Die Offensive Tackles im NFL-Draft 2014

Die Offensive Line ist die anonymste Position im American Football, weil sie mit dem Spielgerät, der Schweinehaut, quasi gar nie in Berührung kommt, weil ihr Einfluss statistisch schwierig zu erfassen ist. Die wichtigste Aufgabe der Offensive Line, der Schutz des Quarterbacks, ist dann auch noch eine eher „defensive Aufgabe“ im Sinne von Abwehren von des Gegners Ansturm. Trotzdem ist eine gute Offensive Line die Basis für eine jede funktionierende Offense im American Football. Nur wenige Teams überleben mit wackeliger Protection.

Die am ehesten noch glorifizierte Position in der Offensive Line ist diejenige des Offensive Tackles, und wenn wir ehrlich sind, dann auch nur die des Left Tackles, des Mannes an der linken Flanke der Line. Die linke Seite ist die „Blind-Side“ (blinde Seite) des rechtshändigen Quarterbacks.

Was den Tackles an öffentlicher Wahrnehmung abgeht, kompensieren diese Männer mit dem Gehaltszettel: Left-Tackles gehören zu den bestbezahlten Footballspielern, und ihre Gegenüber, die Right Tackles, liegen mittlerweile nicht mehr allzu weit hinten.

Prospects 2014

Name                Rd
Greg Robinson       1
Jake Matthews       1
Taylor Lewan        1
Zack Martin         1-2
Cyrus Kouandjio     1-2
Morgan Moses        2-3
Cameron Fleming     2-3
Antonio Richardson  2-4
Jawuan James        3-4
Brandon Thomas      4-7
Seantrel Henderson  4-7
Joel Bitonio        4-7
Cornelius Lucas     4-7

Links

Mayock Top-5

  1. Robinson
  2. Matthews
  3. Lewan
  4. Martin
  5. Bitonio

Es gibt mittlerweile Indizien, dass es sowieso zu einer Verschmelzung der beiden Positionen kommt. Defensive Coordinators haben in den letzten Jahren immer stärker versucht, von allen Seiten Druck auf die Pocket auszuüben, weswegen es für eine Mannschaft nicht mehr bloß reicht, die linke Seite zu schützen. Das mindert den Wert des linken Tackles, aber es tendenziell bleibt er der Ankermann der Line, und sei es bloß aus Matchup-Gründen: Hast du an den Flanken einen Mann, den du 1-vs-1 allein gegen den Passrush des Gegners stellen kannst, kannst du der anderen Seite zusätzliche Unterstützung in Form eines Tight Ends zur Seite stellen. Auf beiden Seiten Zusatzblocker hinstellen? Du hast nur 11 Spieler zum Arbeiten. Irgendwann gehen die die Anspielstationen flöten.

Was den Wert des Right Tackles angeht: Er gewinnt durch die neuen Einflüsse der Zone-Runs und Read-Option etwas an Wert, weil diese Läufe ergonomisch bedingt tendenziell eher über die rechte designt werden.

Die Klasse von 2014

Die Experten sind sich einig: Sehr guter Jahrgang für Offensive Tackles. Es gibt high end-Talent, und sehr gute Tiefe für die mittleren Runden im Draft. Ausführlich diskutiert werden die Tackles im DraftCast von Roman John und Christian Schimmel, wo sie auf mehr als zwei Handvoll Tackles eingehen.

Visuell untermauert gibt es in der famosen Videodatenbank von Philadelphia Eagles.com den „Film Room“ zur Offensive Line mit Greg Cosell und Bo Wulf.

Kulturkampf: Spieler gegen Prospect

In den Beiträgen von Greg Cosell bin ich auf einen interessanten Diskussionspunkt gestoßen: Player vs Prospect. Cosell betitelt damit mehrfach den Vergleich zwischen den beiden nach landläufiger Meinung besten Offensive Tackles im Draft-2014: Greg Robinson von der Auburn University und Jake Matthews von Texas A&M. Beide gelten als relativ sichere Top-10 Draftpicks, aber ihre Ausgangssituationen könnten nicht viel verschiedener sein.

Matthews ist der „Spieler“. Er kommt als ausgesprochen kompletter Draft-Anwärter in die NFL. Matthews ist der Sohn eines Hall-of-Fame Offensive Tackles (Bruce Matthews), der zirka zwanzig Jahre lang bei den Houston Oilers und Tennessee Titans die Blocks gesetzt hat. In diesem Kontext muss man sich die Kindheit von Jake extrem spannend vorstellen: Wo andere Fußbälle gegen die Stadeltüren knallte oder sich gegenseitig Basebälle um die Ohren fetzten, durfte Jake Kniebeuge-Übungen machen.

Immerhin war es nicht umsonst: Matthews gilt nach mehreren Jahren als Stammspieler bei Texas A&M als technisch extrem reifer Offensive Tackle. Er auch schon Blitzes richtig einschätzen und erkennt intuitiv viele Intentionen der Defense. Prinzipiell gibt es laut Cosell keine fertigen Draft-Anwärter, aber Matthews kommt dem Ideal des schnell einsatzbereiten Spielers schon sehr nahe. Soll von Woche 1 an einsetzbar sein, und sowohl links als auch rechts auflaufen können.

Matthews ist 30 Pfund leichter als der Mann, den Cosell das „Prospect“ nennt, das Talent, das der weniger fertige Spieler ist, aber das mehr Potenzial als Matthews hat: Wir wären da bei Greg Robinson. Während man Matthews schon sehr weit in der Entwicklung sieht (und somit auch weniger Entwicklungspotenzial), gilt Robinson als spannender Kandidat. Robinson ist für seine 1.96m und 151kg fassungslos leichtfüßig, wie man sofort in den Videoclips (siehe Film Room) erkennt. Robinson ist in gewissen Belangen schon sehr weit, aber er hat auch etliche Fragezeichen, bei denen man sich fragt, wie einfach oder schwierig es für die Coaches wird, ihm diese Flauseln auszutreiben.

Punkt Nummer 1: Robinson kennt vom College fast ausschließlich Lauf-Offense. In dieser Hinsicht war er eine Wucht, schob Gegner teilweise meterweit über das Spielfeld und räumt seinen extrem erfolgreichen Runningbacks alles aus dem Weg. Im Passspiel dagegen ist Robinson ziemlich unbeleckt. Spiele mit, sagen wir 14 Pässen, waren bei Auburn schon passlastige Dinger – aber von denen waren die Hälfte designte Rollouts für den QB Nick Marshall. Entsprechend verloren sah Robinson in manchen Pass-Drills dann auch aus.

Punkt Nummer 2: Unabhängig von seiner Unerfahrenheit im Pass-Blocking begeht Robinson von Zeit zu Zeit mentale Fehler, weil er Blitzes oder anderweitige Abwehr-Tricks nicht richtig einschätzen kann. Am College konnte er dies manchmal mit seiner schnellen Fußarbeit noch kaschieren, aber in einer NFL führen Denkfehler schnell zu Fumbles, Negativ-Läufen und Sacks.

Punkt Nummer 3: Im verlinkten DraftCast wird eine technische Schwäche bei Robinson angesprochen: Overextending. Für gewöhnlich wollen Offense Tackles immer vor dem Gegner bleiben, aber bei Unachtsamkeiten kann der Gegner schon mal zu schnell sein und vorbeirauschen. In diesem Fall hilft dem Tackle nur das Hinauslehnen nach links oder rechts, was zu Körperstreckung (extending) und in der Folge häufig zum Gleichgewichtsverlust führt. Punkt 3 dürfte bei Robinson relativ eng mit Punkt 2 zusammen hängen.

Wir können zusammenfassen: Matthews ist der komplettere Spieler für die kurzfristige Zukunft. Robinson ist der Mann, mit dem man in drei Jahren möglicherweise schematisch mehr anfangen kann, aber Robinson ist risikobehafteter. Grundsätzlich willst du in der heutigen NFL in erster Linie mal einen grundsoliden Passblocker haben. Trotzdem sehen momentan fast alle Robinson als den Tackle, der als erster vom Tablett geht.

Die 1B-Alternativen

Hinter dem Top-Duo hat sich eine Art Trio herauskristallisiert, das ebenso in der ersten Runde vom Board gehen könnte. Der bekannteste der drei „1B“-Optionen ist Taylor Lewan von der University of Michigan. Lewan ist dort seit Jahren eine Art Kultfigur wegen einem seiner mittlerweile vielen Tattoos. Zuletzt schrieb er aber auch anderweitige Schlagzeilen, die in den Fließtexten mit „Schlägerei“ und „angedrohten Körperverletzungen“ näher ausgeführt wurden. Was genau dran ist, ist nicht ganz klar.

Sache ist: Lewan wäre letztes Jahr möglicherweise als Nummer 1 gedraftet worden, aber er entschied sich damals, am College zu bleiben. Lewan ließ dann aber ein eher enttäuschendes letztes Jahr am College folgen und fiel in der Gunst der Scouts etwas nach unten.

Lewan ist zuallererst und vor allem anderen Dingen dieser Welt eines: Wuchtiger Körperbau. 140 Kilo verteilt auf 2.03m und Vollkörpertätowierung, das ist schon einschüchternd qua Erscheinung. Aber es steckt auch was dahinter bei Lewan: Er gilt als Kraftlackel, der es sich auf die Stirn geschrieben hat, möglichst viele Gegenspieler bis zum Spielzugende zu quälen. Motto: Bloß keine Zehntelsekunde zu früh abbrechen. Wenn der Gegner unverletzt rauskommt, okay. Wenn nicht, auch gut. Das sind Eigenschaften – so makaber es klingt – die ein Footballcoach schätzt.

In seiner Beweglichkeit soll er fast wie ein Tight End aufgestellt sein, relativ leichte Füße haben. Das macht ihn zu einer exzellenten Option für Power-Schemes, aber fast noch mehr für Zonen-Blocksysteme, die etwas horizontaler angelegt sind, zum Beispiel alles, was mit entfernt mit „Gary Kubiak“ zu tun hat.

Die anderen 1B-Optionen sind laut Cosell leicht blasse Farbkopien der beiden Top-Draftees. Cyrus Kouandjio von Alabama spielt dabei eher den Prospect-Part, gilt als extrem talentierter Tackle, der in lichten Momenten alles pulverisiert, aber viel zu viele Aussetzer hat – mehr as Robinson – um in der NFL ernsthaft als Top-Pick vom Tablett zu gehen.

Kouandjio kannst du aufgrund dieser Bedenken möglicherweise noch nicht als Left-Tackle aufstellen, aber du kannst ihn Tyron-Smith like auf der rechten Seite einlernen und hoffen, in zwei Jahren deinen Left-Tackle zu haben.

Zack Martin von Notre Dame spielt eher den Part der Mathews-Kopie, gilt in seiner Entwicklung auch schon als sehr weit. Martin kennt NFL-artige Spielsysteme vom College und brilliert vor allem durch dauerhafte, fast fehlerfreie Spielzugausführung. Das erzwingt aktuell keine nassen Höschen bei Scouts, aber die Trainer lieben solche Spieler.

Die Fettsäcke

Hinter diesen sehr guten Toptalenten bietet der Draft-2014 eine große Anzahl an Jungs, denen man aus verschiedenen Gründen den Durchbruch früher oder später zutraut. Ein Quartett soll sich dabei vor allem über seinen Körperbau definieren: Größe und Gewicht. Größe und Gewicht sind wichtig für Offensive Tackles, denn je schwerer, desto schwieriger bist du durch die Gegend zu schieben. Ein 150kg-Bolzen mit einigermaßen beweglichen Füßen muss nicht der Filigrantechniker sein, denn an ihm kommen die Defensive Ends schon allein wegen der Höhe und Breite nicht vorbei, und so einfach schiebste den auch nicht zwei Meter zurück ins Backfield.

Morgan Moses von Virginia, Antonio Richardson und Jawuan James (beide Tennessee) gelten als solche Spieler. Alle drei sind schon aufgrund ihrer Masse sofort einsetzbare Right Tackles, wo sie noch nicht so viel Pass-Blocking betreiben müssen, aber schon allein durch ihre Wucht als gute Lauf-Blocker aufmarschieren können. Vor allem James soll ein sehr guter Lauf-Blocker auf der Strong-Side sein – also dort, wo ihm ganz gerne auch mal ein Tight End mithilft.

Richardson gilt als eher umstrittenes Prospect: Er soll sich zu häufig und zu schnell auf seine Kraft verlassen und dabei ganz gerne mal die Körperspannung verlieren. Seine Fußarbeit lässt zu wünschen übrig, seine langen Arme werden ihn nicht immer aus der Scheiße reiten. Richardson soll sich zudem 2013 zurückentwickelt haben, was bei Scouts nie gut ankommt.

Cornelius Lucas von der Kansas State University ist auch groß und breit, aber er ist eine Spur anders gelagert: Er kennt vom College fast nur Lauf-Offense, soll aber seine Stärken zu allererst im Pass-Blocking haben. Er ist ein sehr unfertiger Spieler, der erst in den späten Runden vom Board gehen wird, aber weil er zirka dreieinhalb Meter Armspannweite hat und sich in den letzten Jahren exzellent entwickelte, wird ein geduldiges Team hier wahrscheinlich wenigstens einen wertvollen Ergänzungsspieler haben – im besten Fall einen neuen Stamm-LT.

Die Techniker

Brandon Thomas von Clemson gilt als Spielertyp, den man erst zu schätzen lernt, wenn man erstmal alle Spiele der Tigers durchgespult hat: Macht kaum Fehler, aber ist mit unter 1,90m eher klein gebaut – zu klein für die NFL? Fakt ist, dass es am College gerade reichte, weil er über sehr solide Technik verfügt. Er ist kompakt gebaut und hat einen niedrigen Körperschwerpunkt, was bei Thomas dafür spricht, dass er, falls es zum Tackle nicht reichen sollte, möglicherweise eher früher als später zum Guard umgeschult wird.

Thomas kann für seine Bewerbung aber ganz dick auftragen, dass er als einer von wenigen Offense Tackles den sensationellen DE Jadeveon Clowney im Alleingang unter Kontrolle hatte. Wenn du böse bist, sagst du, na gut, Clowney war nicht motiviert. Aber beeindruckend ist das allemal, denn auch ein demotivierter Clowney machte viele andere Tackles nass.

Ein Mann, den Mike Mayock sehr hoch einschätzt: Joel Bitonio von Nevada. Bitonio ist auch eher ein Mann mit schmächtigem Körperbau, aber er macht mit viel Einsatz und bereits relativ guter Technik vieles wett. Bitonio spielte mit Nevada im letzten Jahre unter anderem gegen UCLA und Boise State, und er machte sich dabei gegen zwei der meist gehypten Pass Rusher sehr gut: Barr von UCLA und Lawrence von Boise, die beide in einem eigenen Eintrag noch unter die Lupe genommen werden.

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5 Kommentare zu “Die Offensive Tackles im NFL-Draft 2014

  1. Grade die Tiefe der Tackle Draft-Class scheint faszinierend zu sein. Ich bin sehr gespannt wann die von der Liste gehen, denn relativ billige Anker für die Line sind mehr als gut für Teams. Andererseits interessant auch im Vergleich zum letzten Jahr, denn von den 3 Top-Tackles (Picks 1, 2 und 4 letztes Jahr) hat eigentlich nur Johnson einen wirklichen Impact gemacht. Fisher hatte Probleme, mal schauen wie er sich in KC entwickelt. Gut, Joeckel hat das Pech in Jacksonville zu sein, da ist´s schwer als Tackle zu glänzen.

  2. Joeckel war letztes Jahr Favorit, vor Teamkollege Matthews gedraftet zu werden, wenn Matthews sich für den Draft angemeldet hätte. Das war zwar im Jänner, aber nur so als Einordnung.

    Ein Joeckel war vielleicht nicht überragend, aber Offensive Tackles kannst du nicht nach einem Jahr bewerten. Es ist extrem selten, dass Tackle schon im ersten Jahr wie Vollprofis aussehen. Es spielen zu viele Faktoren mit rein.

    Ein allgemeiner Tenor war, dass letztes Jahr nur ein Robinson als klar besseres Prospect als alle 2013er-Tackles gegolten hätte.

  3. Brandon Thomas hat sich das Kreuzbrand gerissen. Wird wohl ehr von nem Team mit genug Picks und/oder nicht unmittelbaren Bedarf gepickt. Vergleichbar mit Lattimore letztes Jahr. Was ich bisher gelesen habe,soll er aber tatsächlich als Guard in der NFL eingesetzt werden.

    Vor der Verletzung galt er als mit der beste OG im Draft.

    Bei Kouandjio kommt zusätzlich zu seinen Aussetzern auch noch seine Knieprobleme hinzu..

    Denke, dass man von Joeckel und Fisher dieses Jahr mehr und besseres sehen wird.

  4. Deine Schlagzahl ist echt gewaltig. Gefällt mir.
    Ich bin ja vor allem auf Bitonio gespannt. Ich finde den als Spielertypen klasse. Würde ihn gerne auch in Denver sehen. Sofern CB und LB in den ersten Runden abgedeckt sind, dann könnte man sich ab Runde 3 mit ihm auseinandersetzen.

  5. Pingback: Die Running Backs im NFL-Draft 2014 | Sideline Reporter

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