Bowls statt Böller an Silvester 2014 | College Football Preview

Am heutigen Silvester-Tag debütiert das neue New Year’s Six Format des College-Football Playoffs, dessen Grundzüge ich in den letzten Monaten versuchte, etwas genauer zu beschreiben [1][2]. Drei der sechs großen Bowls werden heute ausgespielt, drei – darunter die beiden Halbfinals – morgen. ESPN fährt neue Übertragungsmethoden auf, SPORT1 US steigt in die Bowl-Berichterstattung ein. Eine ausführliche Vorschau.

Peach Bowl | #6 TCU Horned Frogs – #9 Ole Miss Rebels

18h30, live SPORT1 US

Das beste Matchup des Tages gleich zu Beginn aus dem Georgia Dome in Atlanta. TCU (11-1) und Ole Miss (9-3) haben beide die in sie gesetzten Erwartungen in diesem Jahr übertroffen und bilden heute ein ungewöhnliches Duell für eine große Post-Season Bowl im College-Football. Beide gehören nicht zu den traditionellen Großmächten, jedoch wurde hier in den letzten Jahren große Arbeit geleistet.

TCU ist seit einiger Zeit keine Unbekannte mehr: Head Coach Gary Patterson ist seit über 15 Jahren am Werk und er hat die kleinen Frogs in seiner Amtszeit hinauf bis in die große Big 12 Conference geführt, mit dem Höhepunkt des Gewinns der Rose Bowl vor vier Jahren, als man die Saison an #2 gerankt beendete. Die letzten Jahre waren etwas harzig für TCU, aber heuer klickten zum ersten Mal wieder Offense und Defense gemeinsam, mit dem Ergebnis des geteilten Conference-Sieges.

Ole Miss hatte in den 50er Jahren mal eine der dominantesten Mannschaften, trat hernach in der SEC immer nur punktuell als Player in Erscheinung. Zum letzten Mal bevor Head Coach Hugh Freeze vor drei Jahren das Ruder übernahm hatte man zu Beginn des Jahrtausends Erfolge mit dem QB Eli Manning. Freeze übernahm ein 2-10 Team und holte dank fantastischem Recruiting hintereinander erst sieben, dann acht, dann neun Saisonsiege.

Beide Teams gelten als defensivstark. Ole Miss wird die vielleicht beste Defense des Jahres nachgesagt, die vorne um den schwer gehypten DE Robert Nkemediche Dampf macht und hinten im kleinen Zauberzwerg CB Senquez Golson einen Athleten aufstellen kann, der schon zwei Kopf größere Wide Receiver kaltgestellt hat. Wir werden einige der aktuell im Kader stehenden Rebels-Verteidiger in wenigen Jahren in NFL-Uniformen sehen.

TCU hat sich unter Patterson einer 4-2-5 Defense verschrieben, für die man jedes Jahr sehr punktuell Talente rekrutiert. Hier hat Patterson aus der Not eine Tugend gemacht: Die besten Athleten wollen gar nicht an die kleine versnobte Texas Christian University nach Fort Worth nahe Dallas, sondern zu den großen Playern wie Texas oder Oklahoma. Patterson ködert die besten der verbliebenen Spieler mit der Aussicht auf klare Rollen in einem klaren System – er hat einige von ihnen auch zu NFL-Ehren gebracht.

Ole Miss kommt mit seiner Defense vor allem über Wucht. TCU kommt über die Geschwindigkeit. Man verlor vor der Saison CB Verrett an die NFL und DE Fields aus Disziplingründen, und trotzdem ließ diese Unit kaum nach. Leute wie der DT Chuck Hunter oder der LB Paul Dawson sind keine 150kg-Bolzen, sondern schmächtige, wendige Leute, die von gegnerischen Blockern kaum greifbar sind.

Entscheidend für TCU war heuer aber weniger die gewohnt gute Defense, sondern die extrem gute Offense, die unter dem unkonventionellen QB Trevone Boykin plötzlich aufgeigte als gäbe es kein Morgen. Boykin, einst ein Wide Receiver und nur in der Not zum QB umgeschult, entwickelte sich als Werfer so gut, dass man ihn nicht gänzlich kaltstellen kann, aber er ist situativ natürlich ein extrem guter Scrambler geblieben. Ole Miss‘ Verteidigung wird Schwerstarbeit verrichten müssen und wird Boykin in der Pocket halten müssen, will man nicht für mehrere 30yds-Runs verbrannt werden.

In der Secondary läuft vieles darauf hinaus, dass genannter CB Golson den WR Josh Doctson (fast 1000yds) unter Kontrolle halten kann. TCU ist nicht von einem einzigen Receiver abhängig, aber Doctson ist der physisch mit Abstand gefährlichste, und für die OffCoords die wichtigste Schachfigur im Spielzugdesign.

Auf der Gegenseite riskiert Ole Miss, mit seiner Offense oft zu schnell eindimensional zu werden. QB Bo Wallace ist kein ganz schlechter Mann und auch er kann laufen, aber er verfällt oft schnell in eine eigenartige Lethargie, wenn es nicht rund läuft. Als problematisch sieht man heute an, dass mit Lequen Treadwell und Vince Sanders die beiden besten Receiver der Rebels heute mit Beinbruch ausfallen. Wallace wird darauf angewiesen sein, dass Ole Miss sein Laufspiel durchgedrückt bekommt und TE Evan Engram sich in der Manndeckung gegen die aggressive Frogs-Defense behaupten kann.

All in all ist das eine Partie, die eines Halbfinals durchaus würdig gewesen wäre. Ole Miss hat zwar mit seinen drei Niederlagen letztlich mehr verloren als man Anfang November erwarten konnte, aber rein qualitativ ist man oben mit dabei. TCU hätte vermutlich selbst mit seiner einzigen Niederlage (in Baylor) ein Halbfinalist sein müssen. Man hat heute die Chance, das Playoff-Komitee Lügen zu strafen – und man geht als Favorit mit drei Punkten ins Spiel.

Fiesta Bowl | #10 Arizona Wildcats – #20 Boise State Broncos

22h, live SPORT1 US

Attraktives Matchup auch in Glendale/AZ, wo sich die ums Eck spielenden #10 Arizona Wildcats (10-3) aus der Pac-12 Conference den #20 Boise State Broncos (11-2) aus der Mountain West Conference stellen. Das Spiel sollte auch deswegen ansehnlich sein, weil beide hoch motiviert ins Spiel gehen sollten: Boise State hat den Mid-Major Platz in den Big-Bowls bekommen und spielt zum ersten Mal seit der großen Ära um 2007-2010 wieder in einer großen Bowl. Arizonas Durststrecke war noch viel länger: Vor 20 Jahren stand man letztmals in der Fiesta Bowl – wie lange das her ist, weiß man, wenn man weiß, dass Tedy Bruschi damals der Ankermann der Abwehr war.

Arizona ist die Mannschaft von Rich Rodriguez, einem der oft diskutierten Coaches im heutigen College-Football. Rodriguez wurde vor Jahren Karrieregeilheit nachgesagt, als er es innerhalb weniger Jahre bis hinauf zur University of Michigan schaffte, wo er mit seiner attraktiven, schnellen Spread-Offense und seinen hyperintensiven Methoden gnadenlos scheiterte, und sich halb Amerika hinter den Fäusten das höhnische Grinsen nicht verkneifen konnte. Im etwas ruhigeren Arizona schaffte Rodriguez das Comeback.

Er hat wieder eine nette und vor allem extrem junge Offense zusammengestellt. QB Anu Solomon ist ein Freshman, der sich nicht scheut, den Ball auch mal selbst in der Hand zu behalten. Sein wichtigster Kumpane, RB Nick Wilson, ist ebenso Freshman und macht 6yds/Carry und 15 TD. Die Anspielstationen in der Offense sind breit gestreut und vielseitig talentiert: Während ein Cayleb Jones meist als deep threat operiert, agiert der kleine Smajie Grant als Art Wes-Welker Imitation im Slot.

Gegner Boise State kennt die Fiesta Bowl aus seiner Westentasche. Nie, nie wird das berühmteste Footballspiel der letzten zehn Jahre vergessen werden:

Diese Latte an fucking Trickspielzügen in der Crunch-Time sind bis heute mein größtes Highlight als Footballfan und nicht unwesentlicher Grund, dass der Pferdekopf der Broncos noch immer als Logo dieses Blog ziert. OffCoord damals: Bryan Harsin, dessen geschwollene Eier noch immer geschwollen sind.

Heute Head Coach der Broncos: Bryan Harsin, der diesen Job seit einem Jahr innehat. Er übernahm die Broncos von Chris Petersen, der in den letzten drei Jahren nicht mehr an die ganz großen Erfolge anknüpfen konnte, dann nach Washington wechselte. Harsin veranstaltete in seiner Einstandssaison keine Wunderdinge, beschränkte sich erstmal darauf, die Feinheiten aus dem aktuellen Kader herauszuholen.

Boise State ist eine lauflastige Offense, die immer wieder ihren RB Jay Ayaji schickt. Ayaji wird nach dem Spiel in die NFL wechseln, obwohl er keine herausragenden Individualtalente hat. Er gilt als kompletter Spieler, der etwas fumble-anfällig ist, aber in keiner Facette des Spiels völlig überragend ist. Sein Komplementär ist QB Grant Hedrick, heuer zum ersten Mal Vollzeit-Starter, der seine Sache so lange sehr gut macht, bis seine Pocket vom Passrush eingenommen wird. In diesem Fall wird er schnell nervös und fabriziert Interceptions am Fließband (in beiden Niederlagen heuer war er je vier INT).

Auf der Abwehrseite gelten die Broncos als nicht mehr so wuchtig wie früher, dafür schneller und wendiger. Der kleine DT Kamalei Correa steht dafür Zeuge: Er bringt kaum 115kg auf die Waage, ist aber schnell genug, dass er häufig als End eingesetzt wird und zwischen den Guards und Tackles durchschlüpft um die Pocket zu kollabieren.

Arizonas Defense ist im Jahr 2014 vor allem ein Mann: LB Scooby Wright III, ein Sophomore, den vor zwei Jahren niemand haben wollte, der sich aber als wahrhaftige Tackling-Marschine erwies und so viele Big-Plays machte, dass er vor drei Wochen alle möglichen Defense-Awards abstaubte bis er nicht mehr genug tragen konnte.

Ich verspreche mir von dieser Partie Einsatzbereitschaft auf beiden Seiten. Zu verlieren haben beide nicht viel, und beide können sich an einem möglicherweise ebenbürtigen Gegner messen. Arizona muss trotz seines brutal jungen Kerns als Favorit gelten, aber bei den Broncos sollte man nie deren Beißerfähigkeiten unterschätzen: Sie sollten sich lange im Spiel halten können.

Orange Bowl | #7 Mississippi State Bulldogs – #12 Georgia Tech Yellow Jackets

02h, live SPORT1 US

Rein vom Matchup ist die Orange Bowl in der Nacht die schwächste der drei heutigen Bowls, aber auch hier haben wir zwei Mannschaften, die die Gunst der Stunde werden nutzen wollen, denn so schnell werden sie beide möglicherweise nicht mehr im Rampenlicht stehen.

Mississippi State (10-2) war dieses Jahr lange Zeit die #1 trotz nicht überragender Advanced-Stats, verlor aber am Ende der Saison gegen die wirklich großen Gegner Alabama und Ole Miss und verspielte damit auch seine Playoff-Chance. Enttäuschung? Vielleicht ein bisschen, weil man zu sehr zu träumen begann, aber wer die Geschichte dieses kleinen Programms aus der SEC kennt, der weiß, dass es die beste Saison der 100jährigen Geschichte dieser Uni war.

Head Coach Dan Mullen hat ganze Arbeit geleistet: Ohne echte Ressourcen und mit limitiertem Recruiting formte er zum wiederholten Male eine sehr, sehr brauchbare Offense: QB Zak Prescott konnte am Ende die zu hoch gewordenen Erwartungen nicht mehr ganz erfüllen und warf zu viele Interceptions, aber über weite Strecken der Saison galt er als Heisman-Kandidat. Sein Backfield-Kollege RB Josh Robinson gilt als zweiter Motor der Offense, aber auch er brach gegen die ganz großen Gegner zuletzt ein.

Fragezeichen stehen heute auch hinter der Bulldogs-Defense: Der DefCoord wurde vor wenigen Tagen von Florida abgeworben und klinkte sich somit auch aus der Vorbereitung auf die Bowl-Season aus. Rasch implementierte Mullen einen neuen DefCoord, aber wie viel Vertrauen hat man in ihn, dass man gegen die extrem lauflastige Offense von Georgia Tech rechtzeitig fit sein wird?

Georgia Tech ist unter Head Coach Paul Johnson eine Mannschaft, die nur selten wirft. Johnson hat die Tage hinter sich gelassen, in der er 95% Run-Plays aus einem Dutzend verschiedener Option-Formationen spielen lässt und nur zweimal aus Laune tief werfen lässt, aber im Kern gibt es noch immer keine 200 Passversuche pro Saison.

QB Jordan Thomas wirft 13.4x/Spiel und ist gleichzeitig der Leading-Rusher mit fast 1000yds. Sein bester WR Smelter fehlt heute verletzt, weswegen man noch mehr Lauflast erwartet. Johnson lässt noch immer verschiedene Plays aus der Flexbone-Formation spielen, aber zumindest in den Spielen, die ich heuer von Georgia Tech sah, wirkte viele Plays wie relativ gängige Standard-Laufspielzüge. Vieles an dem ganz eigenen Charme der Georgia-Tech Offense kann man somit wohl allein daran festmachen, dass sie schlicht und einfach so selten wirft, weniger am Spielzugdesign selbst.

Wer sich trotzdem in die Komplexität und Gedanken der Flexbone-Offense hineinlesen will, die Johnson über die Jahre bei Navy und Georgia Tech mit- und weiterentwickelte, dem sei ein spannender Taktikartikel bei Eleven Warriors ans Herz gelegt: The Basics oft he Navy Flexbone.

Georgia Tech geht heute als Außenseiter in die Partie. Die Wettbüros sehen Mississippi State mit einem Touchdown vorne.

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5 Kommentare zu “Bowls statt Böller an Silvester 2014 | College Football Preview

  1. Pingback: Prospect Preview Bowl Spiele 14/15, #4 | NFL Draft

  2. Interessante Vorschau, Merci.
    Werde daraufhin gleich mal #6 TCU Horned Frogs – #9 Ole Miss Rebels rein ziehen.
    Bin seit vergangener Nacht dabei -Notre Dame vs, LSU. War ein munteres und unterhaltsames Game bis zur Schlußsekunde.

    Allen hier schreibenden und lesenden einen guten Übergang ins 2015, das ich gerade eben (Thailand) vollzogen habe.

  3. Was ein Spiel. Tcu hätte so wie sie spielen die Playoffs verdient. 28:0 und 3 Ints von Wallace. 13 Yards of Offense für Ole Miss….

  4. Bittere erste Hälfte für Wallace und die Rebels. Wobei der Bo schon i.d. letzten Spielen der Reg. Season doch merklich schwächelte.

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