NFL Vorschau 2014 – Green Bay Packers & Seattle Seahawks

Football!

Die NFL ist zurück und wird wieder viele, viele besser nutzbare Abende in Beschlag nehmen und blabla Opportunitätskosten – NBC´s Sunday Night Football hat ihren Theme Song schon mit Bedacht gewählt.

Zum season opener bei NBC heute nacht reisen die Green Bay Packers zum Titelverteidiger Seattle Seahawks. Die Seahawks machten seit dem Amtsantritt von Pete Caroll den Eindruck einer Studenten-WG. Sie hatten unglaublich viel Spaß, waren best buddies und hatten zum Schluß die beste Zeit ihres Lebens. Wilde parties, beste Freundschaften und am Ende ein toller Abschluß sind Dinge, die ihnen niemand jemals wird nehmen können. Trotzdem müssen sie jetzt erwachsen werden.

Es ist vielleicht etwas langweilig, aber sie brauchen mehr Struktur und Ordnung. Aus ihrer wild zusammengeschustertem WG müssen sie in eine richtige eigene Wohnung umziehen. Ihre Talent, ihren Ehrgeiz, Willen und Zielstrebigkeit müssen sie aus dem Studium in ihren ersten richtigen Job mitnehmen. Die Packers der Ära Mike McCarthy/Aaron Rodgers sind schon dort, im mid-level management sozusagen, aber hängen da auch irgendwie fest.

Packers Offense

Kann es sein, daß Aaron Rodgers unterschätzt wird? Die Footballpuristen lassen nichts auf Brady kommen; die stat nerds heben Peyton und Brees in den siebten Himmel und die Hipsterfraktion entscheidet sich nach der Highlightshow am Sonntagabend jeweils neu zwischen Wilson/Newton/Kaepernick. Dabei fällt Rodgers oftmals hintenrunter.

Dabei kommen in der NFL-Hackordnung zuerst J.J. Watt und Rodgers – und dann lange erstmal gar nichts. Ebenso wie Watt macht Rodgers mit einer geradezu grotesken Konstanz alles richtig. Er weiß vor dem snap schon genau, was auf ihn zukommen wird; er weiß genau, wo post snap sein bestes match-up ist; er hat jeden Wurf auf jede Paßroute im Repertoire; er trifft die richtigen Entscheidungen; und zur Not kann er auch noch scramblen wie eine Bergziege auf Anabolika.

Seine Klasse erkennt man auch daran, daß es gar keinen Unterschied macht, wen man ihm als Wide Receiver vorsetzt und welche Paßempfänger er verliert. Früher hatte er Donald Driver und Greg Jennings, jetzt hat er Jordy Nelson und Randall Cobb und es macht für die Qualität der Offense gar keinen Unterschied.

Ja klar: Nelson hat einen eingebauten Gogo-Gadgeto-Magnet-Modus in dem er einfach jeden Ball festhalten kann. Cobb ist der wilde, vielseitig einsetzbare Derrwisch und Jarrett Boykin ist die neue fancy-blinkende slot machine. Sie haben alle ihre Qualitäten, aber ein Rodgers schafft es eben auch, alle ihre Qualitäten zum Vorschein zu bringen.

Er macht das im Übrigen auch hinter einer suspekten Offensive Line. Es ist eine junge Linie mit vielen jüngeren Draftpicks, doch hat das berühmte scouting department und das Regime des GM Ted Thompson in den letzten Jahren gerne mal daneben gegriffen. Ein David Bakhtiari auf links und Bryan Bulaga rechts als Tackle sind keine bodyguards, mit denen viele QBs zufrieden wären. Derek Sherrod, 1st-rd pick 2011, hat einen Stammplatz auf der Bank. Center muß wegen Verletzungen und Abgängen irgendein Rookie spielen. Einzig die Guards mit Josh Sitton und T.J. Lang verdienen das Attribut „Leistungsträger“.

Das macht aber alles nichts bei einem QB wie Rodgers. Glücklicherweise hat man letztes Jahr in der Draft auch endlich einen RB gefunden, bei dem das gar nicht so schlimm ist. Eddie Lacy ist der RB, den HC Mike McCarthy immer gesucht hat. McCarthy hat als playcaller die selten gewordene Eigenschaft, immer und immer wieder Laufspielzüge ansagen zu lassen um „balance“ im Angriff zu haben – selbst wenn es an Raumgewinn überhaupt nichts bringt.

Seahawks Defense

Auch gegen Seattles Defense wird GB nicht aussehen wie Broncos im Super Bowl. Wie auch Green Bays Angriff ist Seattles Verteidigung nicht besonders komplex oder kompliziert. Beide sind „execution based“. Und so wie Rodgers immer die richtige Entscheidung trifft und Nelson jeden Ball festhält, so verliert Sherman nie seinen Gegenspieler und so sicher verkloppen K.J. Wright und Kam Chancellor jeden Ballempfänger, der über die Mitte kommt.

Über das System ist oft geschrieben worden [Chris Brown über SEA-D]. Die Basis ist eine Cover-3-Zonendeckung mit Safety Earl Thomas tief in der Mitte und Richard Sherman und Bryon Maxwell and den Seitenlinien. Dabei spielen die CBs press man an der Line of Scrimmage, sind aber verantwortlich für jeweils ein „tiefes Drittel“, verfolgen also meist ihren WRs von hinten („trail man„). Das ist riskant, funktionert aber mit einem Thomas, der wie eine high-tech Drone mit riesigem Radius und top-end speed patroulliert. Der andere Safety Kam Chancellor lungert meist zwischen Linie und Thomas rum und verprügelt da die Leute auf kurzen und horizontalen Routen (Wes Welker und Erik Decker haben heute noch blaue Flecken).

Durch die generelle Aggressivität und mit den CBs in press man haben die Hawks manchmal 10 Leute an der line of scrimmage. Das funktionierte im letzten Jahr sehr gut wegen Thomas und den starken CBs, aber auch weil der pass rush so monströs und tief besetzt war. Die Linie sollte immer noch sehr gut sein, ist auf dem Papier aber erstmal schlechter. Da GM John Schneider Thomas und Sherman große Schecks überreicht hat, konnte man sich dieses Jahr nicht einfach so mal Typen vom Schlage Cliff Avril oder Michael Bennett einkaufen wie in den letzten Jahren. Die Verluste Chris Clemons, Red Bryant und TonyMcDonald müssen nun intern und mit dem alten Kevin Williams aufgefangen werden. Am Ende ist das sicherlich immer noch Top-5 Kaliber, aber die Hawks werden nicht mehr die alles zermalmende Dampfwalze wie 2013 sein.

Seahawks Offense

Die Offense wird mehr zum Gesamterfolg beitragen müssen. Und hier gibt es einige Fragezeichen. OC Darrell Bevell hat eine Offense gezimmert, die um das Laufspiel herum gebaut ist. Das muß man sich erstmal erlauben können. Die Defense, die Special Teams und Turnover-Glück machten das möglich.

Wochenlang zum Beispiel hatten die Seattles Gegner Null komma Null Yards aus Punt Returns. Am Ende der Saison waren es insgesamt 80. Das macht Percy Harvin mit einem einzigen Punt Return. Diese 80 Yards sind noch krasser als Peyton Mannings 55 Touchdowns.

Seattle mußte kaum mal einem Rückstand hinterherlaufen und konnte somit problemlos Drives inkaufnehmen, die wie Trent Richardson aussahen. Turnovers: es gab nur ein einziges Spiel, in dem Seattle mehr Ballverluste hatte als der Gegner. Das wird auch nicht nochmal passieren. All das – Turnovers, Special Teams, Defense – hat die Schwächen der Offense verdeckt.

Es ist keine besonders gute Offense. Sie lebt hauptsächlich vom Mythos Lynch und Wilson´s highlight reel plays. Seattle läuft sehr viel, aber nicht besonders gut. Lynch für sich ist immer noch überragend, aber die Offense Line läßt ihn zu oft in eine Wand rennen.

Anker der Linie sind Center Max Unger und Left Tackle Russel Okung. Die anderen drei sind zwischen den Güteklassen „Talent“ und „Notnagel“ einzuordnen, und „Talent“ sagt man vor allem, wenn´s nicht für „Star“ oder „Anker“ reicht. Das receiving corps mußte die Abgänge von Sidney Rice (Schrottplatz) und Golden Tate (Detroit) hinnehmen. Rice fällt nicht weiter ins Gewicht, er war die letzten Jahre eh ständig verletzt oder angeschlagen. Tate wird dagegen eine größere Lücke hinterlassen.

Wenn Percy Harvin mal fit bleibt und Jermaine Kearse beständiger wird, hat man sogar ein bequemes inhouse upgrade. Um auf Nummer sicher zu gehen, wurden in den Runden zwo und vier der diesjährigen Draft mit Paul Richardson und Kevin Norwood zwei weitere WR verpflichtet.

Es ist unsicher. Im besten füllen Highlight Harvin und Crazy Catch Kearse gemeinsam mit Beastmode und Houdini Wilson die sonntäglichen Highlightshows ganz alleine. Läufts schlecht könnten sogar „Ist-Wilson-der-neue-Griffin“-Fragen auftauchen. Wilson ist am besten, wenn er die Entfesselungsnummer abzieht und nach acht Sekunden wildem gescramble den freien Mann bedient – und nach acht Sekunden ist immer jemand frei. Allein: es ist kaum beständig, diese big plays müssen das Extra sein, diese Art zu spielen kann aber nicht die Basis sein.

Die Basis des scheinbar willkürlich von Bevell zusammengewürfelten playbooks sind slants. Ganz simple slants, am liebsten auf der rechten Seite. Das ist alles gut und schön und ein probates Mittel, allein: wenn das dein einziger Paß ist bei dritten Versuchen, wird das nicht mehr lange gut gehen.

Neben dem slant ist es, wie gesagt, ein wildes Sammelsurium and Formationen und Konzepten, was es einem jungen QB wie Wilson, der noch weit entfernt ist vom Spielverständig eines richtig Großen, sehr schwierig macht. Und jetzt kommt auch zum season opener mit Green Bays DC Dom Capers auch jemand, der nichts lieber macht als Quarterbackjagd mit exotic blitzes.

Packers Defense

In den letzten beiden Jahren hat es das Spielermaterial Capers ziemlich schwierig gemacht, großen Druck aufzubauen. Vor allem haben sie versucht, ein starkes Gegenüber für Clay Matthews zu finden. Mit den letzten beiden 1st-rd picks Datone Jones und Nick Perry hat das nicht besonders gut geklappt, immerhin haben sie anscheinend Talent und damit noch Luft nach oben. Daneben scheint in der Linie nur Mike Neal als 5-tech Talent zu haben. Die restlichen Positionen werden ausgewürfelt zwischen draft picks aus den späteren Runden, Leuten von der Straße und Julius Peppers. Ja: GM Thompson hat einen Free Agent verpflichtet, so verzweifelt war man schon. Für ein, zwei Hände voll guter snaps als pass rusher sollte er aber immer noch zu gebrauchen sein. In der Mitte hinter der Linie stehen mit A.J. Hawk und Brad Jones nur borderline Mittelmaß.

Die wahre Stärke ist die secondary. Der beste Spieler ist wahrscheinlich Casey Hayward im slot. Außen spielen mit Tramon Williams und Sam Shields zwei Typen, die immer mal wieder richtig gut aussehen, aber selten über längere Strecken konstant. Als tiefer Ausputzer wurde in der ersten Runde Ha Ha Clinton-Dix gezogen.

Insgesamt Material, mit dem man arbeiten kann. Ein Problem sind immer die vielen Verletzungen. Ein anderes Problem sind taktische Undiszipliniertheiten, die zu unnötigen big plays führen. Die Spiele gegen San Fran in den letzten beiden Spielzeiten waren dabei keine Ausnahmen, sondern bestätigten die Regel. Diese Disziplinlosigkeiten sind natürlich besonders gegen Spieler wie Wilson und Harvin tödlich.

Ausblick Packers & Seahawks

Das ist ein Spiel auf Augenhöhe: ein Rodgers kann auch gegen Seattle drei Touchdowns machen; GBs Defense aber auch drei Touchdowns herschenken. Durch den Heimvorteil sind die Hawks leicht favorisiert.

Für die Saison wird der Knackpunkt für Seattle sein, wie sich Bevells Offensivkonzept und darin Wilson entwickeln. Eine riesige Überraschung wär ein Rückschritt nicht, wenn die OLine befürchtet schwach bleibt und Wilson die größere Verantwortung nich handlen kann. Wahrscheinlich bleibt die Offense mittelmäßig wie letztes Jahr. Dann hängt es wieder an Defense und Special Teams.

Green Bays Offense wird die übliche Dampfwalze bleiben. Obwohl Rodgers nur neuen Spiele gemacht hat, hatte GB in total (mit Tolzien, Flynn und Seneca Wallace in den anderen sieben Spielen) 6,9 NY/Paßversuch, Top-7. Hier hängt es auch an der Defense: sie muß mindestens mittelmäßig sein und darf nicht allzu viele shootouts zulassen. Beide Mannschaften haben auf jeden Fall Super-Bowl-Potential, aber durch die starke Konkurrenz in ihren jeweiligen Divisions durchaus auch die „Chance“, die Playoffs zu verpassen. Der Hawks schedule ist hintenraus mörderisch und mit fünf Divisionsspielen nach Thanksgiving wird die NFC West auch erst zu Weihnachten entschieden: Wk 12 ARI; Wk 13 @SF (TNF); Wk 14 @PHI; Wk 15 SF; Wk 16 @ARI; Wk 17 StL.

Advertisements

8 Kommentare zu “NFL Vorschau 2014 – Green Bay Packers & Seattle Seahawks

  1. Für die Hawks wird die D-Line-Leistungen entscheidend sein. Kann die Defense genug Druck auf Rodgers ausrichten? Kann man Lacy stoppen? Ich erinnere gerne mal an das Spiel gegen die Bucs als man mit 20 Punkten Rückstand in die Halbzeit ging. Bucs RB Mike James machte im Spiel 158 Yards…Seattle hat so seine Probleme physisch starke RB zu stoppen. Das könnte auch ein Problem werden. Vor allem wenn man die Abgänge mit in Betracht zieht, die du bereits aufgeführt hast.

    Wie du richtig geschrieben hast, ist die O-Line eine weitere Schwachstelle im Team. Ich bin gespannt, wie sich Rookie RT Britt machen wird. Left Guard James Carpenter sah in der Preseason ganz gut aus aber wir wissen alle, dass die nun mal nichts zählt.

    Ich rechne heute Abend mit einer ganz engen Kiste. Nur durch den Heimvorteil gehen wir wohl als leichter Favorit in dieses Spiel.

  2. @jogibähr

    NBC zeigt das Spiel und der song wird kommen. Es ist „Sunday Night Football“ auf einem Donnerstag, eine Ausnahme für den season opener.

  3. Pingback: NFL-Kickoff 2014: Seattle Seahawks – Green Bay Packers im Liveblog | Sideline Reporter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s