Die zweite Chance

Sofa-Quarterbacks von Woche 13, und ich verweise vor allem auf Kapitel 3 mit der Diskussion über den Gerichtsbeschluss von Ray Rice und seiner Wiedereinstellung. Jürgen Schmieder von der SZ wirft seine Meinung dabei ein (sinngemäß):

Es gibt einen Unterschied zwischen zweiter Chance und es geht einfach so weiter wie bisher. Ray Rice hat eine Frau, die offensichtlich ein Gold-Digger ist, die ihn geheiratet hat weil er Footballer ist und will, dass er möglichst reich und bekannt bleibt. Er hat sie verprügelt, sagt, das war nur einmal, ich darf jetzt wieder spielen. Schüttet mich mit Kohle zu!

Es ist ein Unterschied ob jemand eine Rehabilitation durchgemacht hat oder im Gefängnis war wie ein Michael Vick und sich geläutert gibt, oder ob jemand sagt, das ist mir eigentlich wurscht und gebt mir den nächsten Vertrag. Das ist der Unterschied zwischen zweiter Chance und unter den Teppich kehren. Ray Rice ist unter den Teppich kehren.

Bingo. Besser kannst du die Situation nicht beschreiben.

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6 Kommentare zu “Die zweite Chance

  1. „[…]die offensichtlich ein gold digger ist.[..]“

    Well…No. Die Gleichung „Frau, die mit reichem Mann zusammen ist, der sie schlägt = gold digger“ liegt irgendwo zwischen grenzdebil und ekelhaft zynisch.

    Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen (nicht nur Liebesbeziehungen) sind ein ungeheuer komplexes Thema, das den meisten Menschen zum Glück verborgen bleibt. Aber gerade im Zuge der Rice-Affäre gab es dazu viele sehr Erfahrungsberichte Betroffener, die versuchen, die Motive zu erklären.

    Wenn man selber nie Teil einer solchen Beziehung war, ist das nur schwer nachvollziehbar. Und genau diese Einstellung, daß „das ja wohl unmöglich“ ist, macht auch einen Teil der großen Scham aus, welche die meisten Opfer davon abhält, darüber zu reden.

    Das scheint aber in Teilen der Redaktionsstuben deutscher „Qualitätszeitungen“ noch nicht angekommen zu sein. Vielleicht einfach mal bei den Kollegen aus dem Wissenschaftsressort oder auch dem Feuilleton nachfragen. Mit betroffenen Frauen (oder auch Männern) reden fällt für Schmieder ja aus, denn mit dieser Einstellung hat er sich jede Gesprächsmöglichkeit verbaut.

    „Er hat sie verprügelt, sagt, das war nur einmal, […]“

    Genau dieser Glaube taucht in allen Erfahrungsberichten auf. Er ist nicht unglaubwürdig, sondern wahr.

    Unter vielen:
    Ted Talk einer Betroffenen
    Diana Moskovitz on Deadspin
    Viele Erfahrungsbericht auch bei Twitter #WhyIStayed

  2. Tut mir leid, aber Herr Schmieder macht es sich hier aus meiner Sicht zu einfach.

    Erstens finde ich es ein wenig anmaßend, dass er die Frau als „offensichtliche Golddiggerin“ bezeichnet. Ist sie das möglicherweise? Kein Frage, aber von einem hauptberuflichen Journalisten erwarte ich etwas mehr Zurückhaltung, das ist Bild oder Bunte Niveau.

    Zweiter Punkt: Kann man Ray Rice wirklich vorwerfen, dass er wieder spielen möchte? Von keinem Verbrecher, egal ob Steuerhinterzieher oder Mörder, wird verlangt seine Strafe selbst zu wählen. Dafür sind aus gutem Grund andere Instanzen zuständig, und die NFL – namentlich Roger Godell – hat diese Bestrafung völlig in den Sand gesetzt.

    Fast schon grotesk finde ich seine abschließende Bemerkung, dass Rice „ohne jede Buße“ in die NFL zurückkehrt. Stand heute wird es darauf hinauslaufen, dass er frühestens in der kommenden Saison wieder spielen wird, d.h. bis dahin wird er über ein Jahr nur dafür in den Schlagzeilen gewesen sein, seine Frau bewusstlos geschlagen zu haben. Glaubt wirklich jemand, dass das an irgendeinem – selbst einem vermeintlich furchtbaren – Menschen spurlos vorübergeht?

    Versteht mich bitte nicht falsch, ich schreibe diese Zeilen nicht um Ray Rice oder seine Tat zu rechtfertigen oder zu relativieren. Aber wenn heutzutage ein Ereignis unsere Gesellschaft auf einer moralischen Ebene so zusammenschweißt (in diesem Fall gegen häusliche Gewalt), darf jeder ohne Maß auf den Verursacher – metaphorisch – eindreschen, weil…. derjenige ja böse ist?
    Das kann es aus meiner Sicht auch nicht sein.

  3. es ist nicht überraschend, dass ich das anders sehe. Wenn ray rice eine straftat begangen hat, dann soll er dafür von gerichten zur verantwortung gezogen werden. Wenn er das nicht wird, dann ist es nicht an ihm zu sagen : „hey ich gehe aber freiwillig ins gefängnis.“ denn genau das impliziert deine ansicht um eine zweite chance zu bekommen.
    Ohne den fall genau zukennen, kann ich aber sagen, dass der gute ray rice bei schwerer körperverletzung nur deswegen nicht ins gefängnis muss (jedenfall gilt das für deutschland), weil er wohl bisher untadelig war. Er bekommt also vom gericht noch eine zweite chance. Ein michael vick dagegen wurde deswegen eingebuchtet, weil er nicht lernfähig war und wiederholt straffällig geworden war. Zynisch dort von einer zweiten chance zu sprechen.
    Aber ich versteh das schon, es ist so herrlich selbstgerecht das zum himmel schreiende justizsystem zu verteufeln. Witzig nur, dass dann die selben leute in einem jahr auf dem AP bandwagon sitzen.

  4. „Glaubt wirklich jemand, dass das an irgendeinem – selbst einem vermeintlich furchtbaren – Menschen spurlos vorübergeht?“

    Meiner Erfahrung nach – leider ja. Vor allem wenn man ihm keine paar Monate später wieder ein Millionenschweren Vertrag unter die Nase hält. Diese Person wird die ’schweren‘ Monate höchstens als Un­an­nehm­lich­keit in Erinnerung behalten und sich bestätigt fühlen das er unantastbar ist.

    @gÜnter wall
    Glaube auch nicht das er in Deutschland so leicht davon gekommen wäre. Was aber auch daran liegt wie respektlos er mit seinem Opfer umging. Er hat sie ja nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes KO geschlagen sondern dann nichtmal großartig Hilfe geleistet sondern sie stattdessen auch noch mit sich mitgeschleift.
    Da sieht man nicht viel von Reue und Bedauern. Es hat eher etwas von Müll rausbringen. Nicht die Reaktion von jemanden der über sich selbst und seine Tat geschockt ist sondern jemand der nun ein Ärgernis vor sich liegen hat.

  5. Ich bin hier ganz bei korsakoff. Die Meinungen von Schmieder sind nicht immer mein Geschmack, aber hier spricht er aus, was viele denken. Und das ist immer gut, gerade weil es polarisiert und viele zum Nachdenken anregt. Dass im Endeffekt daraus unterschiedliche Schlüsse gezogen werden, ist völlig verständlich.

  6. @“die offensichtlich ein Gold-Digger ist“-Schwachsinn

    als ob Frauen von reichen Männern eher bleiben, als Frauen von armen Männern… bei solch psychologisch komplexen Fällen wie häusliche Gewalt kommst mit dieser Logik eher nicht weit… zumindest bezweifle ich das stark.

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