Thanksgiving-Preview 2014

Die Woche um Thanksgiving gilt in den Vereinigten Staaten als inoffizielle Urlaubswoche mit dem größten Familienfest des Jahres am heutigen Tag, dem Black-Friday als Startschuss für den Weihnachtsvorverkauf und dem Samstag und Sonntag voll von traditionsreichen Footballspielen. American Football wird natürlich auch schon heute gespielt, mit den traditionellen Heimspielen der Detroit Lions und Dallas Cowboys, einem Sunday Night Game von Format und zwei guten College-Football Ansetzungen in der Hinterhand.

Detroit Lions – Chicago Bears

18h30, live SPORT1 US

Matthew Stafford Detroit Lions NFL 2011/12

Wenn die Hoffnungen auf einer Schulter ruhen… Matthew Stafford – ©Flickr/Hawk Eyes

Die NFL hat vor nicht allzu langer Zeit ihre Fernsehverträgen so modifiziert, dass es eine gewisse Flexibilität im Hin- und Herschalten von CBS (überträgt überwiegend AFC-Auswärtsspiele) und FOX (NFC-Auswärtsspiele) ermöglicht. Diese Vertragsänderung erlaubt heute die Ausstrahlung von zwei NFC-Rivalen auf dem CBS-Kanal: Lions (7-4) gegen Bears (5-6). Die einen kämpfen darum, im Wildcardrennen nicht den Anschluss zu verlieren, die anderen kämpfen vor allem um Ehre und das Vaterland.

Die Detroit Lions wurden in den letzten zwei Wochen zurecht gestutzt, nachdem sie viele zu weit nach oben geschrieben haben, weil ihnen die Eier steif geworden sind vor lauter Nervenstärke in engen Spielen. Nada. Detroit ist seit Wochen ein bestenfalls durchschnittliches Team, das halt die entscheidenden Momente für sich entscheiden konnte. Arizona und noch mehr New England legten die Problemzonen jedoch in aller Deutlichkeit offen.

Die Lions schleppen eine problematische Offense durch das Jahr. Die Schwierigkeiten fangen schon in der Offensive Line an, die im Vergleich zu anderen Jahren keine Dominanz mehr ausstrahlt. Es ist keine grottenschlechte Line, aber sie ist nicht in der Lage, große Lücken für das Laufspiel zu öffnen, und sie lässt vor allem gegen aggressive Front-Sevens den Druck zu schnell über die Mitte durch. RG #75 Larry Warford galt letztes Jahr noch als Rookie-Sensation, stellt heuer eine Sollbruchstelle dar.

Dadurch kommt QB #9 Matthew Stafford schneller in Zugzwang als es ihm lieb ist. Stafford gilt seit vielen Jahren als überaus talentierter Werfer, hat jedoch im Lesen von Defenses noch immer seine Probleme. Er ist kein schlechter Mann, aber im Vergleich zu einem Aaron Rodgers ist er die drei Zehntelsekunden zu langsam in seiner Reaktion, was sich in gegebenen Situationen in extrem vielen ungenauen Bällen äußert.

Das neue System von OffCoord Joe Lombardi, das weniger Shotgun von Stafford erwartet, dafür mehr Spielzüge mit langer Entwicklung auf das Parkett bringen will, ist dem Quarterback dabei keine Hilfe. Möglich, dass dieses System nur einige Adjustments oder ein oder zwei besser besetzte Positionen vom Durchbruch entfernt ist, aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Seit Beginn der Saison stagniert die Entwicklung dieser Offense.

Dabei hatte man gedacht, mit dem Einkauf von WR #15 Golden Tate und der Einberufung von TE #85 Ebron die letzten fehlenden Bausteine im Kader zu haben. Dabei hatte man gedacht, dass die anfänglichen Probleme vor allem den Verletzungen von #81 Calvin Johnson und #21 Reggie Bush zuzuschreiben sind. Nada. Tate übertraf zwar die Erwartungen, aber vom restlichen Kern der Skill-Player kam nicht viel. Johnson wirkt noch immer nicht bei 100% und Ebron wird vielleicht irgendwann ein wertvoller Profispieler sein… aktuell ist er Lichtjahre davon entfernt.

Es ist bei den Lions also noch immer vieles im Konjunktiv: Es könnte klappen wenn die Bausteine richtig fallen weil das Material es eigentlich hergibt. Dazu braucht es aber mutigeres PlayCalling, schnellere Würfe, mehr Fokus auf die Basics. Mit der Bears-Defense, die in den letzten Wochen mehrfach brutal an die Wand genagelt wurde, kommt heute ein zumindest auf dem Papier dankbarer Gegner ins Ford-Field.

Die Lions-Probleme sind frustrierend, aber im Vergleich zur aktuellen Situation bei den Bears sind sie purer Luxus. Chicago ist eine der großen Enttäuschungen des Jahres: Gestartet nach einer ermutigenden 2013er-Saison als NFC-Contender, auf die Fresse geflogen weil man sich gegen die besseren Teams im Kader wehrlos abschlachten ließ, zu einem Grad, der Head Coach Marc Trestman bereits zur Saisonmitte in Erklärungsnöte brachte.

Die Defense ist ein Problem. Sie hat kaum Qualität, und sie ist im aktuellen Zustand ein eigenartiger Mix aus überalterten Routiniers und zu unerfahrenen Grünschnäbeln. Das wusste man aber. Deshalb vertraute man in Chicago darauf, dass die Offense des Magiers Trestman ihren Level würde halten können, aber es kam nicht dazu.

Es ist eine Offense, deren Probleme du nicht auf den ersten Blick siehst. QB Cutler gilt nicht als Star-QB und 6.2 NY/A sind kein Ruhmesblatt, aber es gibt Schlimmeres. Die Lauf-Offense ist mit 47% Success-Rate sogar eine der fünf erfolgreichsten. Auch bei den Turnovers ist man nicht viel schlechter dran als der Liga-Durchschnitt, bloß: Man hatte durchgängig Dominanz erwartet. Weil die ausblieb, fallen auch die Defense-Probleme stärker auf, reißt es die Stimmung als Ganzes in die Scheiße und immer weiter runter in den Strudel.

Was mir an der Bears-Offense abseits der allseits bekannten Abhängigkeit von den Größenvorteilen der WRs #15 Marshall und #17 Jeffery bislang auffiel: Sie hat ein gewaltiges Problem im Kern der Offensive Line, wo sich zwischen Center und Left Guard immer wieder k-r-a-s-s-e Löcher auftun. Sowas ist nie ein gutes Zeichen, und schon gar nicht, wenn genau in dieser Lücke ein Monster wie DT #90 Ndamukong Suh sein Unheil treiben wird.

Dallas Cowboys – Philadelphia Eagles

21h30, live SPORT1 US

Beide Teams gehen mit 8-3 Bilanz und dem Wissen, sich in zwei Wochen erneut zu sehen, ins Rennen. Dabei sind es 8-3 Bilanzen, die auf durchaus unterschiedliche Art und Weisen zustande gekommen sind.

Bei den Dallas Cowboys hatte jeder nur eine Chance gesehen, wie sie die Saison überleben könnten: Die Offensive Line muss ihrem vorauseilenden Ruf als beste der Liga gerecht werden, QB #9 Tony Romo muss alle Kritiker jede Woche widerlegen und die Defense muss entgegen ihrem Spielermaterial Profitauglichkeit besitzen.

Alle drei Dinge sind bislang eingetreten: Der Schutzwall vor Romo wird in manchen Fachkreisen als möglicher Liga-MVP (OL können zum MVP gewählt werden!) genannt, Romo selbst führt die mit 7.3 NY/A dritteffizienteste Pass-Offense der Liga an, die sich zudem wunderbar mit dem explosiven Ballträger RB #29 DeMarco Murray (über 5yds/Carry) ergänzt, und die Defense ist mit 7.0 NY/A gegen den Pass weniger Katastrophe als befürchtet.

Bei den Eagles herrschte lange Wochen trotz Siegesserie dicke Luft, weil Chip Kelly seine viel gerühmte Offense nicht ansatzweise in die Gänge bekam, aber seit die langzeitverletzten Offensive Liner wieder zurück ins Lineup finden, hat sich die Lage gebessert. Philadelphia muss seine Offense um ein wuchtiges Laufspiel gründen, denn man schleppt bestenfalls durchschnittliche Quarterbacks mit durch, die alle Hoffnungen trübten, sie wären alleine in der Lage, einen Angriff zu tragen.

Immerhin: QB #3 Mark Sanchez galt in den letzten Wochen als Spielgestalter, den man im Vergleich zu dem nervlichen Wrack aus Jets-Zeiten nicht mehr wiedererkennen konnte. Wenn man ihm die Zeit gibt und seine Runningbacks ihm kurze 3rd-Downs geben, ist Sanchez gut genug um längere Drives durchzubringen.

Letztlich sind beide Teams schwierig einzuschätzende Läden. Beide haben gewisse Qualitäten, aber ihre Erfolgsrezepte hängen zu bedeutenden Teilen von einer über ihren Verhältnissen spielenden Defense (Cowboys) und zu vielen Return-TDs als dass es real sein kann (Philadelphia) ab. Aber weil eines dieser Mannschaften die NFC East gewinnen wird, und weil es für beide dorthin noch ein gutes Stück hin ist, ist diese Partie als Startschuss zum Schlussspurt schon von sehr hoher Brisanz.

San Francisco 49ers – Seattle Seahawks

02h30, live SPORT1 US

Die größte NFC-Rivalität der letzten Jahre als Nachtspiel zu Thanksgiving bei NBC, und es ist, wie ich nicht zum ersten Mal schreibe, ein extrem wichtiges Spiel – für beide, aber besonders für den Gastgeber. Die 49ers haben sich nach einem wackeligen Saisonstart recht leise nach oben gearbeitet. Man nimmt sie nicht richtig wahr, weil die Offense zu wenig Explosionsgefahr ausstrahlt und der Defense die ganz großen Individualisten abgehen, aber in Summe hat San Francisco hier schon wieder eine der komplettesten Teams unter der Haube.

Bei den 49ers fragt man sich allerdings, ob hier ein Team auf dem letzten Halali anmarschiert: Die Zukunft von Head Coach Jim Harbaugh ist alles andere als gesichert, nachdem sich Harbaugh mit dem Front-Office zerstritten hat. QB #7 Colin Kaepernick ist nach ziemlich genau zwei Jahren als Stammspieler nur noch ein Schatten jenes leuchtenden Sterns, der einst die Playoffs in helle Flammen setzte.

Die Offensive Line gilt nicht mehr als Wucht vergangener Tage, und RB #21 Frank Gore trabt mit 32 Lenze langsam gen Sonnenuntergang. Es gibt überall hoffnungsvolle junge Talente wie zum Beispiel den extrem anmutigen RB #28 Carlos Hyde, der eine sehr gute Saison spielt. Aber es fehlt der ganz große Zauber von früher.

Ähnliches könnte man über die Seahawks schreiben, die sich dieser Tage mit internen Querelen um die Zukunft von RB #24 Lynch oder die Arroganz von QB #3 Russell Wilson plagen und es nicht mehr schaffen, die Umkleidekabine zumindest nach außen hin still zu halten. Es mögen kleine Probleme sein, aber sie zeigen, dass in der heilen Westküstenwelt mittlerweile harter NFL-Alltag eingetreten ist, und die erfolgreichsten Teams der letzten zwei Jahre stärker denn je im Fokus stehen.

Sportlich wirkt Seattle noch immer wie ein schlafender Riese, den man besser nicht weckt. Die Defense streut immer wieder Phasen von kompletter Dominanz ein, kann ihren Level aber nicht mehr 60 Minuten durchziehen, weil spätestens nach dem Ausfall von DT #92 Mebane qualitative Tiefe (oder so) fehlt. An guten, oder auch: motivierten, Tagen willst du dieser Mannschaft aber immer noch nicht über den Weg laufen.

Seattle hätte am Sonntag die Arizona Cardinals in Trümmer schießen können, biss sich aber immer wieder mit einer zu zahnlosen Offense in der Scoring-Reichweite die Zähne aus und musste Fieldgoals ohne Ende schießen. Offensichtlich wurden vor allem die Probleme der Offensive Line, hyper-aggressiven Druck der Front-Seven abzuwehren. Wilson konnte sich mit vereinzelten Scrambles mehrere 1st-Downs erkaufen, aber langfristig war es kein haltbares Konzept.

Weil auch die 49ers zuletzt nicht über 10-14 Offense-Punkte hinaus kamen, darf man hier kein Punktefestival erwarten. Im besten Fall jedoch wird es ein intensives, spannendes Spiel zwischen zwei der immer noch mit am besten besetzten NFL-Mannschaften, die beide weiterhin im erweiterten Titelfavoritenkreis geführt werden müssen.

College Football aus Texas

Früher war der Thanksgiving-Tag im Staate Texas mehr als Dallas-Cowboys-Football, denn nach der NFL wurde um 19h30 lokaler Zeit das wichtigste texanische Footballderby im College-Bereich angepfiffen: Texas A&M Aggies gegen Texas Longhorns, was in etwa als Liverpool gegen Manchester in texanischer Sprache zu interpretieren ist. Seit der Abspaltung der Aggies von der Big 12 Conference gehen die beiden Flaggschiff-Universitäten des Lone Star States getrennte Wege, aber auf „ihren“ Spieltag am Donnerstag wollen beide nicht verzichten, und so sind sie auch beide im Einsatz – zeitgleich, ab 1h30 MEZ.

Texas empfängt zuhause das „neue“ A&M, die #5 TCU Horned Frogs, die sich noch mitten im Kampf um die Conference-Krone und möglicherweise die Playoff-Qualifikation befinden. TCU ist in den vergangenen Wochen etwas abgekühlt, runter von der verrückten Oktober-Serie, in der man reihenweise Spiele mit 60 Punkte, sogar bis rauf zu 82 (!), ablieferte. Texas dagegen hat sich nach harzigem Saisonstart stabilisiert. Man tuckert lautlos dem Saisonende entgegen und ist schon froh, dass der neue Head Coach Charlie Strong die meisten Stinkstiefel aus dem Kader entfernt hat. Es ist der vorletzte Spieltag. Es ist Derbyzeit. Ein Upset ist durchaus nicht auszuschließen.

Während Texas-TCU allerdings nicht bei uns über reguläre Wege zu empfangen ist, kann man im ESPN-Player ab 1h30 die Texas A&M Aggies vs LSU Tigers abrufen. Beide Teams haben sich nach zu vielen Niederlagen mittlerweile aus den CFP-Rankings verabschiedet, aber beide sind weiterhin aufregend genug besetzt und haben die Qualität, an guten Tagen hochklassigen Football zu spielen.

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11 Kommentare zu “Thanksgiving-Preview 2014

  1. Die nächsten drei Spiele entscheiden meiner Meinung nach über den Ausgang der Saison der Lions. Die NFC-North Krone wird wie all die Jahre auch sonst wieder an die grandiosen Packs gehen.
    Aber mit einer so guten Ausgangslage wie wir sie jetzt bei Detroit vorfinden, sollte auch genutzt werden. Da bin ich der Meinung, dass man die nächsten drei Spiele unbedingt gewinnen muss. Wenn man gegen eine dieser „Herden“ (Entschuldigung an alle Fans der Bears, Buccs und Vikings ;)), verliert, hat man auch nichts in den Playoffs zu suchen. Aber ich seh dem Ganzen positiv entgegen und hoffe auf Besserung 😀 !!!

    Wie ist euer Tipp für Lions Vs. Bears heute Abend 🙂 ?

    P.S.: Ich freue mich schon wieder auf die speziellen Thanks-Giving Animationen an der Anzeigetafel im TV 😀 !!!

  2. tja leider kann man offenbar wirklich von den lions nicht mehr erwarten. wenn man es bspw letztes jahr nicht mal geschafft hat, als ARod 8 spiele pausieren musste.

  3. Ich glaube das die Lions jetzt wieder ihren obligatorischen Einbruch kriegen und 2 der 3 nächsten Spiele verlieren – u.a. auch gegen die Bears.

  4. Ich hoffe es mal nicht, dass der klassische Lions Einbruch kommt 🙂 !!!

    Letztes Jahr haben wir zu Thanks Giving auch gewonnen (Zu Hause gegen die Packers) 🙂 !!! Hoffentlich ein gutes Zeichen für gleich 🙂 !!!

  5. Pingback: Detroit Lions – Chicago Bears | Thanksgiving 2014 | Sideline Reporter

  6. Philadelphia muss seine Offense um ein wuchtiges Laufspiel gründen

    Sagenhaft wie die Eagles gleich zu Beginn dies umsetzen und gleich 2 mal vorlegen.

  7. Mich beschleicht so leicht das Gefühl, die 49ers fühlen sich nicht so heimisch im neuen Stadion. Überzeugendes auftreten sieht anders aus. Fieldgoals Punkten können’s, die Seahawks.

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