NFL Wildcard Weekend 2014/15, Sonntagsvorschau

Teil 2 im Wildcard-Wochenende mit den beiden Sonntags-Partien.

Indianapolis Colts – Cincinnati Bengals

19h05, live SPORT1 US und Gamepass

In der AFC-Hierarchie bilden die Indianapolis Colts und die Cincinnati Bengals in den letzten drei Jahren das „Tier 2“ der Titelanwärter, hinter den alles dominierenden New England Patriots und Denver Broncos. Heute treffen sie als #4 und #5 der Setzliste aufeinander in einer Partie, in der fast alle zu glauben scheinen, dass Andrew Luck und seine Colts das Ding nach Hause nehmen werden.

Stichwort „Playoff-Syndrom“ bei den Bengals. Cincinnati erlebte in den 80er Jahren mal zwei Superbowls, versank danach aber in Chaos und Mismanagement einer überforderten Besitzerfamilie Brown. Ich begann ziemlich genau im Frühjahr 2003, die NFL quasi täglich zu verfolgen, und eine der ersten Aktionen war die Einstellung von Marvin Lewis als Headcoach bei den Bengals. Tenor damals: Lewis hat Potenzial zum Superstar, aber die völlig kaputten Strukturen in Cincinnati werden ihn zerstören. Das hässliche Entlein wird zuschlagen und Lewis in die Scheiße reiten.

Man war ja froh, zum Einstieg quasi eine Franchise „geschenkt“ zu bekommen, die sich von Grund auf neu erfinden wollte – und Cincinnati machte seine Sache unter Lewis ordentlich. Man erlebte mehr oder minder die zweitbeste Phase seiner Vereinsgeschichte, aber bis heute fehlt Lewis das Eine: Ein Playoff-Sieg. Fünf Playoffs, fünf Auftaktpleiten. Das sorgt in regelmäßigen Abständen dafür, dass die Pundits, die guts und winner mentality predigen, die Bengals nicht ernst nehmen. Heute trifft man auf den Quarterback, der bei der Verteilung von Guts und Siegermentalität am lautesten geschrieen hat und auch gleich die Ratio der Bengals mitbekommen hat: Luck.

Cincinnati und Indianapolis sind recht unterschiedlich gepolte Teams: Die einen leben fast ausschließlich von ihrem QB-Talent Luck, die anderen machen alles, um ihren guten, aber nicht herausragenden QB Dalton zu kaschieren.

Die Colts ließen Luck heuer phasenweise werfen bis ihm der Arm abfiel, aber es wirkte nie so, als wolle OffCoord Pep Hamilton Luck völlig entfesseln. Immerhin wurden mit zunehmendem Saisonverlauf die völlig sinnlosen 0yds-Läufe über RB Richardson aufgegeben, aber das führte dann immer wieder zu wenig Balance im Angriff.

Die Bengals haben dieses Jahr exzellente Statistiken gegen Wide Receivers und Tight Ends (#1 gegen den Top-WR des Gegners, #3 gegen den zweiten Receiver, #2 gegen alle weiteren Receiver und #4 gegen den TE), lassen sich dafür aber immer wieder von Runningbacks ausspielen (#29 gegen RB). Im Prinzip ist das ein gutes Matchup gegen die Colts, die alle Waffen besitzen bis auf einen gescheiten Runningback.

Rein optisch zeigt sich das in einer eigenartig zahmen Defense: Cincinnati entfachte heuer nie wirklich guten Passrush, auch weil DefCoord Paul Guenther nach etlichen Verletzungen gezwungen war, seine Deckung zu verstärken und seine gefürchteten Blitzes zu reduzieren. Die Bengals haben sich zu einer dieser Defenses entwickelt, die sich versucht wie Mehltau auf eine Offense zu legen und ihr damit den Zahn zu ziehen – allerdings wird es gegen einen Luck nicht gehen, wenn nicht zumindest das eine oder andere Mal zu Pocket zerbröselt wird.

Wirklich guten Passrush haben auch die Colts nicht, die sich immer wieder auf Blitzes verlassen müssen. Viele Chancen zum Passrush wird es auch nicht geben, da sich die Bengals mit zunehmendem Saisonverlauf immer mehr auf ihre Lauf-Offense verlassen haben um wie gesagt Dalton zu kaschieren.

Superstar-WR #18 A.J. Green wird heute ausfallen (Gehirnerschütterung letzte Woche), was nicht unbedingt auf eine Rückkehr zu mehr Würfen hindeutet – vielleicht ist das auch kein so großes Übel, denn die Colts-Verteidigung schwächelt am meisten gegen das Laufspiel (55% Success-Rate ist eher mickrig, #25 der Liga).

RB #32 Jeremy Hill ist mit seinem kraftvollen Stil eine der Entdeckungen des Jahres (1124yds, 9 TD, 5.1yds/Carry und 27 Catches) und hat im Depth-Chart den vielseitigeren, aber nicht so dynamischen RB #25 Gio Bernard (43 Catches, aber nur noch 168 Carries) überholt. Mit diesem Duo als treibende Kraft hinter einer groß gewachsenen Offensive Line kamen die Bengals nach einer Schwächephase in Oktober und November immer besser in Schwung.

Freilich: Zählen tut heute, und die Kritiker bringst du nur zum Verstummen, wenn du auch mal in den Playoffs gewinnst. Prinzipiell wäre Lewis mal fällig, und prinzipiell stellen die Colts immer eine Mannschaft, die jederzeit für einen Totalausfall zu gebrauchen ist. Luck ist ein Quarterback, der sich noch in seiner Entwicklung befindet und immer wieder Neigungen zu hochriskanten Würfen und Interceptions aufweist – gegen eine Defense, die mit 3.3% INT-Quote die fünftmeisten Bälle abfängt, sollte er aufpassen.

Es ist ein Duell, in dem auch die Wettbüros Indianapolis nur mit drei Punkten vorne sehen; drei Punkte = Heimvorteil. Trotz eines 27-0 Shutout-Siegs der Colts in der Regular Season darf man die Partie also für völlig offen halten.

Dallas Cowboys – Detroit Lions

22h35, live SPORT1 US, PULS4 und Gamepass

Die abschließende Partie dieses Wildcard-Weekends bilden die Dallas Cowboys (12-4) und Detroit Lions (11-5), zwei Teams, die über die letzten Jahrzehnte gelernt haben, wie sich Durststrecken anfühlen. Beide waren in den letzten Jahren immer wieder „dran“, scheiterten aber häufig selbstverschuldet an den Playoffs und sahen sich in der Folge immer weiter an die Wand gedrängt, weil beide kein gutes Salary-Cap Management betrieben.

Der Star der Dallas Cowboys ist Owner/GM Jerry Jones. Jones ist nach dem Tod von Al Davis in Oakland der einzige verbliebene Besitzer der NFL, der seine Mannschaft überstrahlt. Jones liebt seine Cowboys so sehr, dass er ihnen fast eigenhändig einen 100.000 Zuschauer starken Footballtempel hingestellt hat, über den sich halb Amerika s’Maul zerreißt, und bei dem du in den Schalten zum Kommentator hinter dir nur eine Wand siehst, so hoch sie die Zuschauertribünen.

Jones liebt noch was anderes: Sich selbst. Seiner Eitelkeit war es in den 90er Jahren zu verdanken, dass er den erfolgreichen Headcoach Jimmy Johnson nach zwei Superbowl-Titeln (!) en suite feuerte, weil er beweisen wollte, selbst für den Kader zuständig gewesen zu sein. Johnsons Titel waren nicht die letzten, die die Cowboys gewannen (zwei Jahre später holte man noch einmal einen), aber über die letzten 20 Jahre hat sich gezeigt, wer wirklich für die Erfolge der Cowboys zuständig war.

Jones wollte es nie wahrhaben, ballerte seine Schützlinge häufig mit millionenschweren Verträgen zu. In der Salary-Cap beschnittenen NFL bedeutet das auch ausgedünnte Kader, die es selten über das Mittelmaß hinaus schafften, und so war Dallas nun viele Jahre lang im Fegfeuer zwischen Neuaufbau und Hinauszögern des Neuaufbaus. 2014 schaffte man wider Erwarten die Playoffs in einer Saison, in der den Cowboys endlich einmal alles aufging: Die Offense blieb bis auf wenige Ausnahmen gesund, die Defense spielte über ihren Erwartungen, der Selbstzerstörungsknopf mit Namen „Jason Garrett“ bliebt fürs Erste ungedrückt.

Die Detroit Lions hatten auch mal eine große Ära, aber nicht in den Neunzigern, sondern in den Fünfzigern. In der kompletten Superbowl-Ära hat man genau einen Playoff-Sieg errungen (Ironie des Schicksals: gegen Dallas) und krebste ansonsten die meiste Zeit am Bodensatz durch die Liga. Über die letzten Jahre wurde gute Aufbauarbeit geleistet, allerdings wie in Dallas mit dem nicht unbedeutenden Makel, dass man einen extrem teuren Kader in der Spitze zusammenstellte, der nicht lange zu halten sein wird.

Dallas und Detroit treffen heute aufeinander, und beide Teams werden nicht mehr viele Chancen bekommen, mit dem aktuellen Personal vorne mitzumischen, denn schon in Kürze wird die Salary-Cap zuschlagen und beide Kader räumen.

Dallas kam dieses Jahr vor allem über seine gut funktionierende Offensive: Die Line, zusammengestellt aus drei hoch gedrafteten Jungstars, gilt als eine der besten der Liga und blockte sowohl dem RB DeMarco Murray (392 Carries, fast 2000yds) als auch dem wuseligen Gunslinger-QB Tony Romo genügend Raum und Zeit frei um zu funktionieren.

Als Basis der Offense gilt zwar Murray mit seinen extrem vielen Ballberührungen, aber seien wir ehrlich: Dallas ist am gefährlichsten, wenn der Ball geworfen wird. Romo spielt die Saison seines Leben und bekam kurzzeitig sogar MVP-Erwähnung. Solche Ehren wäre zu hoch gegriffen für eine Offense mit den zweitwenigsten Wurfversuchen der Liga, aber Romo funktioniert, auch weil sein Support-Cast ihn heuer unterstützt.

WR #88 Dez Bryant zum Beispiel fuhr in dieser wenig passlastigen Offense überragende Zahlen ein: 88 Catches, 1320yds, 16 TD sind für das Design dieses Angriffs monströse Zahlen. Hinter Bryant gibt es wenig Neues: TE Witten, RB Murray und eine Handvoll junger mittelmäßig bekannter Wide Receiver tragen die Offense, die in guten Momenten extrem wuchtig des Weges kommt.

Das kritische Matchup dürfte jenes der Blocker gegen Detroits exzellente Defensive Line sein: Die Lions besitzen eine der besten Run-Defenses der letzten Jahre, mit einer extrem guten Success-Rate, aber noch besser, mit sehr, sehr wenigen zugelassenen längeren Läufen. Die Line kann auch wieder auf DT #90 Ndamukong Suh zurückgreifen, dessen Sperre aufgehoben wurde. Suh ist für viele eine Frage des Glaubens („er ist ein Arschloch!“), aber sein sportlicher Wert ist nicht zu diskutieren hoch. Er könnte heute sein letztes Spiel für die Lions machen, und ihm wird in einer Partie, in der sein kongenialer DT-Partner #98 Fairley wohl maximal Kurzzeiteinsätze bekommt, die Schlüsselrolle zukommen.

Die vertauschten Rollen sehen wir bei Lions-Offense vs Cowboys-Defense. Hier trifft Detroit ausgerechnet auf den Mann, der vor sechs Jahren als Lions-Headcoach eine 0-16 Saison einfuhr: Rod Marinelli. Marinelli coacht in Dallas mittlerweile die Defense, die in diesem Jahr zwar im untersten Drittel rangiert, was Effizienz-Zahlen angeht, aber „unteres Drittel“ ist bei Dallas‘ Spielermaterial „oberstes Limit“.

Wir erinnern uns: GM = Jerry Jones. Jerry Jones = viel zu teure Verträge. Viel zu teure Verträge = in der Salary-Cap Ära ein No Go. Folge: Die Cowboys-Abwehr besteht überwiegend aus Leuten von der Straße. Die wenigen Hoffnungsträger wie LB Sean Lee, CB Claiborne oder DT Melton sind alle entweder verletzt oder haben die in sie gesetzten Erwartungen nie erfüllen können.

Den Cowboys traut man allerdings zu, die in dieser Saison sehr schwankende Lions-Offense unter Kontrolle zu halten. QB Matthew Stafford hat sich im Vergleich zu vergangenen Jahren eher zurückentwickelt und wirft viel zu viele Incompletions. Stafford ist immer dann aufgeschmissen, wenn WR #81 Calvin Johnson und WR #15 Tate nicht sofort freigelaufen sind. Man kann im Pool der Advanced-Stats zwar ausfindig machen, dass die Cowboys-Secondary gegen #2-Receiver ein ganz horrendes Bild abgibt, aber wer traut Stafford ernsthaft zu, eine Schwachstelle des Gegners auf die Brutale auszunutzen?

OffCoord Joe Lombardi war vor einem Jahr als einer der Hoffnungsträger eingestellt worden, doch unter seine Führung entwickelte sich der Angriff nie wie gewünscht. Zu häufig werden sinnlose 1st-Downs in einen Menschenberg hinein verbrannt, zu selten wird das Screenpass-Spiel auf die fangstarken Runningbacks forciert. Zu langsam entwickelte sich auch der hoch gedraftete Rookie-TE #85 Ebron, der nie in die Gänge kam. So gibt der Lions-Angriff ein häufig kümmerliches Bild ab, nur um dann trotzdem pro Spiel zwei bis drei Drives auszupacken, in denen er aussieht wie der Weltmeister.

Die Frage ist, ob diese zwei bis drei Drives heute reichen werden. Ich kann mir Szenarien ausmalen, in denen die Lions in Dallas überzeugend auftreten und gewinnen. Aber die Mehrzahl der Szenarien lässt eher ein schwungvolles Dallas zu Beginn vermuten, das Detroit zu überrennen versucht und hernach gegen eine erfolglos anrennende Lions-Offense den Sieg über die Runden bringt.

Advertisements

6 Kommentare zu “NFL Wildcard Weekend 2014/15, Sonntagsvorschau

  1. Wieder einmal eine tolle Vorschau auf den heutigen Sonntag von dir Korsa 🙂 !!!

    Im ersten Spiel werde ich den Bengals die Daumen drücken. Dalton hat es endlich einmal verdient, seinen ersten Playoff-Sieg einzufahren. Schade das einer meiner Lieblings-WR A.J. Green nicht dabei ist 😦 !!!
    Aber dennoch bin ich Pro Bengals.

    Wen ich dann im zweiten Spiel die Daumen drücke müsste glaube ich jeden aktiven Nutzer dieser Seite klar sein 😀 !!!
    Hoffentlich schafft es unsere Def Romo, Murray und Bryant einzustampfen. Dann wird das was mit dem Sieg.

    Let’s Go Lions 🙂 !!!

  2. Aus Sympathie mit diesem Blo g würde ich den Lions schon den Sieg gönnen.

    Allerdings fände ich Panthers vs. Seahawks und Packers vs. Cowboys die bessere Ansetzung….

  3. Luck ist, wenn kein Druck auf seiner Pocket lastet, einer der besten überhaupt in der Liga. Deshalb wäre es wichtig, wenn der Gegner eben diesen Druck ausüben kann. Die Bengals können dies nicht so gut, was ich als Vorteil für die Colts ansehe.

    TY Hilton sollte auch wieder fit sein, wodurch sich die Offense wieder ein wenig stabilisieren wird. Insgesamt glaube ich fast nicht, dass die Cincy-D Luck und Co stoppen können, die übrigens eine erstaunlich gute Success-Rate im Laufspiel haben.
    Aber das dachte ich auch vor dem Cowboys Spiel der Colts. Also abwarten.

    Das Matchup der Bengals-O gegen die Colts-D wird auch spannend. Welchen Game Plan packen Lewis und Co aus? In den letzten Jahren hat man sich offensiv selten mit Ruhm bekleckert. Das war nicht immer nur Daltons Schuld.
    Dass Green ausfällt, hilft natürlich gar nicht.

    Beim zweiten Game bezweifle ich, dass die Lions mit ihrer Offense eine Chance haben. Das geht wohl nur, wenn die Run-Defense ihrerseits das Team lange genug im Spiel hält.

  4. Pingback: AFC-Wildcards 2014/15: Indianapolis Colts – Cincinnati Bengals live | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  5. Pingback: NFC Wildcard Weekend 2014/15: Dallas Cowboys – Detroit Lions live | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s