Die Afrikaner in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Man wird gar nicht mehr fertig, wenn man über die Gründe diskutiert, die Afrikas Fußball seit Jahren weiter unten halten als es das Spielermaterial eigentlich hergeben würde. Fix ist nur eins: Der Fisch stank bisher stets vom Kopf her, und wenn die Verbände es nicht gebacken bekommen, Struktur in einen Laden zu bekommen, wie sollte es die sportliche Leitung hinkriegen?

Insofern ist bei den Afrikanern eine Positive, dass der Afrika-Cup nur mehr in ungeraden Jahren ausgespielt wird und der bisherige Panik-Button somit entfällt: Weniger Mannschaften, die mit völlig neuen Coaches in das WM-Turnier gehen, dafür sogar einige Teams wie Nigeria oder Ghana, die sich einen einheimischen schwarzen Coach halten anstelle des üblichen Noteinkaufs eines europäischen Coaches, der eh nie seine Spielidee einführen konnte, weil er vor deren Entwicklung schon wieder passé war.

Andererseits sprießen auch schon wieder die Geschichten von den üblichen Prämienstreitereien, diesmal Variante Kamerun, die Reports zur Folge fast Testspielstreiks hervorgerufen hätten.

Nigeria

Afrika hätte eine ganze Latte an Weltklassespielern zu bieten, aber Afrika braucht Struktur. Nigeria ist unter dieser Prämisse fast schon wie ein leuchtendes Beispiel zu sehen: Coach ist Stephen Keshi, der in den drei Jahren dort eine robuste, aber durchaus positiv spielende Mannschaft aufgebaut hat, die eine klare Handschrift trägt. Keshi hat in den 2-3 Jahren seiner Arbeit bei den Super Eagles eine radikale, auf schnelles und direktes Offensivspiel umschaltende Spielweise eingeführt, die im Kern an einen Klopp erinnert und schon deshalb bei mir allerhöchste Sympathie genießt.

Keshi ist wie ein Scolari ein Typ, der nicht zwingend die besten Spieler einberuft, sondern durchaus auf Kohärenz im Mannschaftsgefüge achtet und die potenziellen Selbstdarsteller allesamt zuhause lässt.

Basis der Nigerianer ist eine sattelfeste Abwehr um den England-Legionär Omeruo (Middlesborough) und die famosen Außenverteidiger Ambrose und Echijile, die vor dem für afrikanische Verhältnisse ungewohnt sicheren Goalkeeper Enyeama (Lille) einen Vertrauen erweckenden Wall bilden. Eine solche Abwehr und ein Mittelfeldkern um den Chelsea-Mann Obi Mikel ist immer ein gutes Gerüst. Mikel ist eine der Schlüsselfiguren für das schnelle Spiel nach vorn.

Dort tummeln sich mit Leuten wie Moses, Musa oder dem Russland-Legionär Emenike mehrere Kräfte Marke „1C-Garde international“, sprich: Zur absoluten Weltklasse fehlt diesen Jungs allen noch einiges, aber als Tandem oder Trio sind sie durchaus erschreckend gefährliche Leute. Keshi hat mit Obasi und dem Stinkstiefel Odemwingie dazu noch zwei international bekanntere Leute zuhause gelassen.

Die Nigerianer erwarten diesmal von ihrer Mannschaft recht wenig, was ein Vorteil sein könnte. Von ausschweifenden Diskussionen über Prämien (zuletzt vor dem letzten Afrikacup 2013 ein Thema) hat man bisher wenig gehört, die Gruppe ist mit Argentinien, Iran und Bosnien durchaus machbar, und hernach könnte sogar ein gutes Achtelfinal-Los warten. Ohne allzu viel verschreien zu wollen, aber die Nigerianer sind recht gut aufgestellt.

Ghana

Die Ghanaer haben sich bei mir mit dem herzzerreißenden Viertelfinal-Aus vor vier Jahren einen Platz ganz tief drin in der Herzkammer gesichert, als sie im großartigsten Turnierspiel der letzten zehn Jahre auf fassungslose Weise aus dem Turnier flogen.

2010 ist passe, die Ghanaer 2014 sind da: Sie stehen ähnlich wie Nigeria für relative Kontinuität (Maßstab ist dabei aber immer Afrika) und auch sie haben mit Kwesi Appiah einen einheimischen Coach, der seit vielen Jahren im Verband arbeitet und vor fünf Jahren auch verantwortlich für den U20-WM Titel war. Aus dieser Mannschaft sind einige, aber längst nicht alle Spieler mittlerweile Stützen in der ersten Elf.

Appiah gilt als Coach, der es versteht, schwierige Typen in Zaum zu halten; er vermied es bisher, potenzielle Spinner wie einen Ayew oder einen Muntari zu feuern, da er sie soweit in das Team einfügen konnte, dass sie wertvolle Arbeit leisten – ein Muntari zum Beispiel leistete bei Inter und Milan bedeutend bocklosere Abwehrarbeit im Vergleich zu dem, was er in Ghana spielt.

Ghana hat seit dem Abbau vom einstiegen Abräumer Essien keinen wirklichen Weltklassemann mehr, aber vor allem in den offensiven Gefilden liest sich die individuelle Klasse schon stark: Ayew, Muntari, Boateng, Gyan, Acquah sind alles Leute von internationalem Format, und sie sind nach Jahren der kontinuierlichen Zusammenarbeit relativ gut eingespielt. Die Probleme sind hinten zu finden: Es gibt keinen Tormann, den man guten Gewissens in die Kiste stellen will, und die Verteidigung ist der reinste Hühnerhaufen. Das mag gegen durchschnittliche Gegner noch gut gehen, aber wenn Top-Offensiven kommen, sieht das schnell so aus wie in der Anfangsphase des Testspiels gegen Holland. Ghana kriegt in der Gruppenphase mit Deutschland und Portugal zwei durchaus gefährliche Angriffsreihen vorgeschmissen…

Ausgeschlossen ist eine Achtelfinalqualifikation trotzdem nicht, aber es wäre ein leichtes Upset, wenn die Black Stars an Portugal vorbeischlüpfen.

Elfenbeinküste

Jahrelang sah man die Elfenbeinküste als bestes, komplettestes afrikanisches Team an, aber es reichte nie zum Durchbruch, unter anderem weil man zweimal eine schlechte Auslosung bei der WM hatte. Diesmal hat man eher Glück mit Griechenland, Kolumbien und Japan eine durchaus machbare Gruppe erwischt zu haben.

Coach ist mit Lamouchi ein Tunesier, der seit Jahren versucht ist, ein kohärentes Team zu formen, und im Verband offensichtlich genug Hausmacht besitzt, dass er nach dem letzten derben Abschneiden im Afrikacup 2013 nicht gefeuert wurde. Diese Hausmacht könnte allerdings auch in seinem Festhalten an den politisch wichtigen alten Stützen um Drogba gründen.

Lamouchi lässt fast immer im 4-3-3 System spielen, aber seine in-Game Taktiken variieren zu einem Grad, das ich an Würfelspiel glaube: Wo eine Elfenbeinküste vor etwa eineinhalb Jahren die Österreicher mit fassungslos gutem Pressing an die Wand nagelte, sah man davon bei besagt schwachem Afrikacup fast nix mehr.

Lamouchi ist berüchtigt für seine konventionelle Personalpolitik: Als Flügelspieler darf immer noch häufig der mittlerweile sehr banale Kalou auflaufen, während ein Ya Konan häufig auf der Bank versauert. Der linke Flügel Gervinho ist längst nicht internationale Klasse, und weil Lamouchi seinem Mittelfeldanker Yaya Toure – berechtigt oder nicht – extreme Freiheiten lässt, sehen seine Mittelfeldzentrale und Flügelverteidiger öfter Druck als ihnen lieb sein kann.

Lamouchi lastet man auch an, sich der Meinung von Kapitän #11 Drogba zu beugen: Drogba ist ohne Zweifel eine Legende im Staat und der bekannteste Fußballer, den dieses Land je herausgebracht hat, aber Drogba beschloss per einstweiliger Verfügung seine alleinige Macht im Team und sortierte seine gefährlichsten Positionskonkurrenten Traore und Doumbia eigenhändig aus um selbst ein letztes Halali blasen zu können.

Individuell ist das Team also an einigen wichtigen Stellen gut besetzt. Aber die Hierarchie im Team ist eher suspekt und Problemzonen auf den Flügeln könnten den Ivorern die Suppe versalzen. Elfenbeinküste 2014 liest sich in etwa so wie die gescheiterten afrikanischen Hoffnungen um Kamerun 2002 oder Nigeria 1998: Klasse besetzte Mannschaften, die aufgrund der zu starken Ausrichtung an ihren Individualisten scheiterten.

Kamerun

Bleibt von den Schwarzafrikanern Kamerun, die bezwingbaren unbezwingbaren Löwen. Volker Finke ist dort seit eineinhalb Jahren Coach, und er hat „sein“ 4-3-3 installiert, das sich aber oft wie eine Art Notfalloption anfühlt und bei dem man noch nicht so recht weiß, wie es beim heimlichen Coach Samuel Eto’o ankommt.

Eto’o ist irgendwas zwischen 33 und 39 Lenze und im Spätherbst seiner (großen) Karriere, aber er ist gleichzeitig auch ein ähnlicher Typ wie Drogba, der gerne mal ein Wort zu viel in der Mannschaftsaufstellung und -ausrichtung mitzureden hat. Eto’o wollte die Nationalmannschaft mehr als einmal bestreiken, wenn ihn der Coach nicht auf dem linken Flügel aufstellt, aber zuletzt in den Testspielen gegen Paraguay und Deutschland war er doch wieder vermehrt im Zentrum zu finden.

Eto’o kann immer noch gut schießen und 1-vs-1 Situationen gewinnen. Er ist aber nicht mehr die unumstrittene alleinige Waffe im kamerunischen Spiel: Aboubakar und vor allem auch Choupo-Moting sind durchaus ebenbürtige Stürmer. Mouting zu einem größeren europäischen Club? Halte ich nicht mehr für unmöglich und würde ich unterschreiben.

Die Mittelfeldzentrale bei den robusten und oft ungestümen Kamerunern ist relativ kompakt, aber zu langsam im Umschalten nach vorn, weswegen viele Chancen im Spielaufbau liegen gelassen werden. Besagte Zentrale täte aber oft gut daran, noch mehr Unterstützung nach hinten zu liefern, denn dort ist man teilweise ein arger Hühnerhaufen: Wie man zum Beispiel in Kufstein von einer B-Elf Paraguays auseinandergenommen wurde, war schon sehr deftig.

Trotz aller Probleme: Kamerun hat keine unmögliche Gruppe erwischt: Brasilien wird außer Reichweite sein, aber wenn die Defensive halbwegs hält, ist gegen Kroatien und das durchaus banale Mexiko eine Überraschung drin. Viel weiter wie Achtelfinale (vs ESP, NED oder CHI) dürfte es aber sowieso nicht gehen.

Algerien

Um mal die rassistische Keule zu schwingen: Nordafrikaner sind für mich fußballtechnisch gesehen nicht zwingend „Afrikaner“. Das liegt an ihrer oft viel kühleren, weniger athletischen Spielweise, die ganze Kultur ist irgendwo eine andere, die Verbände sind etwas weitsichtiger (nicht unbedingt sippenbefreiter) und die Stürmer fehlen gänzlich.

Algerien ist für mich eine schwierig einzuschätzende Mannschaft. Teamchef ist mit Vahid Halilhodzic so ein Weltenbummler, der vom Balkan über Frankreich über Afrika und die arabische Halbinsel so ziemlich alles schon gesehen hat, und tendenziell immer versucht, ein proaktives Spiel zu implementieren. Spielerisch pflegten die Algerier in den letzten Jahren immer einen recht netten Fußball, aber was der Sturm vor dem Tor so produzierte, spottete jeder Beschreibung und kannste getrost in die Tonne kloppen.

Nun gibt es im jungen Islam Slimani von Sporting Lissabon einen angeblichen angehenden Klassestürmer, und wenn Slimani nur ansatzweise zwischendurch den Kasten trifft, könnte für die Algerier schon eine kleine Überraschung in einer Gruppe mit Belgien, Russland und Südkorea drin sein. Wie gesagt: Nur, wenn Slimani oder ein Kollege wider Erwarten doch mal den Kasten trifft.

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