Scoute den Offensive Liner

Drei Makro-Gruppen sind heute mit ihren Field-Drills an der Reihe: Tight Ends, Special Teams und Offensive Liner. Zu letzteren mal eine kleine Zusammenfassung auf die Dinge, auf die man im Scouten achten sollte.

#1 Athletik – wie auf fast allen Positionen ist die Athletik die wohl wichtigste Voraussetzungen bei Offensive Linern. „Athletik“ kann vieles bedeuten, bei den Vorblockern ist es vor allem die Beweglichkeit der Füße und die Fähigkeit, auf engstem Raum kleine Richtungsänderungen zu schlagen.

Vor allem Tackles haben es in der heutigen NFL häufig mit Speed-Rushern zu tun, die mit 180 Sachen über das Eck gestürmt kommen – da musst du in der Lage sein, blitzschnell mit zwei Steps Zugriff auf den Gegenspieler zu bekommen.

Offense Liner gehören zu den schwersten Bolzen auf dem Feld, aber wer Körperfett mit Linern gleichsetzt, bewegt sich auf der Zeitachse in etwa 30 Jahre in der Vergangenheit. Steaks und Burger gehören natürlich zum Fressrepertoire von Offense Linern wie die Butter zum Brot, aber viel wichtiger noch ist – vor allem bei den Tackles – die Fähigkeit, die Körpermasse zu bewegen.

Football-Coaches sind überwiegend der Meinung, dass man sich Kilos anfressen und Technik trainieren kann, nicht jedoch Athletik. Deswegen werden häufig die beweglicheren Spielertypen höher einberufen als die reinen Kraftbolzen.

In der Combine versucht man, diese Fähigkeit anhand des sogenannten „Hip Rotation Drops“ zu simulieren: Beweglichkeit in den Hüften als oberstes Kriterium, und es sieht immer ganz lustig aus, wenn sich 300 Pfund schwere Bolzen 15 Meter rückwärts bewegen und den Arsch abwechselnd nach links und rechts rausstellen.


#2 Technik und Wissen – natürlich bedeutet Fokus auf Athletik nicht, dass ein Spieler mit lausiger Technik den Durchbruch in der NFL schaffen wird. Scouts und Coaches unterscheiden dabei die beiden prinzipiellen Arten von Blocking – Pass und Lauf, wo es durchaus große Unterschiede gibt: Während Lauf-Blocking eine „offensive“ Position ist, kann man durchaus argumentieren, dass Pass Blocking eher eine „defensive“, weil abwehrende Aufgabe ist.

Zur Technik gehört in erster Linie auch das Wissen um das genaue Spielzugdesign. Der Blocker muss wissen, wo sich seine Leute bewegen. Ist ein Pass-Spielzug angesagt, muss er sich sofort auf den gegnerischen Pass Rusher einstellen können. Er muss erkennen, ob die Defense straight up kommt, oder ob es Stunts oder Blitzes gibt. Er muss notfalls die Millisekunde Geduld haben, auf seinen Pass Rusher zu „warten“.

Scouts schauen gerne, wie ein Blocker auf seine Gegenspieler reagiert. Wird er nervös? Behält er seine Statur im Moment des Aufpralls oder dreht er seinen Kopf ab? Arbeitet er in erster Linie mit seinen Händen oder verfällt er in alte Muster und stemmt vor allem seinen Körper entgegen? Ist er schnell genug um seine Balance immer zu halten, sprich auf den Zehen, nicht auf den Fersen, den Block durchzuziehen?

Solche Fähigkeiten versucht man in der Combine, mittels der „Stance Drills“ zu simulieren, wobei unterschieden wird zwischen 2-point (nur Füße im Moment des Snaps am Boden) und 3-point (Füße plus eine Hand) Stance. Dem Liner wird ein gedachter Pass Rusher entgegengestellt. Der Offense Liner muss sich in einem 45-Grad Winkel nach hinten bewegen und somit seine Hebelwirkung nutzen um den Pass Rusher vom QB fern zu halten. Über 10-12yds wird der Blocker nach hinten gedrängt, wobei er vor allem seine Hände und Füße/Knie in der Balance halten muss.

Lauf-Blocking ist etwas einfacher zu bewerten. Hier geht es mehr als im Pass-Blocking um die Nutzung des „Momentums“, der nach vorne wirkenden Kraft. Zur Technik gehört hier auch, dass die Blocks noch mehr als im Pass-Blocking bis zum Ende durchgezogen werden müssen.


#3 Physis – Kraft ist wichtig, aber nicht das entscheidende Kriterium. Es ist eher so zu bewerten: Du brauchst eine gewisse „Grund-Power“ um erfolgreich zu sein, aber darüber hinaus wird besagte Athletik, Technik und Handlungsschnelligkeit viel wichtiger als rohe Gewalt.

Die Combine versucht, Kraft mittels des Bankdrückens zu simulieren, aber der Blick auf die Ergebnisse zeigt, dass viele der besten Offensive Liner dabei durchaus nur mäßige Werte eingefahren haben und viele der besten Bankdrücker eher unbekannte Leute sind.

Vieles davon kann mit Physik erklärt werden: Kommt der Spieler im Moment des Snaps gut in den Spielzug rein, kann er die Hebelwirkungen besser nutzen als ein Kraftprotz, der sich schon gleich am Beginn in einer schlechte Position bringt – ihm werden keine 40 Reps nutzen um den kurzen Hebel auszugleichen.


#4 Spielphilosophie – Athletik, Technik und Power sind Grundvoraussetzungen von Offensive Linern, die in verschiedenen Kombinationen für verschiedene Einsatzbereiche funktionieren können. Der Fokus bei Tackles liegt zum Beispiel mehr auf Reaktionsschnelligkeit und Beweglichkeit, während Guards und Center meistens kompakter gebaut sind und tendenziell mehr Physis besitzen.

Unabhängig von der Position müssen Scouts und Coaches jedoch auch das Gesamtpaket des Spielers und ihres bevorzugten Spiel-Schemas beachten. Man Blocking verlangt grundsätzlich den kräftigeren Spielertyp, der seine Position in erster Linie über Power und lange Arme absichert. Zone Blocking verlangt dagegen vor allem Beweglichkeit und Handlungsschnelligkeit, denn hier helfen sich die Blocker mit Wissen und guten Winkeln (der 0° Winkel ist bei Zone-Blocking eher unüblich, und es ist physikalisch einfacher, versetzt zu blocken als geradeaus).

Die Combine hat hierfür keine wirklich gelungenen Drills. Die Verantwortlichen müssen sich in diesem Aspekt mit dem Tape behelfen und die richtigen Schlüsse aus der Addition der einzelnen Faktoren ziehen.


Offensive Line ist eine extrem schwierig zu scoutende Position, obwohl diese Jungs als quasi einzige in jedem Snap vollumfänglich sichtbar sind. Ohne es überprüft zu haben, ist es die Position, die mit die höchste Flop-Rate aufweist, weil brutal viele einzelne Aspekte zusammenkommen. Dazu kommt der eher große Unterschied zwischen College und NFL – im Jugendbereich kannst du dir gegen überrumpelte Gegner oft noch mit reiner Power helfen, aber im Profibereich hat jeder die Muckis, und reines Überpowern ist nur noch in einzelnen Spielzügen möglich.

Die Offensive Line ist darüber hinaus auch eine faszinierende Position, weil sie gleichzeitig so wichtig und so anonym ist. Es gibt kaum Möglichkeiten, ihre Wirkung statistisch zu erfassen, und noch weniger, den Beitrag des Einzelnen zu isolieren. Offensive Line ist die ultimative Team-Übung im Footballsport, in dem die Kette – Achtung, abgedroschenes 3€-Statement – letztlich oft genauso stark ist wie ihr schwächstes Glied.


Struktur und Inhalte teilweise von Matt Miller abgekupfert.

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