Europas Zöglinge in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Nach den drei europäischen Fußball-Supermächten und der zweiten Garnitur Europas wollen wir die letzten Vertreter unseres Kontinents zur WM 2014 natürlich auch gebührend einführen. Es sind sechs Nationen, die jede für sich nicht die individuelle Klasse besitzt um ernsthaft in ein Titelrennen eingreifen zu können, die aber auf ganz eigene Wege Türen zu einer Überraschung suchen.

England

Die stolzen Engländer gehen mit viel Kleinschiss ins Turnier: Man traut der eigenen Mannschaft so gar nix zu. Dabei wäre vor allem der offensive Part dieser Mannschaft personell gar nicht so schlimm besetzt. Coach Hodgson hat in den letzten zwei Jahren viel daran gearbeitet, eine positivere Spielweise im Vergleich zur doch eher (notgedrungen) destruktiven EURO 2012 einzuführen. Der Pragmatiker Hodgson gilt als Anhänger der offensiv-pressinglastigen Spielsysteme, wie sie heuer Teams wie Liverpool in der Premier League praktizierten.

Man sagt Hodgson nach, ein 4-3-3 spielen zu wollen, mit einem Rooney in der Rolle des offensiven Mittelfeldmanns – man könnte das System durchaus auch als 4-2-3-1 auslegen. Als ausgemacht gilt, dass der famose Sturridge als vorderster Stürmer spielt. Von den Flanken könnten Leute wie die 19jährige Granate Sterling und der andere Überraschungsmann der Saison, Lallana von Southampton, kommen. In der Mittelfeldzentrale ist nur Kapitän Gerrard gesetzt. Sein Nebenmann wird tendenziell eher ein defensiv ausgerichteter Mann sein.

Probleme personeller Natur haben die Engländer in der Abwehr und im Tor: Hier ist man nicht wirklich hochklassig besetzt. Einige der bekanntesten Namen der letzten Jahre (Ferdinand, Terry, Cashley) sind hier aus verschiedenen Gründen (u.a. Team-Chemie) seit Jahren kein Thema mehr. Wenn ein Cahill als Defensiv-Anker herhalten muss, dann vui Spaß. Tormann Hart ist… ein englischer Tormann.

Ich finde den ersten Anzug der englischen Offensive durchaus attraktiv sehenswert. England wird auf alle Fälle proaktiver spielen als von den letzten Turnieren gewohnt. England wird durchaus einige Varianten im Offensivspiel anzubieten haben. England wird mit Jungs wie Sterling, Lallana, Sturridge oder Ricky Lambert auch wieder ein Team stellen, für das man sich erwärmen wird können – das hatte ich seit meiner ersten großen WM 98 nicht mehr. Das Überstehen der Vorrunde ist mit Uruguay und Italien kein Selbstläufer, aber sollten die Engländer das schaffen, kann es dank günstiger Auslosung durchaus auch schnell ins Viertelfinale gehen.

Schweiz

Das eidgenössisch-internationale Ensemble von Ottmar Hitzfeld ist einer dieser Hidden-Champs der WM: Ein Team, das als Gruppenkopf ins Turnier geht und eine gute Gruppe erwischte, eine attraktiv spielende Mannschaft aus einem sehr kleinen Land. Man kann es gar nicht hoch genug einschätzen, wie diese Schweizer in so vielen Sportarten immer wieder mehr als respektable Produkte auf die Beine stellen.

„Gruppenkopf“ mag dieses Team vielleicht leicht überschätzen, aber so viel dann auch wieder nicht: Man absolvierte die Qualifikation souverän und schaffte den Cut weg von der unansehnlichen, harmlosen 2010er-Version, die nach dem Zufallstreffer gegen die Spanier so gar nichts mehr zustande brachte. Hitzfeld dachte wohl in der Folge um, implementierte ein 4-2-3-1 und lässt seither einen wuschigen Mix aus Ballbesitzfußball und Kontertaktik laufen. Man ist sowas wie „Deutschland 2010“ light geworden, mit klar trennbaren Gefilden.

Hinten stehen die Routiniers um Djourou oder Senderos, mit einer erfahrenen, knüppelharten Mittelfeldzentrale um die Napoli-Legionäre Inler, Behrami und Dzemaili im besten Alter vorgeschaltet. Vorne wirbelt die Youngsters: Bayerns Kampfgnom Shaqiri über den rechten Flügel, Stocker über links, Xhaka hinter der Spitze, die in den letzten Spielen fast ausschließlich vom 22jährigen Seferovic aus der spanischen Liga gespielt wurde. Das ist ein Offensiv-Quartett von mehr als internationalem Format.

Shaqiri wird hinter sich vom halsbrecherischen Lichtsteiner abgesichtert. Lichtsteiner ist ein sehr geachteter Juve-Flankenläufer, der zwar technisch nix drauf hat, aber sich mit seiner kompromisslosen Art Respekt verschafft, und so ist diese rechte Seite durchaus eine der großen Stärken. Der linke Flügel fällt im Vergleich etwas ab, aber das ist nicht so schlimm: Man sichert hinten gut ab und läuft nicht Gefahr, zwei, drei Gegentore im Spiel zu kassieren.

Hitzfeld hat leider keine Kadertiefe zu bieten. Mit zwei, drei Backups mehr im Gebälk hätte ich diese Mannschaft sofort in die Reihe mit Holland und Frankreich gestellt, aber nach der Topelf lässt die Qualität schnell nach. Trotzdem: Das Achtelfinale wäre keine überaus große Überraschung, und sollte es sogar als Gruppensieger erreicht werden, würde man wohl den Argentiniern aus dem Weg gehen.

Kroatien

Die Kroaten stellen eine ganz eigene, launige wie launische Mannschaft: Technisch extrem beschlagen, kampfstark, aber dann wieder so lethargisch, dass man sich fragt wie so eine Mannschaft geführt wird. Vor zwei Jahren dachte ich mir nach einem begeisternden Qualisieg über die Serben, Mann, was für ein Team! Ein Jahr später war der Coach jener Mannschaft, Stimac, sang- und klanglos gefeuert: Zu viel Experimentieren, zu wenig Esprit. Der neue Coach ist der früheren Bundesligaspieler Niko Kovac, bisher wenig als Trainer in Erscheinung getreten.

Die Stärke der Kroaten ist eher in der Offensive zu finden: Mittelstürmer Mandzukic ist einer der besten spielenden Stürmer, die du finden wirst, und er kriegt oft Unterstützung durch eine wühlende hängende Spitze, zumeist Olic, oder offensive Außenspieler wie Perisic. Mandzukic kann einer der wertvollsten Angreifer im Weltfußball sein, aber er wird ausgerechnet im größten Spiel der Kroaten fehlen: Im Eröffnungsspiel gegen Brasilien am Donnerstag – eine Rote Karte in der Quali sei „Dank“. Wer sein Ersatz sein wird, darüber kann man aktuell nur spekulieren, wenn es auch eine wahnsinnig gute Geschichte wäre, wenn es Eduardo da Silva würde – jener Brasilianer, der einst von den Kroaten eingebürgert die Hoffnungen einer ganzen Nation trug, bevor er von einem englischen Abwehrtreter fast den Haxen abgeschlagen bekam. Das ist Jahre her, Eduardo ist längst kein europäischer Oberklassestürmer mehr, aber ein Einsatz gegen Brazil wäre eine Top-Geschichte.

Kovac hat vor allem im Mittelfeld ein Luxusproblem: Mit Modric, Rakitic und Kovacic gibt es gleich drei fantastische Zauberzwerge, die du aber nicht wirklich alle zugleich bringen kannst, weil sie dann zusammen zwar dem Gegner Knoten in die Füße dribbeln, aber gegen den Ball schlicht überrannt werden: Dreimal technische Sahne, dreimal so physisch, da ist Monty Burns ein Brecher dagegen. Kovacic spielte sich bei Inter in einen Rausch, nachdem so viele so lange seinen Einsatz gefordert hatten, aber es ist schwer vorstellbar, dass er an den anderen beiden nach ihren Super-Saisons vorbeikommt.

Schwierig vorstellbar, dass Kovac alle drei zugleich bringt, wenn der einzige körperlich robuste Feinmotoriker Krancjar ausfällt – ein echter Sechser ist wahrscheinlicher. Zumal die Abwehr zwar im RV Srna einen international erfahrenen Captain hat, aber in der Innenverteidigung auf den alten Fascho Simunic (Nazi-Sperre) verzichten muss, und so neben Corluka eine klaffende Lücke entstanden ist.

Keine Ahnung. In lichten Momenten sind die Kroaten einer belgischen Mannschaft ebenbürtig. Aber diese kollektiven Aussetzer machen es für mich schwer. Die Physis ist nicht wirklich da. Überraschungen traue ich diesem Team genauso zu wie ein schnelles Vorrundenaus.

Bosnien-Herzegowina

Die Bosniaken kommen! Während in der Heimat alles in den Fluten versinkt, versucht sich das kleine Bosnien – endlich – in einem großen Turnier, das zuletzt so oft so knapp verpasst wurde. Jetzt darf man gespannt sein, was hinten raus springt: Das Team ist durchaus höchst attraktiv, aber oft auch etwas naiv und anfällig für Bolzen, die auch eine österreichische Mannschaft so häufig schießt – allein: Bosnien hat die bessere Offensive. Auf der anderen Seite: Bosnien hat genau null Möglichkeiten, seine Stammelf mit halbwegs gleichwertigen Backups zu ergänzen.

Mit den Bosniern zerbrach mir anno Neun das Herz, als sie Portugal in den WM-Playoffs abschossen, aber statt ins Netz nur die Pfosten tragen. Dann, zwei Jahre später, wieder das knappe Quali-Aus, trotz einiger fantastischer Spiele wie einer Partie, in der man Frankreich in Saint-Denis eine halbe Stunde lang komplett an die Wand spielte. Jetzt endlich ist man dabei. Und hofft, wenigstens eine gute Figur abzugeben.

Der Coach ist der international wenig bekannte Safet Susic, der das kleine Team in ungekannte Höhen führte. Susic ist ein Verteter davon, die besten Jungs aufzustellen und zu hoffen, dass sie irgendwie ein rundes Gesamtbild abgeben. Er muss um einen instabilen Defensivverbund herumbasteln, der extrem anfällig gegen schnelle Gegenstöße und für eigene leichte Ballverluste ist. Er installierte zuletzt sogar den Schalker Kolasinac um die Zentrale zu stärken, und Kolasinac avancierte mit seiner Laufbereitschaft zu einem kleinen Nationalhelden.

Vorne wirbeln die Big-Three: Misimovic hinter den Spitzen, und ganz vorne Dzeko und Ibisevic. Ibisevic wird gerne nominell als Flankenspieler auf rechts aufgestellt, trabt dann aber gerne dem Dzeko auf die Füße. Richtiger Flankenläufer ist in Bosniens Elf sowieso ein anderer: Lulic, der rechte Mittelfeldmann, ein Arbeiter mit einem fassungslosen Laufpensum, der sich bei mir längst ins Herz gerannt hat.

Bei den Bosniern sind oft drei Aggregatzustände erkennbar: Wenn es läuft, presst diese Mannschaft minutenlang und kann wahnsinnig schnell nach Balleroberung umschalten. Dann aber werden immer wieder saudumme Ballverluste eingestreut, die die zu langsame Abwehr nicht auffangen kann, und es wird gefährlich. Und dann gibt es die Tage, an denen nix geht: Da fällt die Mannschaft auseinander, und wenn dann Dzeko nach einer dreiviertel Stunde es aufgegeben hat, sich als Quasi-Sechser seine Bälle selbst nach vorne zu tragen, kannst du den Fernseher getrost den Gully runterspülen. Dann ist der Tag meistens gelaufen.

Griechenland

Das Team, das nix kann, außer sich immer wieder zu qualifizieren und sogar ins EM-Viertelfinale einzumarschieren, ohne dass irgendwer weiß, wie sie das zustande kriegen. Die Griechen beendeten die Regular Season der Quali mit 10:4 Toren aus zehn Spielen, ehe sie die günstige Playoff-Auslosung nutzten um sich gegen die Rumänen mal wieder für ein großes Turnier einzuschreiben.

Griechenland stellt mit dem portugiesischen Coach Santos kein wirklich homogenes Team, was die in-Game Taktik angeht (die Abwehr rückt allein für Ecken auf und ist für Spielaufbau nicht zu gebrauchen), aber immerhin definiert man sich über einen 23 Mann starken Kader, der kämpft. Es ist nicht schön, es ist nicht besonders technisch, manchmal muss man zwischendurch zum Kotzen aufs Klo, aber letztlich hat es dann doch wieder etwas, wie diese schwierig zu bezwingenden Griechen unverdiente Siege gegen spielerisch bessere Mannschaften herauswürgen.

Bei der WM hat man mit Kolumbien, Japan und der Elfenbeinküste eine Gruppe Marke „Losglück“ erwischt, weil keine zwei wirklich überlegenen Topteams dabei sind, aber die Staffel ist trotzdem gefährlich: Wenigstens zwei der Gegner sind spielstark und dürften einem eindimensionalen Griechenland doch überlegen sein.

Russland

Beenden wir den Eurotrip mit dem Gastgeber der nächsten WM, Russland. Wo die Russen vor sechs Jahren in den Alpen für offene Mäuler gesorgt haben, kommt die Unit 2014 unter Fabio Capello wie ein matter Abglanz großer alter Tage daher. Capello hat zwar den ganz schlimmen Alterungsprozess verhindert und die satten Oldies um Arshavin oder Palyuchenko zuhause gelassen, aber er baut im gleichen Zug auch wieder auf einen Haufen an Produkten aus der eigenen, lahmen russischen Liga: Alle 23 Stück spielen zuhause.

Zugegeben, ich kenne kaum noch einen Spieler in diesem Team. Torwart Akinfeev ist nun seit zirka zwei Jahrzehnten eine Konstante, und Mittelstürmer Kerzhakov stürmte früher mal als sehr geachteter Mann in der spanischen Liga, soll aber eine furchtbare Rückrunde gespielt haben und seinen Stammplatz bei Capello verloren haben. Er dürfte in Brasilien erstmal durch Kokorin ersetzt werden.

Man liest immer wieder, dass die Russen an guten Tagen immer noch gutes Offensiv-Pressing spielen können, aber dass sie dann, nach dem Ballgewinn, nicht so recht wissen, was sie damit anstellen sollen. Gegen gut stehende Abwehrreihen sollen die Russen ziemlich mies aussehen, und sich nach nicht einmal einer halben Stunde meist reglos aufgeben. Diese Lethargie wenn es mal nicht läuft ist so ein typisch russisches Faszinosum, das mich auch im Hockey häufig verwirrt.

Die Gruppe ist mit Belgien, Südkorea und Algerien nominell machbar, aber gefährlich. Belgien ist auf alle Fälle zu favorisieren. Südkorea als laufintensives Team kann den oft so faulen Russen durchaus Probleme machen. Algerien mit seiner eher abwartenden Spielweise? Hatten die Russen nicht Probleme, das Spiel zu gestalten?

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