Die finale WM-Caipirinha 2014

Es war ein Endspiel vom ganz oberen Regal, trotz einer überschaubaren Anzahl an erstklassigen Torchancen. Es war ein großes Spiel, das nicht nur von seiner Spannung lebte, sondern vor allem auch von der knisternden Intensität, vom anfangs hohen Tempo, von den hart, aber selten unfair geführten Zweikämpfen, das mit zunehmender Spieldauer dazu führte, dass sich beide Teams zum Schluss nur noch schwer auf den eigenen Beinen halten konnten. Zur Symbolfigur wurde ausgerechnet ein aufopferungsvoll kämpfender Schweinsteiger, vielleicht noch vor Lahm, Podolski, Klose und Mertesacker die Symbolfigur der großen deutschen Generation der letzten Jahre.

Klose… dieses Sinnbild für den fairen Sportsmann. Ich gönne es ihm wie wenigen anderen. Wie Klose gestern mit triefnassen Augen seine Kinder über das Spielfeld chauffierte, werde ich nie vergessen. Es gibt wenige Sportler, mit denen ich mich besser identifizieren kann. Grande Miroslav.

Um den Verlierer ausreichend zu würdigen: Argentina, das war groß. Das war die Wiedergutmachung für das Auftaktspiel gegen Bosnien. Ich erlasse Argentina hiermit die (nicht billige) Rechnung für die verschenkte Lebenszeit für jenen WM-Opener. Die Argentinier waren ein ebenbürtiger Gegner, sie lieferten ihre mit Abstand beste Turnierleistung und hätten mit einer Prise mehr Selbstvertrauen oder einer Prise mehr Abschlussglück durchaus auch den Titel abstauben können.

Trotzdem ist es richtig, dass Deutschland gewann. Deutschland war die aktivere Mannschaft, nicht nur in diesem Spiel, sondern im gesamten Turnier. Für Deutschland ist der vierte Stern der vorläufige Höhepunkt einer mittlerweile 10-15 Jahre währenden Neuerfindung seiner selbst, einer Entwicklung, die – mein Eindruck als Außenstehender – im Ausland mit viel mehr Wohlwollen aufgenommen wurde als im eigenen Land. Es ist gut, dass Deutschland mit seiner Art Fußball zu spielen den Titel holte – gut für Deutschland, gut für den Fußball.

Die deutsche Mannschaft ist vielleicht nicht ganz so grazil wie eine spanische, aber sie ist optisch noch ansprechender. Sie ist den Tick wuchtiger, zielstrebiger, sie ist nicht ganz so stabil, aber dafür kampfstärker gegen Widerstände. Sie wurde in einem haarigen Achtelfinale gegen Algerien nicht nervös. Sie lavierte sich in einem 50/50 Spiel gegen die Franzosen durch. Sie schoss mit fassungsloser Entschlossenheit im neuesten Spiel des Jahrhunderts eine brasilianische Mannschaft auf eine Art und Weise ab, die den Weltfußball revolutionieren könnte. Und sie gewann ein packendes Endspiel, das mich mehr Nerven kostete als manches haariges Meeting, ohne seinen besten Spieler Reus, den von mir am meisten vergötterten Spieler, der das komplette Turnier verpasste.

Für mich war gestern im Prinzip der Tag, auf den ich wartete seit ich Sportfan geworden bin. Seit ich als kleiner Bub begonnen habe, Wettkämpfe wie lebendiges Kino aufzusaugen, hatte ich im Prinzip bei tausend Filmen immer nur einen ganz großen Wunsch: Einmal mit Deutschland Weltmeister zu werden. Europapokale, Meisterschaften, Stanley Cups, Superbowls verblassen gegen jede Fußball-WM. Insofern: Bester Tag als Fan. Ever.

Deutschland hatte wie erwartet schwer zu knabbern an einem eher destruktiv eingestellten Gegner, der aber immer wieder famose Gegenschläge setzte. Mehr als einmal rannten Messi und Lavezzi der deutschen Hintermannschaft in der ersten auf und davon und hätten mit besseren Abschlüssen durchaus ein entscheidendes Tor erzielen können. Argentinien kam immer wieder überfallartig über seinen rechten Flügel, über die Seite von Höwedes, dem ausgemachten Schwachpunkt.

Erst nach der erstaunlich frühen Auswechslung vom Aktivposten Lavezzi zur Halbzeit (gegen den mehr oder weniger indisponierten Kun) und einer starken Eröffnungsviertelstunde in der zweiten Hälfte verblasste die argentinische Offensive zunehmend und kam nur noch selten vors Tor. Bei aller Liebe aber: Die Albiceleste traf nicht ein einziges Mal Neuers Kasten. Zero times. Selbst Higuain versemmelte die Wunder-Vorlage des Toni Kroos auf kläglichste Weise.

Deutschland seinerseits powerte immer und immer wieder gut über die rechte Seite, wo sich Lahm mit Unterstützung Müllers immer wieder gegen Rojo durchtanken konnte, und mehrere gefährliche Aktionen gesetzt wurden.

Nach einer Stunde merkte man beiden Teams zunehmend den Kräfteverschleiß in diesem gigantischen Spiel an. Ein Messi tauchte schließlich komplett ab, während man sich auf deutscher Seite gar nicht mehr entscheiden konnte, ob denn nun Hummels, Schweinsteiger oder Klose am kaputtesten waren. Am Ende hielt ein unwahrscheinlicher Turm die Verteidigung zusammen, Boateng, während Schweinsteiger trotz Krämpfen und Platzwunden fantastische 11 Bälle eroberte und fast 90% Passquote im Spiel nach vorne hatte.

Es war trotz zweier wankender Mannschaften ein Spiel, das sich eigentlich am Ende nach Elfmeterschießen anfühlte. Das deutsche Siegtor fiel quasi aus heiterem Himmel, eine Episode losgelöst vom sonstigen Spiel. Manchmal fallen Treffer als logische Konsequenz einer Druckphase, als Ergebnis von schamloser Ausnutzung einer gegnerischen Schwachstelle oder aus Standardsituationen. Diesmal war es ein Energieanfall vom eingewechselten Schürrle, der sich auf der linken (!) Seite durchtankte, querspielte zu Götze, und Götze mit einer hervorragenden Einzelleistung den Ball zu einem würdigen Treffer versenkte.

Ich gönne es auch Götze, der viel auf die Fresse bekam für einen Wechsel, den mindestens neunundneunzig Prozent der lebenden und bereits verstorbenen Erdbevölkerung genauso durchgezogen hätten.

Ich gönne es Löw, dem Head Coach und seinem Trainerteam, der im eigenen Land so lange so negativ gesehen wurde, während alle Welt dieses Land um diese Mannschaft, und diesem Coach beneidete.

Sie alle sind verdiente Champions, logische Champions, und sie hatten diesmal das Glück, das in vorherigen Editionen am Ende gefehlt hatte.

Diese Weltmeisterschaft lässt sich von diesem Punkt aus zuallererst sportlich beurteilen. No question: Bestes Turnier, das ich jemals gesehen habe, mit weitem Abstand. Vor allem die Vorrunde begeisterte mich mit ihrem schnellen, kampfstarken Spiel und etlichen Überraschungen. Die Playoffs gestalteten sich im Vergleich zur Vorspeise verhaltener, aber spannend, mit einem epischen Thriller USA vs Belgien, mehreren alles andere als klassischen Null-zu-Nulls, einem niemals vergessenen Halbfinalkollaps der Brasilianer und einem mehr als sehenswerten Endspiel.

Zum besten Spieler wurde offiziell Messi gewählt, was den Goldenen WM-Ball ins Lächerliche zieht. Es gab bessere Kandidaten. Mein prägender Spieler des Turniers war Kolumbiens Rodriguez, der dafür sorgt, dass der alte Dschäims in Zukunft durch den eleganten gehauchten Chamès ersetzt wird. Meine weiteren Superstars in diesem Turnier waren Manuel Neuer, Costa Ricas Coach Pinto, der mexikanische Abräumer Herrera sowie Robben und Thomas Müller.

Die insgesamt besten Spiele waren neben besagtem belgischen Achtelfinale das deutsche Spiel gegen Ghana, Frankreich vs Schweiz, Brasilien vs Mexiko, ja, Brasil vs Kolumbien, sowie wie beschrieben das gestrige Endspiel. Den irischen Fan-Gedächtnispreis bekommen die Argentinier. Für den unvergessenen und wichtigsten Turnier-Moment zeichneten sich Deutschland und Brasilien im bizarrsten WM-Spiel aller Zeiten aus, dem Äquivalent des sportlichen Erdbebens. Das beste Tor schoss Chamès gegen Uruguay. Das zweitbeste war Kolumbiens 2:0 gegen Uruguay.

Die spannendsten Nachwehen werden sein, wie sich die Dreier-/Fünferketten im Vereinsfußball, unserem täglich Brot, einfügen wird, ob und wie der brasilianische und italienische Fußball sich neu erfinden werden, wie sich die vielversprechenden, aber letztlich enttäuschten Engländer und Franzosen künftig entwickeln, und ob Kolumbiens großartige Mannschaft den Anschluss an die Giganten Südamerikas schaffen wird.

9 Kommentare zu “Die finale WM-Caipirinha 2014

  1. So viel Pathos kennt man sonst nicht von deinen Texten. Mal eine etwas neuere Seite 😉

  2. Pingback: SG Reichertsheim-Ramsau Senioren: Kreisliga, A-Klassen- und C-Klassenspielplan 2014/15 veröffentlicht | SV Reichertsheim e.V.

  3. Das passt schon mit dem Pathos, es war eine großartige WM und Argentinien wieder erwarten ein würdiger Gegner. Was hab ich mich geärgert, dass die mit ihren Gurkenspielen so weit kommen. Und jetzt morgen ab in den Urlaub, unabsichtlich perfekt geplant, das gibt sicher kein WM-Loch… 😁⚽️

  4. verdient war der Titel im Gesamtbild schon,aber im finale eher glücklich,wenn man die Chancen nimmt das die Argentinier in der ersten Halbzeit verballerrt hatten dann war das schon ein Dusel Sieg für D.Am ende war Argentinien kaputt und das hat Deutschland eiskalt ausgenutzt.

  5. Der Sieg ist auch im Finale verdient. „Glücklich“ wäre der Sieg gewesen, wenn der Schiedsrichter mit einer Fehlentscheidung das Spiel zugunsten der Deutschen entschieden hätte. So war es Unvermögen der Argentinier die Chancen nicht zu nutzen. Götze hat das Tor getroffen und damit ist der Sieg verdient.

  6. Ich finde, bei Neuers Attacke gegen Higuain hätte man sich nicht beklagen dürfen, wenn ein anderer Schiedsrichter statt Freistoss Deutschland einen Elfmeter + rote Karte gegen Neuer gegeben hätte. Somit war es schlussendlich schon eine grenzwertige Schiedsrichterentscheidung, die das Spiel mitentschieden hat.

  7. Und Kramer wurde mehr als deutlich direkt am Kopf abgeräumt, übrigens auch im Strafraum.

  8. Pingback: Ein Streifzug in blau und weiß | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.