Machtverhältnisse

Endspiel der Coppa Italia 2014, Fiorentina vs Napoli. Vor dem Spiel wurden Napoli-Fans von einer verfeindeten Ultra-Gruppe der Roma angeschossen. Im Stadion sitzen alle Granden des italienischen Fußballverbandes. Es sitzen mehrere Regierungsmitglieder dort. Es sitzt der Ministerpräsident Renzi dort. Napoli-Kapitän Hamsik geht indes in die Kurve der Napoli-Ultras („Libertà per gli ultras“ – „Freiheit für die Ultras“) um sich das Einverständnis über die Abhaltung des Spiels zu holen:

Mehr muss man über die Machtverhältnisse in einem Staat nicht sagen.

Besagter Ultra-Chef ist Sohn eines Camorra-Bosses, aber das verkommt sogar zur Randnotiz.

5 Kommentare zu “Machtverhältnisse

  1. Hatte es nur in der Zeitung gesehen, schade dass das Video es schon nicht mehr tut. Kaum Vorstellbar in deutschen Stadien, dass Fangruppierungen eine solche Macht ausüben können..

  2. Ich kann schon (ein wenig) verstehen warum diskutiert wurde. Immerhin wurden ja mehrere Napoli Ultras angeschossen und lagen teils schwerverletzt im Krankenhaus.
    Nichtsdestotrotz ist´s schon ein seltsamer Anblick.

  3. Interessant auch immer hier http://www.altravita.com .
    Habe da vor paar Jahren Infos bzgl Stadionbesuch in Mailand bezogen.
    Ich mag die Seite, aber ist nicht so nichtssagend neutral, daher evtl Vorsicht geboten bei der Lektüre. 🙂

    Zum Vorfall der Post http://www.altravita.com/schwerverletzter-beim-italienischen-pokalfinale.php
    Und neu http://www.altravita.com/das-derby-des-halbtoten-mannes.php

    Korsakoff, falls die Verlinkung meh ist, einfach löschen 🙂
    Falls du entweder die Situation, oder/und die im Link vertretene Meinung/Erklärungen kommentieren bzw bewerten könntest, wäre das natürlich umso kooler!

  4. @moep

    Die Artikel befassen sich wie die von ihnen so kritisierte Berichterstattung nur mit den Symptomen und negieren die wahren Probleme des italienischen Fußballs, und, wenn man so will (ich will), Probleme des italienischen Staates. Ich halte mich kurz.

    Unisono wird “Skandal” geschrie(b)en, weil die Beamten der Digos und der Napoli-Kapitän Hamsik vor Anpfiff mit ihm “verhandeln“, unisono wird Bestürzung darüber ausgedrückt, “dass man sich jetzt wohl die Erlaubnis der Ultràs abholen muss, um ein Fußballspiel auszutragen”. Das reicht für 8-spaltige Überschriften im Stile von “Italienischer Fußball in der Hand von Ultràs” und das krisengeplagte Land, das unendliche Anstrengungen vor sich hat, um den lähmenden Filz von Wirtschaftskriminalität, Mafia und Korruption loszuwerden, hat ein wunderbares Objekt, um seine Ressentiments auf ein einfaches Ziel zu kanalisieren.

    Der „Chef“ der napolitanischen Kurve ist nicht Ursache des Übels, sondern ein Symptom, das sich sehr plakativ als Bild für einen Staat eignet, der völlig neben sich steht. Es ist völlig unerheblich, ob es in diesem Moment verkehrt war, in die Kurve zu gehen oder nicht (wir kommen gleich dazu). Denn in diesem Moment in die Kurve zu gehen, ist bestenfalls Schadensbegrenzung. Das Grundübel ist aber, dass man einen Kapitän in die Kurve schicken muss um einer Situation Herr der Lage zu werden, die Produkt einer über Jahrzehnte völlig verschlafenen Fan-Betreuung ist.

    Es ist wurscht, ob man in die Kurve ging um tatsächlich über die Spielabhaltung zu entscheiden (was die Bankrotterklärung wäre) oder ob man bloß dorthin ging um der Kurve das Gefühl zu geben, sie habe ein Mitspracherecht in einer Situation, in der es schlicht kein Mitspracherecht geben sollte.

    Denn: Ich habe einen Staat. Ich habe eine Staatsgewalt (die Polizei). Ich habe einen Verband (den FIGC). Ich habe einen Veranstalter. Aber ich gehe in die Kurve um mit einem Ultrachef zu verhandeln.

    Es ist nicht erst seit Heysel gängige Praxis, ein solches Spiel auszutragen und sie wurde gemeinsam von Präfektur, Mannschaften und Ligaverantwortlichen schon lange vorher getroffen. 65.000 äußerst erregte Menschen in die Straßen des nächtlichen Roms zu entlassen, ist einfach keine gangbare Option. Die übertragenden Fernsehkanäle und Werbekunden haben sich sicherlich nicht gegen den Anpfiff gesperrt. Selbstverständlich spricht man mit den Verantwortlichen der Kurve, damit Fans, Sicherheitskräfte und Mannschaft über die Sachlage informiert sind. Und es hat bestens funktioniert: Die Versuche seitens der Napoli-Ultràs, das Spiel abzubrechen, wurden eingestellt, das Spiel wurde ohne Beeinträchtigungen ausgetragen und es kam zu keinerlei weiteren Vorfällen, nachdem der böse “Genny” seinen Leuten erklärt hatte, dass das Opfer noch lebt. Denn in der Zwischenzeit hatte sich dort nämlich das Gerücht verbreitet, “Ciro” wäre seinen Verletzungen erlegen. Ich möchte gern Journalisten und sich als Tastaturhooligans gerierende Familienväter fragen, ob sie persönlich die Verantwortung übernehmen wollen, ein Fußballspiel in dieser Situation abzubrechen. Ich würde das nicht auf mich nehmen wollen. Aber moralische Verdikte sind ja schnell ausgesprochen, einfacher strukturiert als komplexe Sachverhalte mit vielen tausend Menschen und der Meinungsmob lässt keine leisen Stimmen zu.

    Dieser komplette Absatz verkennt (oder verschweigt?) die Essenz des Problems dieser Fankultur: In diesem Land ist eine Kurve potenziell in der Lage, die Veranstaltung zu kapern. Und sie hätte es gemacht. Sie hätten sich das Recht genommen, die Veranstaltung zu stürmen, und sie hätten es als richtig aufgefasst. Denn sie sind die Kurve.

    Man kann auch hier Bücher füllen über die Entwicklung der Ultrà-Bewegungen. Es ist eine spezielle Jugendbewegung, viel zu viele Jahre (Jahrzehnte?) lang allein gelassen von den Vereinen, die sich nicht um Fanarbeit (wie zum Beispiel in Deutschland gewohnt) scherten, und der Polizei, die bloß immer mal wieder brachial dazwischengrätschte und sich dann wieder lange aus der Verantwortung zog. Bewegungen, die ohne Kontrolle eigenständig ihre Rituale entwickelten, die immer mal wieder (notgedrungen) periodisch extremere Auswüchse erlebt.

    Ich sage nicht, dass jedesmal einer niedergeschossen wird. Aber wenn Vandalismus und Pöbelei über viele Jahre mit Achselzucken hingenommen werden, führt es irdendwann eben größeren Auseinandersetzungen.

    War es in dem speziellen Moment im Stadion richtig, den Kontakt zu suchen? Vielleicht, denn man verhinderte damit letzten Endes vielleicht zumindest das schlimmste Übel – einen unkontrollierten Platzsturm. Die Wurzel des Problems ist aber, dass Hamsiks Gang in die Kurve überhaupt „notwendig“ werden konnte.

    Wie im kurzen Fließtext oben geschrieben: Mehr muss man über die Machtverhältnisse in einem Staat nicht sagen. Unabhängig davon, ob die Mafia, die Camorra oder das Sankt Jakobsheim die Kurve kontrollieren.

    Die von dir verlinkten Artikel weisen aber zurecht auf die simplifizierte Berichterstattung in den Medien hin. Das Problem ist nicht „Speziale Libero“ oder dessen Träger. Das Problem ist, dass es der Staat nicht gebacken bekommt, solche Aktionen von vorn herein weitgehend zu unterdrücken. Die ersten Reaktionen liefen auf Ruf nach noch härteren Bestrafungen hinaus, was in diesem Land immer wieder passiert. Aber härtere Strafen nutzen kein Jota, wenn die Staatsgewalt die Szenerien nicht flächendeckender kontrolliert bekommt. Das gilt für Ultràs genauso wie für besoffenens Autofahren, Raserei oder Steuerhinterziehung.

    Der Gewalt kann man Herr werden. England und Deutschland haben es vorgemacht. Ich bin allerdings sehr skeptisch (beziehungsweise: völlig hoffnungslos), dass Italien auf absehbare Zeit nachziehen kann.

    Natürlich ist es zu einfach, einen tätowierten Rowdy als einziges Übel hinzustellen. Aber des Autors Drücken auf die Tränendrüse oder den Verweis auf Solidarität unter Ultrà-Gruppierungen ist wertlos. Dass die Ultrà-Bewegungen ein immer noch gravierendes Problem darstellen, dass sie am Ende aktiv erst solche Ausschreitungen auslösen, wird in diesen Artikeln fast völlig ausgeblendet.

    Was ist die Lösung nach Sicht dieses Autors? Ich habe in deinen beiden verlinkten Artikeln genau einen Ansatz gelesen: Das Endspiel aus Rom abzuziehen. Problem gelöst. Na bravo.

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