Die Lupe auf das Trainerkarussell im College Football gerichtet

Der prominenteste zu besetzende Trainerposten der heurigen Offseason war zweifellos jener der University of Florida, wo der rabiate Schreihals Will Muschamp nach vier überwiegend enttäuschenden Jahren abgesägt wurde. Muschamp scheiterte in Gainesville letztlich an einer unterirdischen Offense, ohne die man sich mit viel Glück anno 2011 zu einer BCS-Bowl durchbeißen konnte, aber zuletzt zweimal en suite böse abschmierte.

Muschamps Nachfolger ist ein in der College-Öffentlichkeit flüchtig bekannter Mann: Jim McElwain, einst Nick Sabans OffCoord bei Alabama, und in den letzten drei Jahren der Headcoach von Colorado State. McElwain wurde für teure Ablöse geholt. Seine Dienste in Alabama sind schwierig einzuschätzen, weil er im Prinzip wenig falsch machen konnte. Bei den Rams in der Mountain West Conference wurde seine Arbeit aber hoch geschätzt: Colorado State entwickelte sich so gut, dass man in Kürze mit dem Bau eines neuen Stadions auf dem Campus beginnen darf – nach vielen Jahrzehnten ohne eigene Heimat.

McElwain gilt als Kenner des US-Südens, was angesichts der Recruiting-Kämpfe als wichtiges Asset angesehen wird. Florida wird jedoch unabhängig vom Coach immer gute Recruiting-Klassen einfahren. Wichtiger bei McElwain: Man sagt ihm nach, gut die Talente seiner Spieler entwickeln zu können. Genau darin soll Vorgänger Muschamp so versagt haben – insofern ist McElwain keine spektakuläre Wahl der Gators, aber eine, die man sich mit Blick auf die Gesamtsituation leicht erklären kann.

Michigan Wolverines

Der zweit-spektakulärste offene Job ist jener der geschichtsträchtigen Michigan Wolverines, Inhaber des größten Stadions Amerikas. Brady Hoke, ein Michigan Man, wurde dort gefeuert. Hoke hatte ähnlich wie Muschamp schnellen Erfolg mit den Wolverines, u.a. als er (unverdienterweise) mit seiner Mannschaft in eine BCS-Bowl eingeladen wurde. Danach hatte Hoke keinen Erfolg mit seiner zwanghaften Implementierung einer Power-Offense, die in die 90er Jahre gehört und dem Spielermaterial nicht angemessen war.

Michigan sucht noch den Nachfolger. Als Namen werden immer wieder A-Promis genannt, von Jim Harbaugh (wird die San Francisco 49ers höchstwahrscheinlich verlassen & war als Student QB bei Michigan) über den putzigen Les Miles von LSU (Miles war einst Spieler und Assistenztrainer in Michigan).

Nebraska Cornhuskers

Der dritte große Posten wurde bei den Nebraska Cornhuskers mit der Entlassung vom Poltergeist Bo Pelini aufgemacht. Pelini war sieben Jahre Coach bei den Huskers. Seine Bilanzen:

  • 9-4
  • 10-4
  • 10-4
  • 9-4
  • 10-4
  • 9-4
  • 9-3

Manche nennen es Konstanz. Andere nennen es Stillstand. An einem der traditionsreichsten Footballprogramme Amerikas mit mehreren der besten Mannschaften aller Zeiten und absolut legendären Teams in den Neunzigerjahren war Pelinis „gutes Mittelmaß“ nicht mehr gut genug, weswegen die Reißleine gezogen wurde.

Nebraska ist eine Uni, die aktuell auf der Suche nach ihrer Identität ist: Man befindet sich im Nirgendwo fernab jeder Zivilisation. Wenn du in die Heimatstadt der Uni Lincoln kommen willst, bist du erstmal stundenlang zwischen Getreidefeldern unterwegs. Das Einzugsgebiet der Uni ist riesig, größer als jenes aller anderen Teams, aber sie Great Plains sind nur spärlich besiedelt, weswegen es kaum Highend-Talente in der Region gibt.

Nebraska versuchte vor vier Jahren mit seinem Wechsel von der Big 12 Conference in die Big Ten Conference, noch einmal an Drive zu gewinnen, aber die Wirkung verpuffte. Man hatte schon Ende der 2000er mal einen Versuch, von seiner option-lastigen Offense wegzukommen um sich eine neue Identität zu schaffen, scheiterte aber, weil der passfreudige Bill Callahan (heute Dallas Cowboys, früher Raiders) von Defense nix wissen wollte. Pelini war die Rückkehr zu Altbewährtem, aber Altbewährtes ist der Weg ins Mittelmaß, wie ich schon einmal im Detail aufzuzeichnen versuchte.

Der Neue ist Mike Riley, der von der Oregon State University kommt. Rileys Einstellung überraschte viele und sorgte für einen ganzen Dominoeffekt – zu dem wir gleich kommen. Keine Sau hätte vor ein paar Tagen einen Cent darauf gewettet, dass man sich in Nebraska für den Coach-Typus eines Mike Riley interessiert. Riley gilt als netter Zeitgenosse, der gern mit seinen Spielern abhängt und sich um ihr Wohl kümmert.

Riley ist in der NFL bekannt geworden als der Coach, der sich mit einem der größten QB-Busts auseinandersetzen musste: Ryan Leaf. Er hatte die Schneid, Leaf abzusägen. Riley galt lange Jahre als Mann, der aus mäßigem Spielermaterial viel herausholen konnte, aber in den letzten Jahren waren seine Oregon State Beavers fast permanent eher eine Enttäuschung. Immerhin: Seine Offenses galten fast immer als aufregend anzuschauen, weil er die ganze Palette im Playbook auspackte. Man darf gespannt sein, wie sich die Combo Riley/Nebraska so macht.

Oregon State Beavers

Rileys Abgang in Oregon State war eine Überraschung, aber seine Nachbesetzung gilt als echter Schocker: Gary Andersen, der von den Wisconsin Badgers kam. Das hatte nun wirklich niemand kommen sehen, womöglich nicht einmal Andersen bis vor kurzem selbst. Das Krasse an diesem Wechsel: Wisconsin gilt im College-Universum als deutlich attraktivere Trainerstation als Oregon State.

Andersen hält sich ob der Motivationen seines Wechsels bedeckt. Wisconsin gilt als knausrige Uni, der nicht viel dran gelegen ist, einen teuren Trainerstab zu halten – aber Oregon State zahlt im Schnitt noch weniger, und Andersen konnte trotzdem seinen halben Trainerstab mit an die Westküste nehmen.

Andere Stimmen glauben, Andersen sei als Mann des Westens froh gewesen über die Chance, wieder „nach Hause“ zurückzugehen. Er verbrachte den Großteil seines Lebens im nahen Utah und hatte über die Jahre immer wieder Intentionen geäußert, den Staat niemals zu verlassen. Als er es doch machte, konnte er von seinem Lieblingsgebiet im Recruiting, der Westküste, nie loslassen. Manche sagten ihm deswegen Heimweh nach.

Mit Andersen besetzen die Beavers den Posten mit einem defensiv-orientierten Coach. Er gilt als harter, aber fairer Hund, als pragmatischer Coach, der seine Schemen dem unterordnet, was sein Kader hergibt. Die meisten seiner ehemaliger Schützlinge wissen nur Gutes über ihn zu berichten obwohl seine letzten beiden Wechsel (also inklusive dem aktuellen) aus heiterem Himmel kamen: Schmutzige Wäsche wurde bei ihm nie gewaschen.

Wisconsin Badgers

In Wisconsin bleibt also kein Scherbenhaufen zurück, aber in Madison wird man sich fragen, wie es geschehen konnte, dass die letzten beiden so erfolgreichen Coaches, Bret Bielema und Andersen, die Uni so überstürzt bei der ersten sich bietenden Möglichkeiten verließen – noch dazu zu Mitläufermannschaften wie Arkansas oder Oregon State.

Wisconsin gilt nicht als einfachster Ort der Welt, wenn es um College-Football geht. Man hat dort zwar ein wunderschönes Stadion und lange Tradition, aber an Power kann man nicht mit den größten Programmen der Big Ten Conference mithalten. Die Sportabteilung gilt als klamm und über allem schwebt der mittlerweile 67jährige Sportdirektor Barry Alvarez, ein Multi, der sich als Coach große Verdienste um den Aufschwung bei Wisconsin machte, der aber nicht wirklich vom Tagesgeschäft wegkommt und seinen Unterstellten (zum Beispiel dem Head Coach) nur allzu gerne dreinquatscht.

Alvarez wird zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre kurzzeitig die Vorbereitung auf die Bowl-Season coachen, aber dass er noch einmal den Vollzeitjob übernimmt, gilt als ausgeschlossen. Favorit auf die Nachfolge soll Paul Chryst sein, der Head Coach von Pitt, der lange Jahre Assistent in Wisconsin war. Chryst wäre Marke Arsch auf Eimer: Ihm sagt man die Ingenieursleistung hinter den berühmten Offensive Lines der Badgers nach, und er transformierte Pitt in nur drei Jahren in der Offense zu einer quasi-Kopie der Badgers: Aufregend ist anders, aber es ist zurück zu den Wurzeln.

Advertisements

4 Kommentare zu “Die Lupe auf das Trainerkarussell im College Football gerichtet

  1. Chryst wäre wohl wirklich der perfekte fit für die Badgers in dieser Situation – Arsch auf Eimer trifft es wohl… 😁 Dazu wünsch ich mir noch einen QB ala Russel Wilson damals und das Ding pfeift wieder in Wisconsin… 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s