WM-Caipirinha 2014: Die Rahmenbedingungen

Anpfiff für die Fußball-WM 2014 in Brasilien ist erst am nächsten Donnerstag, 12. Juni, aber das soll uns nicht von einer ausgedehnteren Vorschau auf das beste Sportturnier der Welt abhalten. Den sozialpolitischen Hintergrund mit der befürchteten Protestwelle kann ich dabei nur am Rand tangieren, dafür gibt es bessere, kompetentere Anlaufstellen. Lass uns diese Rahmenbedingungen zum Start einer Preview nicht ganz vergessen. Also, schon einmal aus Eigeninteresse zur Info-Clusterung, eine Caipirinha an WM-Zutaten vor dem eigentlichen sportlichen Start.

Die Stimmung auf den Straßen

Die ersten Massendemonstrationen sind bereits im Gange und es werden wohl mehr im Verlauf des Turniers erwartet. Wird FIFA-Boss Blatter bessere Antworten finden als letztes Jahr beim Confed-Cup? (Kann er überhaupt schlechtere finden?) Wie wird die Polizei reagieren? Es gibt Bürgergruppierungen, die unter dem Schutz des Demonstrationsrechts stehen, und sie werden von der Polizei nicht überhart angegangen werden dürfen.

Was passiert aber mit den Trittbrettfahrern, den autonomen Randalierern, die nur die Plattform „Weltmeisterschaft“ nutzen? Wie wahrscheinlich ist es, dass solche Proteste eskalieren? Wie geht die FIFA damit um, dass möglicherweise ihr Vorzeigeprodukt befleckt wird? Es wäre nun auch nicht so, dass sich die einheimischen Fußballer in Brasilien unberührt von den Protestwellen gezeigt hätten, nein: Sie unterstützen großteils die Bürgerbewegungen. Sie erkennen die Sinnhaftigkeit der Proteste.

Die Infrastruktur

WM-Stadion Sao Paolo - Bild: Wikipedia

WM-Stadion Sao Paolo – Bild: Wikipedia

Thema Stadien: Wie sicher werden sie sein? Wie sicher wird die Umgebung der Stadien sein? Ein Kollege war letztes Jahr in Sao Paolo und er berichtete, dass man sich in Touristengebieten in Brasilien aufgrund massivem Polizeiaufkommen tendenziell sehr sicher fühlen kann. „Fertig“ sind die Stadien eh nicht alle, namentlich zu nennen sei da das Stadion des Eröffnungsspiels in Sao Paolo, das noch nie in voller Auslastung getestet wurde.

Das neue Maracana-Stadion

Das neue Maracana-Stadion

Die Stadien selbst sind architektonisch alle recht hübsche Dinger, auch das sanierte Maracana-Stadion sieht wie ein klassisches, neuartiges Fußball-Stadion aus, aber es bleibt da immer ein schaler Beigeschmack, wenn in solchen Schwellenländern öffentlich mitfinanzierte Kathedralen in der Wüste hingeknallt werden, teuer und ohne weitere Verwendung. Die ersten Hardcore-Fangruppierungen beklagen auch schon den Verlust der Seele der alten brasilianischen Stadien. Ein Maracana-Stadion, viele Jahrzehnte gefeiert dafür, für Arm und Reich gleichermaßen zugänglich zu sein, wird künftig breiten Bevölkerungsschichten verschlossen bleiben: Zu sehr mussten die Eintrittspreise erhöht werden um dem Anspruch des Neuen gerecht zu werden.

In Sachen Infrastruktur sind die Stadien, so überdimensioniert und teuer sie auch sein mögen, aber nicht der wichtigste Punkt. Wichtiger sind Flughäfen, Autobahnnetze und Busverkehr. In vier Städten sollen notwendige Erweiterungen der Flughäfen nicht abgeschlossen sein; in Fortalezas zum Beispiel kann ein ganzer neuer geplanter Terminal nicht zur WM geöffnet werden. Erwartet werden rund eine halbe Million ausländischer Touristen. Wie bewegen sich also die Fans durchs Land? Provisorische Lösungen werden gefunden werden, aber wenn ich lese, dass letzte Woche in Sao Paolo mit 344km Stau schon wieder ein neuer Rekord aufgestellt wurde, wird einem ganz anders.

Achte auf das Zebra

Auf der anderen Seite soll die Vorfreude auf das Fußballturnier selbst im Land schon gewaltig sein. Die Selecao gilt ja mittlerweile als größter Titelfavorit, und mit der starken Leistung letztes Jahr im Confed-Cup ist die Freudenstimmung dann auch im positiven Sinn explodiert.

Explodiert impliziert aber immer noch auch explosiv, heißt: Die Brasilianer dürfen nicht zu früh rausfliegen. Die Welt zu Gast in diesen sündhaft teuren Tempeln, und Neymar liegt schon seit dem Achtelfinale auf den Malediven? Es braucht nicht viel Phantasie, dass es dazu nicht kommen darf. Generell gilt die FIFA als Verein, der kein Interesse an einer WM ohne Veranstalter hat. Die Spielplan-Auslosung lief wie sie gelaufen ist (Brasilien könnte schon im Achtelfinale auf Spanien oder Holland treffen), aber gerade deswegen gilt es, ein Auge auf Schiedsrichteransetzungen und -leistungen zu werfen.

Als jemand, der in Italien lebt, habe ich nur zu gut in Erinnerung, wie vor 12 Jahren ein Gastgeber Südkorea ins Halbfinale durchgepfiffen wurde, und an den Aufschrei danach. Natürlich werden Schiedsrichter allein keinen Weltmeister machen, aber würdest du dagegen wetten, dass nicht im stillen Hinterkämmerlein ein Plan B für alle Notfälle bereit liegt? Kleinigkeiten können den Ausschlag geben, wieso also nicht eine überflüssige gelbe Karte für einen potenziellen nächsten Gegner? Ins Bild passt da auch die merkwürdige Konstellation, dass am dritten Gruppenspieltag wider der alphabetischen Logik die Gruppe B (also die Spanien-Gruppe) vor der Gruppe A (der Brasilien-Gruppe) die Endstände ausgespielt haben wird.

Die Schiedsrichter werden noch aus einem anderen Grund zu beobachten sein: Es gerüchtelt, dass die FIFA massive Anstrengungen unternimmt um die signalisierten Wettmanipulationen vor allem gegen Ende der Gruppenphase soweit es geht zu unterbinden. Es werden Topexperten ins Land geschickt um die Performances in den Stadien im Auge zu halten, aber man behalte immer im Hinterkopf, dass der „andere“ Teil des Wettgeschäfts, der Wettmarkt selbst, vor allem in Asien noch immer quasi nicht überwacht ist.

Der Fluch und das Klima

Europäer haben auf amerikanischem Boden noch keine Weltmeisterschaft gewonnen. Jeder, der sich entfernt für Fußball interessiert, wird schon davon gehört haben. Dass dabei mexikanische Moctezumas oder peruanische Atahualpas ihre Hände im Spiel haben, kann man getrost bezweifeln: Gerade als ein Blog, das großteils auf Statistik baut, muss man darauf hinweisen, dass der angebliche Fluch auf ganzen sieben Turnieren gründet – eine nicht ernst zu nehmende Testmenge.

Real sind aber die zu erwartenden extremen klimatischen Bedingungen. Rio, Belo Horizonte oder Sao Paolo sind verhältnismäßig gemäßigte Klimazonen für diese Jahreszeit (in Brasilien ist aktuell schließlich Spätherbst), aber selbst dort werden auch abends Temperaturen um die 25°C mit massiver Luftfeuchtigkeit erwartet.

Richtig schlimm dürfte es vor allem im Amazonas-Gebiet und im Nordosten des Landes werden, wo es über 30°C haben kann, plus 80% Luftfeuchtigkeit. Jeder, der öfter in solchen Bedingungen spielen musste, weiß wie heftig es werden kann, wenn dir der Schweiß am Körper nicht mehr verdunstet, und wenn du dann auch keinen Windstrom spürst, hilft im Prinzip nur noch das Eine: Trinke über den Durst, auch wenn das Durstgefühl schon lange Stopp schreit.

Letztes Jahr im Confed-Cup merkte man manchen Mannschaften mit zunehmendem Turnierverlauf schon recht deutlich an, wie ihnen der Sprit ausging – und da hast du zwei, drei Runden weniger zu absolvieren. Eine spanische Mannschaft konnte als Beispiel ein ganzes Spiel gegen Tahiti mit der Ersatzmannschaft bestreiten, und dennoch war die A-Elf im Endspiel ein saftloser Haufen, müde und abgehalftert. Teams, die hohes Pressing mit viel Laufbereitschaft spielen wollen, werden es schwer haben in diesem Turnier. Dummerweise gehört Deutschland zumindest in der Theorie zu ihnen, und dummerweise spielt Deutschland in der Praxis zumindest in der Gruppenphase in den klimatisch extremsten Zonen.

Viele erwarten, dass die Südamerikaner durch das Klima einen entscheidenden Vorteil haben werden, aber so sicher bin ich mir nicht. Klar ist, dass die Spieler dort aufgewachsen sind, aber viele von ihnen spielen seit Jahren in Europa, und auch sie werden sich alle wieder umstellen müssen. Ich erwarte eher, dass sich von der Spielanlage eher passive Teams etwas leichter tun werden, sollten sie die erste Runde überstehen. Auf alle Fälle wird die Kondition entscheidend. Es wird nicht passieren, dass ein aufopferungsvoll kämpfendes Team vom Schlage eines Atletico Madrid hier durchmarschiert.