Aus dem Lager der Detroit Lions

Der Siebenschläfer Detroit Lions startet in diesen Tagen und Wochen so richtig in die Ära des neuen Headcoaches Jim Caldwell, jenem zahnlosen, verzagten Männchen, dem ich schon im Winter die Aufwartung gemacht habe: König der Löwen.

Die ersten Reaktionen auf Caldwell in der täglichen Arbeit stimmen positiv. Die Hierarchien im Team sollen umgekrempelt worden sein. Egoshooter werden systematisch auf leise gedreht. Die möglichen Störfeuer wie die Vertragsverlängerung für Ndamukong Suh (auslaufender Vertrag nach der Saison) wurden auf den Winter verschoben. Die Spieler werden alle gleich behandelt, die Fehler aller im Filmstudio seziert. Das ist ein wichtiger Punkt. Ohne fünf Jahrzehnte Lebenserfahrung auf dem Buckel zu haben, hab ich es schon in zirka fünfhundertdreiundsiebzig Teams erlebt, dass es nur dann wirklich funktioniert, wenn es keine heimlichen oder offenen Bevorzugungen gibt.

Caldwell und sein OffCoord Joe Lombardi wollen eine vielschichtige Offense einstudieren, mit etlichen Finessen. Auch das sieht aus wie ein Schritt in die richtige Richtung: Mehrfach machten sich gegnerische Verteidiger in der Vergangenheit über die immergleichen Plays der Lions-Offense lustig, und dass sie ein Hauptgrund waren, weswegen Detroit mit zunehmendem Spielverlauf so oft Probleme bekam – der Gegner wusste schlicht, was kommt.

Obwohl Detroit in TE Eric Ebron einen Fangkünstler gedraftet hat, soll Lombardi die Instruktion bekommen haben, vergleichsweise hohen Fokus auf das Laufspiel zu setzen. In Jed Collins wurde ein Fullback eingekauft, der Lombardi aus gemeinsamen Zeiten in New Orleans kennt, und der ähnlich wie dort eingesetzt werden soll – in verschiedenen I-Formationen, Strong/Weak, und die straighte I.

Viel Fokus auf das Laufspiel bedeutet auch: Letzte Chance für RB Mikel LeShoure, seine Karriere zu retten. LeShoure ist ein hoher Draftpick aus dem Jahre 2011, ein Mann mit einer exzellenten College-Karriere, der aber in der NFL bis auf ein paar wenige gute Spiele 2012 vor allem durch Drogengeschichten und Disziplinlosigkeiten aufgefallen ist. LeShoure ist auf der Höhe ein echter Power-Back, eindimensional zwar, aber neben einem RB Bell, RB Reggie Bush und einem Fangkünstler wie Theo Riddick brauchst du nicht noch einen vierten All-Around Spieler.

Dieses Backfield sieht konzeptionell schon ein bissl wie das der großen Saints-Offenses aus: Collins ist Collins, Reggie ist Bush, und dahinter ist ein Joique Bell durchaus entfernt mit einem Ivory oder Pierre Thomas vergleichbar, und einen LeShoure nehme ich selbst in semi-motiviertem Zustand über einen Ingram.

Lombardi/Payton zogen in New Orleans eine Myriade an Plays aus dem Hut. Eines der Themen, das dabei immer wieder diskutiert wurde: Die Vielfalt an Run-Plays. New Orleans war durchaus nicht nur Shotgun-Offense. Vielfach operiert wurde mit lateral angelegten Zone-„Lead Runs“, in denen Guards im zweiten Moment versuchen, den nächsten Linebacker aus dem Spiel zu nehmen. Detroit kennt bislang nur Ansätze dieser Philosophie. Mit einem Jed Collins hat man jedenfalls ein notwendiges Puzzleteil für diese Art von Offense geholt.

Herzstück wird trotzdem das Passspiel bleiben. Caldwell wurde dem Vernehmen nach hauptsächlich geholt um den schlampigen Franchise-QB Matthew Stafford gerade zu biegen. Stafford ist ein Mann mit einer konkurrenzlosen Granate im rechten Wurfarm, aber in der Vergangenheit verließ er sich zu häufig auf selbige, und in einer NFL können Defensive Backs rattenscharfe, aber leicht unpräzise Bälle durchaus abfangen (und sie taten es).

Caldwell und sein Stab haben schon die ganze Offseason mit Stafford an seiner Beinarbeit gearbeitet. Aus Statements sollte man nie zu viel herauslesen, aber: Der üblicherweise schweigsame Caldwell äußerte sich mehrfach sehr positiv über Staffords Entwicklung als Techniker. Ob Stafford auch mental den Schalter umlegen kann? Weg von der relativ einfachen, auf Individualklasse aufgebauten Offense der Vergangenheit auf die komplexere, auch geistig fordernde Offense, die in Detroit eingeführt wird?

Lombardi schickt sich in diesen Tagen an, zumindest eine Light-Variante der Saints-Offense zu implementieren. Sprich: Viele Curl-Routes, viele kurze und mittellange Crossing-Routen, viele kurze Pässe für Runningbacks mit folgendem sofortigem Abbiegen downfield, eher lange in der Entwicklung dauernde Spielzüge. Curl-Route, für Neulinge, sind die Routen, in denen Receiver oder Tight Ends sechs, sieben Schritte nach vorne sprinten um dann abrupt abzubremsen und den Ball für kurze Raumgewinne fangen. Crossing-Routen sind 1:1 übersetzt sich kreuzende Routen über die Spielfeldmitte.

Ein Konzept, an dem Joe Lombardi auch mitgearbeitet hat, ist das auch im Fußball bekannte „Dreieck“: Triangle-Konzept, das Chris B. Brown fantastisch erklärt hat.

Detroit hat nach den Einkäufen von Ebron und dem Free-Agent WR Golden Tate einen zumindest auf dem Papier kompletten Satz an Skill-Players, mit denen man ein ähnlich tödliches Arsenal an Plays auspacken kann um diese Dreiecks-Konzepte auszunutzen, wie den Runningback gegen einen Linebacker anzusetzen, oder einen Calvin Johnson hie und da in eine Einzeldeckung zu kriegen.

Bleibt die Frage, ob Stafford lernt wie man sich in einer Pocket bewegt, wenn die Plays nicht mehr zu gefühlt 80% aus der Shotgun-Formation kommen, wenn sie nicht schon nach 1.5sek mit einem Passversuch für Johnson enden, wenn er dem Passrush mit einem Schritt nach vorne ausweichen muss. Das wird eine der entscheidenden, spannenden Fragen der Saison.

Die Defense ist das Reich des DefCoords Teryl Austin. Austin ist der Mann, der zuletzt in der Defensivschmiede in Baltimore großartige Arbeit mit der Secondary geleistet hat. Hauptgesprächsthema in den ersten Tagen im Trainingslager war aber Austins Bestreben, die Blitz-Rate der Abwehr zu erhöhen.

Detroit blitzte letzte Saison im simplen Cover-2 Schema von Gunther Cunningham ganze 18% der Spielzüge. Die restliche Spielzeit war die Front-Four auf sich allein gestellt. So gut ein Suh ist, so gut ein Fairley sein kann, so wenig kannst du von einem Tackle-Pärchen flankiert von unerfahrenen Rookies erwarten, dass sie dir die restlichen Spielzüge alles herausreißen. Folge waren ganze 33 Sacks.

Die Blitzes sollen weniger aus der Secondary einschlagen, sondern vor allem von den Linebackers kommen. Ein MLB wie Tulloch dürfte durch aggressivere Spielweise zu mehr Big-Plays kommen. Ein Rookie wie Van Noy, durchaus ein wuchtiger, starker Passrusher, dürfte von der Strongside (also der Seite des Tight Ends) seine Gelegenheiten kriegen.

In der Secondary ist man personell ausgedünnt – ein ewiges Thema. Festklammern kann man sich an der Tatsache, dass Austin noch jedes selbst durchschnittlich besetzte Backfield vorangebracht hat. Sein Verkaufsschlager ist die press coverage, die vor allem den jungen Spielern helfen soll. Man spricht dann immer davon, dass sich Rookies in der off coverage, wenn sie 10yds hinter der Anspiellinie starten, vor lauter freiem Raum verlieren, und lieber gleich den Kontakt gesucht hätten um ein besseres Spielgefühl zu bekommen.

Hoffnung des Trainerstabs ist, dass man den jungen CB Darius Slay hinbiegen kann. Slay kam letztes Jahr als „Project“, als Mann, in dem man viel unausgetestetes Potenzial verortet hatte. Slay wurde dann in einem nur gelegentlich auf Manndeckung vertrauenden Spielsystem oft genug verbrannt, dass man ihn schon zum Bust schreiben wollte – bloß: Slay galt schon immer als Manndecker, und schon soll seine Körpersprache eine ganz andere sein.

Blitzen und Manndeckung ist bei eher nicht sicheren Tüten wie den Lions-Safetys natürlich auch riskant, aber viel schlimmer als die teilweise mehrere Drives langen Serien an 15yds-Completions in die Mitteldistanzen kann es nicht werden.

3 Kommentare zu “Aus dem Lager der Detroit Lions

  1. Toll, dass du uns auf den aktuellen Stand gebracht hast 🙂 !!!
    Am meisten bin ich in der Saison gespannt, wie sehr die Neuen Megatron entlasten können 🙂 !!!

  2. BTW – Die erste Hiobsbotschaft gibts übrigens schon aus dem Packers Camp: für Jared Abbrederis, auf den ich mich so gefreut hab, ist die Saison wohl auch schon wieder zu Ende, vermutlich ACL gerissen… 😦

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