Die südamerikanische Mittelklasse in der furchtlosen WM-Vorschau 2014

Lass uns mit der Mannschaft beginnen, über die eh schon alle sprechen, dann haben wir es hinter uns: Chile, eines der aufregenden Teams der WM 2010 mit ihren Duracellhäschen an Laufbereitschaft und ihren unkonventionellen Spielanlagen. Chile ist auch diesmal wieder ein Team, von dem man viel erwartet. Coach Sampaoli, ein Argentinier, der vor eineinhalb Jahren installiert wurde, gilt als Bruder im Geiste der Legende Bielsa, die Chile 2010 ins Turnier geführt hatte. Er ist ein Coach, dessen Mantra kurz und knapp in vier Stichpunkten beschrieben werden kann:

  1. Ballbesitzorientierung.
  2. Fokus auf schnellen Spielaufbau aus der Abwehr heraus.
  3. Offensivpressing.
  4. Viel Rotation in den Bewegungen.

Sampaoli richtet die Grundaufstellung seiner Mannschaften fast immer nach dem Gegner: Agiert er mit zwei Spitzen, lässt er ein 3-4-3 spielen, agiert der mit nur einem Stürmer, gibt es ein mutiges 4-3-3 mit offensiven Außenverteidigern.

Chile hat eine etwas instabile Abwehr, aber eine Wucht von Mittelfeldzentrale im schrecklich tätowierten Vidal (riskiert nach Verletzung aber erstmal auszufallen), der aber ein ganz krasser North/South-Spieler geworden ist, der fast nicht kopiert werden kann. Vidal ist bei Juve mittlerweile unersetzlich geworden und Meilen von dem weg, was deutsche Fans aus Leverkusen gewohnt waren (und dort war er schon gut). Vidal ist der Pivot, der Ankermann der Chilenen, über ihn läuft so vieles. Sein Vereinskollege Isla wird vornehmlich als rechter Außenverteidiger auflaufen und die Flanke beackern.

Isla sichert gleichzeitig hinter einem seiner ehemaligen Vereinskollegen ab: Alexis Sanchez, dem heutigen Barca-Stürmer; die beiden bildeten vor Jahren ein Traumduo bei Udinese, von dem die Fans noch heute schwärmen. Sanchez ist in Chile kein wirklicher zentraler Stürmer, sondern stößt meistens über die rechte Flanke nach innen. Sein Gegenpart auf der anderen Seite ist der etwas weniger kraftvolle Vargas, der eine aber eine ähnliche spiegelverkehrte Rolle einnimmt. In der Mitte spielt bei den Chilenen häufig Jorge Valdivia, der noch in Südamerika spielt: Valdivia ist aber kein Mittelstürmer, sondern mehr ein Totti, immer wieder wuchtig nach vorn stoßend um als Doppelpasskollege für Sanchez oder Vargas zu fungieren.

Die Chilenen werden aufregend sein. Ich frage mich aber, ob sie mit ihrer aufwändigen Spielweise lange genug im Saft sein werden um in der brasilianischen Schwüle zu überleben. Ich frage mich auch, ob sie die teilweise eklatante Abschlussschwäche mittlerweile überwunden haben. Ich frage mich, ob sie tatsächlich reif genug sind um in der heftigen Gruppe mit Spanien und Holland zu überleben. Einen der beiden werden sie hinter sich lassen müssen, und wenn sie das geschafft haben, winkt zur „Belohnung“ ein Achtelfinale gegen Brasilien – oder? Kann das wirklich passieren?

Uruguay

Die Uruguayer waren eine der Überraschungen im WM-Turnier vor vier Jahren, und sie treten diesmal mit einem fast identischen Grundgerüst an, an dem sich nur eines geändert hat: Das Durchschnittsalter. Das ist mittlerweile vier Jahre höher. Die Hellblauen haben ihre bekanntesten Namen ganz vorn in der Sturmzentrale, aber man sollte sich nicht täuschen: Das ist ein Gegenentwurf zu Chile. Coach Tabarez lässt die Urus in erster Linie mal sicher stehen. Er verbarrikadiert den Laden mit einer Reihe an sehr guten, in Europas Topvereinen spielenden Verteidigern und zwei, drei toughen, furchtlosen zentralen Mittelfeldmännern.

Erst wenn sicher ist, dass der Gegner sich nicht so einfach durch die Defense fräsen kann, denkt Tabarez ans Toreschießen. Das bedeutet, dass die Granden Cavani (vom PSG) und Suarez (Liverpool) relativ viel auf eigene Faust werden probieren müssen. Tabarez ließ zuletzt häufig ein 4-4-2 spielen, in dem der verdiente MVP der letzten WM, Forlán, keinen sicheren Platz in der Stammelf hat. Forlán könnte dann spielen, wenn Suarez nicht fit genug ist für die Starterrolle, oder er könnte als Variation eingewechselt werden, von den Halbflügeln kommend, um die beiden Center zu unterstützen.

Uruguay hat eine machbare, aber nicht im Vorbeigehen zu lösende Gruppe zugelost bekommen: Italien dürfte eine Spur höher, England eine Stufe niedriger einzustufen sein, aber gegen beide ist ein Upset in beide Richtungen möglich. Sofern Suarez nicht wirklich fit ist, muss man in der Offensive auf den laufstarken, schussgewaltigen Cavani allein vertrauen – ein Rezept, das höchste Konzentration der eigenen Abwehr und 1:0-Siege verlangt.

Kolumbien

Die Kolumbianer waren ein Team, auf das ich mich schon seit weit mehr als einem Jahr freue, und das lag vornehmlich an dem einen unvergleichlichen Mittelstürmer Radamel Falcao, dieser Naturgewalt von Angreifer, dessen Magie man sich so schwer entziehen kann. Turns out, Falcao wurde nach seinem Kreuzbandriss nicht fit und aus dem WM-Kader gestrichen. Leider. Aber man hatte es kommen sehen müssen, sich langsam und eigentlich doch schon längst von der Vorstellung verabschiedet, einen Falcao auch nur nahe auf der Höhe seines Schaffens sehen zu können.

Kolumbien bleibt trotzdem ein Team, das man anschauen kann: Unter dem argentinischen Coach Pekerman, noch bekannt für sein vercoachtes WM-Viertelfinale 2006 gegen Deutschland, ist man eine sehr downfield orientierte Mannschaft geworden, die nie lange fackelt, sondern stets schnell den Weg nach vorne sucht. Das beste Spielerpersonal haben die Kolumbianer selbst nach Falcaos Aus noch im Sturm, wo Backups wie Bacca oder Adrien Ramos auflaufen können, aber hinten ist man mehr als anfällig.

Vielleicht wird das in einer Gruppe mit Griechenland nicht so auffallen, aber die Abwehr wirkte in dem wenigen, was man von den Kolumbianern so zu sehen bekam, wie ein Torso. Dafür spielen sie ja ganz hübsch nach vorn. Achtelfinale kann man ihnen in einer Gruppe mit vier gleichwertigen, aber nicht hochkarätig besetzten Gruppe C durchaus zutrauen, vielleicht sogar ein Viertelfinale, wenn der Gegner ein entsprechender wird.

Ekuador

Schwierig, Substanzielles über eine ekuadorianische Mannschaft zu schreiben, die man letztmals bei der Copa America 2011 wirklich ein, zweimal am Stück gesehen hat – und damals ohne den wichtigsten Antreiber, den Flügelspieler Antonio Valencia von ManUnited. Das Problem bei den Ekuadorianern ist nicht bloß, dass man sie nicht oft sieht; nein, man kennt auch die meisten Spieler nicht wirklich.

Coach ist mit Reinaldo Rueda der Mann, der vor vier Jahren Honduras betreute. Die Hondurianer waren damals eine zwar sehr bemühte, aber am Ende wegen fehlendem individualem Talent ziemlich harmlose Mannschaft. Rueda gilt aber als Mann, der imstande ist, seinem Spielerpool ein pragmatisches System zu schneidern.

Ekuador wird tendenziell verhalten auftreten und mit einem 4-5-1 nebst einem Abräumer direkt vor der Abwehr erstmal schauen, die Abwehr zu stabilisieren. Mittelstürmer wird der „zweite Valencia“ sein, Enner Valencia, der in der mexikanischen Liga spielt und nach dem Tod von Chucho Benitez den Alleinunterhalter im Zentrum vorne geben soll.

All in All: In einer Gruppe mit Frankreich, der Schweiz und *pling* Honduras riecht das nach eher torarmen Vorrundenpartien mit ekuadorianischer Beteiligung.

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