WM-Caipirinha 2014: Italien – England | Gruppe D

Siebtes Spiel der WM, und auch Italien vs England konnte man sich sehr gut ansehen: Zwei variantenreiche, gut eingestellte Mannschaften. Italien gewann, aber es hätte durchaus auch ein Remis geben können, oder einen englischen Sieg. Der Unterschied im Ergebnis war, dass Balotelli den Kopfball reinmachte, und Rooney ein paar Minuten danach freistehend knapp verzog. Oder England 1-2 „pfeifbare“ Elfmeter nicht bekam. Okay, Italien hatte zweimal Lattenschüsse. Aber England hielt gut mit.

England war die von mir erwartete sympathische Mannschaft: In dem 4-2-3-1 war man immer dann gefährlich, wenn man á la Deutschland 2010 schnell von hinten raus spielen konnte und mit den geschwindigen Offensivspielern die italienischen Abwehrspieler an- und überlaufen konnte. Auf die Weise fiel auch das sehenswerte englische Ausgleichstor: Balleroberung im Mittelfeld, Sterling mit dem tiefen Pass für Rooney, tolle Flanke, und am langen Pfosten erläuft Sturridge mit Willenskraft den Ball und schiebt ein.

Englands Offensive wirkte noch nicht überragend eingespielt. Als man in der zweiten Halbzeit das Spiel machen musste und ein sanftes Power-Play aufzog, wurden die Limits dieser Mannschaft schon klar offengelegt. Man schien auch konditionell nicht mehr topfit zu sein, aber der Spielort war auch Manaus, einer der krassesten Orte. Auffallend war auch, dass von den eingewechselten Spieler maximal Barkley einen temporären Schub brachte, Wilshere und Lallana verpufften wirkungslos.

Ein taktisches Mittel der Engländer schien auch der Fernschuss zu sein – das wirkte aber wie eine Taktik, die Hodgson auf einen Goalie Buffon ausgegeben hatte, fast so, als hätten die Engländer den Tormannwechsel bei den Azzurri nicht mitbekommen.

Schwachpunkt von beiden Mannschaften war ganz klar die jeweils linke Abwehrseite. Bei den Engländern wirkte Baines überrumpelt. Rooney und später Barkley machten quasi nichts nach hinten und legten diese Seite bei den Engländern immer wieder frei. Überhaupt gingen die Engländer in der Defensive auch schon in Halbzeit 1 erstaunlich passiv auf den Ballträger. Da war kein aggressives Pressing, das war übelstes Abwarten, und Marchisio und Verratti konnten immer wieder in den Strafraum hineinspielen. Ich dachte mir, das ist vielleicht clever um Kraft zu sparen, aber später war England auch so platt, deswegen bleibt es eines der komischen Bilder des Abends.

Auch Italien hatte links hinten Probleme. Als nomineller Linksverteidiger war #3 Killerini aufgestellt, der sich anfangs zweimal nach vorne wagte, aber danach fast immer hinten blieb, aber für einen Welbeck – obwohl nicht in Bestform befindlich – zu langsam ist. Wirklich oft nach vorne ging bei den Italienern nur der überzeugende andere AV, der Rechtsverteidiger Darmian in seinem zweiten Länderspiel – ein guter, mutiger Mann.

Ich möchte dann weiters bei den Italienern den IV Paletta in einem Spiel gegen einen noch besseren Gegner sehen – hier wackelte man. Gegen schnelle Offensivformationen ist Italien hinten verwundbar.

Ansonsten: Abgezockte, typische italienische Leistung. Wir bekamen hier das Erwartete serviert. Pirlo gibt weiter den Taktgeber, wird extrem häufig angespielt, aber Pirlo hatte trotz der passiven englischen Defensive nur bedingte Erfolge (z.b. beim einstudierten Eckball zum 1:0). Es bleibt der Eindruck, dass Italien in Gruppe D locker durchgehen wird, und England gegen Uruguay durchaus zu favorisieren sein wird.

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7 Kommentare zu “WM-Caipirinha 2014: Italien – England | Gruppe D

  1. Schön geschrieben wieder einmal, du triffst sehr oft die Worte ganz nach meinem Geschmack, mit dem Unterschied, dass ich es nicht so toll niederschreiben könnte. England hat brav gespielt, der Ausgleich war toll aber letztendlich war das offensiv zu harmlos. Die Italiener haben aus jetziger Sicht dann wohl doch verdient gewonnen, auch wenns mich gestern direkt nach dem Spiel geärgert hat… 😉

  2. Mal so am Rande – vielen Dank für die Berichte. genieße es sehr sie zu lesen und bevorzuge sie gegenüber jedem Bericht auf den Seiten der Sportsender…

  3. Ich würde mit den Engländern nicht so hart ins Gericht gehen. Die wollten Tempofußballspielen, aber dazu ist Italien einfach zu gut organisiert um das zuzulassen. Das 1:1 war exemplarisch was Hodgson vor hatte, nur braucht man dafür Platz und/oder einen gegner mit schlechter Umschaltverhalten in der Abwehr.

    Italien hat über weite Strecken den Ball kontrolliert und kaum Ballverluste angeboten, daher der brave Eindruck von den Engländern. Was schlecht ist für England, ist dass Costa Rica ebenfalls sehr organisiert gespielt hat und man da wohl auf eine Kleingruppen-/Einzelaktion hoffen muss um das Bollwerk zu knacken, aber die Uru’s sollten da mehr anbieten. Mal schauen in der Gruppe halte ich die letzte Messe für noch nicht gelesen…

  4. Nicht mal bei uns in der Verbandsliga spielen Mannschaften quasi ohne linke Seite. Was hat Italien da gemacht? Auf dem linken Flügel war kein Spieler, in der Viererkette kannste doch nicht Chiellini hinstellen. Italien hat quasi nur über rechts gespielt und war ultra leicht zu verteidigen dadurch. Und selbst defensiv sehr Anfälligkeit, weil Chiellini oft gg. 2 verteidigen musste.

    Da muss sich Prandelli was einfallen lassen. Chiellini in die IV stellen und die linke Seite beleben.

    Gut gefallen hat mir Verratti, der unheimlich präsent war. Darmian und Candreva auch stark.

  5. Ich würde das SPiel nicht überbewerten. Italien hat genau das getan, was man erwarten konnte; es hat effektiv gespielt.
    Wie sich die Abwehr in weiteren spielen verhält, würd eich einfavch erst einmal abwarten, ehe ich hier eine Schwachstelle ausmachen möchte

  6. Also ich finde England macht richtig Spaß. Liegt vielleicht auch an meinem Bias als Liverpool-Fan und dass da die halbe Mannschaft aufläuft. Die Spielanlage ist jedenfalls Liverpool sehr ähnlich und das ist einfach geil zum Anschauen. Ich denke an einem anderen Spielort, wo nicht schon in der 1. Halbzeit Krämpfe kommen und man sieht, dass beide Mannschaften einfach immer wieder das Tempo reduzieren müssen, da wirkt diese englische Spielweise noch viel besser. Bin schon sehr gespannt und hoffe, dass man die Urus schlägt, dann sollte das Achtelfinale drin sein. Und dann sehe ich da viele Möglichkeiten, wenngleich die Mannschaft wohl noch zu wenig abgezockt für den großen Coup ist. Aber jeder der die statischen Truppen rund um Terry, Lampard & Co. der letzten 10 Jahre satt hat, der hat heuer wieder Freude mit England.

    Die Italiener, ja, schwer zu sagen, auch weil ich deklarierter England-Fan bin in dem Spiel. Pirlo schaut Klasse aus, aber ich würde gerne sehen ob er die Stehgeigerei auch gegen einen Gegner so spielen kann, wenn er wirklich konstant attackiert wird. Hat ja gestern schon ein paar Bälle verloren und wenn da läuferisch das Klima nicht so limitiert, dann wird glaube ich im Verhältnis das Tempo der Gegner stärker ansteigen als jenes von Pirlo. Ansonsten hat mir vor allem der Typ auf der rechten Seite (Candeva?) ziemlich gut gefallen, der hat einiges am Kasten. Wenngleich natürlich Baines da oft ordentlich alleine gelassen wurde.

  7. @Pooh: Beide hatten „Starspieler“ in der Rückwärtsbewegung zu verstecken. Bei den Italienern ist es Pirlo und bei England Rooney gewesen, die beide nicht wirklich gegen den Ball gearbeitet haben.

    In der Endphase ist Stirling zwei Mal auch einfach nur an Pirlo vorbeigelaufen, weil der ihn einfach nicht verteidigen kann. Bei Rooney ist es die alte Ronaldofrage. Kann/Will er nicht verteidigen oder wählt man dieses Mittel bewusst um eine Anspielstation bei Ballverlust des Gegners zu bekommen. Das kann aber nur Hodgson beantworten. Die Asymmetrie fand ich btw. bei England alleine von der klassischen 4-4-2 Grundordnung gravierender, weil Baines häufiger mal alleine gegen zwei stand (was er beim 2:1 nicht gelöst bekommen hat).

    Und Chiellini spielt bei Juve häufiger mal den linken Mann in der Dreierkette, was jetzt nicht unähnlich ist zum LV. Aber ist natürlich keine Optimallösung, aber um die Seite sauber zu halten reicht es…

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