NFL-Draft 2014: Franchise-Quarterbacks, die zweite Garde

Im Schatten der QB-Sternchen von 2014 gibt es mindestens eine Handvoll Spielertypen, denen man im Schatten der Big-Three zutraut, sich im richtigen System mit dem richtigen Coach mittelfristig zu einem Spielmacher mit Starter-Qualitäten zu entwickeln.

Der 22jährige Familienvater Derek Carr hat sich im Schatten von Bridgewater, Bortles und Manziel zu einem heimlichen Favoriten vieler Teams hochgearbeitet. Carr kommt wie sein älterer Bruder David Carr von der Fresno State University in die NFL, aber er wird es zumindest als Prospect nicht so weit nach oben schaffen wie Dave, der 2002 vom damals neu gegründeten Team der Houston Texans als #1 overall einberufen wurde – und nach fünf wechselhaften Jahren als gescheitert galt.

Von den Anlagen kommt Derek als ähnlicher Spielertyp wie damals Dave in die Liga: Super Wurfarm, der es mit schier jedem in dieser Draftklasse aufnehmen kann, die Statur eines klassischen Franchise-QBs und auch die Mobilität, die man heute in einer NFL-Pocket braucht um zu überleben. Es gibt Momente, in denen sieht Carr einem mobilen Pocket-QB wie Rodgers in Green Bay verdammt ähnlich.

Das große Problem bei Carr ist sein College und die Conference, in der er spielte: Sie war ihm unterlegen. Carr sah am College quasi niemals Druck in seiner Pocket. Er spielte fast ausschließlich aus einer Shotgun-Offense, und er kennt den Rhythmus und das Timing einer klassischen 3 step oder 5 step oder 7 step Offense, die trotz neuer Elemente auch heute noch die NFL dominieren, nicht. Carr hat kaum mehr als eine Handvoll Snaps vom verlängerten Rücken des Centers aufgenommen. Insofern wird die NFL auf jeden Fall eine Umstellung für ihn sein.

Unabhängig davon wirst du in der NFL nicht mit 100 kurzen Screenpässen pro Spiel operieren können wie Carr am College. Dort vermied man damit auch nur leiseste Anflüge von Passrush. Die NFL gibt das nicht her, und dummerweise gab es auch in der Offseason für Carr keine ernsthafte Chance, diese Zweifel zu widerlegen.

Carr ist ein spannendes Prospect. Es gibt Teams, die ihn einem Bridgewater oder Manziel vorziehen würden. Er hat auf alle Fälle die Grundskills für einen Stamm-QB. Aber die hatte sein Bruder Dave auch, und der fiel in der NFL auseinander, weil er den Passrush nicht ertragen konnte. Es ist vielleicht unfair, Derek mit Dave gleichzusetzen oder auch nur zu vergleichen, aber du könntest viele von den Prospects als Beispiel heranziehen – als Beispiel, dass ein Leben mit Passrush eben ein diametral anderes Leben ist als eines bei Fresno State.

Ein Außenseiterkandidat darauf, in der ersten Runde vom Tablett zu gehen, ist Zach Mettenberger von der Louisiana State University. Mettenberger ist wie Carr 100%ig wie ein Franchise-QB gebaut, er hat den Wurfarm und die Statur des klassischen Pocket-Passers. Bei Mettenberger ist eher das Problem, dass er sich auch bewegt wie ein klassischer Pocket-Passer. Ihm klebt der Beton an den Füßen, was ihn limitiert in seiner Fußarbeit in der Zone, in der du in der NFL zu 90% dein Leben verbringst und in der du wenigstens mit zwei Tippelschritten dem Passrush ausweichen musst. Das macht Mettenberger eher zu einem QB-Typen, den die NFL vor 15 Jahren so heiß liebte.

Mettenberger kann von sich behaupten, dass er NFL-ähnliche Spielzüge schon am College sah. Das kommt unter anderem davon, dass einer seiner Offense Coordinators Cam Cameron war, der in der NFL in den letzten Jahren von San Diego über Miami zu Baltimore schon die Plays kreierte. Mettenberger ist nicht der präziseste Werfer unter der Sonne, aber er steht auch im Angesicht eines Defensive Ends seinen Mann und hat die Traute, notfalls bis zum letzten Moment zu warten um seinen schwierigen Pass anzubringen.

Mettenberger ist zwar schon 23, hat aber nicht die allermeiste Erfahrung, was unter anderem an einem College-Wechsel vor drei Jahren lag. Mettenberger war einst Quarterback an der University of Georgia, wo er als gehyptes Talent rausgeschmissen wurde, weil er sich zu viel und zu handfest in den Studentenkneipen von Athens herumtrieb. Er musste die Uni verlassen, aussetzen und konnte sich bei LSU auch erst im zweiten Jahr richtig als Starter etablieren. Er ist viel mehr long shot, als man meinen möchte, und er hat einen entscheidenden Nachteil für 2014: Sein Kreuzbandriss verhinderte ernsthafte Trainingseinheiten für diese Offseason.

Ein Team, das nicht sofort, sondern erst mittelfristig einen Quarterback braucht, könnte ihn ziehen und ihn ein Jahr lang ausheilen und langsam entwickeln lassen. Ist es ein mutiges Team, geht Mettenberger in der ersten Runde. Ist es kein mutiges Team, wird Mettenberger fallen, weil er nicht per Knopfdruck auf das Feld geschickt werden kann, aber er wird nicht unter die zweite Runde fallen.

Von den rohen körperlichen Anlagen ist Jimmy Garoppolo eine talentiertere Version von Carr und Mettenberger, aber Garoppolo hat ein großes Problem: Er kommt von einem sehr kleinen College. Wenn Fresno State ein kleines Footballteam hat, dann ist die Eastern Illinois University ein Winzling für die Verhältnisse im College-Football. Garoppolo spielte dort in der FCS, der zweiten Ebene des College-Sports, und er sah fast nie ernsthafte sportliche Konkurrenz. Das muss kein zwingendes Totschlagargument sein; ein Flacco kam auch aus der FCS, wurde in der ersten Runde gedraftet, entwickelte sich zu einem passablen QB und gewann sogar die Superbowl.

Garoppolo durfte am College fast ausschließlich Kurzpass- und Mitteldistanz-Offense spielen. Dort glänzte er mit traumwandlerischer Sicherheit und der Präzision eines chinesischen Küchenbeils, aber man weiß nicht, wie gut sein tiefer Ball ist. In kurzen Hosen auf dem Trainingsplatz feuert Garoppolo die Bomben millimetergenau in die Arme seiner Receiver, aber man hat es ihn nie gegen halbwegs ernst zu nehmende Konkurrenz machen sehen. Man weiß nicht, wie er auf engere Deckung seiner Anspielstationen reagieren wird.

Und man weiß nicht, was passiert, wenn er aus seiner Comfort Zone gelockt wird, wenn er plötzlich lange 3rd-Downs spielen muss, in denen der Gegner weiß, was kommen wird, und vom Quarterback trotzdem verlangt wird, dass der Pass präzise ankommt. Das macht Garoppolo zu einem Kaliber für zumindest die zweite Runde, aber aufgrund der fehlenden Erfahrung gegen gute Konkurrenz wird es fast sicher nicht mehr.

Die Wundertüte Garoppolo ist aber nix gegen den neuesten Hype-QB, den die letzten Wochen hervorgebracht haben: Tom Savage von den Pittsburgh Panthers. Ich muss gestehen, ich musste erst einmal den Namen recherchieren, als Lance Zierlein Mitte April die Hosen runterließ und via Twitter „auf Geheiß von Scouts“ Savage in seinem Mock-Draft an #33 nach Houston transferierte.

Man war nicht der einzige, der sich verwundert die Augen rieb, und es dauerte keine zwei Wochen, da war Savage von tausend Scouting-Reports zerlegt, charakterisiert und archiviert. Das Profil dieses Quarterbacks ist grotesk: Er ist ein Hüne mit waffenscheinpflichtigem Wurfarm, halbwegs beweglich um dem Passrush auszuweichen, aber mit der Fußbarbeit eines hyperaktiven 14jährigen und der Passgenauigkeit eines einarmigen alten Opas, der als Student zweimal das College wechselte, weil er Probleme hatte, sich den Starter-Job zu sichern.

Savage begann seine Karriere als vielversprechendes Talent bei Rutgers, verletzte sich aber und floh vom College, als er nach der Genesung den Posten von seinem Backup zurückholen musste – und verlor. Ging nach Arizona, wo nach einem weiteren Jahr der Run/Spread-Coach Rich Rodriguez kam – und floh. Ging nach Pittsburgh, wo er in einer NFL-ähnlichen Offense halbwegs solide aussah.

Savage bietet von fern betrachtet massiv Potenzial, aber wenn Front-Offices in der NFL eines gelernt haben sollten, dann dass jahrelange fragwürdige Wurfgenauigkeit eines College-QBs fast ohne Ausnahme in fragwürdiger Wurfgenauigkeit in der NFL endeten. Und unpräzise Werfer mit Granatenarm sind frustrierender als präzise Werfer mit schwachem Wurfarm: Letztere ersetzt du bei der ersten Gelegenheit. Mit ersteren plagst du dich jahrelang als hoffender Enttäuschter bis zu deiner Entlassung. Savage liest sich wie ein 6th-Rounder, wird aber möglicherweise tatsächlich in der zweiten oder dritten Runde vom Tablett gehen.

Es gibt noch einen ähnlichen Spielertypen: Logan Thomas von den Virginia Tech Hokies. Ich verfolge Thomas seit einigen Jahren intensiver als das übliche QB-Prospect, denn Thomas umgibt, seit er auf den Campus kam, eine ganz eigene Aura des nie eingelösten Wunderspielers: Man sagte von ihm, er sei eine jüngere Kopie von Cam Newton, und tatsächlich ist Thomas fast identisch gebaut, hat einen identisch starken Wurfarm, ist ähnlich mobil, hat ähnliche Trefferquoten… allein, Thomas schaffte nie annähernd den Durchbruch.

2012 war er eine mittlere Katastrophe mit einer Completion-Rate in Tebow-Regionen und dem Selbstvertrauen eines Gabbert, aber dann dachte sein Head Coach Frank Beamer – einer der ganz alten Schule („Beamerball“ = Football gewinnst du mit Defense und Special Teams) – überraschend doch noch um und stellte Thomas einen neuen OffCoord zur Seite. Das Auftaktspiel 2013 gegen Alabama war noch eines der grottigsten, aber mit zunehmendem Saisonverlauf soll sich Thomas immer weiter gesteigert haben.

Greg Cosell sieht in Thomas den besten Werfer der 2013er-Klasse, den mit der saubersten Wurftechnik – allein, was ist die wert, wenn dieser beste Werfer mit dem schärfsten Wurfarm immer wieder selbst einfache Drittklässlerwürfe verfehlt? Cosell sieht Thomas als reiferes QB-Prospect an als es Cameron Newton vor drei Jahren war (wir wissen, wie das endete), als einen, den ein guter Trainerstab mit Geduld vielleicht zurecht biegen kann.

Das Hauptproblem neben seinen regelmäßigen rätselhaften Würfen ins Nichts sind seine langsamen Augen. Thomas hat Probleme, das Spielfeld schnell abzuchecken und intuitiv den gleich sich öffnenden Mann zu identifizieren. Es gibt Trainerstäbe, die meinen, das ist ein Problem, das man beheben kann, aber prinzipiell wirkt ein Thomas wie ein Savage: Der Coach, der meint, dieses Talent so ohne weiteres hinbiegen zu können, könnte letztlich daran zerbrechen.

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3 Kommentare zu “NFL-Draft 2014: Franchise-Quarterbacks, die zweite Garde

  1. Pingback: Quarterbacks im NFL-Draft 2014, die Kärtchenhalter | Sideline Reporter

  2. Mal wieder ein sehr schöner Artikel. Danke. Es ist schön auch mal von Prospects zu lesen, die nicht auf eins oder zwei gedraftet werden.
    Zur Ehrenrettung von David Carr sei noch angemerkt, dass er die Prügel, die er in Houston kassiert hat, fast jeden QB in Rente schicken würde. Ich denke, es war das typische Beispiel des überforderten, jungen QB, der keine Zeit zum Lernen erhalten hat und einfach zu früh ins Feuer geschickt wurde. Danach war er zermürbt / verbrannt.

  3. Ja klar. Ein Spieler ist in dem Sport glaube ich nie allein schuld (im Positiven wie im Negativen) wenn etwas gut läuft oder schief läuft.

    Michael Tanier nennt das bei den QBs „die innere Uhr“: Vor allem junge Spieler, die verbrannt werden und/oder häufig Druck sehen, entwickeln schlimme Gewohnheiten und beginnen irgendwann, Passrush zu fühlen wo keiner ist. Das ist wohl bei Dave Carr passiert.

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