Super Bowl Preview: Seahawks Offense vs Patriots Defense

Vom taktischen Standpunkt her treffen im Super Bowl zwei Extreme aufeinander. Die eine Seite, New England, richtet ihren Game Plan voll am Gegner aus. Die andere Seite, Seattle, konzentriert sich dagegen voll auf sich selbst und nimmt kaum Anpassungen an den jeweiligen Gegner vor. Die Seahwks haben ihren Stil und darauf muß sich der Gegner einstellen – und nicht andersrum. Defensive Coordinator Dan Quinn hat das mal knackig zusammengefaßt: „We don’t do a lot of different things. But the things we do play, we play very well„. Nachdem Seminole gestern die Gesichter hinter den Schemes schön ausgeleuchtet hat, kommt hier die erste Taktik-Vorschau: Seattles Offense vs New Englands Defense.

Nur Weniges machen, das dafür richtig gut. Das ist auf eine andere Weise auch Bill Belichicks Maxime in der Defensive. Der Fokus eines jeden Game Planes ist es, die stärkste Waffe des Gegners aus dem Spiel zu nehmen. Im 21. Jahrhundert ist die stärkste Waffen meistens ein bestimmtes Element des Paßspiels, sei es der Nr.1 WR (wie Indys T.Y. Hilton im Championship Game), ein bestimmtes route concept (zum Beispiel Peyton Mannings hi-low crossers) oder einfach der tiefe Ball, wie gegen Baltimore in den Divisional Playoffs. Auf dieses Eine konzentriert sich New England, für den Rest müssen Disziplin und sound fundamentals ausreichen.

Lynch und Laufspiel vs Hightower/Collins und Tackling

Die stärkste Waffe der Seahawks ist Marshawn Lynch. Seine größte Stärke ist es, Tackles zu durchbrechen. Das nun gerade ist nichts, was eine Defense qua scheme oder Konzept eliminieren könnte. Um auf par zu kommen, muß New Englands Verteidigung hier trotzdem weggehen von den geliebten sub packages und viel häufiger als sonst ihre 34-Base auflaufen lassen.

So richtig wohl fühlen sich darin nicht. Nicht nur, weil die meisten Offenses in aller Regel mit drei WRs spielen und die Base-D dagegen Schwächen hat, sondern auch, weil das Personal fehlt, spätestens seit dem Abgang von LB Brandon Spikes. Seine Position in der 3-4-Aufstellung übernehmen Dont’a Hightower und Jamie Collins. Beide sind gute Allrounder, vor allem geliebt ob ihrer Stärken gegen den Paß. Was beiden aber fehlt, ist die Aggressivität und Härte gegen Running Backs, die Spikes so auszeichnet. Gegen die meistens RBs reicht ihre Qualität trotzdem aus – nur läuft Beast Mode nicht wie die meisten anderen RBs. Sie werden sicher nicht aussehen wie die Colts-D gegen LaGarrette Blount, aber Lynchs solide vier, fünf Yards pro carry dürften bei den Hawks fest eingeplant sein.

Der beste Freund von Spikes und Hightower dürfte DE/NT Vince Wilfork sein, der vor ihnen spielt. Seit er von seinem Achillessehnenriß 2013 zurückkam, sah er besser aus, als in den beiden Jahren zuvor. Neben ihm rotieren Ex-Hawk Alan Branch, gerade so Durschschnitt; Sealver Siliga, typischer Patriots-Typ: UDFA 2011, hat sich jeden Snap seit dem Training Camp hart erarbeitet; Chris Jone, 6th-rd pick 2013, aber wie auch Branch suspekt gegen starke Linemen; und Joe Vellano, UDFA 2013, der eine große Schwachstelle ist.

Glücklicherweise stehen Wilfork plus Siliga/Branch/Jones/Vellano ihr Spiegelbild gegenüber. Es gibt einen Star, Center Max Unger, und neben ihm nur zweimal Durchschnitt. J.R. Sweezy, der Right Guard, ist der solide Siliga-Typ: hier mal ein guter Block, da mal gut geholfen, aber er reißt dir eben nicht das eine große Loch. Einigermaßen bekannt geworden ist Sweezy, weil er auf dem College Defensive Linemen war und als solcher 2012 auch gedraftet wurde. Links spielt James Carpenter, der 2011 1st-rd pick war, aber immer noch und immer wieder enttäuscht. In der Mitte steht es also unentschieden, was es auf ein Duell Beast Mode vs Hightower/Collins im tackling drill hinauslaufen läßt.

Woran man die Klasse Bill Belichicks auch erkennt (neben seinen vielen anderen Qualitäten, die korsakoff hier runtergeschrieben hat), ist die Disziplin seiner Spieler und ihre starken Fundamentals. Wenige Teams tacklen so sicher wie seine Patriots, nicht nur die Linebackers, sondern auch die Safeties (niemand hat so viel Spaß beim tacklen wie Pat Chung, der perfekt in die Legion of Boom passen würde). Es wird also ein viel dickeres Brett zu bohren sein für Lynch als im letzten Spiel gegen die Packers, als er mit 15 einen neuen Rekord für broken tackles aufgestellt hat.

Seattles read-option vs New Englands Disziplin

Das zweite große Element ihres Laufspiels ist die read-option. Auch für die read-option braucht man als Verteidigung kein besonderes System oder besonderes scheming, sondern einfach nur die gute alte Disziplin. Auch das prügelt Belichick seinen Spielern ein wie kaum ein anderer Coach. Besonders Trainers Liebling Rob Ninkovich sticht heraus. Der OLB ist nicht besonders athletisch, nicht besonders stark oder groß, aber dafür ist er das menschgewordene DoYourJob!-Mantra. Er macht genau seine eine Aufgabe, den einen Job, und versucht nicht, unüberlegt den Helden zu spielen mit einem riskanten splash plays. Gegen die read-option ist der eine Job für Ninkovich: laß‘ QB Russel Wilson niemals, unter keinen Umständen, außen an dir vorbei! Sondern zwinge ihn zum Handoff, woraus Lynch sich in der Mitte seine vier, fünf Yards erkämpfen muß, aber eben nicht Wilsons 10 oder 20.

Der andere OLB ist Chandler Jones, ein seltsamer Fall. Die meisten gegnerischen Fans beneiden die Patriots um ihn; die Patriots-Fans selbst dagegen sind immer zumindest latent unzufrieden mit ihm, weil sie noch mehr von ihm erwarten. Er ist talentiert wie nur wenige andere, ist aber meistens nur „gut“ und nicht überragend (ja: Patriots-World problems…)

Russel Wilsons Beine aus dem Spiel zu nehmen ist nicht soo schwierig, wie man meinen könnte. Er ist zwar diese Saison für mehr als 800 Yards gelaufen, das war aber eben meistens gegen undisziplinierte Defenses oder durch Scrambles. Gegen Green Bay und Carolina in diesen Playoffs waren es 14 Läufe für 49 Yards. Dieses Level haben die Pats auch.

Die Scrambles von Wilson: das ist das eine Ding, für das New England etwas besonderes machen muß. Also etwas, das gegen die meisten anderen Mannschaften nicht nötig ist: der sogenannte Spy. Der Spy hat bei Paßspielzügen weder Aufgaben in der Paßdeckung noch im Pass Rush, sondern sein einziger „Job“ ist es, Russel Wilson die Scramble-Brücken einzureißen, wenn er keine Anspielstation findet. Wir brauchen hier also einen athletischen Linebacker mit hohem Football-IQ, wie man so sagt. Hightower? Collins? Bingo!

Um das kurz zusammenzufassen: Wilsons Beine sollte mit Disziplin vor allem der OLBs und durch einen spielintelligenten Spy kurz gehalten werden. Das ist ein absolutes Muß für New England. Lynchs Beine werden ihre Meter machen; hier ist es nur wichtig, daß Hightower/Collins sich nicht plattwalzen lassen, die Safeties gut helfen und zumindest die 10+Yards Big Plays verhindert werden.

Seattles Paßspiel

Im Paßspiel sind es die Seahawks, die Antworten brauchen. New Englands Secondary ist einfach zu gut, als daß Darrell Bevells sympathische patchwork family hier große Parties feiern könnte. Der einzig gute Wide Receiver ist Doug Baldwin, aber „gute“ WRs unterhalb der Klasse Dez Bryant/Calvin Johnson/Julio Jones ißt Darrelle Revis zum Frühstück.

Der zweitbeste ist Jermaine Kearse. Kearse ist mir in der Saison 2013 sehr sympathisch geworden, weil er in jedem Spiel völlig unauffällig war – bis er dann einen „Wow!-wie-hat-er-denn-diesen-Ball-gefangen?“-Catch gemacht hat. Vor zwei Wochen hat er es zu landesweiter Bekanntheit gebracht, weil er bei jeder der vier Interceptions das anvisierte Ziel Russel Wilsons war – bevor er dann den 35-Yard-TD-Catch zum Sieg in der Verlängerung gemacht hat.

Bei diesem Catch haben die Packers aus irgendeinem Grund Cover-0 (ohne jeden Safety, gegen die WRs 1-v-1) gespielt. Es war das erste Mal und prompt mußten sie ganz teuer dafür bezahlen. QB Wilson ist zwar klein und hat keinen Raketenarm, aber sein tiefer Ball ist eine Augenweide: hoher Bogen über den Verteidiger, direkt in den Lauf des Receivers. Das kann er. Cover-0 wird man von den Patriots nicht sehen. Deep Safety Devin McCourty läßt dich jedes Mal erschreckt aufwachen, wenn du gerade vom tiefen Ball träumst. In bestimmten sub packages ist es Duron Harmon, der deinen feuchten Traum ins Wasser fallen läßt (Grüße an dieser Stelle an Joe Flacco!).

Wenn Harmon als einziger Safety tief spielt (in Nickel oder Dime) haben Belichick und DC Matt Patricia in den letzten Wochen McCourty auf den gegnerischen Tight End angesetzt. Hier haben die Hawks in Luke Willson einen großen Typen (1,96m), der aber technisch keine Schrecken verbreitet. Durch McCourtys Athletik besteht hier eher die Gefahr, daß New Englands Safety dem großen Baum einen Ball vor der Nase wegschnappt und dann nur noch freie Pleene vor sich hat.

Seattles Wildcard bisher war Rookie-WR Paul Richardson. Der 2nd-rd pick sollte der Ersatz für Percy Harvin werden, für einen Bruchteil des Gehalts. Aber erst wußte Bevell mit ihm nicht viel mehr anzufangen als mit Harvin und dann hat er sich in den Divisional Playoffs gegen Carolina einen Kreuzbandriß zugezogen. Das hat einige Seiten aus Bevells Playbook gerissen.

Also in kurz: New England hat in der Secondary zwei All-Pros in Revis und McCourty; Seattle hat Baldwin/Kearse/Willson. Daher fühlt sich New England auch mit nur einem tiefen Safety wohl und kann den zweiten Safety in die „Box“ stellen, was gegen das Laufspiel helfen sollte. Als Spy hat New England gleich zwei Prototypen in Hightower und Collins.

In Sachen Pass Rush sollte beide gleich auf sein. Der gute Pass Rusher Chandler Jones steht gegen den guten Pass Protector Russel Okung. Der mittelmäßige Pass Rusher Rob Ninkovich steht gegen den schwachen Pass Protector Justin Britt. Dieses Duell auf der rechten Seite, Ninkovich vs Britt, könnte entscheidend sein. Im AFC Championship Game hat Ninkovich gegen einen schwachen Protector in Joe Reitz ein ganz großes Spiel gemacht. Wenn’s ganz blöd läuft, muß Seattle Hilfe für Britt abstellen in Form von TE Willson.

Was tun?

Wie man es auch dreht: Seattles Paßspiel könnte hier böse in die Röhre gucken. So wie sie auch im NFC Championship Game gegen Green Bay für 55 Minuten ganz böse in die Röhre geguckt haben. Im schlimmsten Fall passiert ausgerechnet im Super Bowl das irgendwann Unvermeidliche: die Hawks unter Bevell werfen so viele Slants wie nur wenige andere Mannschaften – und wenn da mal ein Patriot ganz frech auf den Turnover spekuliert und in die Route springt ohne Angst vor einem double move, dann könnte es den Pick Six geben, vor dem euch eure Mütter immer gewarnt haben.

Der kleine Silberstreif an Seattes Horizont ist Houdini Wilson. Schafft es Wilson mit seinem wilden rumgescramble zwei Mal, so viel Zeit zu kaufen, bis dann zwangsläufig ein Baldwin oder Kearse frei ist, bekommt man zwei scoring opportunities frei Haus. Ohne Houdini muß Lynch hier schon ein ganz großes Feuerwerk abfackeln, um die Hawks über 20 Punkte zu hieven. Es ist in der Totalen ein ziemlich langweiliges match-up. Die Patriots brauchen keine besonderen Konzepte, sondern vor allem Disziplin (gegen die read-option) und „sound fundamentals“ (Tackles gegen Lynch, Verhinderung des tiefen Balls). Genau dafür sind Belichicks Defenses berühmt geworden.

Die Hawks dagegen müssen laufen und laufen und dürfen nicht die Geduld verlieren, selbst wenn sie mal zwei, drei 3&outs erleiden. Sie werden ihre Laufyards machen und den Ball bewegen können. Und sie sollten sich die Geduld auch erlauben können: schließlich haben sie einer der besten Verteidigungen aller Zeiten im Rücken. Zu diesem match-up dann morgen mehr.

Previews anderswo

5 Kommentare zu “Super Bowl Preview: Seahawks Offense vs Patriots Defense

  1. Stark! Wie immer.

    In keinem Spiel könnte Revis Island wichtiger werden als heute. Es gibt zwar nicht den #1 WR bei Seattle, aber Revis kann durch 1-on-1 es uns erlauben, die Box voll zu stellen. Wenn Wilson also dann wirft, müssen sie Revis schlagen oder auf der anderen Seite, wo D-Mac die Absicherung macht. Ich bin echt gespannt.

    Da hat man zwei so fantastische junge LBs gegen den Pass. Gegen die meisten Gegner wäre das ideal. Nur gg Seattle verpufft diese Stärke irgendwie.

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