NFL-Franchises im Kurzporträt, #21: Oakland Raiders

Die Oakland Raiders sind seit Jahren so etwas wie der Komödiantenstadel der National Football League. Aber die Geschichte ist älter als ein Jahrzehnt – und die Geschichte der Raiders ist außergewöhnlich, vom patriarchalischen Owner, über legendäre Coaches hin zu bösen Buben.

Die ersten Jahre

Oakland war ursprünglich bloß ein Ersatzort für die neu gegründete NFL-Konkurrenzliga AFL (American Football League) im Jahr 1960, und so wurden die Raiders eigentlich mehr aus der Not heraus, denn als umjubelter Neuling, geboren. Das war jedoch bald so wurscht wie der Läse auffm Brot, denn nach schwachen ersten Jahren wurde Al Davis schon Mitte der 60er erst Cheftrainer und coachte die Raiders schnell zu einer respekablen Mannschaft, bevor er AFL-Commissioner wurde und als solcher den Zusammenschluss von AFL und NFL einfädelte. In der Zwischenzeit spielten die Raiders 1967/68 bereits um Super Bowl II – Resultat: Niederlage, aber man war im Kreis der Großen angekommen.

Madden Football

In den späten 60er Jahren kehrte Davis als mittlerweiliger Mitbesitzer zu den Raiders zurück und installierte den blutjungen Kettenraucher John Madden als seinen neuen Head Coach. Madden musste zwar am Anfang jahrelang mit den „Vorwürfen“ leben, nur eine Marionette Davis‘ zu sein, eroberte sich jedoch spätesten ab ca. 1970 landesweiten Respekt, als er mit seinen Raiders fast jedes Jahr um den Titel mitspielte.

Die Raiders der 70er gehören zu den dominantesten Mannschaften überhaupt, geprägt von der Idee des „vertikalen Spiels“, also aufbauend auf den ganz langen, tiefen Bällen, die vom Laufspiel vorbereitet wurden. Das war in den Siebzigern, die später als dunkelste Zeit für offensiven Football in die Annalen eingingen, ein erstaunlich fortschrittliches Spiel. Angeführt wurde die Offense von einer starken Line, dem Womenizer QB Ken Stabler und WR Fred Biletnikoff. Zweites Charakteristikum der Madden-Raiders: Das schmutzige Spiel. Häufig wurde abseits des Spielzugs versucht, einen Gegenspieler blindlings kalt zu stellen.

So groß seine Teams spielten, Madden litt lange Zeit unter dem Vizekusen-Syndrom, das wichtige Spiel nicht gewinnen zu können. Immer wieder beste Regular Season von allen, immer wieder Playoffaus gegen Steelers oder Dolphins – bis 1976/77, als man zuhause den Dämonen Pittsburgh endlich aus dem Weg räumen konnte und eine Woche später in der Super Bowl Minnesota putzte.

Titel Nr. 2

Madden verließ danach die Franchise und wechselte hinter die TV-Mikrofone, wo er eine zweite erfolgreiche Karriere als Amerikas legendärster TV-Pundit („Booooom!“) startete. Die Raiders kämpften im aufkommenden Kommerzialismus derweil um den wirtschaftlichen Anschluss, unter anderem auch, weil sich auf der anderen Seite der Bucht ein Lokalrivale anschickte, die Liga seinerseits zu revolutionieren: Die San Francisco 49ers.

1980/81, als sich Al Davis schon entschieden hatte, Oakland in Richtung Los Angeles zu verlassen, holten sich die Raiders unter Madden-Nachfolger Tom Flores den zweiten Titel – diesmal als Wildcard-Team gegen die Eagles (Endspielsieg 27-10 über Philly).

Ice Cube

Was danach passierte, spottet eigentlich jeder Beschreibung: Davis entschied sich, nach Los Angeles umzuziehen. Allein – die Ownerkonferenz blockte den Ortswechsel, woraufhin Davis sich kartellrechtlich durchklagte. Und gewann.

Ich habe die Folge Straight Outta L.A. der ESPN-Dokuserie 30for30 gesehen und kann diese nur empfehlen: Rapper Ice Cube erzählt darin, was die Raiders für ihn im Persönlichen und die Street Gangs in Los Angeles im Allgemeinen bedeuteten: Die Welt.

Als die vom heißgeliebten RB Marcus Allen angeführten Los Angeles Raiders 1983/84 dann auch noch schnell zum dritten Mal den Weltmeistertitel in Super Bowl XVIII gegen Washington einsackten, war die Liebe zwischen der Engelsstadt und den Raiders am Höhepunkt und die riesige Schüssel des Coliseums dauerausverkauft.

In Los Angeles darf man aber EINES nicht machen: Verlieren. Und genau das passierte in den späten 80ern. Das Stadion wurde immer leerer und die Vorstellungen immer trister.

Die schleichende Verkalkung von Al Davis muss wohl schon damals begonnen haben, denn der streitsüchtige Davis begann, sich ab sofort nicht mehr nur mit alles und jedem außerhalb der Organisation zu fetzen, sondern intrigierte ab sofort auch intern. So zum Beispiel gegen Superstar Allen und/oder Head Coach Mike Shanahan.

Nur der geniale RB Bo Jackson, berühmt als einziger Profi, der in ein und derselben Saison das MLB-Allstarspiel und die NFL Pro Bowl absolvierte, rettete mit seiner großartigen Spielweise und seinen flotten Sprüchen das bröckelnde Image der Franchise – sportlich wurden die Raiders immer mittelmäßiger und „Committment to Excellence“ galt immer weniger. Al „Just win, baby“ Davis stellte Coaches ein und feuerte Coaches nach Gutdünken und mit keinem hielt er es länger aus als 2-3 Jahre.

Here We Go Again

1995 folgte dann der Rückzug nach Oakland. Los Angeles mag keine Verlierer. Los Angeles mochte vor allem keinen Verlierern teure neue Stadionsuiten bezahlen. Und so zog Davis ab, nachdem die Mannschaft schon eine zeitlang nur noch zu Spielen nach L.A. geflogen war, und ansonsten in Oakland sein Tagesgeschäft über die Bühne brachte.

In einem allerletzten lichten Moment stellte Davis Ende der 90er Jon Gruden als neuen Headcoach ein – wieder so ein blutjunger Offensivgeist im Stile Maddens, ein sensationell intensiver Charismatiker, der mit seinem unbändigen Arbeitsethos die dümpelnde Franchise mitriss, aus dem es kein Entweichen gab.

Der junge Gruden coachte Oakland mit dem greisen QB Rich Gannon (Gannon war nur zwei Jahre jünger als Gruden) und dem noch greiseren WR Jerry Rice (ein Jahr älter als Gruden) und überhaupt einer Ansammlung von uralten abgehalfterten Stars – viele älter als Gannon selbst – zu einem Spitzenteam. Oakland war wieder wer, Oakland spielte sich mit schönem Angriff wieder landesweit in den Fokus.

Es fehlte zum Ende von Grudens Amtszeit nur eine bizarre Regelauslegung bzw. überhaupt eine bizarre Regel („Tuck Rule“) gegen New England zum Durchbruch. Nur: Davis mag keine Alphatiere neben sich, und so ließ er Gruden im Winter 2002 nach der Anfrage der Tampa Bay Buccaneers mit ziehen.

Seit Chuckys Abgang…

…spielte Oakland genau einmal in der Super Bowl (2002/03). Dort wurde ausgerechnet gegen Grudens Buccs haushoch verloren. Im zweiten Jahr unter dem Gruden-Nachfolger Bill Callahan kollabierten die Raiders komplett und stürzten ab, hinunter in ein nun schon über zehn Jahre abgrundtiefes Loch.

Oakland wurde ein Synonym für alle Fehler, die man in Zeiten der Salary-Cap Ära nicht machen sollte, von Einkäufen überteuerter Altstars über das Verkaufen von Draftpicks über ständige Trainerwechsel über, über, über. Die überfällige Verjüngung des Kaders und/oder die Anpassung an Davis‘ gewünschte offensive/vertikale Spielweise scheiterten notgedrungen. Coaches kamen und gingen – Al Davis konnte mit keinem lange oder jetzt besser: Keiner konnte mit Al Davis lange. Die Strukturen in Oakland waren für’n Arsch. Davis hatte ein Misstrauensklima geschaffen, das es keinem Coach erlaubte, seine Arbeit wie gewünscht auszuführen.

Im Oktober 2011 verstarb Al Davis, die wichtigste Personalie der Raider-Geschichte, die sich über die Jahrzehnte vom Heiland zum Problemfall für sich entwickelt hatte. Seither ist Als Sohn Mark am Ruder. Die Richtung, die die Franchise eingeschlagen hat, scheint zu stimmen.

Black Hole

Oakland Coliseum - Bild: Wikipedia

Oakland Coliseum – Bild: Wikipedia

Oaklands Stadion gehört zu den letzten mit Doppelfunktion Baseball/Football, und wurde extra zur Rückkehr der Raiders 1995 seiner Seele beraubt: Man baute an der Flanke der Gegentribüne ein 50m hohe Tribünenwand (Spötter nennen sie „Mount Davis“), die den Baseballfans den romantischen Blick auf die Hügel des Alameda-Countys versperrte. Dafür hat das Stadion einen Fansektor „Black Hole“, das schwarze Loch, in dem die rabiaten Hardcore-Fans für Stimmung sorgen.

Das Coliseum (vorne bitte den Namen des grade aktiven Sponsors anfügen) bietet rund 65.000 Plätze und ist, wenn voll, gefürchtet aufgrund der stimmungsvollen Fans. Schlüsselwort „wenn“: Die Raiders kriegen die Hütte seit längerer Zeit nicht mehr gefüllt und schreien seit Jahren nach neuem Stadion. Sie schreien eigentlich seit Anbeginn der Zeit nach einem neuen Stadion. Aktuell soll es Pläne geben, ein kleines, schnuckeliges 50.000er Stadion zu bauen, was sich gemessen an den Dimensionen der heutigen NFL-Arenen wie die Playstation Arena von Greuther Fürth in der Bundesliga anfühlt.

Rivalitäten

Oakland Raiders und Rivalitäten? Genug Stoff, um Bücher zu füllen. In Kurzfassung könnte man sagen: Raiders gegen den Rest der Welt, beziehungsweise Al Davis gegen den Rest der Welt. Davis stritt schon mit den NFL-Bossen vor Gericht, beschimpfte andere NFL-Besitzer, raufte mit der eigenen Stadt und mit Los Angeles. Die Raiders haben wie kaum ein anderes NFL-Team ein bayernmäßiges entwedermanliebtsieodermanhasstsie-Bild.

Auf dem Platz sind von allen AFC-West-Mannschaften die Kansas City Chiefs die klassische Nemesis. Davis gegen den Chiefs-Gründer Lamar Hunt war schon vor Urzeiten auf persönlicher Ebene geführtes Duell. Zuletzt verlor die Auseinandersetzung an Brisanz, weil beide sportlich dümpelten, aber wehe, wenn die beiden schlafenden Riesen mal zugleich erwachen…

Daneben ist von den Traditionsmannschaften noch Pittsburgh zu nennen, aufgrund von zahllosen AFC-Finalspielen in den 70ern, von denen die Raiders die meisten verloren. Aber 1976 sorgte man eigenhändig dafür, dass Pittsburgh die Playoffs erreichte, um die Steelers im AFC-Finale endlich aus eigener Kraft putzen zu können und mit John Madden als Head Coach den überfälligen Titel zu holen.

Geographisch gesehen sind die San Francisco 49ers der Lokalrivale. Aber prinzipiell könnte man zwischen den rowdyhaften Raiders und den elitären Krawattlträgern von den 49ers auch charakterliche Gegensätze herauslesen, die über das Spielfeld hinausgehen.

Gesichter der Franchise

  • Al Davis – Owner, Head Coach, Streithahn und vor allem sowas wie die Verlörperung der gesamten Franchise. Geliebt, gehasst, verspottet – eine der Figuren der Footballwelt.
  • John Madden – Head Coach. Bevor Madden durch Fernsehen und Videospiele bekannt wurde, war Madden ein erfolgreicher Head Coach. In den 70ern trotz Flugangst der Head Coach mit der höchsten winning percentage und 1976 Superbowl-Champ.
  • Fred Biletnikoff – WR. Kettenraucher und Hall of Famer.
  • Marcus Allen – RB. Der ungeliebte Sohn – war MVP und Superbowl-Champ, versauerte dann aber auf Anweisung von Al Davis jahrelang auf der Auswechselbank, bevor er zum Erzfeind Kansas City ging.
  • Bo Jackson – RB. Spielte verletzungsbedingt nur wenige Jahre, aber wenn, dann gewaltig. War in einem Jahr zugleich Allstar in NFL und MLB und hätte ohne schwere Verletzungen noch viel mehr erreichen können.

korsakoffs Lowlight

Super Bowl 2003 – Die alte Garde der Raiders um Rice, Gannon und Tim Brown wurde von den hungrigen Buccs übel an die Wand gespielt und verlor nach zwischenzeitlichem 34-3 Rückstand schließlich nur dank Ergebniskosmetik „bloß“ mit 48-21. Das Spiel läutete eine Dekade des Siechtums ein, aber die Anzeichen (alte Mannschaft, verkrustete Strukturen) dafür hätte man eigentlich schon in jenem Spiel sehen müssen.

Eckdaten

Gegründet: 1960
Besitzer: Al Mark Davis (Football)
Division: AFC West
Erfolge: Superbowl-Sieger 1976, 1980, 1983, Superbowl-Verlierer 2002, 21x Playoffs (26-18)

5 Kommentare zu “NFL-Franchises im Kurzporträt, #21: Oakland Raiders

  1. Auf die Vorstellung weiterer Franchises von deiner Seite hab ich mich rießig gefreut. Findest immer ein paar Infos, die mir bis dato entgangen sind. Vielen Dank und ich hoffe es kommen bald noch ein paar Vorstellungen mehr!

  2. Wieder mal ein Weltklasse Artikel. Vielen Dank!
    Bei den Eckdaten hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Es steht noch Al Davis als Besitzer drin

  3. Endlich ist es wieder so weit und du schreibst über Football 🙂
    Ich freue mich auf weitere Franchise-Vorstellungen 🙂

    Kommt wieder was über die Lions :)?

  4. in vier tagen beginnen die Camps also kann die neue season beginnen.freue mich schon riesig

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