Philadelphia Chippies

…oder Chipadelphia Eagles? Fakt ist, dass es bei den Eagles unter der Woche rumorte: Head Coach Chip Kelly und GM Howie Roseman verstrickten sich in einen Machtkampf, bei dem es wohl vor allem um eines ging: Wer hat die Kontrolle über das Spielermaterial?

Die Meinungen über den Ablauf der Gespräche gehen auseinander, aber die offizielle Version ist folgende: Kelly kam nicht mit Drohungen, sondern konstruktiv, und überzeugte den Owner Jeffrie Lurie, ihm noch mehr Power zu geben. Lurie machte das, was er schon immer machte, wenn er glaubte, den richtigen Coach eingestellt zu haben: Er gab ihm, was dieser wollte.

Kelly ist nun der Mann in Philadelphia: Er bekommt die letzte Entscheidungsgewalt nicht bloß über die Trainingsgestaltung, sondern jetzt auch über den Spielerkader. Kelly wird den Kader nicht im Alleingang zusammenstellen: Er bekommt einen Strohmann zur Seite gestellt, den er sich selbst auswählen darf – einen Strohmann, dessen Hauptaufgabe darin bestehen wird, das Scouting zu leiten, Free Agents einzukaufen, Draftpicks vorzuschlagen usw… Kelly darf sich diesen Strohmann auch noch selbst aussuchen.

Roseman wird derweil demontiert, obwohl sein offizieller neuer Titel Executive Vice President of Football Operations erstmal nach einer Promotion klingt. Roseman wird nur noch zuständig sein für die Vertragsverhandlungen von Kellys auserwählten Spielern, das Cap-Management und die Zusammenstellung der Medizinabteilung und Putzfrauen.

Roseman galt eigentlich als sehr adaptiver General Manager, der nicht einem System verfallen war, sondern durchaus pragmatisch seine Spieler einkaufte, was zum Beispiel seine letzten Jahre zeigten, als er problemlos für die Wide 9 (4-3 Front) und die 3-4 Defense Talente draftete und verpflichtete. Trotzdem schien Kelly irgendetwas nicht zu passen, eine Schnittstelle zu viel zwischen Trainerstab und Spielermarkt, leichte philosophische Abweichungen.

Also sprach der Owner.

Dass das Kompetenzgerangel damit nicht 100%ig gelöst sein wird und Kelly („ich will diesen 37 Jahre alten Runningback mit nasser Achselbehaarung“) sich mit Roseman („dafür bezahle ich nie im Leben 25 Millionen!“) erneut in die Quere kommen könnte, glauben die Beobachter in Philadelphia nicht: Lurie hat mit seiner Entscheidung klar gemacht, wer sich am Ende durchsetzen wird und wer im Zweifelsfall gehen muss.

Kelly besitzt damit nun eine Machtfülle, die nur wenige Coaches in der NFL beanspruchen können – ein Belichick, ein Carroll, ein Andy Reid. In Philadelphia ist man aber überzeugt, damit den richtigen Move gemacht zu haben.

Kelly hat an der University of Oregon bewiesen, dass er mit strategischem Geschick ein Programm managen kann, dass ihm die Arbeit über den Trainingsplatz hinaus nicht über den Kopf wächst. Kelly gilt als Workaholic, er hat keine Familie und keine Kinder, er kann nicht anders als sich 24/7 um Football zu kümmern. Er gilt nicht als Mann, der sich allein mit seinen Schützlingen umgibt und keine fremden Meinungen zulässt – seine Zusammenstellung des Trainerstabs spricht dafür – aber er fühlte wohl, in der zentralen Frage „Kader“ das letzte Wort sprechen zu müssen.

Ohne Risiko ist ein Coach/GM in Personalunion freilich nicht. Zu viele Geschichten gibt es von Trainern, die diverse Spieler „unbedingt“ haben wollten und ohne einen starken, an die Finanzen oder Draft-Ressourcen denkenden GM in helle Flammen aufgegangen wären und ganze Franchises in den Abgrund gerissen hätten.

Ein Coach denkt anders als ein GM. Der Coach ist der Ingenieur, der an der technischen Lösung tüftelt und beim Gedanken an ein neues Wunderprofil die feuchten Höschen bekommt. Der GM ist im Optimalfall der Betriebswirt, der was von der Technik versteht. Der kapiert, dass das neue Profil die geile Lösung ermöglicht, aber die Schneid besitzt, das STOP-Schild aufzustellen, wenn die dadurch erzielte Lösung unwirtschaftlich zu werden droht.

Diese beiden Denkweisen in Personalunion zu vereinen, schaffen nur extrem wenige. Es gibt im American Football wie beschrieben nur wenige, die mit dieser Machtfülle umgehen konnten und können, und man sollte nicht verleitet sein zu denken, dass Belichick der Standard sein kann. Chip Kelly bekommt nun eine ähnliche Power wie sein Freund und Vorbild Belichick.

Mehr denn je zuvor sind die Eagles damit nun seine Spielwiese, ein Experiment der Besitzerfamilie, die sich nach dem großen Durchbruch sehnt und endlich den ersten Superbowl-Ring nach Philadelphia bringen möchte. Zwei gute Jahre unter Kelly scheinen sie überzeugt zu haben, dass man Chip Kelly diese Machtfülle zugestehen kann.

Nun wird interessant sein, in welche Richtung Kelly seinen Kader entwickeln und umstrukturieren möchte. Es wird eine spektakuläre Offseason.

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7 Kommentare zu “Philadelphia Chippies

  1. Gibt man einem GM (bzw. neu VP of Football Operation), einen Vertrag bis 2020 wen man ihn demontiert?

    Hört sich für mich eher nach einer pragmatischen Entscheidung von Lurie an. Gib Kelly was er möchte, aber wen es bis 2016 oder 2017 nicht klappt haben die Eagles immer noch einen GM in der Hand, der sofort die Zepter übernehmen kann falls es nicht klappt.

  2. Wie sieht das in der NFL mit den Verträgen der GMs oder anderen leitenden Positionen aus? Kann sich Roseman jetzt umsehen und gegebenenfalls woanders anheuern, ohne dass er befürchten muss, dass ihm die Eagles da große Steine in den Weg legen können? Oder ist er bis 2020 von den Eagles abhängig?

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