Frischzellenkur 2014: Buffalo Bills

Vieles ist gerade im Fluss bei den Bills. Nach dem Tod vom Teamgründer und langjährigen Owner Ralph Wilson jr. kocht die Gerüchteküche, wer denn nun neuer Owner wird und ob der die Franchise in der unattraktiven Arbeiterstadt Buffalo halten wird. Der jüngste Mitbieter im Rennen um die Nachfolge Wilsons soll Tom Golisano sein, ehemals Owner der Buffalo Sabres, ein Mann aus der Region. Bei einem Golisano ginge man fest davon aus, dass der Mann den Laden in Buffalo halten würde, kommt der Mann doch aus Rochester gleich ums Eck. Golisano versuchte sich allerdings nach dem Verkauf der Sabres vor zwei bis drei Jahren an einem Einsteigen bei den Los Angeles Dodgers (MLB), scheiterte dort.

Es gilt als sicher, dass die Bills ein neues Stadion brauchen, wollen sie in Buffalo bleiben. Das Ralph Wilson Stadium ist zwar eines der letzten in dieser klassischen old-style Schüsselform, aber es gilt als nicht mehr profitabel genug.

Just in diese Stimmung hinein heizte am vergangenen Samstag der Kolumnist Tim Graham in der Buffalo News einen detaillierten Artikel über die eine mögliche und immer wieder angenommene Abwanderung der Bills nach Los Angeles. Grahams Schlussfolgerung: Keine Chance. Die NFL will gar nicht nach Los Angeles. Die Bills werden den Bundesstaat New York nicht verlassen, schon deswegen nicht, weil sie politisch zu wichtig sind für den Gouverneur, der das einzige in New York ansässige Team im Staat halten möchte. Die von Graham angedeutete Bezuschussung eines Stadionbaus mit öffentlichen Geldern wehrte die Bundesregierung allerdings dieser Tage wirsch ab. Mal schauen.

Sportlich scheint man in der Organisation zu glauben, nur noch ein kleines Stück von den Weltklassemannschaften entfernt zu sein: GM Doug Whaley verkaufte im Draft 2014 Haus und Hof um sich von Draftplatz #9 auf Draftplatz #4 hochzukaufen und WR Sammy Watkins zu ziehen. Watkins gilt als monströses Talent, als einer der ersten eher kleinen Wide Receiver (1.83m), den du in der NFL-Historie wirklich bedenkenlos ganz hoch einberufst. Watkins ist keine sichere Tüte, aber in der Hochgeschwindigkeitsoffense der Bills eine Schachfigur, die gewiss kein Bremsklotz werden wird.

Mit den WRs Watkins, Woods und Goodwin, dem QB Manuel und dem RB-Sprinter Spiller sieht die Bills-Offense mehr und mehr aus wie eine von einem Madden-Zocker zusammengestellte Offense. Jedes Speed-Rating unter 95 wird verscherbelt, und nur die ganz Schnellen dürfen bleiben.

Ich weiß nicht. Einem jungen QB wie Manuel Hilfe zur Seite zu stellen, ist keine schlechte Idee, aber dafür einen 1st-Rounder im nächsten Jahr zu opfern? Hätte ich nicht gemacht. Es ist kein pragmatischer Move. Es ist ein Move, den ein Team machen kann, das nur noch einen oder zwei Bausteine vom Durchbruch entfernt ist. Buffalo ist einen oder zwei Bausteine davon entfernt, ein Playoff-Team zu werden, aber so wirklich ganz nach oben fehlt doch gefühlt noch ein bissl mehr. Watkins muss gewaltig einschlagen um den Preis zu rechtfertigen.

Wie ein besserer Move sieht da die Einberufung von OT Kouandjio in der zweiten Runde aus: Kouandjio kommt aus Alabama und galt lange Zeit als sichere Tüte für die erste Runde, bis er wegen Kniebeschwerden durchrutschte. Kouandjio ist vielleicht ein Verletzungsrisiko, aber solche Spieler kannst du immer nehmen, denn sie sind das Risiko wert: Im Optimalfall haben die Bills ihre langjährige Problemzone an der rechten Flanke der Offense Line gelöst, im schlimmsten Fall einen 2nd-Rounder verschlissen. Auch hier: Hilfe für den jungen QB, und diesmal sogar für einen akzeptablen Preis.

Offense Line gingen die Bills noch einmal später in der fünften Runde mit dem OG Cyril Richardson von Baylor, einem unbeweglichen Brocken von Mann. Richardson muss in der Innenseite der Line nicht sofort eingewechselt werden, kann eingelernt werden. Er galt lange als Mann, den man zwar haben möchte, aber den man nicht sofort haben möchte. Buffalo kann sich hier nach dem Einkauf des Guards Williams aus St Louis den Luxus des Einlernens leisten, insofern eine gelungene Idee, wie ich finde.

Sonst war da noch a bissi Defense für den neuen DefCoord Jim Schwartz. Personell kann ich nicht viel zu sagen, außer dass man natürlich gespannt darauf wartet, wie der 4-3 Freak Schwartz („nur die Defense Line zählt“) mit einer Abwehr arbeitet, die zuletzt unter Mike Pettine so variabel auftrat wie kaum eine zweite in der Liga. Schwartz stand bisher eher für one trick ponys denn für Variabilität.

Eine Draftklasse mit einigen guten Ideen und vielen guten Spielern, aber der beste kam für einen Preis, den er fast nicht rechtfertigen kann – insofern ist es eine Klasse, die auf Genosse Glück hofft, Glück, dass aus Watkins ein fulminanter Superstar wird. Du wirst immer Glück brauchen, aber die Pragmatischen brauchen weniger Glück. Die Bills dagegen brauchen mehr.

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7 Kommentare zu “Frischzellenkur 2014: Buffalo Bills

  1. Würde zwar liebend gerne einen Frischzellenkurbericht über meine Colts von dir lesen, aber ich glaube fast, dass der Artikel aufgrund der wenigen Draftpicks wegfällt..
    Naja ich freu mich über jeden Artikel von dir – egal welches Team 🙂

  2. Was den ultimativen Speed in der Offense betrifft, hatten die Bills während des Drafts eigentlich andere Pläne. Kurz nach dem Draft wurde bekannt, dass die Bills versucht haben, am Ende der zweiten Runde für Carlos Hyde hochzutraden, den ultimativen Power Back. Man hat nur keinen Tradepartner gefunden. Das passt dann auch zu den Picks von Kouandjio und Richardson, die in erster Linie Power Blocker sind. Von Spiller wollte man sich vor dem Draft wohl auch trennen, aber auch hier fand man keinen Abnehmer oder zumindest keinen, der bereit war, einen vernünftigen Preis zu zahlen.

    Im Passspiel scheint man also auf Speed setzen zu wollen, im Laufspiel aber auf Power.

  3. Pingback: Hall of Fame Game 2014, SPORT1 US und die NFL-Preseason 2014/15 | Sideline Reporter

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