Super Bowl 2015 – Nachklapp

Super Bowl 49 erwies sich als würdiger Abschluss einer hervorragenden Post-Season, von der eine Handvoll Spiele länger als ein paar Jahre in Erinnerung bleiben werden. New England holt den überfälligen Titel und hievt sich damit selbst in die oberste Ebene der NFL-Franchises, krönt seine silberne Dekade mit dem ersten Titel seit zehn Jahren, dem vierten insgesamt. Unstrukturierte Gedanken, die mir am Morgen danach durch den Kopf gehen.

Es war tatsächlich der Clash der Gegensätze: Seattle spielte überwiegend seinen gewohnten Stiefel runter, darauf scheißend, was der Gegner so macht. Das ist Seattles Kernphilosophie. Bei New England lieferte Belichick sein x-tes Meisterstück ab, schraubte die Patriots-Offense so zusammen, wie es wenige erwartet hatten: Kurzpassgewichse bis zum Abwinken, seltenst eingestreute längere Bälle, Laufspiel bestenfalls in Alibifunktion. Brady durchschnittlicher Passempfänger stand 5.9yds von der Anspiellinie entfernt – ein absurder Wert.

Trotzdem machte Brady 37/50 für 328yds – ohne Sacks, 6.6 NY/A, ein Testament für die quirligen Ballfänger um Amendola, Vereen, Gronkowski und den oft übersehenen Edelman, die alle ihre Yards nach dem Catch machten und Seattles normalerweise so solides Tackling mehr als einmal aussteigen ließen.


New England wäre trotzdem nicht durchgekommen, hätte die Seahawks-Defense nicht zwei Schlüsselspieler im Verlauf des Spiels verloren. Die erste betraf Slot-CB #20 Jeremy Lane, dessen Interception im ersten Drive sich als sehr teuer erwies: Lane brach sich beim Return die Hand und wurde von CB #27 Tharold Simon ersetzt. Simon wurde im weiteren Spielverlauf oft genug angespielt und gab auch einen Touchdown auf. Er war nicht allein der Grund für das Funktionieren der Patriots-Offense, aber die Verletzung schmerzte definitiv.

Die zweite Verletzung: DE #56 Cliff Avril, der sich irgendwann im Verlauf des dritten Viertels verabschiedete. Es war die Phase, in der die Seahawks den Gegner im Sack hatten: Bradys Pocket kollabierte in jedem Play, sie klappte innen wie auch über die Flanken zusammen. Rauschte von der Seite Avril heran, hatte Brady über die Mitte keine Zeit, nach vorne zu gehen, weil dort #72 Michael Bennett mit offenen Armen wartete.

Als Avril draußen war, kühlte der Pass Rush merklich ab bzw. wurde gekonnt über die Offensive Tackles geleitet, sodass Brady seine charakteristischen Schritte nach vorne machen konnte und ein offenes Feld vor sich hatte. Zwei lange 3rd-Downs verwertete Brady auf diese Art eingangs des Schlussviertels – es waren lebenswichtige 3rd-Downs zum Anschluss-TD.


Das Spiel war schon nach 58 Minuten ein Klassiker in der Superbowl-Geschichte, aber die letzte Spielminute wird mich noch lange beschäftigen. Es war die Spielminute nach dem wundersamen Catch von WR #15 Jermaine Kearse, auf dem Boden liegend und den Ball irgendwie jonglierend zu einem Catch an der 6yds-Line. Es war direkt nach dem Moment, in dem du sehen konntest, wie den New England Patriots der Geist ausgesaugt wurde. Tom Brady schüttelte an der Seitenlinie immer wieder ungläubig den Kopf.

Zu oft hatten wir das in den letzten Jahren gesehen. Der Tyree-Catch mit dem Helm. Der Manningham-Catch in der zweite Superbowl gegen die Giants. Jetzt Kearse. Wieder so ein unwahrscheinlicher Hero in den letzten 90 Sekunden einer umkämpften Partie. Das war es, die Patriots zum dritten Mal mithilfe eines absoluten Freak-Plays geschlagen. Es braucht viel, sehr viel, um die Legenden Belichick und Brady zu besiegen, aber es war wieder soweit.

Dann Lauf Lynch an die 1. Aus der Wiederholung ist nicht 100% zu schließen, dass Lynch nicht hätte irgendwie sogar den Touchdown machen können, aber die Patriots stoppten Lynch. Hätten sie ihn reinlaufen lassen sollen? Schwierige Frage. Es handelt sich bei 28-24 nicht um eine Fieldgoal-Führung, nicht um „Choke Hold“-Territorium. Vier Punkte sind keine Führung, die du gerne aufgibst und ich weiß nicht ob deine Siegchance besser ist wenn du freiwillig den TD aufgibst – du musst dann immer noch von der eigenen 20 aus starten, hast nur knapp eine Minute, und mit Fieldgoal hast du nur den Ausgleich.

So… nein. Kein freiwilliges Durchlaufen. Was Belichick aber hätte tun sollen: Auszeit ziehen. Damit hätte Belichick zirka 40 Sekunden gerettet, allerdings auch die Seahawks zum Laufen über Lynch förmlich eingeladen.

Von der 1yds Line ist es in einem Vakuum immer die bessere Entscheidung zu laufen. Laufspiel ist im normalen Spielbetrieb eine überbewertete Komponente des American Football, und noch immer werden viel zu viele Runs in den Menschenberg hinein für 1-2yds verbrannt – eine Taktik, die New England in dieser Super Bowl noch schnell genug aufgab und sich auf das Kurzpassspiel konzentrierte. Aber die 1-2yds, die in einem 1st/10 verschenkter Spielzug sind, sind in kurzen Down-Situationen Gold wert – alle Analysen zeigen, dass „Short-Yardage“ Situationen Laufspielsituationen sind.

Es gab hernach Argumentationen, die den Passspielzug damit erklärten, dass Seattle (nur noch ein Timeout verfügbar) sich damit die Option auf ein 4th Down erhielt bzw. in den folgenden beiden Downs jeweils hätte Laufspiel und Passspiel machen können. Trotzdem sagen die Zahlen: Das Risiko eines Fehlers beim Pass überwiegt im Vergleich zum potenziellen Gewinn. Somit war es kein guter Call von Carroll und OffCoord Bevell.

NBC ließ diesen Tweet heraus, der einen Eindruck gibt, weswegen Russell Wilson diesen Ball vielleicht überhaupt erst geworfen hat:

Es ist keine alltägliche Route, die #83 Ricardo Lockett hier lief. Es ist ein Spielzug, den Seattle eigentlich gar nicht im Playbook zu haben schien. Trotzdem: Wie oft führt so ein Ball zur Interception? Hätte der ungedraftete Rookie-Free Agent CB #21 Malcolm Butler den nicht auf so atemberaubende Weise abgefangen, kein Hahn hätte mehr danach gekräht.

Der landesweite Aufschrei hat also auch etwas von „ergebnis-getrieben“. Sicher war das PlayCall die falsche Entscheidung, aber wenn man versucht, die Denke dahinter zu verstehen, gibt es zumindest Denkansätze, die ihn erklären können. Es war ein denkbar unglückliches Ende für die Seattle Seahawks, aber ein denkwürdiger Catch von Malcolm Butler, der schon in den Minuten zuvor immer wieder im Zentrum des Geschehens gestanden hatte, einem der unwahrscheinlichsten Helden, die dieses Spiel hervorbringen konnte.

15 Kommentare zu “Super Bowl 2015 – Nachklapp

  1. Du hast die Schlussminute sauber aufgearbeitet. Da gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Ich werde wahrscheinlich bis mitte September im Bann dieser Minute stehen;-)

  2. Ein mccarthy hätte wieder auf die fresse bekommen ob des timeoutmanagements…
    Was ritt bellichick dazu kein to zu nehmen…er hatte noch zwei^^…

  3. Eier, nichts als Eier. In einer Situation wo er kaum was zu verlieren hatte. Er hat das Zeichen gesetzt „Wir brauchen den Ball nicht mehr, wir stoppen Euch jetzt und hier!“ Und damit hat er die Seahawks zum Nachdenken gebracht.

  4. Marshawn Lynch 2 Runs für no gain. Alle anderen 22 Laufversuche waren für minimum 1 Yard.
    Die offensive Stärke der Seahawks ist das Laufspiel über Marshawn Lynch. In solchen Situationen gehe ich mit meiner Stärke und verlasse mich nicht auf die zweit- oder drittbeste Möglichkeit.
    Ich verstehs nicht.

    Ansonsten gilt natürlich: was für ein Spiel! Was für ein SPIEL!!!

  5. Ich kann die Denke von Carroll schon verstehen. Er wollte so viele Chancen wie möglich haben. Das ist auch eine Form von analytischer Herangehensweise. Ich würde unterstellen, dass es diese Form der Downmaximierung nicht so selten gibt, nur halt in den wenigsten Fällen Sekunden vor Schluss im SuperBowl und mit einer Interception endend. Viele tun bei dem PlayCall ja so als hätte Carroll es strikt abgelehnt mit Lynch zu laufen, dem ist nicht so. Hätte Butler seinen Geistesblitz, der ihn zu diesem individuellen Play getrieben hat, nur einen Wimpernschlag später gehabt ist das ein Touchdown und selbst wenn nicht dann wäre Lynch ein oder zwei Plays später in der Endzone gewesen. Wenn ich lese das wäre der „worst play call ever“ muss ich regelrecht brechen, vor allem wenn ich mich zurück erinnere in wie vielen Variationen McCarthy das Spiel verkackt hat. Das wird nun natürlich übertüncht werden weil sich alle Welt auf dieses eine Play in den letzten Sekunden des SuperBowls einschießt.

    Zur potentiellen Fehlentscheidung von Belichick: Dem gegnerischen Coach weniger Zeit zur Entscheidung bzgl. des nächsten PlayCalls zu lassen ist auch ein möglicher Faktor. Ob Carroll sich in einer Auszeit dann gedacht hätte doch lieber sofort über Lynch zu laufen weiß man nicht, wahrscheinlich nicht mal Carroll selber. Es gibt für mich in beiden Fällen kein klares schwarz oder weiß. Die Weisheit mit der manche nun um die Ecke kommen wollen resultiert nicht unerheblich aus der komfortablen Situation der Nachbetrachtung, darum wissend wie es ausging. Klare Fehleinscheidungen an der Seitenlinie sehen für mich anders aus.

  6. Von “Worst Play Call Ever” sind wir weit entfernt, aber es war zumindest nicht der “optimale” Call wenn wir nach den Zahlen gehen.

  7. Es gab dieses Jahr über 100 Pässe von der 1 Yard Linie, nicht eine einzige Interception war dabei. Das Risiko dafür war also nicht sonderlich hoch.

    Zudem hatten sich die Pats aufgestellt, um einen Run zu verteidigen. Hier einen Pass zu callen, empfinde ich nicht so schlimm. Wenn kein absolutes Freak Play passiert, ist die schlimmste Folge eine Incompletion. Macht nix, Uhr steht und man hat 2 weitere Versuch für Lynch.

    Insgesamt verstehe ich, dass man darüber verärgert sein kann, aber „schlecht“ war der Call nicht.

  8. Hätte BB n Timeout genommen, wäre er wohl sicher gelaufen.

    Lynch hatte übrigens in der Saison fünf Runs von der 1 yard Linie, 1 TD, 2 no gain, 2 loss…

  9. Pingback: Recap: Patriots @ Seahawks – Super Bowl XLIX - German Sea Hawkers

  10. Ich hab mal eine Frage: Du kritisierst häufig Entscheidungen der Coaches, weil sich statistisch belegen lässt, dass ein anderer Spielzug deutlich größere Erfolgschancen gehabt hätte.
    Ist es denn nicht allgemein so, dass Statistiken gerade im US-Profisport viel Beachtung finden (an erster Stelle hier vielleicht Baseball und Basketball). Warum kennt dann „keiner“, der in der NFL die Plays bestimmt, diese Erfolgsstatistiken und handelt danach? Liegt das daran, dass es solche Zahlen erst seit wenigen Jahren gibt und somit noch nicht in die Kultur des Coachings reingeflossen sind? Wird das also in Zukunft kommen?
    Mir fallen einige andere Situationen außerhalb des Sports ein, wo es auch um Entscheidungen geht, bei denen viel Geld auf dem Spiel steht, und wo die Profis diese Statistiken kennen.

  11. @Martin

    Ich glaube die Faktoren hierfür sind vielschichtig. Baseball wird ja gerne als Paradebeispiel für Statistik hergenommen, dabei darf man aber nicht übersehen, dass es die Statistikrevolution (Moneyball und Sabremetics sind hier die wichtigsten Stichworte) erst in den 90ern gab und diese mehr oder weniger notgedrungen durch Geldmangel überhaupt erst in Gang gesetzt wurde.

    Im Football ist es sicherlich so, dass es erweiterte Statistiken wie sie heute Gang und Gebe sind noch nicht besonders lange gibt. Die genaue Zeitschiene dazu hab ich nicht, aber so vom Gefühl her maximal 10 Jahre. Das heißt damit mal einerseits, dass so gut wie alle momentanen Coaches ohne diese erweiterten Statistiken „aufgewachsen“ sind. Mit 40 oder 50, nachdem man 30 Jahre im Geschäft ist noch revolutionäre Änderungen zum eigenen Denken zuzulassen ist schon nicht ganz so einfach.

    Darüber hinaus sind erweiterte Statistiken, bei denen man sich zum Verständnis wenigstens zu einem gewissen Teil hineinarbeiten und sie am besten auch mathematisch verstehen muss nicht besonders TV-tauglich. Die Hälfte der Typen in TV-Studios sind ex-Spieler. Dass viele von denen nicht die hellsten Birnen im Kronleuchter sind (mal ganz abgesehen von Gehirnerschütterungen in der aktiven Zeit) ist bekannt. Solche Leute werden halt nie in ihren „Analysen“ von Statistiken reden, weil sie sie selber nicht kapieren und deren Wert nicht anerkennen – in ihrer aktiven Zeit ging’s ja großteils darum den Gegnern auf’s Maul zu hauen, härter zu sein als der Gegner, mental stärker und das „Momentum“ zu nutzen – um es mal sehr polemisch zu formulieren.

    Ein kleiner Vergleich hierzu aus meinem Lande: In Österreich war es bis vor 2 oder 3 Jahren absolut salonfähig als Nationaltrainer des Fußballteams Taktik als „überbewertet“ (Zitat) anzusehen, weil im Endeffekt am Platz ja immer irrationale Faktoren zählen, auf die man sich sowieso nicht vorbereiten kann. Ein typisches Argument von Leuten die selbst zu dumm oder denen die geistige Flexibilität fehlt um den Wert von neuen Ideen zu erkennen und die damit die „Nerds“ in ein Eck drängen möchten um nicht die eigenen Pfründe davonschwimmen zu sehen.

    Ähnlich auch der Widerstand gegen Statistik im Football (in meinen Augen). Es gibt halt eine ganz große Kaste an Besitzstandswahrern, die sich durch diese Ideen bedroht fühlen. Was ja auch stimmt, denn wenn man mal konsistent anerkennen würde, dass man 4th & 1 an der 1 halt ausspielen sollte und dass Trainer die das nicht tun tendenziell schlechte Trainer sind dann hätten die Hälfte der HCs der NFL keinen Job mehr.

    Übersehen sollte man dabei aber nicht, dass sich in der NFL schon viel getan hat in den letzten Jahren was die Statistik betrifft. Die Coaches sagen es zwar nicht immer – siehe oben, weil es die Pundits in ihren Studios nicht hören wollen – aber tatsächlich werden heute viel mehr 4th Downs ausgespielt als noch vor 5 Jahren. Ebenso andere Entscheidungen, die sicherlich schon stark von Zahlen beeinflusst sind heute im Vergleich zu früher. Nur die Entwicklung ist halt mehr evolutionär, obwohl die Zahlen teils durchaus eine Revolution nahelegen würden.

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