WM-Caipirinha 2014: Das war Gruppe D

Ich höre keine Autokorsi aus dem Tal, was meistens das Ausscheiden der italienischen Mannschaft von der Weltmeisterschaft bedeutet. Und was für ein Ausscheiden: Chancenlos gegen eine unterirdische uruguayische Elf geflogen, in einem der schwächsten Spiele des Turniers. Italiens Einbruch war so verheerend, dass sich selbst im Mainstream kaum Stimmen (außer jener des erregten Cesare Prandelli) findet, die dem durchaus streitbaren Schiedsrichter Vorwürfe bestreitet.

Einhelliger Tenor: Die Azzurri haben komplett versagt. Sah man in der blamablen 0:1-Klatsche gegen Costa Rica noch einen Betriebsunfall, gerät nun alle Arbeit Prandelli ins Visier. Zugegeben: Prandellis Umstellungen gingen in beiden Spielen in die Hose. Darmians Seitenwechsel erwiesen sich als Griff ins Klo; Abate wurde rein und schnell wieder rausrotiert. Der zu Turnierbeginn gegen eine schwache englische Abwehr überzeugende Candreva enttäuschte gegen Costarica, bekam gegen die Urus keine Chance mehr, weil der phlegmatische Parolo den Vorzug bekam.

Italien, schon gegen Costa Rica nach spätestens einer Stunde konditionell in den Seilen und nach 75 Minuten komplett shot, bot gegen Uruguay erneut eine peinliche Vorstellung. Es gab kaum Versuche, Offensiv-Aktionen zu setzen. Stattdessen stellte man sich hinten rein und war nach dem 0:1 zu keiner Reaktion mehr imstande. Lag es an der berechtigten roten Karte (man schaue sich das Nachtreten direkt vor dem Schiri an) für Marchisio? Kaum, denn auch vor dem Platzverweis waren Offensivbemühungen ein zartes Pflänzchen.

Hernach übte der heute rehabilitierte Buffon dann auch noch deutliche Kritik an der jungen Spielergeneration, und meinte dabei wohl vor allem den komplett durchgeknallten Balotelli, der auch heute wieder am Rande eines Platzverweises wandelte und notgedrungen ausgewechselt werden musste. Das sind Nachwehen von Trainern, die große Ethik-Kodexe ausrufen nur um sie nach dem ersten Vergehen zu widerrufen. Das sind Abbilder einer italienischen Kultur der Verdrängung, die sich seit vielen Jahren im Staate nicht mehr verdrängen lassen, und die mittlerweile auch im Fußball wohl nicht mehr verdrängt werden können.

Ich bin überrascht von der minderen Qualität des italienischen Gebotenen. Ich hatte von dieser Mannschaft deutlich mehr erwartet. Es hatte eigentlich gut begonnen gegen England, und war danach völlig eingebrochen. Das Aus hat auch was Gutes für Italiens Fußball: Es gibt erneut die Chance, sich zu überdenken, und letztlich erspart man sich ein null zu vier im Achtelfinale gegen Kolumbien.

Uruguay wird Zweiter. Das ist bemerkenswert, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Meter man nach dem Auftaktspiel gegen Costa Rica schon unter der Erde lag. Das war eine Mannschaft, die nicht mehr zuckte. Komplett tot. Dann reagierte Coach Tabarez, verbannte die desolate alte Garde um Forlan und Lugano aus der Startelf und wurde mit zwei besseren – nicht guten! – Vorstellungen gegen England und Italien belohnt.

Tabarez ließ in den beiden Spielen eine Art 5-3-2 spielen, mit einem zuletzt nach innen gezogenen Caceres in den Abwehr. Das funktionierte um Welten besser als die starre 4-4-1-1 Formation zum WM-Beginn. Besonders gut war’s trotzdem nicht. Man ist zwar bissig, aber spielerisch können die Urus nix. Sie sind ein reines Zufallsprodukt und gehören in dieser Form in kein WM-Achtelfinale, aber immerhin zeigten sie Willen.

Die Drama-Queen Suarez ist auch so ein Sonderfall. Sportrecht ist zu kompliziert und zu undurchsichtig, um es heranzuziehen, daher können wir es uns in diesem Falle einfach machen und populistisch den einzigen richtigen Schluss fordern: Suarez aus dem Verkehrt zu ziehen.

Der Staffelsieger der Gruppe D ist wie vor der WM von allen erwartet Costa Rica. Diese Jungs sind eine fantastische Geschichte. Verdient nacheinander Uruguay und Italien geschlagen, und mit viel Glück einen Punkt gegen England geholt. Spielerisch ist das ausbaufähig, aber sie rennen bis zum Umfallen und sind auch in der Lage, kluge Gegenangriffe zu setzen – wohlgemerkt „klug“, nicht „schnell“, dafür fehlt diesem Team die Qualität. Costa Rica baut auf eine bockstarke Defensive und ein 5-2-3 System, in dem man vorne viel Vertrauen in die Qualitäten vom Stürmer Campbell legt, der bereit ist für höhere Aufgaben. So viele Fünferketten in nur einer Gruppe, da wirst du ganz wuschig.

Die einzigen, die ohne spielten, wurden abgeschlagene Letzte: England. Aber halt: So schwach waren die Engländer nicht. Die guten Ansätze hatte ich schon in den letzten Tagen diskutiert, und ehrlicherweise muss man ihnen auch einen großen Batzen Pech zugestehen. England spielte erfrischend, und auch wenn dabei ganze zwei Tore heraussprangen, so sehe ich durchaus Potenzial für mehr.

Man war sicher naiv, und das 4-2-3-1 ist vor allem in der Mittelfeldzentrale noch zu schwach (oder zu alt?) besetzt, und die komplette linke Abwehrseite erwies sich als Knackpunkt, aber diese jungen Offensivspieler sind alle Hoffnungsträger. Ohne soweit gehen zu wollen, den Engländern schon in zwei oder vier Jahren Titelchancen zuzutrauen, aber: Die Richtung stimmt dort. Trotz des Ausscheidens gegen zumindest zwei Mega-Enttäuschungen des Turniers (Italien, Uruguay).

Nachtrag: Kaum sinniert, erklären Prandelli und Verbandspräsident Abate ihre Rücktritte in der Pressekonferenz.

WM-Caipirinha 2014: Das war Gruppe A

Brasilien ging wie erwartet durch, aber alles rosig ist bei der Selecao bei weitem nicht. Gegen Kroatien musste der Schiri nachhelfen, von den Mexikanern bekam man einen epischen Kampf geliefert, der fast in einer Niederlage geendet wäre (und gefühlt eine war), und Kamerun war kein Prüfstein.

Brasilien wirkt wie ein ziemliches one trick pony, was auch an der immergleichen Aufstellung liegt. In der Abwehr ist man trotz Tingeltangel eine recht stabile Unit, das zentrale Mittelfeld mit Paulinho und Gustavo funktioniert auch – bisher – ausreichend, aber vorne ist das nicht immer überzeugend. Man ist relativ abhängig von den Genieblitzen von Neymar, hat ansonsten nicht viel anzubieten: Fred ist bisher ein Ausfall, Oscar hatte auch nur gegen Kroatien wirkliche Spielfreude versprüht, und auf dem rechten Flügel sieht das bisher überhaupt nicht gut aus: Hulk wich in Spiel 1 stark nach links aus. Gegen Mexiko brachte Scolari dann Ramires, was komplett schief ging und schon nach einer Halbzeit mit dem Wechsel endete; Bernard ist keine Idealbesetzung, kann aber immerhin als Joker neue Aggregatszustände bringen; tja, und ganz vorne wäre Jo ein gefühltes Upgrade über Fred, aber so wirklich überzeugend ist ein Jo halt auch nicht.

Jetzt also Chile. Brasilien war bisher immer ein Team, das naive Teams locker schlagen konnte, und man putzte auch vor vier Jahren das abschlussschwache Chile locker 3:0 im Achtelfinale. Diese Chilenen 2014 sind aber dann doch eine furchteinflößende Erscheinung, nicht bloß, weil Ganzkörpertätowierung erstes Nominierungskriterium ist: Es würde mich nicht überraschen, wenn Coach Sampaoli einen Manndecker auf Neymar hetzt und somit die brasilianische Offense hinreichend lahm legt um ein historisches Upset in Angriff zu nehmen…

Platz zwei in der Gruppe: Mexiko! Das freut mich als altem Mexiko-Fan natürlich ganz besonders, umso mehr, weil kein Mensch der Tri was zugetraut hatte. Die Mexikaner spielen ihren alten Stiefel runter: Ganz nett anzuschauen, aber nicht kalt genug und nicht schnell genug im Umschaltspiel, aber: Als Gesamtes ist das schwer überzeugend. Man spielt ein trockenes 5-3-2 mit zwei eher offensiven Außenverteidigern, und man ist vor allem darauf bedacht, die Zentrale stabil zu halten und gleichzeitig das eigene Spiel brutal breit anzulegen.

Die Mexikaner sind eher keine Kandidaten, einen Gegner mit einer Orgie an Torchancen 4:0 an die Wand zu nageln, aber sie können Mehltau: Sich auf den Gegner drüberlegen, ihn langsam einzuschläfern und danach zu ersticken. Sie können fantastisch aus der zweiten Reihe schießen und gegnerisches Aufbauspiel abfangen. Ich frage mich allerdings, wie die eher langsame mexikanische Defensive gegen die holländischen Sprinter um Robben auftreten wird.

Kroatien ist Dritter. Kroatien hatte ich mehr zugetraut. Das Auftaktspiel gegen Brasilien war noch tendenziell sehr gut, ehe man durch einen krassen Schiedsrichterfehler das Spiel verlor und sich hernach weinend in sein Schicksal stürzte ohne noch einmal echte aufbäumende Reaktion zu zeigen. Ja, Kamerun wurde klar geschlagen, aber das war schon keine richtig überzeugende Leistung. Man bekam nie echte Dominanz in ein Mittelfeld, in dem mit Rakitic, Modric und Kovacic internationale Superspieler auftraten, aber sie konnten als Trio nicht gegenhalten, und die zweite Reihe hinter dem Mittelstürmer hatte keinen Punch.

Kamerun war die befürchtete Katastrophe. Ich hätte fast geschrieben, die „erwartete“ Katastrophe, nachdem ich sie im Testspiel gegen Paraguay als komplett inhomogene Mannschaft erlebt hatte, aber dann berappelte man sich in der Vorbereitung doch noch und sah wie ein potenzielles, wenn auch unwahrscheinliches dark horse aus. Nada.

Da war nichts. Es gerüchtelte von Streitereien, einem entmachteten Coach, einem bocklosen Stürmerstar Eto’o (welch Überraschung…) und einem Kurzzeitcoach auf Urlaubstrip. Kamerun zeigte nur phasenweise den Willen, sich gegen das Unheil zu stemmen, fiel aber dann spätestens nach dem ersten groben Patzer, der zu Rückstand führte, in sich zusammen, bei der zweiten WM en suite. Kamerun ist als afrikanisches Team immer eins meiner Favoriten, aber so blind kann niemand sein, noch länger „Credit“ für diese Mannschaften aufzubringen. Schade, aber irgendwann muss man es einsehen.

WM-Halbzeitfazit 2014

Halbzeit der WM nach 32 von 64 absolvierten Partien, und das sportliche Fazit ist fast uneingeschränkt positiv. Es wird von fast allen Mannschaften flott nach vorne gespielt, es wird nicht versteckt. Die Teams mit braunem Verdauungsendprodukt in der Unterhose werden bis auf wenige Ausnahmen bestraft, während mutige Mannschaften mit Offensivdrang sich mit tollen Vorstellungen und guten Ergebnissen beschenken.

Eine 1:0-Führung scheint diesmal kein in Stein gemeißelter Punktgewinn zu sein, so viele Comebacks wie es bisher gab. Die Schiedsrichterleistungen pendeln sich trotz einer Handvoll übersehener Elfmeter auf für WM-Verhältnisse gutem Niveau ein. Nickligkeiten und rotwürdige Tretereien bleiben uns ebenso erspart wie allzu viel Theatralik und sterbende Schwäne. Die Stimmung in den Stadien wirkt trotz einiger gelichteter Ränge ausgelassen. Das Klima beeinflusst Partien, aber nicht so dramatisch wie angenommen.

Eigentlich alle, mit denen ich gesprochen habe, bescheinigen diesem Turnier, das beste ever zu sein. Diese Lobeshymnen kommen freilich, bevor es mit den Ausscheidungsspielen richtig losgeht – und erst die Qualität dieser wird das Turnier wirklich auf lange Sicht definieren, aber Baby: Ich fühle mich bis jetzt prächtig unterhalten.

Die positivsten Erscheinungen bisher:

Frankreich. Ich hatte den Franzosen in der Preview ja den Titel zugetraut, und bisher sind die Auftritte souverän gewesen. Die hondurianischen Holzhacker mit geduldigem Kombinationsspiel aufgebohrt, die Schweizer mit wuchtiger Offensive und faszinierendem Konterspiel zerlegt. Man zeigte in beiden Spielen unterschiedliche Offensiv-Formationen (Spiel 1 mit Griezmann, Spiel 2 mit dem bulligeren Giroud), und beide formationen funktionierten.

Kolumbien. Die Gegner waren mit Griechenland und der trägen Elfenbeinküste bisher keine Knaller, aber die kolumbianischen Vorstellungen umso massiver. Man hat wenig Mittel über die Flügel, weil auch die Flankenmänner wie Cuadrado schnell nach innen ziehen, aber man spielt schnell, direkt, in bester Dortmund-Manier die Gegenstöße aus. Guter Geheimtipp.

Algerien. Ohne zu wissen ob und in welcher Form es die angebliche Revolte in der Halbzeit des Belgienspiels wirklich gab, gefällt mir der Wille dieser spielerisch eher limitierten Mannschaft sehr, sehr gut. Gegen Korea nutzte man die koreanischen Abwehrbolzen mit einem Selbstverständnis aus, das ich den Algeriern in den optimistischsten Szenarien nicht zugetraut hatte. Das Achtelfinale ist nicht außer Reichweite.

Mexiko. Geile Fans, tolles, kohärentes Team mit großer Laufleistung, aber wie gewohnt zu spröde in den Gegenstößen. Lieferte gegen Brasilien einen packenden Kampf in einem 0:0 vom ganz obersten Regal, und wird mit einem Entscheidungsspiel ums Achtelfinale heute Abend gegen Kroatien belohnt.

Costa Rica. Uruguay (!) mit spielerischen Mitteln nach Rückstand besiegt, die Italiener in einem Hitzespiel sensationell 1:0 geschlagen – in der Gruppe der Weltmeister löste der größtmögliche Außenseiter schon nach zwei Spielen das Achtelfinalticket. Diese Jungs sind natürlich limitiert im 1-vs-1, sie sind nicht in der Lage, einen Konter schnell auszuspielen, und sie müssen aufwändiger spielen als andere Mannschaften, aber hier ist unbändiger Wille drin – ein Wille, der zurecht belohnt wurde.

Die Enttäuschungen:

Argentinien. Die unterirdischste Mannschaft bis dato, und da sind Russen und Griechen mit eingeschlossen. Gegen Bosnien eine schandhafte 5-3-2 Nicht-Vorstellung geliefert, und im zweiten Spiel vom Iran fast an die Wand gespielt. Es kuriseren Gerüchte, dass Kapitän Messi dem Coach Sabellas die Aufstellungen diktiert – aber ich tue mir schwer, die Wörter „Messi“ und „Lautsprecher“ im selben Kontext zu verwenden. Fakt ist aber, dass die taktischen Einstellungen der Gauchos bizarr waren, dass Messi sich kaum am Spiel beteiligt, dass Argentinien so gut wie keinen Esprit und keine Ideen in der Offensive andeutet, und dass im Angriff auch so gut wie nix außer Einzelaktionen geboten werden. Kann eine Mannschaft sich innerhalb eines Turniers finden? Natürlich, es gibt Beispiele zuhauf. Aber ein Team, das so out of sync auftritt wie Argentinien bisher? Da muss schon Gewaltiges passieren, dass das noch was wird. Immerhin ist man mit zwei Wackel-Siegen schon im Achtelfinale.

Griechenland, Russland. Zu wenig Tempo, zu wenig Mut. Die Griechen rennen wenigstens, aber wenn sie nicht über die Mitte kommen können, strahlen sie die Torgefahr von feuchtem Toastbrot aus. Die Russen spielen wie eine Capello-Mannschaft schon immer spielte.

Fernost. Ich hatte Japan und Korea beide ins Achtelfinale getippt, aber bislang nada. Die Japaner hatte ich deutlich wendiger, frischer, einfallsreicher in der Offensive erwartet. Die Koreaner hinterlassen mich ob ihrer stümperhaften Abwehrarbeit eher ratlos – was hat Hong Myung-Bo, der einstige koreanische Libero, mit dieser bei der letzten WM so disziplinierten Mannschaft da veranstaltet?

Belgien. Man könnte sagen, gut, wer gegen Russland nur drei ernsthafte Minuten spielen muss und trotzdem gewinnt, hat Qualität. Man kann aber auch auf die elanlosen Vorstellungen verweisen, und darauf, dass der belgische Geheimtipp nicht zündet. Die Einser-Formation im Angriff mit De Bruyne auf rechts und Lukaku im Zentrum ist ein Ausfall. Hazard ist noch nicht in der WM angekommen, und das Team wirkt als Komplex noch immer etwas führungslos.

Es gäbe mehr Teams mit spannendem Momentum, über die man schreiben könnte. Über einige wie Chile, Spanien oder Brasilien habe ich mich schon ausgelassen. Für andere wird die Zeit noch kommen.

Abgesang des Weltmeisters: Spanien – Chile | Gruppe B

Die Spanier konnten viele Jahre lang nervtötend sein. Sie konnten wunderschön anzuschauen sein, aber sie konnten genauso gut das Spiel zerstören, erdrücken mit Ballbesitzfußball der unansehnlichen Sorte. Sie konnten sich aber immer auf eines verlassen: Ihr Defensivverbund würde halten. Er würde in den acht, neun Minuten reiner Spielzeit, die der Gegner den Ball kontrollieren würde, keine Böcke schießen, und so konnte man jedes Spiel mit 1:0 gewinnen.

2014 war anders. Spanien offensiv war so anders nicht. Der beste spanische Fußballer aller Zeiten, Xavi, war, wie schon in der Vorschau angedeutet, ein leichter Bremsklotz, aber kein echter Problemfall. Auch andere Protagonisten wie Iniesta, Pedro oder Busquets waren nicht „schlecht“. Sie waren einen kleinen Zacken weniger beweglich, ineffizienter, langsamer als früher. Die Bindung zum neuen Stoßstürmer Diego Costa (zum dümmsten Zeitpunkt die Nation gewechselt) funktionierte nie so wirklich, aber die Chancen gab es trotzdem, auch für Costa.

Spanien war einen kleinen Tick farbloser in der Offensive. Nur alle 8ter statt alle 10ter Pass ein Fehlpass. Der Ball nach Fallrückzieher zwei Zentimeter daneben statt – wie vor vier Jahren – zweimal vom Pfosten in den Kasten. Und so weiter.

Die wahren Probleme hatte man diesmal hinten. Angefangen vom völlig entnervten Torwart Casillas (José Knows) hin zu den ungewöhnlich hölzrigen Innenverteidigern. Die Kacke dampfte vor allem dort, wo man sich selbst ins Knie schoss bzw. wo clevere Gegner mit schnellem bzw. wuchtigem Spiel die erkennbaren Schwachstellen auf brutalste Art und Weise offenlegten. Aber Iker hat die Champions League gewonnen. Also muss Iker doch ein Großer sein.

Die Ära Spanien war eine große. Für mich war sie nicht nur deswegen eine große, weil sie dreimal zum Titel führte. Dafür brauchst du auch viel Glück. Spanien brauchte zweimal ein Elfmeterschießen. Spanien hatte gegen Paraguay Glück. Robben schoss fünf Minuten vor Schluss den Tormann an. Ronaldo verschoss freistehend. Kroatien hatte die Spanier liegen. Aber du darfst Glück beanspruchen.

Viel faszinierender an den Spaniern fand ich, dass sie in den sechs Jahren ihrer Regentschaft in den großen Turnieren nie, wirklich nie, aus dem Spiel waren. Sie bestimmten immer die Schlagzahl, liefen nie Gefahr, ernsthaft die Kontrolle zu verlieren. Das ist ganz groß. Zum Teil war es groß, weil Gegner in Ehrfurcht erstarrten. Das hat diesmal gefehlt. Der Gegner traute sich, den Spaniern missglückte alles, man war drei Prozent schwächer.

Spanien wird damit ein weiteres Mal ohne Playoff-Gegentreffer heimfahren, nur diesmal wird das nicht zum Titel reichen.

Der gefühlte Nachfolger stand heute auf dem Platz. Die Chilenen wechselten diesmal erst in der Schlussphase in ein klassisches 3-3-1-3 des alten Schlags, als es gar nicht mehr brauchte. Sie hatten mal wieder fantastische Spielzüge. Sie waren diesmal auch kalt im Abschluss, kälter als noch vor vier Jahren. Sie waren giftig im Gegenpressing. Ab 15m um den Strafraum waren das Kletten, die sich an den Gegner hängten und nicht mehr losließen. Das war eine runde Gesamtleistung. Die Frage wird nun sein, ob oder wie lange sie die Pace und dieses aufwändige Spiel halten können. Noch eine, zwei, drei Runden? Noch vier Runden?

Chile wird nächsten Montag gegen Holland um den Gruppensieg spielen. Weil man den Weltmeister nur 2:0 demontierte anstelle ihn abzuschießen, wird Chile einen Sieg brauchen, dem Torverhältnis sei Undank. So oder so – Brasilien wird sich hinterher den Gegner aussuchen, und sie werden sich überlegen, ob sie tatsächlich gegen die Chilenen spielen wollen.

Das orangene Fragezeichen: Niederlande – Australien | Gruppe B

Munteres Spielchen, das von seinen vielen Toren, weniger von der Qualität des Gebotenen lebte. Holland gewann 3:2 nach einem merkwürdigen Spielverlauf, aber es bleiben viele Fragen offen.

Holland hat bereits acht Treffer erzielt, erstaunlich für ein Team mit dieser Spielweise. Spielerisch ist das, was Holland mit seinem gewöhnungsbedürftigen 5-3-2 anbietet, ähnlich blass wie das aspetische 2010er-Team, das es ins Finale schaffte. Geregelter Spielaufbau findet eigentlich nicht statt, viele Bälle werden einfach lang über das Mittelfeld hinweg nach vorne gedroschen, wo die famosen Robben und Van Persie schon was damit machen. Weniger Van Gaal geht für ein Team nicht, das ausgerechnet von Van Gaal gecoacht und eingestellt wird. Wenn dann ein Sneijder auch noch einen gebrauchten Tag erwischt – wie heute – sieht das rein qualitativ schonmal zum Davonlaufen aus.

Wie schießt Holland also seine Tore? Dreierlei: Mit Einzelaktionen, mit Tormannfehlern, mit Stellungsfehlern beim Gegner. OK, viele Mannschaften machen ihre Tore so, aber du kannst im Prinzip jeden der niederländischen Treffer 2014 bisher so einordnen.

Beim 1:0 rennt der Sprinter Robben seinem geistig abwesenden Gegenspieler auf und davon und muss froh sein, den Eigensinn per Treffer belohnt zu bekommen. Beim 2:2 hilft der Verteidiger am rechten unteren Bildrand mit seinen wenig motivierten zwei Schritten nach hinten um die Abseitsfalle aufzuheben – aber trotzdem clever gespielt und trocken abgeschlossen. Beim 3:2 war’s der Tormann.

Es geht mir ähnlich wie nach dem Spanien-Spiel: Holland zeigt bisher zu wenig Variabilität. Heute zeigte Holland sogar noch zu wenig Initiative. Ist es klug, so kraftsparend zu spielen? Vielleicht. Aber wer sagt uns, dass Holland mit seiner unerfahrenen Abwehr und mit seinen Holzhackern im Mittelfeld überhaupt jemals wird mehr anbieten können?

Zu den Australiern: Ehrenwerte Vorstellung. Die Socceroos sind spielerisch natürlich limitiert, aber man wirft viel Einsatz in die Waagschale und schaffte es nun zum zweiten Mal mit relativ einfachen Mitteln, einen scheinbar klar überlegenen Gegner in Bedrängnis zu bringen. Dieser olle Cahill da ganz vorn drin hat zwar einen an der Waffel, sich seinen Arm so zu zerstören, springt aber mit seinen 1,78m in die Sphären eines Cannavaro, und machte beim 1:1 per Direktabnahme eines der Tore des Turniers. Australien wird mit höchster Wahrscheinlichkeit ausscheiden (sollte Spanien hernach nicht gewinnen, ist man raus), aber man scheidet mit erhobenem Kopf aus.

Zum Elfmeter: Typische Situation. Die Armbewegung ist „natürlich“. Der Mensch ist in dieser Bewegung nicht so veranlagt, dass er beide Hände angelegt haben kann. Er kann auch nicht beide Arme nach vorne schmeißen. Es ist eine natürliche Bewegung, aber die Hand blockiert logisch die Flugbahn des Balles – entscheidend, und vom Rumpf des Körpers abgewiesen. Scheiß-Situation. Ein Schiri pfeift Elfer, der andere nicht. Ein Amateur-Ref, der mit mir schaute, meinte, er hätte den Elfer nicht gegeben. Das Ärgernis liegt hier in der in der unklaren Regelauslegung – da sind die Verbände gefragt, eine einheitlichere Lösung zu finden.

Caipirinha zum Schlager des Tages: Brasilien – Mexiko | Gruppe A

Das war dann mal ein 0:0 der richtig geilen Sorte. Brasilien – Mexiko war die bislang intensivste Partie des Turniers, vielleicht auch die beste, ein Spiel, dem man seinen Austragungsort (die Schwüle Fortalezas) nur sehr bedingt anmerkte, ein mitreißendes Spiel mit aufopferungsvoll kämpfenden Mexikanern, mit einer brasilianischen Mannschaft, die erneut nur in Spurenelementen ihre Offensiv-Wucht andeutete, aber wenn, dann prüfte sie Keeper Ochoa auf das Äußerste – und Ochoa bestand mit Bestnote. Ein Spiel, dem nur der Orgasmus in Form eines Treffers fehlte. Aber so wirklich verdient wäre der nur im schön aufgeteilten Doppelpack gewesen, als Remis.

Gehen wir sie der Reihe nach durch. Zuerst die Brasilianer. Gleiche Formation von Scolari wie gegen Kroatien, außer dass der verletzte Hulk durch #16 Ramires auf dem rechten Flügel ersetzt wurde – ein Move, der bizarr anmutete und auch nur schief gehen konnte. Zur Pause wechselte Scolari dann auch schon den quirligeren, aber heute glücklosen Bernard ein. Brasilien wirkte heute auch flexibler und noch mehr auf Stabilität bedacht, mit einem Sechser-Pärchen Gustavo/Paulinho, das seinem Namen fast nicht mehr gerecht wurde, so häufig half Gustavo als Art Libero in der Dreierkette aus.

Brasilien hatte Probleme mit dem mexikanischen Pressing, aber Brasilien hatte auch wieder diese charakteristischen eigenen Druckphasen, und die hatten es verdammt noch mal in sich: Wenn diese Armada dann mal für drei, vier Minuten auf dich zurauscht und dich belagert, entweder aus allen Rohren feuert oder mit Verve drei Ballstaffetten zum Abschluss durchzieht, wird dir Angst und Bange. Ich war nie ein ganz großer Fan der brasilianischen Spielweise, aber diese Minuten sind selbst im Sofa schweißtreibend und gehören zu den intensivsten Momenten, die Fußball bieten kann.

Brazil schaffte das heute sogar trotz eines erneut indisponierten Mittelstürmers Fred, der wie schon gegen Kroatien keine Bindung fand und mit Pfiffen verabschiedet wurde. Sein Backup Jo agierte sichtlich tiefer, fast als halber Zehner, und das wirkte sich aus.

Die Mexikaner lauerten, sie guckten sich immer wieder die brasilianischen Offensivaktionen an, warteten, um immer im richtigen Moment dazwischenzuspringen und zig nervtötende Ballgewinne zu provozieren. Was die #6 Herrera heute lieferte, war ganz großer Sport. Mexiko presste zwischendurch immer wieder auch ganz vorn, und erst dachte ich mir, sie nutzen die brasilianischen Ruhepausen aus – aber nein: Sie zwangen die Brasilianer sogar zu diesen Phasen! Sie kombinierten sich immer und immer wieder gemächlich gen Tor, und schlossen mit einer Serie an Superschüssen ab.

Das Mittel, das ich schon nach dem Kroatien-Spiel gefordert hatte – Schüsse auf den Kasten vom nicht fangsicheren Julio Cesar – sie haben es genau studiert und auch so gesehen. Sie haben nur zu selten den Kasten getroffen, auch wenn es oft knapp war. Richtig herausgespielte Chancen hatten die Mexikaner zwar wenige, aber sei’s drum: Sie zeigten allein mit ihrer mannschaftlich geschlossenen Leistung, mit ihrem sehr druckvoll ausgelegten 5-3-2 bzw. ruhig auch 3-5-2, wie man Brasilien an die Wand nageln kann, wie man ihren Spielaufbau mit schnellen Ballgewinnen stören oder zerstören kann.

Der Mann des Tages war trotzdem der neue Dudek, Goalie Ochoa, mit famosen Reflexen und Paraden, im Stil eines Kahn (Neymar-Kopfball, HZ 1 / Silva-Kopfball, HZ 2), aber auch im Stil eines Hockey-Goalies (Neymar-Drehschuss, HZ 2). Ochoa rettete am Ende den Punkt gegen einen Gegner, den man sich super ausgeguckt hatte, der aber trotzdem fantastische Chancen hatte.

Der Schiri. Erstklassige Vorstellung. Gibt überhaupt nichts zu kritisieren, selbst den Marcelo-Elfer gab er nicht. OK, ein Kritikpunkt: Silva hätte für sein rüdes Foul locker auch Rot sehen können, wegen der Härte, aber auch wegen der verkappten Notbremse.

Das Publikum. Die Pfiffe ob des enttäuschenden (aus Brasilien-Sicht) Ergebnisses hielten sich in Grenzen, ja eigentlich war fast mehr Jubel hörbar. Es bleibt aber weiterhin ein Publikum, das bei mir extrem zwiespältige Gefühle auslöst. Es ist ein rein weißes Publikum. Ich meine nicht, dass das überraschend kommt… aber irgendwie doch. Das ist kein brasilianisches Publikum. Das ist struktureller Rassismus, zur Schau gestellt beim größten Ereignis im erfolgreichsten Land des Fußballs: Ganze Bevölkerungsschichten bleiben draußen. Weiße brasilianische Unis. Jetzt auch weiße brasilianische Stadien.

Belgien – Algerien | Gruppe H

Die Algerier kann man schnell abhaken: Das war eine sehr clevere Defensivleistung aus einem recht klaren 4-4-2. Algerien presste nicht grundsätzlich, ging aber lange Zeit extrem bissig drauf, wenn der ballführende Spieler in der Nähe war – und hatte lange Zeit gegen ein geistig nicht präsentes Belgien Erfolg damit. Weil man vom Gegner quasi einen Elfer geschenkt bekam – der algerische Stürmer hätte große Schwierigkeiten gehabt, den Ball vor dem Foul überhaupt noch zu erlaufen – führte man aber lange 1:0.

Zum allseits gelobten Geheimfavoriten Belgien: In etwa mit sowas wie der 1. Halbzeit hatte ich gerechnet. Bei aller Liebe für dieses Team, in jedem Tippspiel habe ich ein müdes 1:0 für das Auftaktspiel eingetragen. Ich hatte mit minimum einer Viertelstunde Eingewöhnungsproblemen gerechnet – schließlich ist es das erste Turnier dieser jungen Mannschaft, die kulturell so vielschichtig ist, und die dann gleich noch als monstermäßiges dark horse ins Turnier gehen muss.

Die Lethargie dauerte länger als die erwartete Viertelstunde. Es war sogar zwischendurch soweit, dass sich Belgier gegenseitig anpflaumten (z.B. bei einem „vergessenen“ Querpass von Hazard auf einen freistehenden Lukaku). Probleme machte der inexistente De Bruyne, und der sichtlich genervte Hazard, aber auch Lukaku fand überhaupt keine Bindung.

Nach der Pause reagierte Wilmots. Belgien kam nach der Kampfschweinrede erstmal motivierter aus der Kabine. Bald ersetzte der blutjunge Origi von ManUnited Lukaku, und es wurde bei den Belgiern immer flüssiger. Sie schraubten lange, bohrten, versuchten, diese nicht einfach zu bespielenden Algerier zu durchbrechen. Der wahre Champ-Wechsel kam nach etwa einer Stunde, als der wuschige Fellaini reinkam und gleich mal mit seiner Präsenz als Kopfballspieler auffiel, immer wieder in den Strafraum ging und schließlich auch den Ausgleich setzte.

Der Siegtreffer fiel sogar aus einem verkappten Gegenstoß, einem Mini-Konter der Belgier in einer sehr feinen Aktion. Es war letztlich ein verdienter Sieg, mal wieder ein gedrehtes Spiel, ein Spiel, aus dem die Belgier trotz der insgesamt blassen Leistung vieles mitnehmen können. Die drei Punkte natürlich. Aber auch die Gewissheit, im Turnier angekommen zu sein. Die Gewissheit, dass man zwar wohl nicht die homogenste Truppe hat, dass man sich aber eingrooven kann. Dass man Geduld gezeigt hat, Stellschrauben gedreht hat.

Insofern ist für diese Mannschaft glaube ich schon wichtig, dass man nicht nur eine Reaktion gezeigt hat, sondern dass man die Reaktion auch im Ergebnis sieht und dass man gewonnen hat. Die Belgier haben insofern einen guten Auftakt mit Sternchen abgeliefert.

WM-Caipirinha 2014: Ghana – USA |Gruppe G

Die USA gewannen, aber deswegen in eine Lobeshymne verfallen würde ich nicht: Es war eine insgesamt maue Vorstellung der Amerikaner, die weniger zu einem insgesamt attraktiven Spiel beitrugen als die unterlegenen Ghanaer. Beide amerikanischen Tore waren vom restlichen US-Spiel losgelöst: Ein früher Treffer nach 31sek nach einer der wenigen Kombinationen, dazu ein Kopfstoß nach Ecke in der 85. Minute.

Die USA legten sich nach dem schnellen Treffer zwar nicht auf die faule Haut, sondern kämpften weiter, aber sie versuchten nur mehr sporadisch, wirklich nach vorn zu spielen. In der Vorwärtsbewegung ließ Klinsmann dabei eine Art 4-1-3-2 spielen, mit dem Abräumer Beckerman vor der Viererkette und einem Sturmtandem Dempsey / Altidore. Der Ballbouncer Altidore musste dabei schon in der ersten Halbzeit mit Muskelproblemen raus.

Nach hinten sah das US-Spiel wie ein klassisches 4-4-2 aus, wobei sie vor allem über ihre linke Seite anfällig waren: Dort agierte Damarcus Beasley als Linksverteidiger. Beasley hab ich glaube ich seit zirka zehn Jahren vom Schirm verloren, aber damals war er noch ein Stürmer. So sah das auch gegen Ghana aus: Ein defensiv überforderter Beasley sah ungefähr 20 Flankenläufe über seine Seite, und er wurde größtenteils von Opare und Atsu verspeist. Auch der nominell als zweite Spitze neben Gyan aufgestellte Jordan Ayew zog immer und immer wieder rechts raus, aber trotz dieses Scheunentors kam von Ghana ehrlicherweise zu wenig.

Ghana war die dominante, klar bessere Mannschaft, aber sie erwies sich als nicht abgezockt genug in der Offensive. Man schoss viel zu oft zu früh und traf in gefühlt 20 Schüssen nur eine Handvoll Male überhaupt das Tor – Tim Howard musste selten wirklich eingreifen. Trotzdem langte es zum Ausgleich wenige Minuten vor Schluss, und es fühlte sich dann wie ein angehender Sieg an, ehe eine US-Ecke (die von Ghana selbst verschuldet wurde) den Spielverlauf auf den Kopf stellte.

Die USA haben nicht überzeugt. Sie sind trotz des Auftaktsiegs keine g’mahnte Wiesn. Sie sind spielerisch fürchterlich limitiert, mit einem „Spielgestalter“ Michael Bradley, der eigentlich nix kann, mit dem man ihn in den Rang eines oberklassigen Spielmachers im Weltfußball heben könnte. Nicht ausgeschlossen, dass die Klinsis da ihre einzigen Punkte geholt haben. Für Ghana wird es am Samstag schon eng gegen Deutschland. Schlimmstenfalls ist in dieser Gruppe auch nicht auszuschließen, dass ein einziger Sieg zum Weiterkommen reicht – und gegen Portugal ist Ghana zumindest auf Augenhöhe.

WM-Caipirinha 2014: Nigeria – Iran | Gruppe F

Das erste Unentschieden der WM 2014, und das erste 0:0 der WM als Reminiszenz an die dunkle Vorrunde der WM 2010: Nigeria gegen Iran war… kein so schönes Spiel. Während des Spiels erinnerte ich mich allerdings auch daran, dass man unterm Jahr zu sehr verwöhnt wird. Du hast die Wahl zwischen 1000 Spielen, und du wirst in 99% der Fälle Bayern, Dortmund, Liverpool oder Napoli wählen, bevor du dir freiwillig Hamburg, Osasuna oder Fulham reinziehst. Daher ist es auch mal ganz erfrischend, einen eher schwachen Kick wie diesen serviert zu bekommen, und sei es nur, um sich noch einmal in Erinnerung zu rufen, was für eine fantastische Mannschaft die Deutschen eigentlich haben.

Ich schweife ab. Nigeria war enttäuschend, keine Frage. Ich hatte dieses Team viel, viel besser in Erinnerung, und beim Afrikacup vor einem Jahr waren sie der einzige richtige Lichtblick mit wirklich gutem Offensiv-Fußball. Von diesem Flankenläufen, diesen Cuts nach innen und diesen wuchtigen Abschlüssen war heute wenig bis nichts zu sehen.

Der Iran stand hinten drin und tat fürs Spiel genau nichts. Man hatte gelegentliche Vorstöße, die sogar organischer ausgespielt waren als jene der Nigerianer, aber es bleibt das Gefühl, dass das Team hier in die Partie ging mit dem Mourinhoschen Ziel, ja bloß keins zu kriegen, und im Glücksfall sogar noch eins mitzunehmen. Mehr war da nicht, und es wird sich gegen Bosnien und Argentinien befürchtungsweise nichts ändern.

Aber, Baby nochmal: Nigeria. Man las häufig davon, dass Stephen Keshi in der Mittelfeldzentrale mit Onazi und Mikel keine Lösung fand, die beiden Kreativen gescheit einzusetzen – und das sah man. Eintausendundein lange Bälle auch nach dem x-ten Beweis der Ineffizienz, und immer wieder versuchten sie es. Und wie so oft bei afrikanischen Teams, wo die Emotionen dann mitspielen, wurde es immer stümperhafter, und einfache Zuspiele scheiterten, und einfache Bälle wurden nimmer gestoppt.

Die Stürmer würden passen. Moses und Musa sind pfeilschnelle Granaten, Emenike kann durchaus einen Angriff tragen, wenn er zumindest Platz kriegt. Aber von hinten kam nichts. Ein Odemwingie agierte nach seiner Einwechslung wie schon in manchem Testspiel als verkappter Spiel-Aufbaugestalter, aber das konnte letztlich nicht funktionieren.

Schade. Ich hatte mehr erhofft von einer meiner absoluten Lieblingsmannschaften. Nicht ausgeschlossen, dass man gegen ein proaktiveres Bosnien eher zum Erfolg kommt, aber Stand heute muss man trotz des ebenso enttäuschenden Parallelspiels letzte Nacht konstatieren, dass Bosnien trotz Pleite wie einer der Sieger des Spieltags aussieht.

Zum Schluss die eine Klammer: Einen Treffer erzielten die Nigerianer. Eigentlich. Ein Stürmer gedeckt von zwei Iranern köpfte den Ball in den Kasten. Aber weil der Torwart war in den Bulk gesprungen, ohne Chance auf den Ball, und es gab… Stürmerfoul, natürlich. Grande Van Persie.

WM-Caipirinha 2014: Deutschland – Portugal | Gruppe G

Exzellenter Einstand für die deutsche Mannschaft in einem Spiel, wo selbst der Laie kapiert hat, dass man es nicht überbewerten sollte. Zu viel lief pro Deutschland, zu schnell war die Partie ein lasches Trainingsspiel – allerdings: Du musst es erst einmal zu so einem Spiel machen. Der Hidden-Champ in dieser Partie könnte Müllers 3:0 gewesen sein, der der deutschen Mannschaft eine kräfteschonende zweite Halbzeit erlaubte, die im weiteren Turnierverlauf noch viel wert sein könnte.

Die Aufstellung. Vier Innenverteidiger in der Viererkette, mit einem Lahm als vorgeschaltetem Abräumer vor der Verteidigung. Lahm agierte hinter den beiden „Achtern“ Khedira (halbrechts) und Kroos (halblinks), als eine Art 4-1-2-3. Vorne ließ Löw wie von mir in der Preview schon erhofft Müller als zentraler Spitze auflaufen, mit einem nahe der Seitenlinie klebenden Götze links (Götze heute bester Mann in den ersten, entscheidenden 45min) und einem Freelancer Özil (besser drauf als in den Testspielen) von halbrechts reinrauschend – eine Aufstellung, die schnell in mehreren fantastischen Spielzügen zu Spielbeginn resultierten, die dann auch u.a. zum nicht unberechtigten Elfmeter und zur Ecke vor dem 2:0 führten.

Den Elfer gibt nicht jeder Schiri, aber es ist grundsätzlich mal eine gute Idee, sich mit schnellen Spielzügen gegen eine hüftsteife Abwehr durchfummeln zu wollen, insofern fast logische Konsequenz, dass es den einen oder anderen aussichtsreichen Freistoß/Elfer geben würde. Andererseits: Man hätte eventuell für Notbremse sogar noch Rot hinterher schicken können.

Hinten fand ich die Idee mit Lahm als defensiver Unterstützung für die Innenverteidiger eine gute Idee. Lahm hatte anfangs aber Schmetterlinge und hätte um ein Haar einen schnellen Gegentreffer verschuldet, cruiste sich dann aber in die Partie und blieb über die restliche Spielzeit unbeschadet. Spätestens nach dem 3:0 war es dann sowieso ein Trainingsspiel. Auch hier: Sehr kühl runtergespielt. Die demoralisierten Portugiesen nicht brutal unter Druck gesetzt, sondern das mitgenommen was man mitnehmen konnte ohne sich in irgendeiner Form zu verausgaben.

Die Portugiesen. Wo ansetzen? Ronaldos Frisur kam unbeschadet aus der Partie, und bei einem seiner Freistöße Präsizion gezeigt, die Einmannmauer Lahm zielgenau abgeschossen. Pepe mit einer roten Karte, weil er vergaß, dass man sich im portugiesischen Trikot nicht wie im madrilenischen aufführen sollte.

Manche meinen, die Rote Karte war überzogen. Vielleicht war sie das. Aber gut von Müller, dass er nach dem angedeuteten „Köpfler“ nicht erneut mackierend zu Boden fiel, und auch gut, dass er sich nicht selbst zu einer Tätlichkeit hinreißen ließ. Man muss keine Rote Karte zücken, aber wer Pepe heißt, sollte sich nicht wundern. Mereiles dürfte übrigens auch noch von der FIFA-Disziplinarkommission hören (via Guardian) (edit: oder auch nicht – siehe Kommentare):

Bei den Portugiesen wurden zudem Coentrao und Almeida verletzt runtergetragen – das tut weh, auch hinsichtlich der nächsten Gruppenspiele. Es lief also extrem viel gegen Portugal, aber muss man sich deswegen so schnell so wehrlos seinem Schicksal ergeben? Der Zusammenfall dieser Mannschaft kommt nicht zum ersten Mal, und ist ein altes portugiesisches Mentalitätsproblem.

Zusammenfassend war es sicher ein sehr guter Auftakt für Deutschland, das nun den Gruppensieg fast pfannenfertig hat. Dass man nach 4:0-Siegen nicht in grenzenlose Euphorie verfallen sollte, weiß man spätestens seit 2010, wo jeweils eine 0:1-Klasche folgte. Aber insgesamt war es ein Mut machender Auftritt, wenn man ohne seinen besten Stürmer (Reus) in der Lage ist, einen als gefährlichen Außenseiter gehandelten Gegner fast spielerisch an die Wand zu nageln.

WM-Caipirinha 2014: Argentinien – Bosnien & Herzegowina | Gruppe F

Das Spiel, das bisher am meisten enttäuschte. Argentinien war eine Halbzeit lang ein Hauch von Nichts, der Underdog Bosnien mit seinem mutlosen Auftritt nicht viel besser. Am Ende standen sie alle halb ausgeknockt in einem Klima von Rio, das von den wirklichen Hardcore-Szenen im brasilianischen Nordosten Welten entfernt ist. Was für eine Scheiße.

Die Argentinier traten mit einer bizarro-Aufstellung an, stellten quasi fünfeinhalb Leute (fünf Verteidiger plus den defensiven Mascherano) in die Abwehr, verzichteten dafür auf Gago und Mittelstürmer Higuain. Vorne spielte der Ausfall Aguero, dahinter stand ein komplett lustloser Messi Löcher in das Maracana. Es war eine Art 5-3-1-1, oder 5-3-2, das Argentinien praktizierte, und die Argentinier wurden mit einem Eigentorgeschenk sogar noch mit 1:0 Halbzeitführung belohnt.

Nach der Pause hatte Coach Sabella seinen Fehler eingesehen, wechselte Gago und Higuain ein, und Argentinien war wenigstens in Spurenelementen aktiver. Es gab zwei, drei gute Kombinationen, und ausgerechnet Messi schloss eine von ihnen zum 2:0 ab.

Aber, Baby: So kannst du nicht ernsthaft antreten. Hätte die Argentinier einen Gegner mit einer Spur mehr Mut gehabt, sie wären glatt auf die Fresse geflogen. Bosnien versuchte zwar, nach dem schnellen Rückschlag, nach vorne zu kombinieren, aber es war langsam und träge. Direktspiel war nicht vorhanden, Dzeko wurde so gut wie nie angespielt, ein Misimovic keuchte schon nach 30 Minuten als wäre er ein 40jähriger, der die letzten fünf Jahre in der chinesischen Liga verbracht hätte… Moment, so weit sind wir da nicht weg von…

Die Bosnier versuchten es mit zu vielen Fernschüssen, von denen auch nur jeder zweite aufs Tor ging und für Tormann Romero leichte Beute war. Überhaupt Romero: Der vermeintliche Schwachpunkt legte eine akzeptable Vorstellung hin. Er hatte gestern nicht den schwierigsten Job, aber er vermied zumindest die Böcke, die man ihm auch in solchen Spielen zugetraut hätte.

Ich bin gespannt, wohin der Weg für die Argentinier geht. Die zweite Halbzeit mit Rückkehr zum altbekannten „System“ war besser als die erste, aber sie war nicht „gut“. Argentinien braucht mit seinem etwas instabilen Defensivverbund eine funktionierende Offensive, aber die war nicht ansatzweise zu erkennen. Das war Stückwerk. Das war ein bemühter, aber glückloser Di Maria. Ein neben sich stehender Aguero. Ein zumindest funktionierender Higuain, und ein arbeitsverweigernder Messi. Das war nicht erbaulich, brachte mich aber immerhin am frühen Morgen soweit in Rage, dass ich hernach erwacht zur Arbeit gehen konnte.

So, und als Tipp wie man zeitsparend den harten Arbeitstag mit der WM in Einklang bringen kann: Ich tapeziere. Schlafengehen um 22h50 nach Abpfiff der Abendpartie, Aufstehen um 5h45 zum Gucken der aufgezeichneten Nachtpartie. Kein Risiko eines Spoilers, aber Ersparnis von eineinhalb Stunden Schlaf. Das einzige, woran noch geschraubt werden muss: Hin und wieder muss die 18h-Partie pünktlich geschafft werden.

WM-Caipirinha 2014: Schweiz – Ekuador | Gruppe E

Verrücktes Spiel, das am Ende mehr von seiner Spannung lebte als von der spielerischen Qualität auf dem Feld. Die Schweiz gewann am Ende 2:1, was angesichts des zuvor aberkannten regulären Treffers für Drnic gerecht ist, aber andererseits auch locker hätte eine Pleite werden können – dann nämlich, wenn die Ekuadorianer Sekunden vor dem späten Siegtreffer ihre eigene Megachance nicht so verstümpert hätten.

Crazy Schlussphase. Valencia rennt auf dem rechten Flügel plötzlich völlig frei gen Benaglio und der einzige Schweizer Verteidiger im Umkreis von 30m kommt erst nach zweimal drüber nachdenken auf die Idee, doch endlich drauf zu gehen. Valencia muss somit quer spielen, wo ein beherztes Einsteigen des Schweizer Innenverteidigers den Worst-Case verhindert. Möglichkeit zum Konter, Behrami wird gefoult, steht aber sofort auf und läuft weiter. Schiri gibt zurecht Vorteil. Pass rechts raus, langer Pass links raus, Rodriguez verlängert sein linkes Bein um einen halben Meter um den Ball im Spiel zu halten, schiebt flach in den Strafraum, wo der eingewechselte Seferovic von hinten crossend kommt und ins kurze Eck einschiebt – eine verrückte Sequenz zum Sieg.

Der Sieg war dringend notwendig. Willst du wirklich mit einem Remis gegen Ekuador starten, dich drauf verlassen, dass du gegen Frankreich und Honduras bessere Torverhältnisse als der Gegner holst? Willst du das als Schweiz, mit der Erinnerung an Honduras 2010?

Trotz der zwei, oder besser: drei, erzielten regulären Tore der Schweizer war es keine überzeugende Schweizer Vorstellung. Das 4-2-3-1 war lange Zeit sehr statisch. Man versuchte zwar richtigerweise, über die Flügel zu kommen, aber es fehlte an letzter Konsequenz. Ein Stocker, der nicht wirklich im Spiel war. Ein Shaqiri mit gestrichen vollen Hosen; statt des gewohnten Shaqiri mit Drang nach vorne gab es viele Quer- und Rückpässe, die den Spielfluss hemmten. Es gab nur wenige echte gute Spielzüge der Schweizer.

Auf der anderen Seite hielt der Defensivverbund ganz gut gegen, ließ kaum ekuadorianische Konter zu. Der Schweizer Ausgleich war ähnlich dem ekuadorianischen Tor einer nicht überzeugenden Torwart-Aktion geschuldet: Wäre #22 Dominguez bei der sehr zentral geschossenen Ecke einfach in den Schützen Mehmedi plus seinen Deckungsspieler rein gegangen, er hätte 100%ig ein Stürmerfoul gepfiffen bekommen – die Regel, die ich immer kritisiere, aber Dominguez hätte den Treffer allein dadurch verhindern können, und er hätte dabei auch am Ball vorbeispringen können.

Nach dem Ausgleich war die Schweiz besser. Ekuador schien konditionell in den Seilen zu hängen, die Eidgenossen wirkten etwas fitter, körperlich und geistig. Es war wie gesagt nicht gut, und nach dem zu Unrecht aberkannten vermeintlichen 2:1 ließen sich die Schweizer fast eine Viertelstunde lang zu sehr hängen. Am Ende gab es aber Gerechtigkeit, und wie ist es so oft im Fußball: Wenn das Ergebnis, zum Schluss stimmt, fragt keiner mehr, wie es zustande gekommen ist. Next Up: France, am Freitag, 21h MESZ.

WM-Caipirinha 2014: Gruppe C

Die Kolumbianer in Belo Horizonte mit einer gelben Wand hinter sich, dass du meinst, erst heute wären die Brasilianer in die WM eingestiegen. So gute Stimmung schien am Donnerstag nicht geherrscht zu haben. Auch spielerisch war das phasenweise recht überzeugend von den Kolumbianern, bei denen man recht wenig vom erwarteten 4-2-2-2 System sehen konnte. Das war eher ein 4-4-2 oder sogar in Spurenelementen ein 4-2-3-1 (wenn man #10 James Rodriguez als eine Art hängende Spitze sehen will).

Kolumbien konnte anfangs ganz gut überzeugen mit Kombinationsspiel und einem sehr fein herausgespielten schnellen 1:0. Auffallend war, dass James viele Freiheiten genoss und diese Räume auch gut nutzte; kritisieren kann man an ihm aber seine schwachen Standards.

Kolumbien war nach dem schnellen Tor alsbald recht passiv, ließ die angriffsschwachen Griechen kommen und verlagerte sich auf Konterspiel. Die Kolumbianer machten ihre Abwehrarbeit auch recht geschickt, ließ aber über die Mitte einiges zu – allein, die Griechen konnten da nix nutzen. Samaras konnte außen nix reißen, zog immer wieder nach innen und war noch der einzige mit ein bissl Druck. Gekas trotz Lattentreffer (aus 5m!) komplett entbunden. Salpingidis bemüht, aber erst mit Mitroglou kam konstantere Gefahr rein.

Kolumbien hat sich zum Gruppenfavorit gemausert, aber es bleibt abzuwarten ob Griechenland wirklich ein ernsthafter Prüfstein war.

Japan – Elfenbeinküste

Die Japaner waren für mich spätestens seit den guten, teilweise begeisternden Auftritten beim Asiencup und beim Confedcup 2013 ein kleiner Geheimfavorit, aber das heute Nacht war wieder so ein typischer japanischer Fußball: Zeitweise ganz nett anzuschauen, aber vorne fehlt die echte Durchschlagskraft, und als man dann doch noch in Bedrängnis geriet, fehlte eine ordnende Hand um das Spiel wieder in die Bahn zu leiten.

Es gab zu Spielbeginn ganz gute Ansätze, aber spätestens als man schon nach 25, 30 Minuten begann, Konter mit 4:3 Überzahlsituation erbärmlichst zu verstolpern, war klar, dass hier die notwendige Ernsthaftigkeit fehlte. Dazu gibt es viel zu wenige japanische Spieler, die auch mal eine 1-vs-1 Situation gewinnen können.

Die Elfenbeinküste stolperte eine Halbzeit lang als wenig eingespielt wirkendes Team durchs Spiel. Einzig der agile Yaya Toure strahlte sowas wie Willen aus. Erst nach der Pause, als es auch alle erwarteten, ging von der Cote d’Ivoire mehr Druck aus. Drogbas Hereinnahme nach einer Stunde brachte noch mehr Punch in die Offensive: Drogba scheute in den 32 Minuten auf dem Feld keinen Zweikampf, hielt die Bälle, stiftete Verwirrung. Er war an keinem der beiden fast identisch zustande gekommenen Toren direkt beteiligt, aber man kann durchaus ein Argument bringen, dass Drogbas Präsenz für ausreichend Unordnung in der Hintermannschaft gesorgt hat.

Beide werden sich steigern müssen. Für die Japaner ist die Niederlage noch kein Beinbruch, aber Kolumbien wird jetzt zu einem Must-Win Spiel – und mit diesem Sturm möchtest du eigentlich keine Must-Win Spiele bestreiten. Die Elfenbeinküste hat nun gute Achtelfinal-Aussichten, aber zu den Spitzenmannschaften fehlt schon einiges an Kohärenz in der Mannschaft.

WM-Caipirinha 2014: Italien – England | Gruppe D

Siebtes Spiel der WM, und auch Italien vs England konnte man sich sehr gut ansehen: Zwei variantenreiche, gut eingestellte Mannschaften. Italien gewann, aber es hätte durchaus auch ein Remis geben können, oder einen englischen Sieg. Der Unterschied im Ergebnis war, dass Balotelli den Kopfball reinmachte, und Rooney ein paar Minuten danach freistehend knapp verzog. Oder England 1-2 „pfeifbare“ Elfmeter nicht bekam. Okay, Italien hatte zweimal Lattenschüsse. Aber England hielt gut mit.

England war die von mir erwartete sympathische Mannschaft: In dem 4-2-3-1 war man immer dann gefährlich, wenn man á la Deutschland 2010 schnell von hinten raus spielen konnte und mit den geschwindigen Offensivspielern die italienischen Abwehrspieler an- und überlaufen konnte. Auf die Weise fiel auch das sehenswerte englische Ausgleichstor: Balleroberung im Mittelfeld, Sterling mit dem tiefen Pass für Rooney, tolle Flanke, und am langen Pfosten erläuft Sturridge mit Willenskraft den Ball und schiebt ein.

Englands Offensive wirkte noch nicht überragend eingespielt. Als man in der zweiten Halbzeit das Spiel machen musste und ein sanftes Power-Play aufzog, wurden die Limits dieser Mannschaft schon klar offengelegt. Man schien auch konditionell nicht mehr topfit zu sein, aber der Spielort war auch Manaus, einer der krassesten Orte. Auffallend war auch, dass von den eingewechselten Spieler maximal Barkley einen temporären Schub brachte, Wilshere und Lallana verpufften wirkungslos.

Ein taktisches Mittel der Engländer schien auch der Fernschuss zu sein – das wirkte aber wie eine Taktik, die Hodgson auf einen Goalie Buffon ausgegeben hatte, fast so, als hätten die Engländer den Tormannwechsel bei den Azzurri nicht mitbekommen.

Schwachpunkt von beiden Mannschaften war ganz klar die jeweils linke Abwehrseite. Bei den Engländern wirkte Baines überrumpelt. Rooney und später Barkley machten quasi nichts nach hinten und legten diese Seite bei den Engländern immer wieder frei. Überhaupt gingen die Engländer in der Defensive auch schon in Halbzeit 1 erstaunlich passiv auf den Ballträger. Da war kein aggressives Pressing, das war übelstes Abwarten, und Marchisio und Verratti konnten immer wieder in den Strafraum hineinspielen. Ich dachte mir, das ist vielleicht clever um Kraft zu sparen, aber später war England auch so platt, deswegen bleibt es eines der komischen Bilder des Abends.

Auch Italien hatte links hinten Probleme. Als nomineller Linksverteidiger war #3 Killerini aufgestellt, der sich anfangs zweimal nach vorne wagte, aber danach fast immer hinten blieb, aber für einen Welbeck – obwohl nicht in Bestform befindlich – zu langsam ist. Wirklich oft nach vorne ging bei den Italienern nur der überzeugende andere AV, der Rechtsverteidiger Darmian in seinem zweiten Länderspiel – ein guter, mutiger Mann.

Ich möchte dann weiters bei den Italienern den IV Paletta in einem Spiel gegen einen noch besseren Gegner sehen – hier wackelte man. Gegen schnelle Offensivformationen ist Italien hinten verwundbar.

Ansonsten: Abgezockte, typische italienische Leistung. Wir bekamen hier das Erwartete serviert. Pirlo gibt weiter den Taktgeber, wird extrem häufig angespielt, aber Pirlo hatte trotz der passiven englischen Defensive nur bedingte Erfolge (z.b. beim einstudierten Eckball zum 1:0). Es bleibt der Eindruck, dass Italien in Gruppe D locker durchgehen wird, und England gegen Uruguay durchaus zu favorisieren sein wird.

WM-Caipirinha 2014: Uruguay – Costa Rica | Gruppe D

Wie gut eine Mannschaft ist, erkennt man dann, wenn sie Gegenwind spürt. Insofern hatte ich für Probleme bei Uruguay gerechnet, wenn sie gegen die Italiener oder Engländer antreten müssen. Insofern hab ich mich auch sehr gefreut, als Costa Rica per Doppelschlag die Partie drehte: 57te Minute, und Uruguay hat nun eine halbe Stunde, ja fast 40 Minuten, Zeit, zu zeigen was es wert ist.

Die Antwort: Null. Nada. Fürchterliche uruguayische Darbietung ohne Struktur, mit nur sehr wenigen Zuckungen. Es fehlte eine ordnende Hand in dieser Partie, in der Uruguay gegen den krassen Außenseiter Costa Rica nicht mal gescheit den Ball aus der eigenen Hälfte nach vorne gespielt bekam. Erbärmlich für ein Team, das von vielen so gehypt wurde.

Costa Rica lebte von drei Dingen: Haushohe Überlegenheit bei sämtlichen Standards quer durch das Spiel. Sehr, sehr gute Fernschüsse. Und ab der zweiten Halbzeit mehr Mut, mehr Dringlichkeit, mehr Leben. Costa Rica war für mich Zeit meines Lebens eine Art Mexiko für Arme gewesen: Immer ganz nett anzuschauen, aber nie die Leidenschaft für einen Sturmlauf aufbringend. Sturmlauf war’s auch heute nicht, aber es war sehr clever und mit sehr viel Einsatzbereitschaft gespielt.

Dieser Mittelstürmer Campbell ist eine Wucht. Das Tor ist eines, aber seine Schusstechnik und sein Traumpass zum 3:1, seine gute Spielübersicht – dieser von Arsenal in die halbe Welt verliehene Mann könnte früher oder später höhere Aufgaben sehen.

Auf der anderen Seite war Cavani zwar bemüht, aber aufgrund des desolaten Aufbauspiels weitgehend entrückte einsame Spitze. Forlan war ein Ausfall. Forlan hatte eine Handvoll missratener Freistöße und Weitschüsse, bei denen er den Ärger der Kollegen auf sich zog, und sonst nichts.

Uruguay (oder wenn wir es mit dem ORF halten, „Urugay“) wird nun aufpassen müssen. Sogar der mögliche Fake mit Suarez ging schief: Er kam heute nicht, und so weiß nun jeder, wie es um Suarez bestellt ist: Er wirklich nicht fit. Wird das in vier, fünf Tagen wirklich so anders sein?

22 Tore in sechs Spielen. Diese WM lässt sich sehr geil an. Im Vergleich zur Vorrunde von Südafrika ist das wie Himmel statt Hölle.