Cincinnati Bengals in der Sezierstunde

Das einstige hässliche Entlein der Liga, die Cincinnati Bengals, hat sich in den letzten Jahren zu einer der bestgeführten Franchises entwickelt – ein Wahnsinn, wenn man sich zurückerinnert an die Zeiten, in denen fünf Saisonsiege gefeiert wurden wie die Weltmeisterschaft. Zu verdanken ist das in erster Linie der ruhigen Hand von Head Coach / GM Marvin Lewis, aber – Cincinnatis Ureinwohner geben das ungern zu – wohl auch dem Franchise-Owner Mike Brown, der es in der letzten schweren Krise vor drei Jahren vermied, Lewis zu feuern, und ihm sogar zusätzliche Komptenzen zuschusterte. Das Resultat kann sich sehen lassen: Drei Playoff-Qualifikationen en suite für die Bengals und ein Kader, der minimum 25 Kontrahenten vor Neid erblassen lässt – allein, der letzte Durchbruch wurde noch nicht geschafft: Lewis hat noch immer keinen Playoffsieg vorzuweisen.

In dieser Offseason musste Lewis dann auch erstmals seit Jahren seinen Trainerstab größer umbauen: OffCoord Jay Gruden wurde Headcoach in Washington, DefCoord Mike Zimmer in Minnesota. Beide gelten als ersetzbar, aber ein Coordinatorwechsel in beiden großen Units ist nie zu unterschätzen. Vermutlich wird Marv, der Defensiv-Guru, wieder mehr Hand in der Tagesarbeit anlegen müssen. In der Offense kann man nur hoffen, dass der neue OffCoord Hue Jackson besser ist als sein Ruf: Jacksons bisherige Positionen mit viel Verantwortung (OffCoord Atlanta, Headcoach Oakland) gingen beide eher in die Hosen, auch weil beide Male unter zugegeben fast unmöglichen Umständen.

Überblick 2013

Record        11-5    WC
Enge Spiele    5-3
Pythagorean   11.2     5
Power Ranking  0.711   4
Pass-Offense   6.7     9
Pass-Defense   5.1     2
Turnovers       +1

Management

Salary Cap 2014.

Dass der Bengals-Kader eine Wucht ist, muss nicht mehr öfters betont werden. Er wird auch gleich anschließend noch in aller Länge und Breite diskutiert, aber widmen wir uns gleich dem wichtigsten Thema bei den Bengals in dieser Offseason: Quarterback. Der Rotschopf Andy Dalton, Zweitrundenpick von 2011, hat mittlerweile drei Jahre Erfahrung als Stamm-QB auf dem Buckel – drei Jahre, die nicht jeden – besser: Nur wenige – überzeugt hinterließen.

Dalton hat immer wieder gute Momente. Er sieht bei gegebenen Rahmenbedingungen sogar wie ein richtig Guter aus, aber dann lässt er wieder Spiele zum Haareraufen folgen. Dalton ist kein mittelmäßiger boom or bust-QB. Dalton ist eher der Typ Quarterback, der wegen seines limitierten Wurfarms zwar sehr effizient sein kann, wenn der Gegner den GamePlan nicht überreißt, aber der keine Antworten mehr weiß, wenn der Gegner ihm seine paar Routen wegnimmt, die er werfen kann. So geschehen zuletzt in der seelenlosen Playoffpleite gegen San Diego, als Dalton sogar gegen die mittelmäßige Chargers-Defense kein Bein in den Boden bekam.

Es ist das stuck in the middle-Phänomen, das BWL-Studenten aus dem Erstsemesterkurs kennen, und das auch für die NFL in ihrer heutigen Struktur gilt: Wenn der Quarterback gut, aber nicht hervorragend ist, riskierst du, immer und immer wieder auf dreiviertel Weg stecken zu bleiben. Zu gut, um per Absturz den Umbau zu probieren, zu schlecht, um ohne viel Glück die Lombardi Trophy zu holen.

Aus meiner Sicht ist es unerlässlich, dass Cincinnati einen Quarterback draften muss. Mike Tanier von Sports on Earth hat in einem sehr stimmigen Eintrag den Standpunkt vertreten, wieso Zach Mettenberger die Wahl der Bengals sein muss: Mettenberger gilt mit seiner Rakete von Wurfarm als großes Talent, kommt aber von einer schweren Verletzung und ist möglicherweise für 2014 keine gute Option für Teams mit dringendem QB-Need.

Mettenberger würde es Cincinnati erlauben, Dalton noch ein Jahr Zeit zu geben ohne den Druck, ihn nach dem nächsten schwachen Spiel ersetzen zu müssen, wie es bei einem großen Namen wie Bridgewater der Fall wäre. Mettenberger böte aber gleichzeitig die Option an, ihn ein Jahr Lernen zu lassen und im Falle eine Scheiterns Daltons nächstes Jahr nicht auf einen komplett grünen Rookie angewiesen zu sein.

Soweit alles stimmig. Cincinnati hat keine dringenden Löcher im Kader, die man mit dem Erstrundenpick angehen muss. Es ist bloß der Fakt, dass das Management, sprich Lewis, schon verlauten ließen, mit Dalton möglicherweise schon im Sommer den Vertrag zu verlängern um ihm das volle Vertrauen zu schenken.

Das kann gut gehen – auch ein Flacco explodierte zum rechten Zeitpunkt, auch wenn er ein anderer Spielertyp ist. Aber Punkt ist: Auf eine Explosion bei Dalton zu hoffen, ist Hoffen auf den Zufall. Den Zufall, dass er genau im kritischen Moment den Durchbruch schafft.

Der Rest im Kader passt. Der Schlüsselspieler der Offense ist WR A.J. Green, der sich innerhalb kürzester Zeit zum Mega-Wideout entwickelt hat. Den fantastischen Green kannst du jederzeit 1-gegen-1 gegen die besten Cornerbacks der Liga schicken. Er sieht 30% der Anspiele der Bengals, und davon 30% tief. Er fabrizierte zuletzt wieder 101 Catches für 1460yds und 11 Touchdowns, und das als oft isolierte Waffe downfield.

Auf der anderen Seite konnte sich WR Marv Jones (59 Catches, 842yds, 10 TD) als Mitteldistanzwaffe etablieren, während der geschwindige WR Sanu ganz gerne im Slot operiert. Als zusätzliche Waffe für die Spielfeldmitte wurde der wenige WR Hawkins ausfindig gemacht, während der junge TE Eifert nach seniem Rookiejahr auch schon auf 39 Catches und 445yds zurückblicken kann.

Etwas umstritten ist TE Jermaine Gresham, der jedes Jahr um die 50 Catches macht, aber mit seiner Anfälligkeit für Fumbles, seinem schlamigen Routenlaufen und seiner gelegentlichen Faulheit, Blocks zu setzen, ein Ärgernis ist. Gresham passt aber als Hüne für die Spielfeldmitte auch wie Arsch auf Eimer in das bisherige Spielsystem in Cincinnati.

Von „hinten“ soll künftig verstärkt der extrem explosive RB Gio Bernard kommen, als Rookie mit 182 Carries und 63 Catches für insgesamt 1327yds und 8 TD in Erscheinung getreten. Es sind Zweifel angebracht, ob es Bernard als Arbeitstier schaffen kann, aber sollte das nicht der Plan sein, kannst du immer noch einen Back in den mittleren bis späten Runde als Ergänzung draften. Sollte das passieren, ist der komplett durchschnittliche Green-Ellis wohl weg vom Fenster.

Sie alle werden hinter einer sehr soliden Offensive Line operieren können. Der „Swing-Tackle“ Collins, der so ziemlich alles spielen konnte, musste zwar ziehen gelassen werden, aber es bleibt immer noch eine rundum komplette Line ohne die ganz großen Schwachpunkte: LT Whitworth und RT Andre Smith gelten als Pro-Bowl Kaliber, während die beiden Guards Zeitler und Boling durchaus gehobenen Ansprüchen genügen – und beide sind noch jung und entwicklungsfähig.

Bleibt eine Offense, die insgesamt ihr Potenzial nicht ganz ausschöpfen kann, weil der Quarterback zwar ein Sympath zum Knuddeln ist, aber eben zu limitiert für das ganze Arsenal. Dalton hat noch eine Chance verdient. Dalton kann, wenn er seine guten Tage hat, durchaus diesen Kader zum Titel führen. Aber es ist wahrscheinlicher, dass er sich als zu durchschnittlich entpuppt, und in diesem Fall wäre es nicht schlecht, eine Notfalloption in der Hinterhand zu halten.

Die Defense war letzte Saison eine Offenbarung: Obwohl sie mit DT Geno Atkins und CB Leon Hall die beiden wichtigsten Verteidiger fast das ganze Jahr lang vermisste, sprangen überragende 5.1 NY/A heraus – Werte, für die viele DefCoords killen würden. Zimmer ist nun eben abgesprungen und was sein Nachfolger Guenther draufhat, ist nicht ganz klar, aber es ist immer noch Marv Lewis da, und es ist immer noch eine fast kompletter Abwehrkader da.

Die potenziellen Lücken sind „up front“. DE Michael Johnson folgte dem Ruf des Geldes und unterschrieb für 8.5 Mio/Jahr in Tampa, weswegen möglicherweise Defensive End eine Position auf dem Wunschzettel wird. Man hält dort in Carlos Dunlap zwar einen sehr brauchbaren Passrusher, aber ansonsten ist wenig geprüftes Material vorhanden. Letztes Jahr wurde der estnische Bär DE Margus Hunt (2.03m, 127kg) gedraftet, aber Hunt ist bald 27 und möglicherweise nicht mehr so entwicklungsfähig. DE Gilberry hat sich in seiner Karriere bisher als eher situativ gebräuchlicher Spieler erwiesen, und nicht als einer, den zu 800 Snaps spielen lassen willst.

DT Atkins ist nicht der allerschwerste, allerbreiteste Tackle für heutige Standard-NFL Körpermaße, aber er ist so quick, so beweglich, dass er damit alles wettmacht und für unerlässlichen Passrush über die Mitte zu haben ist. Er spielt meistens den 3-technique Tackle, und man versucht, ihm 1-vs-1 Situationen zu geben. Das heißt wiederum viel Arbeit für seinen Nebenmann, der in den letzten Jahren der struwwelige Domata Peko war – Peko gilt als allerdings durchaus upgradewürdiger Stammspieler. Ist der kürzlich gedraftete DT Brandon Thompson eine alternative Option?

Dahinter war der junge LB Vontaze Burfict zuletzt eine Offenbarung: Burficts spielerische Klasse war nur von wenigen jemals ernsthaft bestritten worden; bei ihm hatte man stets mehr Angst ob seiner Unkontrollierbarkeit: Burfict galt stets als unbeherrscht nach Spielzugende, immer eine Tätlichkeit vom 15yds-Penalty oder Spielausschluss entfernt, und auch im Privatleben ein Mensch, der seine Vita nicht unter Kontrolle bekam. Solche Leute waren für Cincinnati noch nie ein Hindernis, und auch Burfict konnte allem Anschein nach hingebogen werden. Burfict hatte von einer schwierigen Position aus sensationelle 92 Successes (Success = Sacks, Tackle für EPA-Verlust, Interceptions, Fumbles).

Er dürfte als Fixstern eingeplant sein. Sein Nebenmann ILB Maualuga tut es gerade, auch wenn man seine Hüftsteifheit schon seit Jahren versucht zu ersetzen. Der 36jährige OLB Harrison wurde trotz guter Saison entlassen – sofern der junge DE/OLB Dontay Moch aus Arizona als sein direkter Nachfolger gekauft wurde, gut. Ansonsten wird es hier für Cincinnati Nachhilfe brauchen.

In der Secondary ist zu hoffen, dass CB Hall sich nicht erneut verletzt; Hall ist der Mann, der als eine Art „Standard-Nickelback“ im Slot operiert. Die Außen-Cornerbacks sind mit Pacman Jones und Terrance Newman ansprechend besetzt – immer im Hinterkopf zu halten, dass diese Jungs einen funktionierenden Passrush brauchen. Vielleicht sieht der vom Runningback zum CB umgeschulte junge Onterrio McCalebb (Sprintstar bei Auburn) auch erste Snaps im regulären Spielbetrieb. Die Safetys waren in Cincinnati noch nie ein großes Problem: Iloka, Reggie Nelson und der junge Shawn Williams (galt als gute Führungsfigur an der University of Georgia) dürften Arbeitsteilung betreiben.

Zusammenfassend: Quarterback ist die Position, die für die Bengals über Wohl und Wehe entscheidet. Dalton ist keine zwingende Katastrophe, aber er ist trotzdem einer der wenigen unterdurchschnittlichen Stammspieler in Cincinnati auf der Position, auf der man es sich am wenigsten leisten kann. Die Mettenberger-Lösung gefiele mir außerordentlich von der Idee.

Andere Stellen, die man angehen könnte: Defensive End, Outside Linebacker, Center, Tiefe bei den Cornerbacks, Wide Receivers und Runningbacks. Viele eklatante Lücken gibt es nicht. Prinzipiell ist man wie Seattle, San Francisco oder Tampa Bay aufgestellt, was die Qualität der Positionen abseits der Quarterbacks angeht, sprich: Man ist schon wieder einer der Superbowl-Anwärter in der AFC. Dalton oder sein Nachfolger müssen es halt überreißen. Und die Coordinator-Wechsel dürfen sich nicht als zu große Umstellung herausstellen…

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2 Kommentare zu “Cincinnati Bengals in der Sezierstunde

  1. Kirkpatrick ist noch da. Ich hab wohl aus Versehen den Absatz über ihn rausgestrichen 😉
    Kirkpatrick hatte 1-2 Jahre lang kaum einen bedeutenden Snap als Cornerback und man war schon geneigt ihn als Bust abzuschreiben. Sah heuer zumindest 302 Defense-Snaps, aber überwiegend immer noch als Special-Teamer eingesetzt (177 Snaps in den Special Teams) – man könnte sagen, es geht aufwärts mit ihm, oder man könnte sagen, für einen einstigen 1st-Rounder ist das doch etwas erschreckend dürftig.

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