Ode an Bill Belichick

Bill Belichick

Der Teufel in der Kaputze

Die New England Patriots spielen am Sonntag zum sechsten Mal in den letzten 14 Spielzeiten in der Super Bowl – Testament einer Organisation, die es in der Ära von Salary Cap und Free Agency besser als alle anderen geschafft hat, die Wetten zu schlagen und eine ganze Epoche zu prägen. Testament vor allem eines Mannes: Bill Belichick, Head Coach und General Manager in Personalunion.

Belichick ist kein einfach zu beschreibender Mann, weil er so viele Facetten vereint, dass man ihn nicht auf eine oder zwei Stereotypen reduzieren kann. Auf der einen Seite können seine Lippen so schmal werden wenn er mit der Presse spricht, auf der anderen Seite kommen die Sprüche über die Außenmikros gleich reihenweise daher. Da siehst du Belichick nur im dauergrämigen Sodbrennen-Look. Dort lernst du ihn ganz anders kennen.

Belichick ist in der heutigen NFL der Coach mit den weitsichtigsten Methoden, sei es was die Kader- und Spielplanung angeht, sei es, was das Management im laufenden Spiel angeht. Und immer wenn man glaubt, man hat schon alles gesehen, kommt sein nächster Haken und das Kätzchen und Mäuschen Spiel geht von vorne los.

Es gibt keinen Head Coach, der seit bald 15 Jahren so erfolgreich an so vielen Stellschrauben dreht wie Belichick. 15 Jahre, 12 Playoffs, neunmal Conference-Finals, sechs Mal Superbowl, drei Titel mit Option auf den vierten. Zweimal die Playoffs mit Winning-Record verpasst. Nur eine losing season – seine Debütsaison. Ganz wenige seiner Vorgänger können solche Erfolgsquoten vorweisen. Wohl noch nie dürfte es einen Coach in der Historie der NFL gegeben haben, der so lange Zeit ohne nennenswerten Qualitätsverlust überlebte und einen ähnlichen Verlust an Coordinators und Spielern kompensieren musste.

Bill Belichick hat ein System: Bill Belichick. Er sucht sich seine Spieler nicht für eine bestimmte Spielphilosophie, sondern kreiert laufend neue Varianten um sich mit dem ihm zur Verfügung stehenden Spielermaterial zu verheiraten. Es ist ein Geben und Nehmen.


Gestartet sind die Patriots vor 14 Jahren mit einer disziplinierten Defense, die eine bestenfalls mittelmäßige Offense ohne echte Playmaker und einem blutjungen, abgewichsten QB Tom Brady tragen musste. Dreimal in vier Jahren gewann man mit Kurzpassgewichse und einem Laufspiel bestenfalls in Alibi-Funktion den Titel.

Doch Belichick ging weiter. Die Evolution in New England sah in den kommenden Jahren einen Schritt gen Offense, und 2007 überrumpelte man die Liga mit deep threat Randy Moss und einer bis dahin bei den Profis in dieser Brutalität ungesehenen Spread-Offense. Als Moss seine Wunderkräfte verlor, implementierte Belichick eine Offense, die den Tight End in den Fokus rückte, und fuhr mit dem Volkshelden Rob Gronkowski und dem Alleskönner Aaron Hernandez über die Liga. Es war die Zeit, in der die Patriots plötzlich eine unterirdische Defense durchschleppen musste. Die Superbowl erreichten sie trotzdem.

Als Hernandez mit Mordanschuldigungen in den Knast geschickt wurde, drehte Belichick erneut am Rad und gab dessen Rolle an den jungen RB Shane Vereen weiter. Er forcierte noch mehr schnelle No Huddle-Offense und packte das alte Power-Laufspiel nach zehn Jahren wieder aus der Trickkiste.

Im Kern sind die Patriots auch nach 15 Jahren Belichick noch immer die gleiche Mannschaft. Seine Philosophie der laufenden Anpassung und der Suche nach neuen Angriffspunkten schimmert immer und überall durch, aber trotzdem spielen seine Mannschaften heute anders als vor 15 Jahren, anders als vor sieben Jahren, anders als vor drei Jahren, anders als letzte Woche. Belichick hat sich selbst und seine Mannschaft konstant neu erfunden.


Seine Methoden sind nicht immer astrein, und mit Spygate und dem aktuell durch den Äther skutierten Deflategate gibt es handfeste Anschuldigungen, die ihn und seine Organisation der unerlaubten Schaffung von Vorteilen bezichtigen. Nicht immer ist Belichick jedoch der Bösewicht: Seine Politik, sich Draftpicks aus einem Vakuum zu generieren, beruht weniger auf einem Überreizen des Regelwerks als vielmehr auf dem trockenen Ausnutzen gegnerischer Dummheit, wie von Bill Barnwell perfekt geschildert.

Kein Coach, der so ohne mit der Wimper zu zucken das Heute gegen das Morgen eintauscht wie Belichick um nie die mittelfristige Zukunft zu opfern. Kein Coach, der so gezielt in den Transfermarkt eingreift um sich nicht die teuersten, sondern die passendsten Spieler zu kaufen. Mit dieser Offseason-Politik schafft sich Belichick nicht den besten Kader für das Heute. Dafür kommt er aber auch nie in die Verlegenheit, morgen vor dem Nuklearschlag zu stehen und den Kader komplett umbauen zu müssen. Und dafür kann er sich seine Böcke auch leisten und siebenundzwanzig nutzlose Defensive Backs in Serie zu draften – denn bei tausend Chancen sind immer ein paar Hits mit dabei.


Belichicks Philosophie beruht dabei immer auf dem Gedanken, ein Team zu einen. Egoshooter bekommen ihre Chance nur dann, wenn sie sich einfügen. Problemkinder wie Dillon, Moss oder Ochocinco wurden genau solange ertragen wie ihre Leistung ihrem Auftreten entsprach. Wirklich aufmüpfig wurde keiner von ihnen.

Mike Tanier beschrieb es nach dem Conference-Finals gegen die Colts ganz gut, wenn er Belichicks Patriots vor allem als Dynastie der Arbeiterschicht bezeichnete: Die Superstars sind Brady, Gronkowski oder Wilfork, aber die wahren Helden in diesem System sind die Edelmans, Slaters, Vereens und Solders, die sich nicht zu schade für die Drecksarbeit sind und sich notfalls ins „falsche“ Backfield verlieren um der Mannschaft zu helfen.

Belichick ist der Coach, der die Wide Receiver Edelman und Troy Brown zu Nickelbacks umfunktionierte. Er ist der Coach, der Richard Seymour als Fullback aufstellte. Linebacker Mike Vrabel mutierte unter ihm nicht nur zum Vorzeigeobjekt des harten Arbeiters, sondern fing zwei Touchdowns in zwei Superbowls als Tight End als Synonym des totaal voetbal in US-Fassung.


Belichick ist kein unfehlbarer Mathlet, aber sein in-Game Management ist über die Jahre gesehen das beste was die NFL kennt. Wenn wir Belichicks Draft-Philosophie loben, müssen wir auch erwähnen, dass er auch im laufenden Spiel mal hie, mal da den größeren mittelfristigen Vorteil dem kleineren kurzfristigen opferte.

Belichick ist der Coach, der einst in Denver seine Offense zum Safety abknien ließ um damit aus besserer Position punten zu können und in der Folge den Ausgleich und den Sieg zu holen. Belichick ist der Coach, der gegen alle Ratschläge seinen QB-Grünschnabel einen Winning-Drive zum ersten Superbowlsieg ausspielen ließ. Er ist der Coach, der im Playoff-Halbfinale ein 4th/6 ausspielen ließ – im ersten Viertel, im Niemandsland. Er ist der Coach, der vor landesweitem Publikum ein 4th/2 ausspielen ließ – bei Sechspunkteführung, kurz vor Schluss, in der eigenen Platzhälfte. Und er ist der Coach, der in der Superbowl eine Führung opferte, um noch einmal in Ballbesitz für einen letzten Drive zu kommen.

Nicht alle seine Moves klappten und einige scheiterten sogar spektakulär, aber es ist immer der eine Weg erkennbar: Die Suche nach dem Vorteil. Das 4th/2 in Indianapolis weckte in den Staaten eine landesweite Diskussion über Sinn und Nutzen von fortgeschrittener Statistik im American Football als eine der weitreichendsten Entscheidungen der letzten Jahre. Die strategische Aufgabe der Führung in der Superbowl war ein weiterer Monster-Move, der dicke Eier verlangt. Ich prügelte auf Belichick damals im Liveblog ein, es zu spät getan zu haben, aber mit ein paar Jahren Abstand wird mir immer klarer, wie einzigartig Belichick damals gehandelt hat – zu spät oder nicht.


Auch der Troll in Belichick schimmert immer wieder durch. Sei es ein Punt für 6yds im Conference-Finale, sei es ein Punt seines Quarterbacks bei 35 Punkten Führung in den Playoffs, sei es ein Dropkick zum Extrapunkt von Publikumsliebling Doug Flutie. Unvergessen ist auch sein Draft-Trade mit Kumpel Andy Reid: Pick 193 für Pick 194, ein Move, verfolgend einen einzigen Sinn: Keinen.

Zehn Jahre lang jagt er mit seinen Patriots nun schon dem vierten Titel hinterher. Viele große Niederlagen haben die Patriots in den letzten Jahren kassiert, aber selbst die größte Pleite aller Zeiten – Superbowl 42 gegen die Giants – kratzte nur bedingt an seinem Nimbus. Kein anderer Coach wird noch immer so verehrt, und keine Mannschaft so gefürchtet wie die Patriots nach so vielen Pleiten. Noch immer ist das Ziel Nummer 1 der gesamten Liga, New England zu schlagen.


Bill Belichick mag in der Öffentlichkeit nicht als größter Sympath der Menschheitsgeschichte durchgehen und die großen Kalendersprüche reißen um die Meute auf Betriebstemperatur zu bringen. Er mag sogar nahezu unbemerkt bleiben, solange er nicht anderen Männern die Weiber ausspannt. Er mag für viele der Teufel in Kaputzenpullover sein, aber das was er in New England aufgebaut hat, ist die größte Ära der NFL.

Mit oder ohne vierten Ring.

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17 Kommentare zu “Ode an Bill Belichick

  1. Diezwei NFL Dokus „A Football Life“ über ihn sind wirklich zu empfehlen. Ich war sehr erstaunt, wie nah er die Filmcrew an ich heran gelassen hat.

  2. Interessantes Porträt, das ich an einigen Stellen zu verklärend finde. Belichick ist enttarnter Cheater, das sollte man nicht vergessen. Der Sinn von Spygate hat sich mir nie erschlossen, aber es ist und bleibt ein Betrug für den er rechtmäßig bestraft wurde, und für den man ihm die Beteuerungen bei den drucklosen Bällen nicht gerne abkauft.

    Man sollte sich auch fragen wo Belichick ohne Tom Brady wäre. Nicht jeder Coach hat das Glück über einen HoF QB in der 6. Runde zu stolpern wie Belichick. Sicher gebührt ihm Kredit, Brady für Bledsoe im Spiel gelassen zu haben, aber wie viel Glück musst du haben, dass man so einen Spieler findet?

    Ich stimme mit vielem überein in diesem Text. Er ist der beste Coach ohne Diskussion. Aber man sollte die dunklen Seiten nicht vergessen oder zumindest ansprechen.

  3. Ich würd sogar eher fragen was Brady ohne Belichick wäre. Klar profitieren beide voneinander…aber auch mit einem Matt Cassel hat ers auf 10 oder 11 Saisonsiege geschafft!

  4. Schönes Ding, ich würde sagen, Belly hat durchaus seinen Schmäh und kann sich auch von seiner angenehmen Seite zeigen wenn er nur will, siehe Ocho Cinco.

    Best Coach. Go Pats!

  5. @He Hate Me
    Man sollte die dunklen Seiten nicht vergessen? Ich bitte dich. Diese Seiten werden von so ziemlich jedem ausnahmlos bei jedem einzelnen Erfolg der Pats und Belichick wieder und wieder und wieder aus der Schublade geholt.
    Vergessen wird eher das andere Teams auch bei div. Dingen erwischt wurden und wahrscheinlich noch etliches im Keller verborgen ist.
    Wir reden hier vom Profisport der gleichzeitig ein Millionengeschäft ist. Ich habe meine Zweifel das es auch nur ein Team gibt das nicht nach Hintertüren und oder Möglichkeiten zum biegen der Regeln sucht um ein Vorteil zu bekommen.

  6. Pingback: Die Gesichter von Super Bowl 2015 | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

  7. „Man sollte sich auch fragen wo Belichick ohne Tom Brady wäre. Nicht jeder Coach hat das Glück über einen HoF QB in der 6. Runde zu stolpern wie Belichick.“

    Darum geht es ja auch noch nicht einmal. Selbst Teams, die über einen Franchise Quarterback verfügten, waren nicht so konstant erfolgreich wie Belly mit seinem Team. Klar, man braucht heutzutage fast immer einen überdurchschnittlichen bis guten QB. Aber das, was Belichick ausmacht, wird u.a. in dem Barnwell Artikel gut beschrieben. Er erkennt die Zeichen der Zeit früh genug. Er würde nie die Zukunft für das Jetzt opfern. Notfalls werden eben teure Free Agents gehen gelassen (hallo Compensatory Picks) und gar nicht erst verpflichtet.
    Die Schwachstellen werden nie so angegangen, wie man könnte und trotzdem schafft er es immer wieder ein Team aufzubauen, dass mehr als konkurrenzfähig ist.

    Letztes und dieses Jahr ist Brady durch die Luft auch eigentlich nur noch Durchschnitt. Trotzdem war man letztes Jahr im CC-Game, dieses Jahr im SB. Das ist zum großen Teil eben Belichicks Verdienst.

  8. Die Frage, was Belibill ohne TBradytm wäre und andersrum ist sowas von nervig, dass man sich schon wieder die Finger in die Augen bohren will, nur um sich irgendwie von diesem Gelaber abzulenken. Es spielt keine Rolle, was wer ohne wen wäre und wer jetzt was machen würde, wenn nicht dies oder jenes dann oder wann geschehen wäre. Genauso könnte man fragen, wass Staubach ohne Landry wäre oder Walsh ohne Montana usw. usw. Man könnte jeden Erfolg eines jeden Sortlers oder Teams infrage stellen, wenn, man denn will. Was wäre der FCB ohne Hoenes? Was wäre Barca ohne Messi? Was wäre Wurst ihne Käse?

    Die Hater sollten sich aus solchen Diskussionen einfach mal raushalten und den Fans ihre Freude lassen. Warum muss man denn immer ein Haar in der Suppe suchen und anderen ihren Spaß verderben?

  9. Für mich bleiben die größten „dynastys“ der NFL Geschichte der „Steel Curtain“ um Mean Joe Green mit 4 SB Titeln und Joe Montanas 49ers.

  10. Was okay ist. Die interessantere Typen und mehr Ringe hatten „deine“ Favoriten. Sie können den Patriots jedoch in Sachen Beständigkeit und Dominanz nicht da Wasser reichen. Und sie hatten keine Free Agency zu bekämpfen.

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