Als der College Football durch die Hölle ging

Vorwort: Ich habe letztes Jahr ganz sachte anhand von US-Autoren wie Michael Weinreb (Sports on Earth) eine kleine Miniserie über die Geschichte des College-Footballs angestoßen, die auf mehr Anklang in der Leserschaft gestoßen ist als gedacht. Schreiben über Schlüsselmomente in der Vergangenheit des Sports, den wir lieben, macht zugegebenermaßen Spaß. Viel ist bloße Auseinandersetzung mit dem Fabrizierten von Michael Weinreb, aber das ist uns ja wurscht. Heute: Die Nacht, in der College Football die Hölle erlebte.


Michael Weinreb, das muss man wissen, kommt aus dem US-Nordosten. Sein Vater war Professor an der Penn State University, und so verbrachte Weinreb einen Großteil seiner Kindheit und Jugend in State College, dem Dörfchen mitten in der Prärie von Pennsylvania, das nur dank der Uni existiert. Weinreb schrieb oft über seine Verbindung zur Uni, und man bekommt in den vielen Artikeln ein gutes Gefühl für die Beziehung eines Amerikaners zu „seiner“ Alma-Mater. Seit dem Sandusky-Skandal arbeitete Weinreb in einigen exzellenten Artikeln, die ich hier oft verlinkte, seine Gefühlswelt auf – seine Einstellung zu Ort, Zeit und Paterno. Dieser Artikel The Night College Football Went Through Hell ist aus dem Jahre 2007, also vor dem Auffliegen von Sandusky, also nicht wundern, wenn Leute wie Paterno oder Sandusky da in einem Licht erscheinen, das heute ein Spur anders ist.

Wir schreiben den 2. Jänner 1987, ein Montag. Tag des inoffiziellen National Championship Games, das es damals noch nicht gab. Den Part hatte an diesem Tag die Fiesta Bowl in Tempe/Arizona über, eine bis dahin als zweitklassig angesehene Veranstaltung im Schatten der großen Giganten wie Rose Bowl, Sugar, Cotton oder Orange Bowl. Die Fiesta Bowl hatte aber gegenüber diesen arrivierten, alles überstrahlenden Neujahrs-Bowls den Vorteil, nicht vertraglich an eine oder mehrere Conferences gebunden zu sein. Während die Rose Bowl verpflichtet war, die Sieger von Big Ten und Pac-10 zu holen, die Sugar Bowl den SEC-Champ nehmen musste und die Cotton Bowl den Meister der SWC, war das Gremium der Fiesta Bowl unabhängig.

„Unabhängig“ waren auch die #1 Miami Hurricanes und #2 Penn State Nittany Lions, die in den 80ern noch keiner Conference angehörten und als Independents die Szene aufmischten.

Miami Hurricanes

Miami/FL stellte in dieser Saison 1986/87 eine der besten Mannschaften aller Zeiten, mit Dutzenden späteren NFL-Profis wie Vinny Testaverde oder Hall of Famer WR Michael Irvin, und fuhr seine Gegner im Schnitt mit 35.8 zu 12.5 Punkten an die Wand. Die University of Miami war keine traditionelle Macht. Sie war erst vier, fünf Jahre zuvor überhaupt relevant geworden, hatte vier Jahre zuvor aber zum ersten Mal den National-Title in einem epischen Spiel geholt. Direkt im Anschluss an diese Partie hatte der schrullige, schnauzbärtige Head Coach Howard Schnellenberger, der Architekt hinter dem Aufstieg, seinen überraschenden Rücktritt bekannt gegeben.

Howards Nachfolger war Jimmy Johnson, eine Betonfrisur von Kopfbedeckung, ein Typ gestriegelt wie die Rösser vor dem Aufmarsch. Aber Johnsons Äußeres täuschte. Man beschrieb sein Wesen zwar als arrogant, aber irgendwie sympathisch. Johnson kapierte, dass seine Jungs aus den Ghettos von Südflorida keine Musterknaben waren und auch keine sein wollten, und so ließ er sie machen und walten wie sie wollten. Heraus kam eine ungezügelte, von Straßenjungs dominierte Mannschaft, ungehobelt, auf alle Konventionen scheißend, und sie hatte alsbald den Ruf der „Bösen“.

Penn State Nittany Lions

Penn State war der komplette Gegenentwurf, das Lebenswerk des schon damals greisen Head Coaches Joe Paterno. Paterno war aber mehr als bloß sportlicher Leiter. Paterno war eine Ikone, seit 1950 im Trainerstab, seit 1966 der Head Coach. Paterno hatte in seiner Anfangszeit mit all den Problemen zu kämpfen, die heute – sagen wir, den Boise State Broncos – bewusst werden: Penn State war ein College aus einer Region (US-Nordost), wo einfach kein guter Football gespielt werden konnte, schlicht, weil dort noch nie guter Football gespielt wurde. Die Bastionen waren der Midwest und der Süden. Pennsylvania? No way!

Und so musste Paterno Teams durchschleppen, die immer wieder trotz Ungeschlagenheit (Perfect-Season) nicht als “würdige” Kaliber für den National-Title anerkannt wurden. Um sich Ehre und Respekt zu verschaffen, rief Paterno Anfang der 70er das Grand Experiment ins Leben. Das Grand Experiment besagte, dass die Footballer in seiner Mannschaft, an seiner Uni, nicht bloß gute Sportler sein mussten, sondern vor allem auch gute Menschen und gute Studenten. Fortan hatte Penn State ein Gesicht, eine Unverwechselbarkeit. Die blütenweiß-blauen Shirts und das riesige Beaver Stadium in der Prärie wurden Teil der Popkultur, und Paterno war ein Superstar über den Sport hinaus, eine lebende Legende, larger than life.

Ende der 70er waren die Nittany Lions dann reif, als landesweite Macht anerkannt zu werden. 1979 zum Beispiel verhinderte nur ein geschichtsträchtiger Goal-Line-Stand von Alabama im allerletzten Spielzug der Saison den Landesmeistertitel für Penn State. 1982 war es soweit: Das Grand-Experiment hatte seinen ersten Titel geholt.

Paternos Teams versprühten keinen spielerischen Glanz. Sie waren Arbeitermannschaften aus einer anderen Zeit. Offense war bloß dazu da, den Ball nicht wieder per Turnover herzugeben. Ein Punt galt als Erfolg für den Angriff. Penn State gewann mit seiner gefürchteten Defense. Schon in den 80ern galt die Insitution als „Linebacker U“, als Ausbildungsstätte für die besten Linebacker des Landes. Das Genie dahinter im Trainerstab war Jerry Sandusky.

1986/87 beendete Penn State die Regular Season ungeschlagen wie Miami/FL, aber während die Canes Kantersieg um Kantersieg einfuhren, würgten sich die Lions mit teilweise knappen Siegen selbst gegen inferiore Konkurrenz durch. Aber es waren nicht mehr die 60er. Es waren die 80er, die Blütezeit des Grand-Experiment, und Hinterfragen des Grand-Experiments galt nicht. Ein Team gecoacht von Paterno und Sandusky musste würdig sein.

Vor dem Spiel

Die Veranstalter der Fiesta Bowl waren erpicht darauf, ein Duell #1 gegen #2 am letzten Tag der Bowl Season zu bekommen und den großen Cash-Cows Rose oder Sugar Bowl eins auszuwischen. Paterno und seine Lions sagten sofort zu. Sie hatten schon oft im Dezember oder Jänner in Tempe/Arizona gespielt und dort noch nie verloren. Das Problem waren die Canes, die ja quasi im eigenen Stadion die viel prestigeträchtigere Orange Bowl hätten spielen können. Beweisen mussten sie als #1 niemandem etwas. Jeder konnte sehen, dass sie die beste Mannschaft der Saison waren.

Also griffen die Bowl-Veranstalter in Arizona ganz tief in die Trickkiste und lancierten ganz unverschämt das Mantra Jimmy hat Schiss! „Jimmy“, das war Betonfrisur Johnson, der sich an der Ehre gepackt fühlte. Jimmy sagte schließlich der Fiesta Bowl zu.

Ein Problem blieb noch: Die Kohle. Die Buyouts waren schon damals exorbitant, und die Fiesta Bowl hatte trotz bester Sendezeit zur Primetime nicht genügend Budget, um die finanziellen Forderungen der beiden besten Mannschaften der Saison zu erfüllen. Also wurde man erneut einfallsreich, und sicherte sich als erster Bowl-Veranstalter einen Sponsor. Was heute gang und gebe – und im Falle von Norththropp Grummon Idaho Potato fil-A Bowl durchaus ein Ärgernis – ist, war damals Novität. Fiesta Bowl als Vorreiter der totalen Durchkommerzialisierung des „Amateursports“ College-Football.

Die Fiesta Bowl hatte sein direktes Duell #1 gegen #2, Miami gegen Penn State, die Bösen gegen die Guten.

Schon die Tage im Vorfeld des Spiels waren gekennzeichnet von Nickligkeiten auf beiden Seiten, die auf einem Bankett fast zu einer handfesten Schlägerei ausgeartet wären, und niedlichen Storys wie „Joe will um 16h das Stadion anschauen? Gut, dann will ich das auch!“ Kleine Kinder sind heilig gegen Jimmy und Joe.

Im Spiel

Das Spiel selbst kann man sich auf Youtube in voller Länge reinziehen, und es ist eines der ganz großen, definierenden Spiele der Footballgeschichte. Miami dominierte nach Belieben, Miami fuhr über Penn State wie eine Walze drüber, plättete die Lions zum Bettvorleger. 430 zu 167 (!) Offense-Yards. Penn States anämische Offense machte keinen Stich gegen die extrem schnellen, physischen Canes, die wohl heute nur mehr mit SEC-Giganten wie Alabama oder LSU vergleichbar sind.

Aber der Bettvorleger zuckte noch. Jerry Sanduskys GamePlan war so uneitel wie man es von einer Uni, die sich für was Besseres hält (nochmal: Stichwort Grand-Experiment), niemals erwartet hätte. Sandusky wusste, dass seine Mannschaft körperlich nicht mithalten konnte, also spielte er Mind-Games. Verzichtete auf Pass-Rush und beorderte acht Mann in die Deckung. Und Vinny Testaverde, Quarterback der Hurricanes und Heisman-Trophy Sieger der Saison, in seinem letzten Spiel als Student und drei Montate später #1-Overall Draftpick in der NFL, ließ sich verwirren, verarschen wie ein verunsichertes kleines Kind, und warf eine Interception nach der anderen.

Und so kam es, dass die Nittany Lions nur einen einzigen richtigen Drive über 70yds hatten, und daraus sieben Punkte machten. Die Canes ratterten immer und immer wieder in die Redzone, aber Testaverde fabrizierte INTs am Fließband, Miami fumbelte, Miami verschoss die Field Goals. Eine INT wurde zum Touchdown zurückgetragen, und so führten die eigentlich komplett überwältigten Penn State Nittany Lions vor dem allerletzten Drive sensationell 14-10.

Testaverde übernahm noch einmal, führte die Canes noch einmal aus einer schier aussichtslosen Situation das Spielfeld runter und stand Sekunden vor Schluss vor der Endzone. Aber dann schlug die Eitelkeit des Canes-Staffs zu: Anstelle die verbleibenden Downs und Timeouts zu nutzen, um mit Physis über die Lions drüberzulaufen, wollten es Johnson, Testaverde und Co. wissen, wollten nach einem verhunzten Nachmittag mit viel zu vielen gescheiterten Passversuchen ein letztes Mal zeigen, dass man es doch drauf hatte und dass Testaverde zurecht die Heisman Trophy gewonnen hatte.

Sack. Incompletion. Und im allerletzten Spielzug eine Interception hinein in die Endzone. Fertig war das gigantische Upset, der 14-10 Sieg von Paternos Knaben über eine der besten Mannschaften in der NCAA-Footballgeschichte. Der Sieg war nicht verdient, es war ein dreckiges Spiel, in dem die Lions den Gegner zu sich herunter gezogen hatten, um die Überraschung überhaupt zu ermöglichen.

Am Ende hatten die Guten gewonnen, mit einer Spielweise, die eigentlich nur auf böse Buben passt.

Die Nachbeben

Für die Fiesta Bowl war es die Geburtsstunde für die Aufnahme in den Kreis der „großen Bowls“: Mit Beginn der BCS-Ära über ein Jahrzehnt später wurde sie, nicht die viel ältere, reichere Cotton Bowl, zur vierten BCS-Bowl auserkoren aufgrund dieses einen Geniestreichs, das Spiel der Spiele geholt zu haben. Die TV-Ratings waren überirdisch, die damals besten jemals für ein College-Footballspiel.

Penn State war mit dem zweiten National Title endgültig im Kreis der Großen angekommen, und Miami/FL wusste bei allem Schmerz über die vollkommen unnötige Niederlage, dass man noch ausreichend Chancen bekommen würde: Jimmy Johnsons Mannen holten sich schon ein Jahr später den Titel zurück, und „The U“ gewann auch nach dem Abgang Johnsons in die NFL noch zwei weitere Landesmeistertitel (1989 und 1991), insgesamt drei der nächsten fünf nach dieser sensationellen Schlappe gegen Penn State.

Es war der bisher letzte National Title für die Penn State University und der letzte für Paterno. Die Universität gliederte sich aufgrund des wirtschaftlichen Drucks in den 90ern schließlich in die Big Ten Conference ein und verharrte dort noch fast zwei Jahrzehnte als eine Art Eminenz, als letzte Bastion des sauberen College-Sports, bis ausgerechnet hier, an diesem Ort des Grand-Experiments, im November 2011 der größte Skandal in der Universitätssportgeschichte aufgedeckt wurde: Es kam ans Tageslicht, dass Sandusky jahrelang kleine Buben sexuell missbraucht hatte, mit Wissen und unter schützender Hand Joe Paternos und der Universitätsleitung von Penn State.

„Gut“ und „Böse“ sind seither endgültig nicht mehr voneinander zu unterscheiden.

12 thoughts on “Als der College Football durch die Hölle ging

  1. Das sind genau die Artikel, warum diese Seite das Beste ist, was es zum Football im deutschsprachigen Raum zu lesen gibt. Neben den Fakten und dem interessanten Drumherum noch dazu in einem genialen Schreibstil verfasst, mit vielen interessanten Links. Mach bloß weiter so!

  2. Noch sechs Wochen… Danke dafür, dass du mit solch geilen Artikeln die Ungeduld noch weiter anwachsen lässt.😉

  3. servus an alle Football Fans hier,ich hab im Internet eine geile Anleitung gefunden wie man Kostenlos im internet LIVE US-TV gucken kann gratis natürlich.man kann mit dem Programm XBMC die wichtigsten Sender aus der USA schauen also NBC,CBS,FOX,PBS,und noch andere.Damit kann man zu mindestens auf CBS einige College Football spiele sehen die auf Sport1 US zum Beispiel nicht gezeigt werden.Hier der Link
    http://www.win-football.de/html/total_exzess.html

  4. Erst jetzt gelesen und ich muss sagen: das ist ein Artikel, der zum Besten gehört, was man über Football im Internet lesen kann/darf. Großes Kino, bitte mehr davon🙂

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