht schon letztes Jahr wissen müssen?

Das Material für beide Defensive-Fronts ist jedenfalls da: DE/OLB Cameron Wake kann alles spielen was man ihm anvertraut, und er gilt in beiden Passrush-Positionen als absolute Ligaelite. Über Wake und sein Spielgefühl habe ich schon letztes Jahr mal geschrieben. Die Tackles wären mit Starks und Odrick auch ganz ordentlich besetzt, und für die Tiefe und Rotation könnte man durchaus einen mittleren Draftpick aufwenden. Als zweiter End/OLB kannst du immer Vernon mit seinen mehr als 10 Sacks aufstellen, oder eben hoffen, dass Jordan doch noch was wird.

Bei den Linebackers ist man nach der missglückten Einkaufstour letztes Jahr zwar mit Wheeler und Ellerbe nur suboptimal besetzt, aber zumindest kennen beide Spieler beide Systeme, und sind in der Lage, mehrere Positionen zu spielen. Hinter den beiden und LB Misi wird es allerdings bedenklich schnell gaaaaaaaaaaanz dünn.

Die Secondary muss den Abgang von CB Carroll und CB Patterson verkraften, die beide zuletzt gut gespielt haben sollen. Dafür konnte der Oldie CB Grimes gehalten und CB Cortland Finnegan aus St Louis geholt werden. Grimes galt letztes Jahr als Offenbarung. Finnegan, bekannt geworden als sehr nickeliger, teilweise unfairer Spieler, galt viele Jahre lang als Pro-Bowler, soll aber in St Louis extrem abgebaut haben. Finnegan ist 30 und dürfte zumindest noch 1-2 Jahre im Tank haben. Er ist ein klassischer Slot-Cornerback, und wenn 2013 nicht bloß ein einmaliger Ausreißer nach unten war, könnte er eine gute Verstärkung sein.

Für außen gibt es mit CB Jamar Taylor (2013-Draftpick) und Will Hill zwei junge, noch wenig erprobte Spieler, denen man aber gutes Potenzial nachsagt. Die Safety-Positionen sind mit Reshad Jones und dem aus Detroit geholten Louis Delmas auf dem Papier gut besetzt, auch wenn du immer bedenken musst, dass Delmas trotz seiner verletzungsfreien 2013er-Saison ein wandelndes Risiko ist: Guter Spieler, aber selten für mehr als 10 Spiele/Saison einsatzbereit.

Zwei der hohen Draftpicks dürften wie geschrieben der Offense Line gehören. Weitere Positionen kann man immer angehen, ohne dass eine Nichtbeachtung ihrer gleich einen Zusammenbruch des ganzen Gerippes bedeuten würde: Linebacker, Cornerback, Wide Receiver, Tight End. Ein bisschen dürfte es von den verfügbaren Spielern abhängen, ein bisschen von der Spielidee Lazors. Auf alle Fälle ist Miami rein sportlich ganz gut aufgestellt um in der lauen AFC mitzusprechen. An New England wird man nicht herankommen, aber vielleicht kann man den Ansturm der Bills verhindern und somit im Wildcardrennen bleiben.

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2 Kommentare zu “Miami Dolphins in der Sezierstunde

  1. Minikorrektur: RB Lamar Miller (nicht Smith) 😉
    die tägliche Sezierstunde macht echt Spaß!

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