Spanien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Das dominante Team der letzten Jahre, und trotzdem kriegt Spanien im Vorfeld dieser WM nicht mehr den ganz großen Favoritenstatus zugespielt: Woran liegt’s? Die Annahme, ein Team kann einfach nicht immer gewinnen, ist eine irrationale. Viel greifbarer sind die Dinge wie langsame Alterung, der zuletzt eher zähe Titel-Run 2012, und, viel mehr noch, die konditionelle Verfassung in schwül-heißen Gefilden und Spielweise der Seleccion.

Spanien hat sich in den letzten Jahren als extremst wandelbar gezeigt und von 4-3-3 über 4-2-3-1 über 4-5-1-0 so ziemlich alle großen Trends im Weltfußball vor- und mitgemacht, aber im Confed-Cup vor einem Jahr fiel auf, dass diese Offensivpressing-Maschine in klimatisch extremen Bedingungen (wie eben in Brasilien) nicht über mehrere Wochen durchhält. Es mag an mangelnder Ernsthaftigkeit gelegen haben oder woran auch immer, aber Spanien war spätestens im Halbfinale schwer angeschlagen, und war im Endspiel komplett shot, läuferisch drei Meter unter der Erde.

Diese Ballbesitzorientierung, dieses ständige Verlangen, Pressing zu spielen und somit dem Gegner den Ball abzujagen, kostet Kraft – ähnlich viel Kraft wie das Wetter in Brasilien. Das ist ein greifbarer Grund, weswegen Spanien diesmal vielleicht Probleme kriegen könnte.

Wie man die Spanier in Nöte bringen kann, haben in den letzten Jahren Mannschaften wie Portugal (EM-Halbfinale 2012) oder Italien und Brasilien (Confed-Cup 2013) eindrucksvoll gezeigt: Eigenes Gegenpressing oder einfach nur gezielte Phasen mit Pressing. Das schmeckt der spanischen Mannschaft nicht, aber es sind eben nur wenige Mannschaften in der Lage, hohes Pressing gegen die rote Furie zu spielen – und die, die es könnten, trauten sich zu selten.

Mögliche Aufstellung der Spanier mit Sturmspitze Diego Costa

Mögliche Aufstellung der Spanier mit Sturmspitze Diego Costa

Spanien hat diesmal potenziell einige Sollbruchstellen. Die rechte Abwehrflanke ist mit Juanfran eher notdürftig besetzt, und im Tor dankt #1 Casillas immer noch einem Kopfball in der 93. Minute CL-Finale, dass er nicht zum Trottel der Nation erklärt wurde. Casillas wird mehr deswegen spielen, weil er als Kapitän Hausmacht und wichtig für Stimmung und Zusammenhalt im Team ist.

Die entscheidenden Stellen im spanischen Spiel sind aber ohnehin in Mittelfeld und Angriff zu finden, denn dort steht und fällt die spanische Spielweise, und dort liegt auch primär das Geheimnis, dass diese Mannschaft so wenige Gegentreffer bekommt: Sie gibt einfach zu selten den Ball her, und wenn sie es doch tut, luchst sie ihn sich schnell wieder zurück.

Es gilt als relativ sicher, dass Head Coach Del Bosque wieder versuchen wird, mit #16 Busquets und #14 Xabi Alonso (oder #4 Martinez) das zentrale Mittelfeldpärchen zu bilden. Es gilt auch als sicher, dass die Legende #8 Xavi noch einmal die zentrale Anlaufstelle für die Offensive sein wird, aber man darf durchaus fragen, in welcher Verfassung Xavi antreten wird: Der wichtigste Mann des spanischen Erfolgswunders ist mit mittlerweile 33 Lenze nicht mehr ganz der schnellste und war in manchen Spielen fast schon – Achtung, Gotteslästerung – ein Bremsklotz.

Knackpunkt wird auch sein, wer ganz vorne spielt: Die berühmte „Falsche Neun“ in #10 Fabregas oder der echte Mittelstürmer #19 Diego Costa. Costa kommt aus einer sensationellen Saison, ist aber trotz Pferdeblut wohl noch nicht ganz fit, und er ist vom Verein ein direkteres Spiel gewohnt, als es sich die kurzpassverliebte spanische Elf auf die Fahne geschrieben hat. Beweismaterial von Costas Integration in dieser Mannschaft gibt es nicht viel – gegen Italien im März funktionierte das aber eher dürftig. Mit einem Costa wird Spanien wohl fast sicher direkter spielen als mit jeder anderen Sturmlösung.

Das Spiel mit einem Fabregas als der berühmten Falschen Neun funktionierte in der Vergangenheit immerhin zufriedenstellend, aber Fabregas hat keine gute Saison gespielt. #7 Villa und #9 Torres dürften zu Notfalloptionen verkommen sein; bei einem Torres ist der sportliche Abstieg seit minimum vier Jahren offensichtlich, und bei Villa war nicht zuletzt im CL-Finale erkennbar, dass auch er längst nur noch ein Schatten alter Tage ist.

Als verkappte Flügel hinter dem Stürmer werden wohl zwei aus dem goldenen Trio #6 Iniesta, #21 Silva und #17 Pedro agieren. Iniesta ist dabei logisch der Star, aber unterschätze einen Pedro nicht: Pedro wurde heuer bei Barca oft geopfert, weil man dort den 80-Mio. Mann Neymar auflaufen lassen musste, aber ehrlicherweise funktionierte Barca mit Pedro stets besser. Und Pedro ist rein zufällig der Mann, der in der Nationalelf häufig den Job als Goalgetter übernahm: Letzte 21 Partien – 12 Tore für Pedro.

Beeindruckend an diesem Team ist weiterhin ihre Flexibilität und die sensationelle Kadertiefe, die auf Auswahlebene am ehesten mit jener der heutzutage besten Vereinsmannschaften mithalten kann. Ich erwarte aber aufgrund der ausgeführten Zweifel, dass diesmal früher oder später jemand den Erfolgslauf der Furia Roja stoppen wird.

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12 Kommentare zu “Spanien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

  1. Zurück aus Graz, das war einfach megageil. 9.500 Zuschauer und Österreich besiegt Frankreich 28:9 in einer unglaublichen Atmosphäre. NFL London hat da abgesunken dagegen. Freu mich schon auf Samstag mit dem großen Finale gegen Deutschland im Happelstadion.

    ORF Sport+ zeigt hoffentlich eine Wiederholung…

  2. So ist es, ebenso auf Eurosport 2:

    Das Spiel um Platz 3 und das Finale werden
    sowohl auf ORF Sport +, im Livestream der TV Thek (http://tvthek.orf.at/live) und auf Eurosport 2 live übertragen.
    Um 0:40 Uhr in der Nacht auf Sonntag wird auf ORF1 noch eine Highlight Zusammenfassung gezeigt.

  3. Musste direkt nochmals nachlesen. Top Vorschau!
    Spanish Armada crushed by the Flying Dutchmen

  4. Pingback: WM-Caipirinha 2014, Spanien vs Niederlande | Gruppe B | Sideline Reporter

  5. Pingback: Abgesang des Weltmeisters: Spanien – Chile | Gruppe B | Sideline Reporter

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