Argentinien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Argentinien ist einer der heißesten Namen vor dem WM-Turnier 2014 und ein Weltmeister-Tipp vieler. Dabei ist diese Mannschaft extrem schwierig einzuschätzen. Ich habe Argentinien in den letzten drei Jahren vielleicht zwei- oder dreimal in Sportcafés gesehen, und immerhin fiel auf, dass die Mannschaft strukturierter wirkt als vor der deprimierenden WM 2010, wo sie nach eigentlich vielversprechendem Beginn von Deutschland in seine Einzelteile zerlegt wurde und auch mental in ein tiefes Loch gefallen war.

Trotzdem liest man oft, dass Coach Sabellas das argentinische Spiel dem größten Star #10 Messi angepasst hat: Messi als die prototypische Falsche Neun, die vom linken Flügel hinein in den Strafraum stößt um dort entweder selbst abzuschließen, oder den Doppelpass mit oder die Vorlage für die beiden Stürmerkollegen #9 Higuain und #20 Kun Aguero zu suchen. Es ist ein 4-3-3 System, das Sabellas spielen lässt, das vor allem drauf gründet, dass Messi als Freigeist auf der halblinken Seite agierend die Lücken aufreißt. Es ist der Anti-Scolari, der seinem Superstar Neymar gerade das nicht gestattet, um mannschaftliche Kohärenz zu bewahren.

Das sehr frei ausgelebte 4-3-3 der Argentinier mit der zentralen Figur Messi

Das sehr frei ausgelebte 4-3-3 der Argentinier mit der zentralen Figur Messi

Die Argentinier können sich dieses Freelancing erlauben, weil Baby: Messi, Kün, Higuain als offensivstes Trio, und dahinter in #7 Angel Di Maria einen dynamischen Antreiber vor dem Herrn, den besten Spieler des CL-Finals, den Mann, den alle immer schon unterschätzten, weil er Teamkollege von Messi und Ronaldo ist. Di Maria fällt dir vielleicht zuerst durch die Scheusale auf seinen Armen auf, aber wenn der Mann mal antritt… viel besser geht kaum. Di Maria muss unter Sabellas disziplinierter spielen als Messi, aber in einer Mannschaft, die vor allem auf schnelles Umschalten von hinten heraus und individuelle Klasse vorne baut, ist er das wichtigste Bindeglied.

Alles hinter dem Goldenen Quartett ist bei den Argentiniern suspekt: Tormann #1 Romero zum Beispiel hat diese Saison fast nie gespielt, versauerte in Monaco auf der Bank. Die Verteidigung hat große Personalprobleme auf beiden Flanken, die Innenverteidigung wird wohl von einer Stammformation #2 Garay / #17 Fernandez gebildet: Garay ist zwar von einem FC Bayern umworben, aber hat mit 27 Lenzen erst 17 Länderspiele, Fernandez ist unter Napoli-Fans extrem umstritten. Immerhin: Beide sind Türme über 1,90m und schwierig in der Luft zu bewingen. Aber wenn deine erste Abwehralternative der fußlahme #15 Demichelis (gefühlte 22sek über 100m) ist, meine Fresse.

Da wird ein zentraler Defensivmann vor der Abwehr wie #14 Mascherano schnell zum Troubleshooter. Mascherano soll sich diese Saison eher eine Auszeit gegönnt haben, dürfte körperlich aber immerhin fit genug sein. Er soll gemeinsam mit dem vor Jahren bei Real Madrid gescheiterten #5 Gago (mittlerweile 28 Jahre alt) Di Maria und dem Stürmertrio den Rücken freihalten.

In Summe ist das für mich ein echtes dark horse. Die Offensive ist wahnsinnig in der Stammformation, aber mit einem #23 Lavezzi sitzt nur noch ein weiterer Stürmer von internationalem Format auf der Bank. Aber die Defensive ist ein Wagnis. Sie ist nicht unterirdisch, aber Argentinien hat ähnlich wie Deutschland durchaus gewagte Außenverteidiger und dazu unähnlich Deutschland ein Sicherheitsrisiko im Kasten.

Ich kann verstehen, warum Argentinien zu einem Mitfavoriten gehypt wird – wenn die Offense klickt, ist sie kaum zu stoppen – allzu gut ausbalanciert scheint mit dieses Team nicht zu sein. Dazu kommt das Fragezeichen Messi: Der Mann soll einer eher schwache Saison gespielt haben – nur 36 Tore in 35 Spielen in einer auf Tore gepolten Mannschaft wie Barcelona ist immer noch nahe Weltklasse, aber gemessen am von ihm selbst gesetzten Standard ist das so naja. Und Messi hing schon in seinen besten Jahren der Ruf nach, in der Nationalelf („Albiceleste“) nur großartig anstelle von episch zu sein. Messi braucht aber einen Titel. Er braucht den Titel um in seiner Heimat (die er früh verließ) einem Maradona gleichgestellt zu werden. Messi ist vielleicht der beste Stürmer aller Zeiten, aber ohne WM-Pokal wird seine Weste immer befleckt bleiben.

Das Los für Argentinien ist günstig. Es kann reichen, aber wenn der Angriff einmal in vier Playoff-Spielen nicht klickt, wird die Titelmission zum Harakiri-Ritt.

Italien in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Heute: Italien. Das Schreckgespenst. Das Land, das nicht mehr weiß, wohin es gehört und wohin es sich orientieren soll. Das nur in einem weiß, was wirklich wichtig ist: Ein Chaot wie der Italiener ist, im Fußball kennt er keinen Spaß. Es gibt Tage, an denen denke ich mir, sie lassen zuerst den Staat den Bach runtergehen, bevor der calcio dran glauben muss.

Da passt ein Cesare Prandelli wie Arsch auf Kübel in dieses Bild. Prandelli ist ein famoser Taktiker, ein kühler Kalkulator. Prandelli aber reicht dieses Bild nicht. Er wollte als großer Staatsmann in die Historie des Fußballs eingehen. Stellte mit pompösen Gesten einen Ethik-Code auf die Beine der das neue Italien symbolisieren sollte, nur um zwei Tage später, bei der ersten Gelegenheit, schon wieder alles den Bach runterzuwerfen. Balotelli hatte mal wieder einen auf Balotelli gemacht. Und Prandelli begnadigte Balotelli. Italienischer geht es nicht: Wegen solcher Waschlappen funktioniert dieser Staat nicht, aber wegen solchem Pragmatismus funktioniert der calcio.

Prandelli ist somit die Galionsfigur nicht nur einer mitfavorisierten Mannschaft, sondern eines ganzen Landes. Folgerichtig verlängerte er auch schon vor dem Turnier den Vertrag als commissario tecnico um zwei weitere Jahre.

Nach Brasilien schickt er eine erschreckend stabile Mannschaft, der der ganz große Zauber wie immer abgeht, die aber mit ihrer berechnenden und gar nicht so kraftaufwändigen Spielweise im tropischen Klima durchaus eine Gefahr darstellt. Lass dich bloß nicht von der sieben Spiele währenden Serie ohne Sieg täuschen, lass dich nicht von einem 1:1 vs Luxemburg blenden: Italien wird bereit sein, wie fast immer.

Mögliche 4-3-1-2 Stammformation der Italiener

Mögliche 4-3-1-2 Stammformation der Italiener

Italien kann durchaus gut pressen, aber auch verblüffend abwartend spielen, wie letztes Jahr im Semifinale des Confed-Cups, als man Spanien zu sich runter zog und erst unverdient im Elferschießen verlor. Die Defensive ist egal in welcher Formation immer noch eine der stabilsten mit den beiden Juve-Holzhackern #3 Chiellini und #19 Bonucci, die vor allem in der Luft kaum zu bezwingen sind. Im Kasten steht mit #1 Buffon eine Legende, die allerdings längst nicht mehr jeden Ball festhält und von einigen hinter vorgehaltener Hand schon nur noch als zweitbester Keeper im Lande (hinter PSGs Sirigu) bezeichnet wird.

Die in Italien stets omnipräsente Systemfrage beantwortet Prandelli mittlerweile mit seinen Versuchen, ein flexibles Team einzustellen. Prandelli übernimmt nur noch selten das 3-5-2 von Juventus, sondern versucht, im Kern seine patentierte 4-3-1-2 Formation aufzustellen, wobei ihm jetzt kurz vor dem Turnier nach dem Beinbruch von Montolivo eine ganz zentrale Figur abhanden gekommen ist.

Prandellis rotierender Mittelfeldkern ist um den bissigen #16 De Rossi (der in einer 3-5-2 Variante zurück in die Abwehr beordert wird) und den Passgeber #21 Pirlo (mit 36 das letzte große Turnier, oder?) gebaut, aber ohne den für die Kurzpässe zuständigen Montolivo könnte einiges an Effizienz verloren gehen. Als Fixstarter gilt #8 Marchisio, der Arbeiter von Juventus, bei dem nur die Frage ist, ob er tendenziell vor oder hinter Pirlo aufgestellt wird.

Die Schaltstelle Montolivo kann nicht 1:1 gleichwertig ersetzt werden, aber mit dem eher defensiv ausgerichteten #6 Candreva oder dem eher offensiven Wusler #23 Verratti hat Prandelli diverse Optionen, seine Mannschaft dezent in die eine oder andere Richtung vertikal zu verlagern.

Ganz vorn ist die Diskussion um die Stürmerpositionen längst entflammt. Der in Italien relativ unbekannte Giuseppe Rossi (geboren in den USA, spielte dann lange für ManUnited und Villareal) wurde nach einer langwierigen Verletzung trotz guter Form aus dem Kader gestrichen, dafür durfte der unbeliebte #10 Cassano, der schon des öfteren negative Kommentare über die Nazionale abgelassen hat, mit nach Brasilien. Cassano ist kein klassischer Mittelstürmer, eher so ein Zulieferer aus der „eineinhalbten“ Reihe. So ein Typ ist auch #21 Insigne von Napoli, der noch mehr die hängende Spitze ist und eventuell auch als Flügelstürmer einsetzbar wäre.

Haushoher Favorit auf den einen Stammplatz ganz vorn ist #9 Balotelli. Balotelli ist eine Symbolfigur, ein Bulle, der in motiviertem Zustand zu den besten im Land gehört. Aber Balotelli ist ein Spinner. Du kannst sein Hirn aufschrauben um nachzusehen was drin ist, aber nicht enttäuscht sein, wenn du nichts findest. Balotelli ist in gewissem Sinne eine Symbolfigur, rassistische Beleidigungen und Ausraster zum Trotz, und er ist für Prandelli wichtig genug um besagte Ethik erstmal an zweite Reihe zu stellen. Balotelli ist kein fauler Hund. Will er, ackert er über 90 Minuten, und auch wenn sein Positionsspiel in Teilen verbesserungswürdig ist, seine rohe Schussgewalt ist nicht nur den Deutschen noch in schmerzhafter Erinnerung.

Als Balotellis direkter Ersatzmann könnte #17 Immobile von Torino fungieren, der neue Lewandowski in Dortmund, ein junger Stürmer mit manchmal fragwürdiger Defensivarbeit, aber einer mit Drang zum Tor. Immobile muss mit der „verfluchten“ Unglücksnummer 17 auflaufen, in Italien seit jeher Symbol analog der 13 im angelsächsischen Raum.

Die Italiener sind unter Prandelli einen Tick moderner als ihr Ruf. Sie sind trotz der mutigeren Grundausrichtung am besten, wenn sie mit Führung spielen können. Sie sind trotz der mutigeren Grundausrichtung immer noch relativ anfällig dagegen, Rückstände aufzuholen und sie können einem gleichwertigen Gegner nicht wirklich den Stempel aufdrücken. Aber sie haben Waffen. Sie können dank Pirlos wunderbarer Schusstechnik Standards und haben auch um Chiellini mehrere kopfballstarke Hünen um für Gefahr zu sorgen.

Die Italiener sind nicht der Topfavorit, aber sie sind mit ihrer ökonomischen Spielweise umso gefährlicher je länger das Turnier geht. Und wenn sie in einem Halbfinale wie auch immer in Führung gehen, garantiere ich für nix…