Das orangene Fragezeichen: Niederlande – Australien | Gruppe B

Munteres Spielchen, das von seinen vielen Toren, weniger von der Qualität des Gebotenen lebte. Holland gewann 3:2 nach einem merkwürdigen Spielverlauf, aber es bleiben viele Fragen offen.

Holland hat bereits acht Treffer erzielt, erstaunlich für ein Team mit dieser Spielweise. Spielerisch ist das, was Holland mit seinem gewöhnungsbedürftigen 5-3-2 anbietet, ähnlich blass wie das aspetische 2010er-Team, das es ins Finale schaffte. Geregelter Spielaufbau findet eigentlich nicht statt, viele Bälle werden einfach lang über das Mittelfeld hinweg nach vorne gedroschen, wo die famosen Robben und Van Persie schon was damit machen. Weniger Van Gaal geht für ein Team nicht, das ausgerechnet von Van Gaal gecoacht und eingestellt wird. Wenn dann ein Sneijder auch noch einen gebrauchten Tag erwischt – wie heute – sieht das rein qualitativ schonmal zum Davonlaufen aus.

Wie schießt Holland also seine Tore? Dreierlei: Mit Einzelaktionen, mit Tormannfehlern, mit Stellungsfehlern beim Gegner. OK, viele Mannschaften machen ihre Tore so, aber du kannst im Prinzip jeden der niederländischen Treffer 2014 bisher so einordnen.

Beim 1:0 rennt der Sprinter Robben seinem geistig abwesenden Gegenspieler auf und davon und muss froh sein, den Eigensinn per Treffer belohnt zu bekommen. Beim 2:2 hilft der Verteidiger am rechten unteren Bildrand mit seinen wenig motivierten zwei Schritten nach hinten um die Abseitsfalle aufzuheben – aber trotzdem clever gespielt und trocken abgeschlossen. Beim 3:2 war’s der Tormann.

Es geht mir ähnlich wie nach dem Spanien-Spiel: Holland zeigt bisher zu wenig Variabilität. Heute zeigte Holland sogar noch zu wenig Initiative. Ist es klug, so kraftsparend zu spielen? Vielleicht. Aber wer sagt uns, dass Holland mit seiner unerfahrenen Abwehr und mit seinen Holzhackern im Mittelfeld überhaupt jemals wird mehr anbieten können?

Zu den Australiern: Ehrenwerte Vorstellung. Die Socceroos sind spielerisch natürlich limitiert, aber man wirft viel Einsatz in die Waagschale und schaffte es nun zum zweiten Mal mit relativ einfachen Mitteln, einen scheinbar klar überlegenen Gegner in Bedrängnis zu bringen. Dieser olle Cahill da ganz vorn drin hat zwar einen an der Waffel, sich seinen Arm so zu zerstören, springt aber mit seinen 1,78m in die Sphären eines Cannavaro, und machte beim 1:1 per Direktabnahme eines der Tore des Turniers. Australien wird mit höchster Wahrscheinlichkeit ausscheiden (sollte Spanien hernach nicht gewinnen, ist man raus), aber man scheidet mit erhobenem Kopf aus.

Zum Elfmeter: Typische Situation. Die Armbewegung ist „natürlich“. Der Mensch ist in dieser Bewegung nicht so veranlagt, dass er beide Hände angelegt haben kann. Er kann auch nicht beide Arme nach vorne schmeißen. Es ist eine natürliche Bewegung, aber die Hand blockiert logisch die Flugbahn des Balles – entscheidend, und vom Rumpf des Körpers abgewiesen. Scheiß-Situation. Ein Schiri pfeift Elfer, der andere nicht. Ein Amateur-Ref, der mit mir schaute, meinte, er hätte den Elfer nicht gegeben. Das Ärgernis liegt hier in der in der unklaren Regelauslegung – da sind die Verbände gefragt, eine einheitlichere Lösung zu finden.

Caipirinha zum Schlager des Tages: Brasilien – Mexiko | Gruppe A

Das war dann mal ein 0:0 der richtig geilen Sorte. Brasilien – Mexiko war die bislang intensivste Partie des Turniers, vielleicht auch die beste, ein Spiel, dem man seinen Austragungsort (die Schwüle Fortalezas) nur sehr bedingt anmerkte, ein mitreißendes Spiel mit aufopferungsvoll kämpfenden Mexikanern, mit einer brasilianischen Mannschaft, die erneut nur in Spurenelementen ihre Offensiv-Wucht andeutete, aber wenn, dann prüfte sie Keeper Ochoa auf das Äußerste – und Ochoa bestand mit Bestnote. Ein Spiel, dem nur der Orgasmus in Form eines Treffers fehlte. Aber so wirklich verdient wäre der nur im schön aufgeteilten Doppelpack gewesen, als Remis.

Gehen wir sie der Reihe nach durch. Zuerst die Brasilianer. Gleiche Formation von Scolari wie gegen Kroatien, außer dass der verletzte Hulk durch #16 Ramires auf dem rechten Flügel ersetzt wurde – ein Move, der bizarr anmutete und auch nur schief gehen konnte. Zur Pause wechselte Scolari dann auch schon den quirligeren, aber heute glücklosen Bernard ein. Brasilien wirkte heute auch flexibler und noch mehr auf Stabilität bedacht, mit einem Sechser-Pärchen Gustavo/Paulinho, das seinem Namen fast nicht mehr gerecht wurde, so häufig half Gustavo als Art Libero in der Dreierkette aus.

Brasilien hatte Probleme mit dem mexikanischen Pressing, aber Brasilien hatte auch wieder diese charakteristischen eigenen Druckphasen, und die hatten es verdammt noch mal in sich: Wenn diese Armada dann mal für drei, vier Minuten auf dich zurauscht und dich belagert, entweder aus allen Rohren feuert oder mit Verve drei Ballstaffetten zum Abschluss durchzieht, wird dir Angst und Bange. Ich war nie ein ganz großer Fan der brasilianischen Spielweise, aber diese Minuten sind selbst im Sofa schweißtreibend und gehören zu den intensivsten Momenten, die Fußball bieten kann.

Brazil schaffte das heute sogar trotz eines erneut indisponierten Mittelstürmers Fred, der wie schon gegen Kroatien keine Bindung fand und mit Pfiffen verabschiedet wurde. Sein Backup Jo agierte sichtlich tiefer, fast als halber Zehner, und das wirkte sich aus.

Die Mexikaner lauerten, sie guckten sich immer wieder die brasilianischen Offensivaktionen an, warteten, um immer im richtigen Moment dazwischenzuspringen und zig nervtötende Ballgewinne zu provozieren. Was die #6 Herrera heute lieferte, war ganz großer Sport. Mexiko presste zwischendurch immer wieder auch ganz vorn, und erst dachte ich mir, sie nutzen die brasilianischen Ruhepausen aus – aber nein: Sie zwangen die Brasilianer sogar zu diesen Phasen! Sie kombinierten sich immer und immer wieder gemächlich gen Tor, und schlossen mit einer Serie an Superschüssen ab.

Das Mittel, das ich schon nach dem Kroatien-Spiel gefordert hatte – Schüsse auf den Kasten vom nicht fangsicheren Julio Cesar – sie haben es genau studiert und auch so gesehen. Sie haben nur zu selten den Kasten getroffen, auch wenn es oft knapp war. Richtig herausgespielte Chancen hatten die Mexikaner zwar wenige, aber sei’s drum: Sie zeigten allein mit ihrer mannschaftlich geschlossenen Leistung, mit ihrem sehr druckvoll ausgelegten 5-3-2 bzw. ruhig auch 3-5-2, wie man Brasilien an die Wand nageln kann, wie man ihren Spielaufbau mit schnellen Ballgewinnen stören oder zerstören kann.

Der Mann des Tages war trotzdem der neue Dudek, Goalie Ochoa, mit famosen Reflexen und Paraden, im Stil eines Kahn (Neymar-Kopfball, HZ 1 / Silva-Kopfball, HZ 2), aber auch im Stil eines Hockey-Goalies (Neymar-Drehschuss, HZ 2). Ochoa rettete am Ende den Punkt gegen einen Gegner, den man sich super ausgeguckt hatte, der aber trotzdem fantastische Chancen hatte.

Der Schiri. Erstklassige Vorstellung. Gibt überhaupt nichts zu kritisieren, selbst den Marcelo-Elfer gab er nicht. OK, ein Kritikpunkt: Silva hätte für sein rüdes Foul locker auch Rot sehen können, wegen der Härte, aber auch wegen der verkappten Notbremse.

Das Publikum. Die Pfiffe ob des enttäuschenden (aus Brasilien-Sicht) Ergebnisses hielten sich in Grenzen, ja eigentlich war fast mehr Jubel hörbar. Es bleibt aber weiterhin ein Publikum, das bei mir extrem zwiespältige Gefühle auslöst. Es ist ein rein weißes Publikum. Ich meine nicht, dass das überraschend kommt… aber irgendwie doch. Das ist kein brasilianisches Publikum. Das ist struktureller Rassismus, zur Schau gestellt beim größten Ereignis im erfolgreichsten Land des Fußballs: Ganze Bevölkerungsschichten bleiben draußen. Weiße brasilianische Unis. Jetzt auch weiße brasilianische Stadien.