Deutschland in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Deutschlands fantastische Nationalmannschaft dürfte jedem Leser hinlänglich bekannt sein. Betont werden muss aus der Außenperspektive, dass es den Deutschen nicht bewusst ist, welch großartiger Botschafter diese Elf im Ausland ist, wie ehrfurchts- und respektvoll zum Beispiel die Italiener – die es seit jeher als Hauptaufgabe sehen, Deutschland zu schlagen – über die Mannschaft von Joachim Löw sprechen. Es ist nicht nur ein sportlich und ästhetisch großes Produkt, es ist auch Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung mit einem Özil, Boateng oder Khedira als Leistungsträger in der ersten Mannschaft.

Trotz allem wohl die Wunschformation der deutschen Elf im 4-2-3-1

Trotz allem wohl die Wunschformation der deutschen Elf im 4-2-3-1

Schon unter Klinsmann wurde der Mannschaftsgedanke ganz groß geschrieben, und auch der Stab unter Löw versuchte hernach stets, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass sich die Nationalelf einspielen konnte und auf und neben dem Platz zu einer verschworenen Einheit würde. Das wird auch 2014 ein Ziel gewesen sein, aber ein hehres Ziel ohne die notwendigen Leute bleibt halt oft ein unerreichbares Ziel. Deutschlands Vorbereitung war durch extrem viele Verletzungsausfälle geprägt, und man sollte nicht unterschätzen, was das für die Eingespieltheit dieser Jungs bedeutet. Das Achtelfinale ist noch drei Wochen entfernt, insofern bleibt Zeit, aber Deutschland hat eine hinreichend schwierige Gruppe erwischt, dass du nicht im Vorbeigehen mit einem lockeren ersten Platz rechnen kannst.

Ich sehe drei Knackpunkte:

  • Außenverteidiger. Im heutigen Spitzenfußball mit so vielen dynamischen Wingern sind zumindest gutklassige Außenverteidiger unerlässlich, und Deutschland hat nur Lahm, und selbst der könnte früher oder später als Stratege im defensiven Mittelfeld gebraucht werden. Bleiben Leute wie Durm oder Boateng für den LV und Lahm oder Großkreutz für einen RV – das kann man angesichts der sonstigen Kaderbesetzung durchaus als „Sollbruchstelle“ benennen. Aber es ist nicht das größte Fragezeichen.
  • Schaltzentrale. Schweinsteiger und der Freelancer Khedira sind als angedachte Stammformation im 4-2-3-1 Grundsystem von Löw mehr als fragliche Optionen. Schweinsteiger wurde schon vor zwei Jahren erfolglos unfit durch das Turnier geschleust; Khedira spielte gemessen an seiner langen Kreuzbandverletzung ordentliche CL-Finals und Testspiele, aber in einem schwülheißen Brazil-Nordosten brauchst du topfitte Leute, und topfit wird Khedira kaum sein. Wird also Lahm in die Zentrale beordert? Lahm, der sich heuer noch einmal einen Schritt nach vorn entwickelt hat? Kann Lahm mit einem Kroos eventuell die Zentrale bilden? Wie wirkt sich das auf den deutschen Spielaufbau aus, wenn die Sechser/Achter nicht richtig eingespielt sind? Und wie löst man dann die geöffnete Bruchstelle auf RV?
  • Mittelstürmer. Der Optimalfall ist „Klose wird fit und läuft zu großer Form auf“, aber es ist ein Optimalfall der winzigen Hoffnung. Die Experimente mit dem Halbstürmer Götze funktionierten bisher eher bescheiden; Versuche, Müller, Schürrle oder Podolski in die Sturmzentrale zu stellen, könnten Optionen werden. Müller fände ich von der Idee her eigentlich am besten, aber für Löw scheint es eher keine Alternative zu sein. Eigentlich krass, dass Deutschland bei allen superben Angriffsspielern so gar keinen gescheiten Mittelstürmer mehr hat… bzw die, die man hat, humpeln (Klose) oder gar net dabei sind (Gomez).

Gemessen an den letzten Monaten und der Vorbereitung wird es auch eine Aufgabe werden, den phlegmatischen Özil wieder hinzubiegen. Özil kann an guten Tagen gegen starke Gegner mit zum Unterschied beitragen, aber in der aktuellen Form ist es besser, ihn auf der Bank zu lassen. Wo setzt Löw an?

Wo Deutschland unschlagbar ist, sind die Flügel. Ein Müller ist mit seiner fantastischen Laufarbeit trotz seiner larifari-Technik eine Bereicherung für jede Offensive, ein Götze und selbst Draxler sind nicht weit von Weltklasse, ein Reus ist längst Weltklasse und gehört seit zweieinhalb Jahren zu den drei besten Flügelstürmern der Welt. Es bleibt halt die Frage, wer vorne abschließt.

Die Chancen auf den Titel standen schonmal besser, aber damals waren die zentralen Mittelfeldspieler alle fit und in Topform. Sind sie diesmal nicht mehr, und deswegen zweifeln viele am Titeltraum.

Für mich muss es nicht der Titel sein. Das Resultat muss aber so gut sein und so überzeugend zustande gekommen sein, dass jede Diskussion über eine Abkehr vom vor zehn Jahren eingeschlagenen Weg („Wir brauchen wieder Typen!“) im Keim erstickt wird. Mit etwas Glück – und das Los bescherte nach der nicht einfachen Gruppe einen machbaren Weg zumindest ins Semifinale – kann es auch für den ganz großen Wurf reichen. Aber es ist ein Turnier, wo spätestens ab dem Viertelfinale viele Unwägbarkeiten mit entscheiden, Kleinigkeiten, die du nicht immer kontrollieren kannst. In den letzten Jahren liefen sie stets tendenziell gegen Deutschland. Wenn sie diesmal für Deutschland laufen, kann es trotz der bekannten sehr fraglichen Punkte zum viel zitierten vierten Stern langen.