WM-Caipirinha 2014: Das war Gruppe D

Ich höre keine Autokorsi aus dem Tal, was meistens das Ausscheiden der italienischen Mannschaft von der Weltmeisterschaft bedeutet. Und was für ein Ausscheiden: Chancenlos gegen eine unterirdische uruguayische Elf geflogen, in einem der schwächsten Spiele des Turniers. Italiens Einbruch war so verheerend, dass sich selbst im Mainstream kaum Stimmen (außer jener des erregten Cesare Prandelli) findet, die dem durchaus streitbaren Schiedsrichter Vorwürfe bestreitet.

Einhelliger Tenor: Die Azzurri haben komplett versagt. Sah man in der blamablen 0:1-Klatsche gegen Costa Rica noch einen Betriebsunfall, gerät nun alle Arbeit Prandelli ins Visier. Zugegeben: Prandellis Umstellungen gingen in beiden Spielen in die Hose. Darmians Seitenwechsel erwiesen sich als Griff ins Klo; Abate wurde rein und schnell wieder rausrotiert. Der zu Turnierbeginn gegen eine schwache englische Abwehr überzeugende Candreva enttäuschte gegen Costarica, bekam gegen die Urus keine Chance mehr, weil der phlegmatische Parolo den Vorzug bekam.

Italien, schon gegen Costa Rica nach spätestens einer Stunde konditionell in den Seilen und nach 75 Minuten komplett shot, bot gegen Uruguay erneut eine peinliche Vorstellung. Es gab kaum Versuche, Offensiv-Aktionen zu setzen. Stattdessen stellte man sich hinten rein und war nach dem 0:1 zu keiner Reaktion mehr imstande. Lag es an der berechtigten roten Karte (man schaue sich das Nachtreten direkt vor dem Schiri an) für Marchisio? Kaum, denn auch vor dem Platzverweis waren Offensivbemühungen ein zartes Pflänzchen.

Hernach übte der heute rehabilitierte Buffon dann auch noch deutliche Kritik an der jungen Spielergeneration, und meinte dabei wohl vor allem den komplett durchgeknallten Balotelli, der auch heute wieder am Rande eines Platzverweises wandelte und notgedrungen ausgewechselt werden musste. Das sind Nachwehen von Trainern, die große Ethik-Kodexe ausrufen nur um sie nach dem ersten Vergehen zu widerrufen. Das sind Abbilder einer italienischen Kultur der Verdrängung, die sich seit vielen Jahren im Staate nicht mehr verdrängen lassen, und die mittlerweile auch im Fußball wohl nicht mehr verdrängt werden können.

Ich bin überrascht von der minderen Qualität des italienischen Gebotenen. Ich hatte von dieser Mannschaft deutlich mehr erwartet. Es hatte eigentlich gut begonnen gegen England, und war danach völlig eingebrochen. Das Aus hat auch was Gutes für Italiens Fußball: Es gibt erneut die Chance, sich zu überdenken, und letztlich erspart man sich ein null zu vier im Achtelfinale gegen Kolumbien.

Uruguay wird Zweiter. Das ist bemerkenswert, wenn man sich vor Augen führt, wie viele Meter man nach dem Auftaktspiel gegen Costa Rica schon unter der Erde lag. Das war eine Mannschaft, die nicht mehr zuckte. Komplett tot. Dann reagierte Coach Tabarez, verbannte die desolate alte Garde um Forlan und Lugano aus der Startelf und wurde mit zwei besseren – nicht guten! – Vorstellungen gegen England und Italien belohnt.

Tabarez ließ in den beiden Spielen eine Art 5-3-2 spielen, mit einem zuletzt nach innen gezogenen Caceres in den Abwehr. Das funktionierte um Welten besser als die starre 4-4-1-1 Formation zum WM-Beginn. Besonders gut war’s trotzdem nicht. Man ist zwar bissig, aber spielerisch können die Urus nix. Sie sind ein reines Zufallsprodukt und gehören in dieser Form in kein WM-Achtelfinale, aber immerhin zeigten sie Willen.

Die Drama-Queen Suarez ist auch so ein Sonderfall. Sportrecht ist zu kompliziert und zu undurchsichtig, um es heranzuziehen, daher können wir es uns in diesem Falle einfach machen und populistisch den einzigen richtigen Schluss fordern: Suarez aus dem Verkehrt zu ziehen.

Der Staffelsieger der Gruppe D ist wie vor der WM von allen erwartet Costa Rica. Diese Jungs sind eine fantastische Geschichte. Verdient nacheinander Uruguay und Italien geschlagen, und mit viel Glück einen Punkt gegen England geholt. Spielerisch ist das ausbaufähig, aber sie rennen bis zum Umfallen und sind auch in der Lage, kluge Gegenangriffe zu setzen – wohlgemerkt „klug“, nicht „schnell“, dafür fehlt diesem Team die Qualität. Costa Rica baut auf eine bockstarke Defensive und ein 5-2-3 System, in dem man vorne viel Vertrauen in die Qualitäten vom Stürmer Campbell legt, der bereit ist für höhere Aufgaben. So viele Fünferketten in nur einer Gruppe, da wirst du ganz wuschig.

Die einzigen, die ohne spielten, wurden abgeschlagene Letzte: England. Aber halt: So schwach waren die Engländer nicht. Die guten Ansätze hatte ich schon in den letzten Tagen diskutiert, und ehrlicherweise muss man ihnen auch einen großen Batzen Pech zugestehen. England spielte erfrischend, und auch wenn dabei ganze zwei Tore heraussprangen, so sehe ich durchaus Potenzial für mehr.

Man war sicher naiv, und das 4-2-3-1 ist vor allem in der Mittelfeldzentrale noch zu schwach (oder zu alt?) besetzt, und die komplette linke Abwehrseite erwies sich als Knackpunkt, aber diese jungen Offensivspieler sind alle Hoffnungsträger. Ohne soweit gehen zu wollen, den Engländern schon in zwei oder vier Jahren Titelchancen zuzutrauen, aber: Die Richtung stimmt dort. Trotz des Ausscheidens gegen zumindest zwei Mega-Enttäuschungen des Turniers (Italien, Uruguay).

Nachtrag: Kaum sinniert, erklären Prandelli und Verbandspräsident Abate ihre Rücktritte in der Pressekonferenz.

WM-Caipirinha 2014: Das war Gruppe A

Brasilien ging wie erwartet durch, aber alles rosig ist bei der Selecao bei weitem nicht. Gegen Kroatien musste der Schiri nachhelfen, von den Mexikanern bekam man einen epischen Kampf geliefert, der fast in einer Niederlage geendet wäre (und gefühlt eine war), und Kamerun war kein Prüfstein.

Brasilien wirkt wie ein ziemliches one trick pony, was auch an der immergleichen Aufstellung liegt. In der Abwehr ist man trotz Tingeltangel eine recht stabile Unit, das zentrale Mittelfeld mit Paulinho und Gustavo funktioniert auch – bisher – ausreichend, aber vorne ist das nicht immer überzeugend. Man ist relativ abhängig von den Genieblitzen von Neymar, hat ansonsten nicht viel anzubieten: Fred ist bisher ein Ausfall, Oscar hatte auch nur gegen Kroatien wirkliche Spielfreude versprüht, und auf dem rechten Flügel sieht das bisher überhaupt nicht gut aus: Hulk wich in Spiel 1 stark nach links aus. Gegen Mexiko brachte Scolari dann Ramires, was komplett schief ging und schon nach einer Halbzeit mit dem Wechsel endete; Bernard ist keine Idealbesetzung, kann aber immerhin als Joker neue Aggregatszustände bringen; tja, und ganz vorne wäre Jo ein gefühltes Upgrade über Fred, aber so wirklich überzeugend ist ein Jo halt auch nicht.

Jetzt also Chile. Brasilien war bisher immer ein Team, das naive Teams locker schlagen konnte, und man putzte auch vor vier Jahren das abschlussschwache Chile locker 3:0 im Achtelfinale. Diese Chilenen 2014 sind aber dann doch eine furchteinflößende Erscheinung, nicht bloß, weil Ganzkörpertätowierung erstes Nominierungskriterium ist: Es würde mich nicht überraschen, wenn Coach Sampaoli einen Manndecker auf Neymar hetzt und somit die brasilianische Offense hinreichend lahm legt um ein historisches Upset in Angriff zu nehmen…

Platz zwei in der Gruppe: Mexiko! Das freut mich als altem Mexiko-Fan natürlich ganz besonders, umso mehr, weil kein Mensch der Tri was zugetraut hatte. Die Mexikaner spielen ihren alten Stiefel runter: Ganz nett anzuschauen, aber nicht kalt genug und nicht schnell genug im Umschaltspiel, aber: Als Gesamtes ist das schwer überzeugend. Man spielt ein trockenes 5-3-2 mit zwei eher offensiven Außenverteidigern, und man ist vor allem darauf bedacht, die Zentrale stabil zu halten und gleichzeitig das eigene Spiel brutal breit anzulegen.

Die Mexikaner sind eher keine Kandidaten, einen Gegner mit einer Orgie an Torchancen 4:0 an die Wand zu nageln, aber sie können Mehltau: Sich auf den Gegner drüberlegen, ihn langsam einzuschläfern und danach zu ersticken. Sie können fantastisch aus der zweiten Reihe schießen und gegnerisches Aufbauspiel abfangen. Ich frage mich allerdings, wie die eher langsame mexikanische Defensive gegen die holländischen Sprinter um Robben auftreten wird.

Kroatien ist Dritter. Kroatien hatte ich mehr zugetraut. Das Auftaktspiel gegen Brasilien war noch tendenziell sehr gut, ehe man durch einen krassen Schiedsrichterfehler das Spiel verlor und sich hernach weinend in sein Schicksal stürzte ohne noch einmal echte aufbäumende Reaktion zu zeigen. Ja, Kamerun wurde klar geschlagen, aber das war schon keine richtig überzeugende Leistung. Man bekam nie echte Dominanz in ein Mittelfeld, in dem mit Rakitic, Modric und Kovacic internationale Superspieler auftraten, aber sie konnten als Trio nicht gegenhalten, und die zweite Reihe hinter dem Mittelstürmer hatte keinen Punch.

Kamerun war die befürchtete Katastrophe. Ich hätte fast geschrieben, die „erwartete“ Katastrophe, nachdem ich sie im Testspiel gegen Paraguay als komplett inhomogene Mannschaft erlebt hatte, aber dann berappelte man sich in der Vorbereitung doch noch und sah wie ein potenzielles, wenn auch unwahrscheinliches dark horse aus. Nada.

Da war nichts. Es gerüchtelte von Streitereien, einem entmachteten Coach, einem bocklosen Stürmerstar Eto’o (welch Überraschung…) und einem Kurzzeitcoach auf Urlaubstrip. Kamerun zeigte nur phasenweise den Willen, sich gegen das Unheil zu stemmen, fiel aber dann spätestens nach dem ersten groben Patzer, der zu Rückstand führte, in sich zusammen, bei der zweiten WM en suite. Kamerun ist als afrikanisches Team immer eins meiner Favoriten, aber so blind kann niemand sein, noch länger „Credit“ für diese Mannschaften aufzubringen. Schade, aber irgendwann muss man es einsehen.