Florida State University, Jameis Winston und der Weg in die Sackgasse

Morgen haben die Florida State Seminoles ihren letzten Test gegen ein „großes“ Team im College-Football, wenn es gegen die Notre Dame Fighting Irish geht, eine der großen, wenn auch selten gespielten Rivalitäten in diesem Sport. Es ist das unumstrittene Topspiel des Wochenendes, aber die Schlagzeilen schreibt es nicht, denn diese gehören in diesen Tagen und Wochen dem Heisman-Trophy Gewinner des letzten Jahres, dem Seminoles-Quarterback Jameis Winston. Diesem steht eine Anhörung seitens einer Disziplinarkommission der Universität wegen Verstoß gegen die ethischen Richtlinien bevor.

Jeder, der sich zu einem Minimum für College-Football interessiert, dürfte mittlerweile grob mitbekommen haben, worum es bei Winston geht. Er ist der dominierende Quarterback des amtierenden Landesmeisters. Er kommt aufgrund einer nie geklärten Vergewaltigungsgeschichte nicht aus den Zeitungen. Er wurde wegen Schusswaffenbesitz und –gebrauch angezeigt. Er wurde wegen sexistischer Äußerungen gesperrt. Nun steht er wegen Verstoß gegen den Amateurstatus am Pranger, kurzum: Jameis Winston lässt kein Fettnäpfchen aus, wohl wissend, dass ganz Amerika mit zunehmender Verachtung auf seine Person schaut.

In dieser Woche mischt sich zu Winston auch verstärkter Argwohn gegen die Florida State University und in weiterer Folge gegen die Polizei in Tallahassee, der Hauptstadt von Florida und Heimat der FSU, einer im Herzen provinziellen Stadt, für die FSU nicht bloß ein Bildungszentrum stellt, sondern in erster Linie auch ein nicht zu vernachlässigender wirtschaftlicher Faktor ist. Das hat Folgen: Die Öffentliche Ordnung gerät immer wieder in Verruf, wenn es um Bestrafung von FSU-Sportlern geht – für viele ist die Handhabe zu lasch.

Bei FOX Sports, das sich mit guten Autoren und Journalisten schön langsam zu einem angenehmen Gegenpol zur ESPN-Maschine entwickelt, hat sich Kevin Vaughan der Vorgehensweise der ermittelnden Behörden im Fall „Jameis Winston“ (die Anklage wurde im letzten Dezember wegen Mangel an Beweisen fallen gelassen) angenommen, und Vaughan malt kein schönes Bild.

Noch deutlicher wurde am vergangenen Wochenende die renommierte New York Times, wo Mike McIntire und Walt Bogdanich ein sehr ausführliches Protokoll über den Kontext, in dem Florida State und Tallahassee zueinander stehen, führten: At Florida State, Football Clouds Justice.

On one level, the special treatment accorded Florida State football players who get into trouble is the age-old story of important people reaping benefits not available to everyone else. And to say the players are important to Tallahassee would be an understatement.

Drive around Florida’s capital city and evidence of Seminole fever is everywhere, from the Chief Osceola license plates and bumper stickers to the billboards and buildings sporting team colors of garnet and gold. The community has good reason, beyond pride, to get behind the team: County officials say each home game pumps $1.5 million to $10 million into the local economy, depending on the quality of the matchup.

Winston selbst ist trotz dieser Umstände an einem Punkt angekommen, an dem er nicht mehr gewinnen kann. Er wurde vom Vergewaltigungsvorwurf freigesprochen, weil es nicht genug Beweise gab, aber jeder wird ihm die desaströse Detektivarbeit der Behörden vorhalten. Es gilt als unbestritten, dass er in der umstrittenen Nacht in irgendeiner Form mit dem mutmaßlichen Opfer in Kontakt war. Es gilt auch als unbestritten, dass das mutmaßliche Opfer eine glaubhafte Geschichte aufgetischt hat.

Michael McCann, Rechtsanwalt und Gastautor bei Sports Illustrated, diskutiert in einem ausführlichen Artikel die rechtlichen Optionen, die Winston vor der Anhörung verbleiben, und er kommt sogar zum Schluss, dass ein freiwilliger Abschied Winstons möglicherweise die beste Entscheidung wäre, um der an die Wand gefahrenen Situation zu entfliehen: Jameis Winston’s best legal move may be to drop out of Florida State.

Das Risiko, das Winston in diesem Falle bliebe, dreht sich in erster Linie Richtung NFL-Aussichten, wobei immer mehr Experten glauben, dass Winston eh keine ernsthafte Rolle mehr als möglicher Top Pick im Draft 2015 oder 2016 spielen wird – zu unreif, zu risikobehaftet, zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Diskussionen um häusliche Gewalt lässt grüßen.

Eigentlich ist die Entwicklung bei Jameis Winston sogar überraschend. Winston wäre vor zwei Jahren um ein Haar an der Stanford University gelandet. Nach Stanford kommen keine Gauner. Stanford will einen Athleten, der den Student zumindest im Ansatz noch lebt. Stanford wollte Jameis, womit eigentlich als gesichert gelten sollte, dass dort oben ein Lichtlein brennt.

Nun steht eine Karriere, die vielversprechend begonnen hat, am Scheideweg. Dass Winston dem Rat McCanns folgen wird, gilt als undenkbar. Eine dauerhafte Suspendierung von Jameis Winston, dem Gesicht der Seminoles, von Seiten der Universität schon als wahrscheinlicher. Das wäre dann auch das klammheimliche Eingeständnis der Universität, die ganze Entwicklung der letzten zwei Jahre vergeigt zu haben. Und es wäre der schlimmste Tag in der Geschichte der Seminoles.

7 Kommentare zu “Florida State University, Jameis Winston und der Weg in die Sackgasse

  1. Ist Winston jetzt gegen Notre Dame schon gesperrt? Oder wird sich die „Beratung“ über seine mögliche Suspendierung noch bis nach dem letzten verbliebenen kniffligen Spiel der Noles hinziehen? Ähnlich wie vor dem Clemson-Spiel, als FSU erst nach dem öffentlichen Aufschrei die 1/2-Spiel-Sperre auf das ganze Spiel erweiterte.

  2. Gesperrt ist er gegen Notre Dame so weit ich weiss nicht.

    Die ganze Geschichte ist auch ein bisschen ein Spiegel fuer den Collegesport an sich in den USA. Denn man sollte sich, gerade wenn man das als Europaeer liest und mitverfolgt darueber im Klaren sein, dass so ziemlich jede Uni in FBS, FCS und sogar DII ein aehnlich grosses lokales Gewicht hat. Klar, FSU ist von den Dimensionen her enorm, aber die grossen Unis haben allesamt eine solche lokale Bedeutung und sind treibende Wirtschaftsfaktoren. Und die kleineren Unis bzw. jene die in den unteren Divisions spielen sind ueblicherweise aus kleineren Staedten wo sie wiederum, obgleich in anderen Dimensionen, absolut zentrale und treibende Faktoren fuer die lokale Kultur und Wirtschaft sind. Das heisst nun nicht, dass jede Uni mit Sportprogramm derartige Praktiken pflegt, wie das bei FSU der Fall zu sein scheint. Jedoch haben hunderte Unis in den USA aehnliche Moeglichkeiten, und wenn es dann um die Angst geht Millionen an Geldern zu verlieren (nicht vergessen, Unis in den USA sind im gleichen Ausmass Forschungsstaetten wie Wirtschaftsbetriebe), dann sind extreme Mittel um zum Ziel zu kommen oft nicht weit hergeholt.

  3. Pingback: Derdraft.de Presseschau 3, 2014 | NFL Draft

  4. Dass FSU kein Einzelfall ist, ist kein Geheimnis. Viele Unis mit ähnlichem Gewicht handeln gleich. Alles andere ist Heuchelei.

  5. Ist halt wie so oft eine Frage von wie nahe man an bzw. ueber der Grenze zur Legalitaet und moralischen Illegitimitaet wandeln kann, ohne es richtig hart zu verkacken.

  6. Pingback: DraftCast S02E20 | NFL Draft

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