Caipirinha zum Schlager des Tages: Brasilien – Mexiko | Gruppe A

Das war dann mal ein 0:0 der richtig geilen Sorte. Brasilien – Mexiko war die bislang intensivste Partie des Turniers, vielleicht auch die beste, ein Spiel, dem man seinen Austragungsort (die Schwüle Fortalezas) nur sehr bedingt anmerkte, ein mitreißendes Spiel mit aufopferungsvoll kämpfenden Mexikanern, mit einer brasilianischen Mannschaft, die erneut nur in Spurenelementen ihre Offensiv-Wucht andeutete, aber wenn, dann prüfte sie Keeper Ochoa auf das Äußerste – und Ochoa bestand mit Bestnote. Ein Spiel, dem nur der Orgasmus in Form eines Treffers fehlte. Aber so wirklich verdient wäre der nur im schön aufgeteilten Doppelpack gewesen, als Remis.

Gehen wir sie der Reihe nach durch. Zuerst die Brasilianer. Gleiche Formation von Scolari wie gegen Kroatien, außer dass der verletzte Hulk durch #16 Ramires auf dem rechten Flügel ersetzt wurde – ein Move, der bizarr anmutete und auch nur schief gehen konnte. Zur Pause wechselte Scolari dann auch schon den quirligeren, aber heute glücklosen Bernard ein. Brasilien wirkte heute auch flexibler und noch mehr auf Stabilität bedacht, mit einem Sechser-Pärchen Gustavo/Paulinho, das seinem Namen fast nicht mehr gerecht wurde, so häufig half Gustavo als Art Libero in der Dreierkette aus.

Brasilien hatte Probleme mit dem mexikanischen Pressing, aber Brasilien hatte auch wieder diese charakteristischen eigenen Druckphasen, und die hatten es verdammt noch mal in sich: Wenn diese Armada dann mal für drei, vier Minuten auf dich zurauscht und dich belagert, entweder aus allen Rohren feuert oder mit Verve drei Ballstaffetten zum Abschluss durchzieht, wird dir Angst und Bange. Ich war nie ein ganz großer Fan der brasilianischen Spielweise, aber diese Minuten sind selbst im Sofa schweißtreibend und gehören zu den intensivsten Momenten, die Fußball bieten kann.

Brazil schaffte das heute sogar trotz eines erneut indisponierten Mittelstürmers Fred, der wie schon gegen Kroatien keine Bindung fand und mit Pfiffen verabschiedet wurde. Sein Backup Jo agierte sichtlich tiefer, fast als halber Zehner, und das wirkte sich aus.

Die Mexikaner lauerten, sie guckten sich immer wieder die brasilianischen Offensivaktionen an, warteten, um immer im richtigen Moment dazwischenzuspringen und zig nervtötende Ballgewinne zu provozieren. Was die #6 Herrera heute lieferte, war ganz großer Sport. Mexiko presste zwischendurch immer wieder auch ganz vorn, und erst dachte ich mir, sie nutzen die brasilianischen Ruhepausen aus – aber nein: Sie zwangen die Brasilianer sogar zu diesen Phasen! Sie kombinierten sich immer und immer wieder gemächlich gen Tor, und schlossen mit einer Serie an Superschüssen ab.

Das Mittel, das ich schon nach dem Kroatien-Spiel gefordert hatte – Schüsse auf den Kasten vom nicht fangsicheren Julio Cesar – sie haben es genau studiert und auch so gesehen. Sie haben nur zu selten den Kasten getroffen, auch wenn es oft knapp war. Richtig herausgespielte Chancen hatten die Mexikaner zwar wenige, aber sei’s drum: Sie zeigten allein mit ihrer mannschaftlich geschlossenen Leistung, mit ihrem sehr druckvoll ausgelegten 5-3-2 bzw. ruhig auch 3-5-2, wie man Brasilien an die Wand nageln kann, wie man ihren Spielaufbau mit schnellen Ballgewinnen stören oder zerstören kann.

Der Mann des Tages war trotzdem der neue Dudek, Goalie Ochoa, mit famosen Reflexen und Paraden, im Stil eines Kahn (Neymar-Kopfball, HZ 1 / Silva-Kopfball, HZ 2), aber auch im Stil eines Hockey-Goalies (Neymar-Drehschuss, HZ 2). Ochoa rettete am Ende den Punkt gegen einen Gegner, den man sich super ausgeguckt hatte, der aber trotzdem fantastische Chancen hatte.

Der Schiri. Erstklassige Vorstellung. Gibt überhaupt nichts zu kritisieren, selbst den Marcelo-Elfer gab er nicht. OK, ein Kritikpunkt: Silva hätte für sein rüdes Foul locker auch Rot sehen können, wegen der Härte, aber auch wegen der verkappten Notbremse.

Das Publikum. Die Pfiffe ob des enttäuschenden (aus Brasilien-Sicht) Ergebnisses hielten sich in Grenzen, ja eigentlich war fast mehr Jubel hörbar. Es bleibt aber weiterhin ein Publikum, das bei mir extrem zwiespältige Gefühle auslöst. Es ist ein rein weißes Publikum. Ich meine nicht, dass das überraschend kommt… aber irgendwie doch. Das ist kein brasilianisches Publikum. Das ist struktureller Rassismus, zur Schau gestellt beim größten Ereignis im erfolgreichsten Land des Fußballs: Ganze Bevölkerungsschichten bleiben draußen. Weiße brasilianische Unis. Jetzt auch weiße brasilianische Stadien.

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Ein Kommentar zu “Caipirinha zum Schlager des Tages: Brasilien – Mexiko | Gruppe A

  1. „Das Publikum. Die Pfiffe ob des enttäuschenden (aus Brasilien-Sicht) Ergebnisses hielten sich in Grenzen, ja eigentlich war fast mehr Jubel hörbar.“

    Govane Elber hat bei ARD oder ZDF schon angekündigt, dass die Stimmung in Fortaleza anders ist als irgendwo sonst in Brasilien – Nämlich freundlicher. Dort trägt Brasilien die Spiele aus, wenn sie das Publikum brauchen.

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