Die furchtlose NFL-Vorschau 2014/15 | Der Bodensatz

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Ich gebe zu, dass mich die vergangene Footballsaison geschlaucht hat. Ich gebe zu, dass mich der Draftprozess irgendwann ermüdet hat. Ich gebe zu, dass ich eine Pause gebraucht habe. Vom Schreiben, von der NFL, vom Football. Frühjahr und Sommer waren für mich nicht einfach, da aus recht heiterem Himmel neue Projekte im Job reingeschneit sind, die mich ins kalte Wasser geworfen haben, ein Wasser, in dem ich erst das Schwimmen lernen musste. Ich hatte mir überlegt, ob ich die Seite weiterbetreiben werde. Ich beschloss, über den Sommer zu warten. Warten auf die Rückkehr des Kribbelns. Warten auf Normalisierung der Arbeitszeiten.

Die NFL-Preseason hat mich nicht interessiert, aber sie hat mich nie interessiert. Aber in den Tagen vor Beginn der College-Saison kam es. Es interessiert mich noch. Am kommenden Donnerstag beginnt schließlich die NFL-Saison 2014/15. Eine Vorschau darauf, wie aus dem letzten Jahr gewohnt als Vierteiler: Kein klassisches Power-Ranking, sondern ein Blick auf Stärken, Aussichten, mögliche Probleme und mögliche Chancen. Ich beginne mit dem Oktett, das ich dieses Jahr am Bodensatz der Liga erwarte, den Jungs, deren Trophy 2015 nicht Vince Lombardi, sondern Marcus Mariota sein könnte.

Beim Selektieren der Mannschaften fällt dieses Jahr aber auf, dass man sich schwer tut, sowohl acht echte Gurkentruppen ausfindig zu machen als auch acht echte Titelanwärter. Es gibt diesmal ein extrem breites Mittelfeld, wo es bei minimum 20-25 Mannschaften nicht schwierig ist, sich Szenarien mit Ausreißern nach oben oder unten auszudenken. Das ist zugegeben zu einem gewissen Grad jedes Jahr so in der NFL, aber diesmal doch auffällig ausgeprägt.

Buffalo Bills

Die Buffalo Bills befinden sich seit gut einem Jahrzehnt in einem verzweifelten Neuaufbau-Versuch. Sie bauen immer wieder brauchbare Spielerkader nach Lehrbuch zusammen, bloß um an der einen wichtigsten Person zu scheitern: Dem Quarterback. 2013 wurde im Draft das letzte Versuchskaninchen gezogen, QB E.J. Manuel von Florida State, der die vielschichtige Offense von Head Coach Doug Marrone anführen sollte.

Der recht ungenaue Werfer Manuel erfüllte in der ersten Saison die in ihn gehegten Erwartungen: Er verpasste sechs Spiele mit Verletzungen, und war in der restlichen Einsatzzeit gewohnt unbeständig. Seine Completion-Rate ist mit 58.8% unterdurchschnittlich, seine Sack-Quote mit 8.4% alarmierend hoch. Er geht eher selten tief und brachte am Ende des Tages bloß 5.4 NY/A zustande – ein ziemlich schwacher Wert selbst für einen Rookie.

Nun versucht man, Manuel nach Kräften zu helfen. Am auffälligsten ist die Einberufung von WR Sammy Watkins, einem angehenden Superstar, plus Einkauf von WR Mike Williams aus Tampa. Gleichzeitig wurde aber WR Stevie Johnson nach San Francisco verschifft. Die Skill-Player sollten damit insgesamt um einen Tick kompletter, besser geworden sein, aber als Preis opferte man den Top-Pick der Draftklasse 2015.

Eine Problemzone der Bills ist die Offensive Line: LT Glenn wird mit einer mysteriösen, nicht weiter präzisierten Verletzung wohl monatelang ausfallen; der Backup könnte LT Seantrel Henderson sein, ein Boom-or-Bust Prospect. Der neue RT Kouandjio gilt wie Glenn als Verletzungsrisiko. Als Left Guard wurde Chris Williams eingekauft, den noch jeder NFL-Coach nach zwei Spielen versuchte zu ersetzen – sein Backup ist Rookie Richardson, ein extrem grüner Knabe.

In der Defense wird nach dem Abgang von DefCoord Pettine ein Stilbruch vollzogen: Nachfolger Jim Schwartz gilt als Verfechter der 4-3 Defense und liebt alles, was nicht mit Secondary assoziiert wird. Die Passrusher um DT Dareus, DT Kyle Williams und DE Mario Williams sollten damit gut zur Geltung gebracht werden, aber ich habe Angst um die Deckung: LB Kiko Alonso, Defensivrookie des Jahres, ist mit Achillessehnenriss das ganze Jahr draußen. Für den abgewanderten FS Jairus Byrd wurde nicht mal versucht ein Ersatz zu finden, und so sollten erneute 5.3 NY/A (#3 der Liga) nicht reproduzierbar sein.

Auch 4.1% INT-Quote sind kaum zu halten. Die Frage ist, ob Buffalos Offense die Regression in der Defense auffangen kann. Die Wetten stehen eher auf negativ, wenn man sich die Pass-Protection und Manuels teilweise grauenvolle Wurfversuche ansieht.

Cleveland Browns

Die Cleveland Browns wären wie die Bills seit Jahren so ein Sleeper mit guten Effizienz-Stats, der aber nicht von so recht von der Region der vier bis sechs Saisonsiege hochkommt. Letztes Jahr war wieder so ein Beispiel: Zwar klingt 4-12 nach Scheiße, aber die Pythagoreische Erwartung von 5.4 Siegen ließ eine deutliche Steigerung für heuer erwarten. Man musste zusätzlich eine Turnover-Bürde von -8 durchschleppen, war aber nach Power-Ranking mit .507 sogar ein überdurchschnittliches Team.

Dann kam das Cleveland in Cleveland Browns durch – die typische Browns-Offseason mit Großreinemachen in Front-Office und Trainerstab. Der neue Head Coach Mike Pettine galt ursprünglich nicht als erste Wahl, soll sich aber glänzend in Cleveland eingelebt haben. Man ist mit ihm bislang zufrieden – es sind halt noch sind keine Spiele gespielt. Man erwartet von ihm, dass er die eh schon gute Defense (2013 mit 5.5 NY/A die #4) weiter voranbringt.

In der Front-Seven verstärkte man sich mit dem LB Dansby, kein Jungspund mehr, aber ein Upgrade gegenüber LB Jackson. Man hofft, dass an den Flanken neben OLB Sheard nun auch OLB Barkevious Mingo seinen Durchbruch schafft – Mingo, hoher Draftpick 2013, zeigte als situativer Passrusher super Ansätze, aber noch keine Konstanz.

Bei den Cornerbacks sollte man mit Haden und Rookie Gilbert knackig besetzt sein – viele DefCoords behaupten, ein bockstarkes CB-Duo sei ihnen lieber als ein Mega-Passrush, weil man damit schematisch mehr anstellen könnte. Und ein Scheming-Fanatiker war Pettine schon immer. Einzige Sorge ist der neue SS Donte Whitner, ein Downgrade zum abgewanderten S Ward.

Bleibt die Offense. Dort glaubt man, mit Brian Hoyer und Johnny Manziel nun zwei Quarterbacks zu haben, die zwar noch Führung brauchen, die aber den Angriff auf Vordermann bringen können.

Man darf skeptisch sein. Hoyer wird aufgrund von eineinhalb guten Spielen 2013 hochgejubelt, darauf scheißend, dass er zuvor acht Jahre lang nix zeigte. Manziel ist ein kaum zu kontrollierender Freak. Wenn man ihn aber besoffen auf Partyfotos sieht, würde man nie auf die Idee kommen, dass der Herr den Gruppenleader in einem Mannschaftssport geben kann.

Wie er in die NFL passt, bleibt eh abzuwarten. Man vertraut OffCoord Kyle Shanahan, dass er den entsprechenden Plan schmieden kann. Fürs erste wurde aber wie allseits erwartet Hoyer zum Starter auserkoren. Manziel dürfte nach ein paar Wochen oder Hoyer nächster Verletzung seinen Einstand feiern – und Cleveland Tebow-like in den medialen Fokus stellen.

Bloß: Zu wem sollen diese Jungs werfen? WR Gordon (letztes Jahr über 1600yds) ist mit Drogensperre ein Jahr aus dem Verkehr. TE Cameron ist noch ganz verlässlich, aber dahinter stehen nur noch abgehalfterte Altstars wie Burleson oder Austin bei Fuß. Was passen sollte: Laufspiel. RB Ben Tate, frisch aus Houston verpflichtet, gilt als verkanntes Genie. Tate hat noch frische Beine und war in den letzten Jahren in Kurzeinsätzen einer der effizientesten Backs. Die Browns werden jedes Yard brauchen. Lauf und Pass werden von einer erstklassigen Offensive Line profitieren.

In Summe erwarte ich von den Browns eine Saison Typus 6-10 oder 7-9. Vieles wird davon abhängen, wie sich Manziel in der NFL cruist. Nur wenn er komplett heißläuft, sind die Playoffs drin. Andererseits will auch keiner ausschließen, dass Manziel zum Vollflop wird.

Dallas Cowboys

Auch die Dallas Cowboys sind durchaus eine Mannschaft, bei der man sich einen Ausreißer nach oben ausmalen kann. Von allen Mannschaften in diesem Segment haben die Cowboys die auf dem Papier beste Quarterback-Situation im 33jährigen Gunslinger Tony Romo (64% Completions-Rate, 6.3 NY/A) und das einzige überdurchschnittliche Passspiel. Das sollte man andererseits vielleicht auch erwarten, wenn ein Quarterback mit Leuten wie WR Dez Bryant, TE Jason Witten, RB DeMarco Murray (starke 44% Success-Rate) und einer aufgemotzten Offensive Line spielen kann. Besagte Line wurde für diese Saison noch einmal mit Rookie-Guard Zack Martin verstärkt und sollte zum besten ligaweit gehören.

Die Klüfte tun sich allerdings direkt hinter dem Spielermaterial der Offense auf: Jason Garrett gilt als einer der Coaches, der auf einem Stuhl mit Knallkörpern und angezündeter Zündschnur sitzt. Garrett hat noch ein Jahr Gnadenfrist, stellte deshalb einiges im Trainerstab um: Der greise Monte Kiffin wurde als DefCoord durch Rod Marinelli ersetzt, als neuer Koordinator für Passspiel wurde der in Detroit als kreativlos geschasste Scott Linehan installiert.

Wie viel die Moves vor allem der Defense helfen, bleibt abzuwarten: Der beste Passrusher Ware musste aus Gehaltsgründen entlassen werden, sein Nachfolger DE Lawrence fällt wochenlang aus. Der Ankermann der Line, DT Melton, kommt nach schwerer Verletzung aus Chicago, aber sowohl in Tiefe als auch Breite ist man im Passrush dürftig besetzt. Dahinter fällt ILB Sean Lee mit Achillessehnenriss für die komplette Saison aus, man muss auf einen LB Carter als neuem Leader bauen, will man nicht komplett auf Rookies vertrauen. Das alles für eine Pass-Defense, die schon letztes Jahr mit 7.0 NY/A die drittschlechteste der Liga war. Die Secondary, seit Jahren ein Fass trotz teurer Einkäufe und hoher Draftpicks, dürfte blanker stehen denn je.

Letztes Jahr kassierte man „nur“ 432 Gegenpunkte, weil man von fassungslosem Fumble-Glück profitierte: 16 Fumbles schlug die Defense frei, 13 davon wurden erobert. Wenn wir von einer 50/50 Chance ausgehen, hätte die Defense nur 8 aufnehmen „dürfen“: Das sind fünf Gratis-Turnovers. Es ist erschreckend zu denken, dass diese Defense 2013 noch glücklich war.

Die Tiefe ist in allen Units fragwürdig, wie auch anders in einem Kader, in dem die Stars bezahlt werden wie Superstars, die Starter wie Stars, und für den Rest kein Geld mehr bleibt. Dallas ist Detroit light, bloß mit weniger Tiefe und weniger Spitzentalent. Riecht dank günstiger Division aber noch nach sechs oder sieben Siegen.

Jacksonville Jaguars

Bei den Jacksonville Jaguars sprechen wir über das unbestritten schwächste Team des letzten Jahres, obwohl ihr 4-12 Record von zwei Mitstreitern unterboten wurde. Aber beim Mauerblümchen der Liga geht es aufwärts: GM David Caldwell und Coach Gus Bradley bauen sich ein Team nach ihren Vorstellungen zusammen, in einer Seelenruhe, langsamer als die Polizei erlaubt.

Die Einkaufsversuche sind zaghaft, aber bestimmt: Die Draftpicks sprechen für eine Linie in der Offense, plus punktuelle Verstärkungen für die Defense. Damit verdaddelt man sich nicht in Stückwerk wie es beispielweise gerade beim Divisionskonkurrenten Indianapolis passiert.

2014 wird ergebnistechnisch kein Quantensprung werden, aber es wird ein deutlicher Schritt nach vorn werden. Zum einen liegt das daran, dass es bei 5.4 NY/A im Pass (#31 der Liga) und 32% Success-Rate der Lauf-Offense (#32 der Liga) und dazu noch 3.5% INT-Quote nicht tiefer gehen kann.

Man griff sich in der Offseason den Risiko-QB Blake Bortles, der in der Preseason erstaunlich gut ausgehen haben soll. Bortles nachgeschoben wurden mit WR Marqise Lee und WR Allen Robinson zwei Passempfänger, die für Tiefe im Kader hinter WR Cecil Shorts, WR Ace Sanders und TE Marcedes Lewis sorgen sollen. Die Offense Line sieht OT Luke Joeckel (#2-Pick 2013) auf die linke Seite wandern, und sollte nicht gut, aber verbessert sein.

In der Defense fiel auf, dass nur jeder 50te Pass abgefangen wurde (#27 der Liga). Das riecht nach Regression zur Mitte. Mit der Seattle-Combo DE Red Bryant und DE Chris Clemons holte sich Bradley zwei ehemalige Schützlinge zur temporären Stärkung der Schützengräben.

Siebenmeilenstiefel sind das wie gesagt noch nicht, aber immerhin: Man spielt weiterhin in der einfachsten Division der NFL, aber ich tue mir schwer, den Jaguars mehr als vier, fünf Siege zu prognostizieren. Banale Prognose: Sie sind vielleicht nimmer das Schlachtopfer auf der Bank, aber der echte Aufschwung muss noch ein, zwei Jahre warten.

New York Jets

Bei den New York Jets wurde letztes Jahr Head Coach Rex Ryan für die unerwartet gute 8-8 Bilanz in den Himmel gelobt, aber schau dir mal die genauen Stats an: Pythagoreische Erwartung von nur 5.3 Siegen lässt durchschimmern, wie weit das Team über seinen Verhältnissen abschloss. Dazu eine 5-1 Bilanz in engen Spielen. Klingt gut für den Coach, aber auch nach Regression für 2014.

Hauptproblempunkt bleibt die Offense: QB Geno Smith ist eher blass und mit 22 INTs zu fehleranfällig. Um ihm Feuer unterm Arsch zu machen, wurde im Frühjahr Michael Vick aus der Stadt der brüderlichen Liebe eingekauft, aber Vick erwies sich als elder statesman und zu zahm um noch den Biss für eine echte QB-Competition aufzubringen.

Als Anspielstation wurde WR Eric Decker aus Denver geholt um zirka 180 Bälle zu fangen. Decker bleibt im Kader vorerst die einzige nennenswerte Receiver-Option. Die Offensive Line ist immerhin ganz okay, und bei den Runningbacks kann man sich auch vorstellen, dass ein Chris Johnson (ja, CJ2K), Ivory und Powell als Trio ganz guten Saft heraus pressen, aber ob das reicht um an die 6yds/Pass und 40% Erfolgsquote im Lauf hinzukriegen? Meine Stirn ist gerunzelt.

Zumal sich Rex Ryan eh nur für die Defense interessiert. Seine Rhetorik von wegen meine QBs sind die besten der Welt ist eh längst als Leier ohne Essenz enttarnt, und das jahrelange planlose Austauschen von OffCoords (aktuell: der Passfetischist Marty Mornhinweg) zeugt von seinem Desinteresse an Offensivfootball.

Die Abwehr galt letztes Jahr nicht zuletzt dank des Star-Rookies DE Sheldon Richardson als beste der Liga gegen den Lauf (66% Success-Rate war #1), und im Pass hielt man immerhin durchschnittlich mit 6.3 NY/A. Ungelöstes Problem seit Jahren ist der mangelhafte Passrush, der nun, wo CB Cromartie gegangen ist, umso böser durchschlagen könnte.

Die Pythagoreische Erwartung prognostiziert wie eingangs erwähnt schwere Regression, die Effizienz-Stats sehen keinen wirklich Fortschritt, aber ganz hoffnungslos ist es dann auch nicht, denn: Die Jets waren 2013 in einer Hinsicht ein brutal unglückliches Team – Fumbles. Ihre Defense schlug 18 Fumbles frei und eroberte davon – Achtung – ganze zwei. Zwei Stück aus achtzehn. Von allen Fumbles, die in Jets-Spielen über den Boden kullerten, nahm Gang-Green nur 30% auf. Fumble-Recoverys verhalten sich praktisch komplett zufällig, also hätte New York ziemlich genau neun Fumbles mehr aufnehmen sollen, oder sieben Stück (!) mehr als geschehen.

Kombiniere etwas weniger Fumble-Pech mit einem möglicherweise ruhigeren Abzugshändchen bei QB Smith/Vick, und no way, dass die Jets diesmal erneut -14 Turnover-Differenz durchschleppen müssen. Wenigstens ein Positives.

Oakland Raiders

Der Sanierungsfall Oakland Raiders ist seit zwei Jahren die Spielwiese des GM Reggie McKenzie, der seinen schwergewichtigen Körper in die Waagschale werfen musste um die Franchise aus einer annähernd katastrophalen Gehaltsstruktur zu führen. Operation gelungen, Patient tot. McKenzie schaffte zwar, millionenschwere Freiräume für den Kader zu generieren, machte sich dann in der Offseason mit missglückten und überteuerten Einkäufen aber zum Gespött.

Qualitativ hat McKenzie den Kader kurzfristig sicher nach vorne gebracht. Zugänge wie DE Tuck oder OLB Woodley sind aber Lösungen mit geringer Halbwertszeit. Sie sind Zeuge, dass McKenzie erhöhte Arbeitsplatzgefährdung spürt.

Die Baustelle ist weiterhin offen. Mit LB Khalil Mack und CB D.J. Hayden gibt es in der Defense nur zwei junge Hoffnungsträger, wobei letzterer seit Monaten verzweifelt versucht, die Pechmarie loszuwerden um endlich mal beschwerdefrei auflaufen zu können. Jeben Tuck/Woodley wurden als Übergangslösungen noch DT Smith, FS Woodson, CB Brown und CB Rogers geholt, alles Leute, die andernorts achselzuckend ziehen gelassen wurden. Vielleicht wird dies helfen, die fünftschlechteste Passdefense mit 7.0 NY/A etwas zu verbessern, aber viel mehr?

Noch mehr Fragezeichen in der Offense: Mit LT Veldheer und dem zuverlässigen RB Jennings wurden zwei Stützen ziehen gelassen, während man den eh immer verletzten RB Darren McFadden hielt. Die Offense Line ist mit einem Tackle-Duo Penn/Watson ein Fass.

Auf Quarterback soll der zuletzt ohne wehende Fahnen in Houston untergegangene Matt Schaub den Rookie Derek Carr (kam in der zweiten Runde) einlernen. Ob der Interception-König Schaub die INT-Quote der Raiders (3.9%, #30) senken kann? Würde ich nicht drauf wetten. Wahrscheinlicher ist eine baldige Ablöse, bloß ist ein Carr vom College alles gewohnt, nur keine Pocket, die von einer wackeligen Line bewacht recht schnell unruhig werden könnte. Und vermutlich hatte Carr am College einen besseren WR-Corp als James Jones, Streater, Moore, Crinter, Little.

Schließen wir mit was Positivem ab? Oakland war 2013 weniger Totalschaden als befürchtet. Pythagoreische Erwartung von 4.7 Siegen ist nicht unterirdisch, -9 Turnover könnte 2014 auch besser ausfallen.

Nein, wir müssen weiter schlechte Stimmung machen: Down für Down war man als Vorletzter des Power-Rankings dann doch ganz tief unten drin, und diese Jungs müssen heuer den zweitschwersten Schedule der Liga spielen. Das wird 2014 also nix. Die Frage bleibt, ob McKenzie und Head Coach Dennis Allen dann im nächsten Frühjahr noch weitermachen dürfen.

St Louis Rams

Die St Louis Rams waren ein Team, das von vielen als Sleeper gehypt wurde: Eine kolossale Defensive Line und ein selten gesehener Influx an hoch gedrafteten Talenten standen Pate für diese Annahmen. Dann verletzte sich QB Sam Bradford am Kreuzband.

Die Saison der Rams ist damit schon am Arsch. Ich meine damit gefühlt am Arsch. Die Rams waren in dieser Aufstellung schon vor Bradfords Aus in dieser Bodensatz-Kategorie eingeordnet. Der Sprung von Bradford zum Backup Shaun Hill ist qualitativ kein allzu weiter, insofern ist das große Problem an Bradfords Verletzung mehr, dass die Rams einen sündhaft teuren Spieler ein weiteres Jahr ohne Gegenwert durchschleifen müssen und wohl nie mehr herausfinden, ob er sie irgendwann ins gelobte Land führen kann.

Nun muss Hill die aseptische Querpass-Offense durch die Saison schleifen. Hills Karriere-Stats sind eher besser als jene Bradfords, aber der OffCoord ist immer noch Brian Schottenheimer. Da dürfte auch mit circa siebzehn Wide Receivern aus der zweiten und dritten Runde Draft maximal Mittelmaß herausschauen.

Die Defense kassierte trotz der furchteinflößenden Defensive Line 6.7 NY/A durch Passspiel – wenn du mit einem Passrush mit Quinn (19 Sacks), Long (9 Sacks) und Brockers (6 Sacks) operieren kannst, und deine Coverage dabei trotzdem so relativ abstrus viele Yards aufgibt, hast du ein Problem.

Man hat die Stärke zu verbessern versucht (DT Aaron Donald als Erstrundenpick), man hat DB Lamarcus Joyner einberufen, aber ansonsten halten sich die Moves in Grenzen. Man vertraut drauf, dass CB Janoris Jenkins beständiger wird, dass LB Alec Ogletree lernt, wie man richtig tackelt.

Fraglich, ob diese Verbesserungen sich in Siegen niederschlagen. St Louis hat die schwerste Division in der NFL. Und St Louis wird sich nicht leicht tun, noch einmal von +8 Turnover-Differenz zu profitieren. Ich sehe einen erneuten Top-10 Pick für St Louis kommen – wohl einen Quarterback.

Tennessee Titans

Es gibt Mannschaften, die würde man beim Durchzählen glatt vergessen, und die Tennessee Titans sind eine von ihnen. Die Franchise versprüht aktuell den Charme von getrocknetem Gemüse. Immerhin wurde der in der Steinzeit lebende Headcoach Mike Munchak durch Ken Whisenhunt ersetzt.

Whisenhunt, der Mann, der in Arizona durch konsequentes Negieren der Sollbruchstelle Offensive Line aufgefallen ist, draftete quasi als erste Amtshandlung in LT Taylor Lewan einen Vorblocker für eine Position, auf der man mit Michael Roos bereits einen qualitativ erstklassigen Mann hatte, und auf der man nur Wochen zuvor mit Michael Oher einen überbezahlten Wackelkandidaten geholt hatte. Die Folge: Dank der Tackles, dank den Guards Levitre und Warmack, dank C Schwenke, hat man wenigstens keine Probleme mit Kadertiefe in der Line mehr; das ist positiv. Aber allein der Gedankengang hinter dem Oher/Lewan-Doppelmove… strange.

Wirtschaftler würde hier die Opportunitätskosten herausrechnen: Man musste dank Lewan die Augen vor dringenderen Problemen verschließen. Dass man einen QB Jake Locker noch ein Jahr auf Bewährung gibt, kann man nachvollziehen. Locker ist der Mann mit dem Raketenarm, der in lichten Momenten aussieht wie „die Lösung“. Aber dann bringt er doch wieder nur 60% der Bälle an den Mann und hat bei 6.1 NY/A trotz sehr guter Receiver sein Optimum erreicht. Locker ist oft verletzt. Mit einem billigen Pick holte man sich QB Zach Mettenberger, der nur vielleicht eine echte Zukunftsinvestition ist.

In der Defense wurde Ray Horton als neuer DefCoord eingestellt. Horton ist der Mann, der die 2-4-5 Defense in die NFL gebracht hat, dummerweise genau die Defense, für die Tennessees Spielermaterial nicht zu gebrauchen ist. Nun gibt es in der heutigen NFL „das Spielsystem“ nicht mehr als steifes Korsett, sondern werden allerorts Anpassungen gemacht, aber wenn ein famoser Passrush-DT wie Jurrell Casey in hochprozentigen Snaps als 3-4 End oder ein sehr guter DE Derrick Morgan als 3-4 OLB auflaufen müssen, bahnt sich das Desaster schon leise an. Trotz Tiefe. Trotz ordentlich besezter Secondary.

Tennessee ist auch vor dieser Saison weder Fisch noch Fleisch. Sie sind ein durch und durch mittelmäßiges Team mit limitierter Upside. Whisenhunt hat damit ein Jahr Zeit um sich seinen Kern auszugucken, mit dem er weiterarbeiten möchte. Gut für Tennessee: Man spielt in einer einfachen Division und hatte letztes Jahr kein rein auf Zufall aufgebautes 7-9 Team. Auf der anderen Seite: Wenn ein Locker wieder ausfällt, ist dein Stamm-QB schnell Charlie Whitehurst.

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15 Kommentare zu “Die furchtlose NFL-Vorschau 2014/15 | Der Bodensatz

  1. Auf St.Louis bin ich gespannt.
    Die haben eine ziemlich starke Division.
    Schade dass sie Sam gecuttet haben. Auf den habe ich mich gefreut, vor allem weil er in der Preseason sehr gut Leistungen zeigte.
    Hoffentlich schauen sich die Packers den mal an.

    Wieder großes Lob!
    Schöne Artikel

  2. Ein klasse Artikel. Das hier ist wirklich die beste Seite, um sich auf deutsch über die NFL zu informieren. Ich hoffe, dass du noch lange den Spaß an der NFL behälst und Zeit hast, deine Gedanken weiter an interessierte American-Football-Fans weiterzugeben.
    Großes Lob.

  3. Um in der Sprache dieses Blog zu bleiben: Ein wieder mal atemberaubender Artikel. Ich wundere mich immer wieder, wo du die ganzen Infos hervor kramst. Ich verfolge die NFL dank dieser Seite seit ein paar Jahren auch mit „Advanced Stats“ aber das meiste der Infos wäre wieder an mir vorbei gegangen,.

    Nur Dallas überrascht mich im Bodensatz. Ja die Defense ist schlimm aber die Offense wird vieles aufhalten und Punkte drauf legen, so dass man schon von wieder mal 8-8 ausgehen kann. Das ist mir zu gut um in den schlechteste Kategorie eingeteilt zu werden.

    Mit dem Rest gehe ich bei der Argumentation d accord. Ist wirklich nix hinzuzufügen.

  4. Bei der Einordnung von Dallas habe ich auch im ersten Moment geschluckt, aber wenn man einen Moment darüber nachdenkt, kann man die Entscheidung von korsakoff durchaus verstehen. In den letzten Jahren waren sei 8-8, wobei die Offense die Defense fast komplett durchgezogen hat. In dieser Offseason wurde nun die D durch Abgänge wie DeMarcus Ware, Verletzungen und Untätigkeit im Draft schon ziemlich geschwächt, während Romo und Co ungefähr ihr Niveau gehalten haben sollten. Das macht für mich unterm Strich einen Kandidaten für eine negative Bilanz. Allerdings hätte ich noch einige Teams hinter den Cowboys oder auf dem gleichen Level eingeordnet. Ich denke da zum Beispiel an die Vikings, die Redskins und unter Umständen auch die Giants und Dolphins…

  5. Ja. Bei den Giants bin ich auch auf die Kurzbeschreibung gespannt, zumal sie auch nicht im unteren Mittelfeld auftauchen.

  6. Zu den Jets: ich sehe die RB-Situation dort nicht so positiv. Ivory ist richtig stark, aber wenn sie dem Trugschluss anheim fallen, dass Johnson der Lead Back sein sollte, wegen angeblicher Fertigkeiten, die er in den letzten Jahren einfach nicht mehr besessen hat, dann könnte das ein Riesenproblem werden. Man braucht sich nur die Tapes der letzten Jahre anschauen. Klar, die OL der Titans war nie die beste, aber auch nicht extrem schlecht und sie haben nun über 2 Jahre probiert ihre Spielphilosophie komplett auf Johnson auszulegen. Das geht nicht mit einem RB, der zwar zweifelsohne die Fähigkeit hat den einen oder anderen Homerun zu landen, aber die meiste Zeit beim Warten auf diese Homeruns hinter der LoS herumtanzt und dann TFLs en masse frisst.

  7. Klasse, dass Dein Blog noch weiterlebt. Moechte ich nicht mehr drauf verzichten. Selbst hier nicht, auf einer USA-Reise. Weiter so!

  8. Bill Barnwells Liste für seine Cellar Dwellars in seiner heutigen Season Prediction Part 1:

    Buffalo Bills
    Carolina Panthers
    Cleveland Browns
    Jacksonville Jaguars
    New York Jets
    Oakland Raiders
    St. Louis Rams
    Tennessee Titans

    Link: http://grantland.com/the-triangle/nfl-season-predictions-bottom-eight-teams/

    Also genau ein Team anders, Carolina statt Dallas. Dass Barnwell Carolina in diesem Jahr nicht so schätzt hat er schon im Grantland Preview Podcast angedeutet, ich glaube 5-11 für Carolina getippt.

    Bin gespannt wie Barnwell seine nächsten Drei Teile einsortiert. Part 2 und 3 sind ja immer etwas anders strukturiert als die „Furchtlose Vorschau“ aber am Ende kommen auch bei ihm die Title Contenders.

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