Houston Texans in der Sezierstunde

Gemischte Gefühlswelt für die Houston Texans nach ihrer 9-7 Bilanz: Die Debütsaison von Head Coach Bill O’Brien verlief in etwa im Rahmen des Erwarteten, aber eine Lösung der brennendsten Frage – Quarterback – ist nicht in Sicht. Dafür hat man eine Cap-Situation, die nach Handlungsbedarf schreit: Es ist nicht viel Platz da, aber mit dem Neustrukturierung einiger großer Verträge kann man sich Geld für 2015 drucken.

Die beiden wichtigsten Verträge für 2015 sind jene vom legendären WR Andre Johnson (16 Mio) und jene von CB Jonathan Joseph (12 Mio). Beide werden im anstehenden Jahr nicht unter den bestehenden Verträgen spielen. Johnson erwies sich in den letzten Jahren nicht mehr als der zentrale Punkt der Offense und hatte viel mit Verletzungssorgen zu kämpfen, während Joseph zwar als einer der guten seines Fachs gilt, aber es ist sein letztes Vertragsjahr, und sein CB-Kollege Kareem Jackson ist schon jetzt angehenden Free Agent.

Die Kaderanalyse

Executive Summary: Die Texans stellten trotz okayer Effizienz-Stats eine bestenfalls durchschnittliche Offense im abgelaufenen Jahr. Man sollte nicht vergessen, dass man eher schwache Gegner bespielen durfte. Es gibt eine Handvoll junger Talente, bei denen noch nicht Hopfen und Malz verloren ist, aber es gibt durchaus auch große Fragezeichen.

In der Defense fehlen je nach Sichtweise nur einige Bausteine um die Defense auf den Level „Elite“ zu stellen (sagt der Optimist) beziehungsweise gibt es genügend Risiken, dass diese Unit zu schnell zu kopflastig wird und nach entscheidenden Verletzungen komplett einbricht (sagt der Pessimist).


Quarterback: Die Texans werden hier auch 2015 nur mit einem Statthalter auflaufen, nachdem es keinen brauchbaren Free Agent oder Rookie-QB gibt und die Option „Peyton Manning“ eine entrückte bleiben dürfte. Die Optionen Fitzpatrick (zu durchschnittlich), Mallett (keiner weiß, wie gut er ist) und Savage (Grünschnabel) sind allesamt nicht himmelhochjauchzend. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, einen weiteren der gescheiterten Hoffnungen in anderen Franchises wie Jake Locker vom Transfermarkt zu holen.

Running Back: Arian Foster gehört weiterhin zu den besseren seines Fachs, aber Foster wurde in den letzten fünf Jahren mit 1420 Carries richtiggehend verheizt und verpasste in den letzten zwei Jahren etliche Spiele mit Verletzungen. In fittem Zustand ist Foster ein kompletter Back, der laufen und fangen kann. Der junge Alfred Blue wurde letztes Jahr als Nachfolger geholt und konnte die Erwartungen nicht erfüllen – vielleicht wird hier mit einer billigen Option nachgebessert.

Wide Receiver und Tight End: Der sicherste Mann ist WR Nuk Hopkins, der 2014 seinen Breakout mit fast 1200yds und 38% tiefen Anspielen hatte. Was der Offense aber trotz Hopkins überwiegend abgeht, seit Andre Johnson die Folgen von 10 Jahren NFL auf höchstem Niveau spürt: Explosivität. Die Texans gingen in kaum mehr als 20% der Passversuche tief – einer der niedrigsten Werte der Liga.

Johnson wird nur bleiben, wenn man sich auf eine für beide Seiten tragbare Vertrags-Neugestaltung einigen kann. Johnson ist keine 16 Mio/Saison mehr wert und wird in Houston auch keinen Rentenvertrag à la Fitzgerald bekommen. Sollet Johnson entlassen werden, sparen die Texans an die 9 Mio. Cap-Space. In diesem Fall wird die Thematik „Ballfänger“ jedoch eklatant.

Houston wird so oder so schauen müssen, wohin sich die Crew der Skill-Player entwickeln soll. Ein Slot-WR dürfte schon heuer eine Notwendigkeit werden. Dazu fehlt seit dem Abgang von Owen Daniels letztes Jahr ein verlässlicher Tight End, da sich Rookie Fiedorowicz überhaupt nicht entfalten konnte. Man kann davon ausgehen, dass hier nachgebessert wird.

Offensive Line: Die zentrale Frage an dieser Stelle dreht sich um die Center-Position, wo der Zonenblock-affine Myers als suboptimales „Fit“ gilt und eine horrende Cap-Zahl (8 Mio.) durchschleppt. Myers könnte recht billig verschifft oder entlassen werden, und man hat in Guard/Center Ben Jones bereits einen potenziellen Nachfolger im Kader.

Wird eine Option dieser Güteklasse gezogen, fehlt in Houston auf alle Fälle ein Guard von Format, nachdem der 2014er Rookie Xavier Sua-Filo sich vom „XSF“-Faktor zum X-Faktor entwickelt hat: Ein Jahr XSF, und schon hat sich die Gefühlswelt von Euphorie zu Hoffen und Bangen entwickelt. Unabhängig von Sua-Filos Entwicklung wird die Position auf Right Tackle zu beachten sein: Derek Newton war 2014 besser als befürchtet, ist nun aber Free Agent und wird nicht sicher gehalten.


Defensive Front Seven: Jeder weiß um die Bedeutung von J.J. Watt, dessen Effektivität im neuen Schema von DefCoord Romeo Crennell kein Jota litt. Das Problem bei den Texans beginnt aber gleich hinter Watt: Wenn man bedenkt, dass die Einmann-Abrissbirne J.J. fast 50% der Sacks, Hits und Hurries der Texans auf dem Konto hat, kann man nicht nur Watts Wert abschätzen, sondern auch guten Gewissens die Vermutung äußern, dass es hinter Watt arge hakt.

Nun wurde 2014 mit dem ersten Draftpick DE Jadeveon Clowney gedraftet, dessen Rookie-Saison schon nach wenigen Einsätzen mit Knieverletzung ein jähes Ende fand. Viel dramatischer: Clowney musste durch eine komplizierte Operation und kann noch immer nicht die operierte Stelle belasten. Man geht in Houston bereits davon aus, dass das Jahrhunderttalent Clowney auch im kommenden Herbst bestenfalls eine untergeordnete Rolle wird spielen können – tragisch für die Franchise, aber auch für den gemeinen Fan, denn was klingt in der NFL besser als ein Pass Rush mit Watt und Clowney an den Flanken?

Es gibt weitere wunde Punkte in der Front-Seven: Man ist mit NT Louis Nix (Rookie aus der Klasse 2014) überhaupt nicht zufrieden und sucht angeblich bereits nach dessen Nachfolger im kommenden Draft. Nix galt als kompletter Bust und konnte trotz des dominanten Nebenmanns Watt niemandem den Rücken freihalten. Er wurde überwiegend durch den Routinier Pickett ersetzt, der heuer zurücktreten könnte.

Immerhin fand sich Jared Crick (4 Sacks) schnell zurecht, aber Edge Rusher Mercilus ist auch nach drei Jahren trotz zuletzt 5 Sacks noch weit von seinem Status als einstiger 1st-Rounder entfernt. Houston hätte potenziell in LB Brian Cushing einen monströsen Inside-Blitzer für zusätzlichen Pass Rush, aber Cushing verpasste in den letzten Jahren so viele Spiele, dass man ihn eigentlich entlassen müsste – eigentlich. Denn Cushing lebt von einem teuren Vertrag, der einen Rauswurf unmöglich macht.

Defensive Backfield: In der Secondary wird vieles von der Handhabe mit den beiden CBs Jackson/Joseph abhängen. Man konnte lange davon ausgehen, dass Jackson gehalten wird, aber nun erweist sich die Nachfrage auf dem CB-Markt als viel besser als das Angebot, weswegen Jackson aus rein egoistischen Gründen eigentlich am besten beraten wäre, sich mal ein paar Angebote von anderen Franchises zuschicken zu lassen.

Joseph geht mit bald 30 auf die Zeit nach seinem Zenit zu. Man kann bei ihm immer verlängern und sein Grundgehalt in einen Bonus umwandeln und somit sein Gehalt auf mehrere Jahre abschreiben, aber will man überhaupt einen alternden Cornerback im Kader behalten? Aufgrund der Kadersituation würde man mit „Ja!“ antworten, aber alle Zutaten in dieser vertrackten Situation berücksichtigend, wäre ich wenig überrascht, wenn die Texans sich im Draft schon in der ersten Runde eines weiteren Cornerbacks bedienen.

Der Ausblick

Die Texans sind durchaus ein interessanter Laden. Ich halte O’Brien für einen Coach, der recht viel aus gegebenem Spielermaterial herauszuholen imstande ist. Trotzdem werden die Texans in dieser Offseason erstmal aufpassen müssen, dass sie zum einen keine Qualität verlieren und zum anderen sich nicht mit unbedachten Verträgen für die Zukunft Optionen verbauen.

Man scheint in der Bewertung rückwirkend sehr unglücklich mit dem zu sein, was man im letzten Draft 2014 zu alles holte. Clowney ist ein unglücklicher Fall, aber dass Nix in hellen Flammen aufzugehen scheint, ist ein ernsthaftes Problem und auch Xua-Filo hätte eigentlich ein weitsichtiger Pick werden sollen. Natürlich ist hier noch nicht aller Tage Abend.

Da die QB-Situation in dieser Offseason eher nicht zur Zufriedenheit aller gelöst werden kann, läuft es auf die Schließung von drei Baustellen hinaus: Cornerback und/oder Wide Receiver, wo je nach Ausgang von Vertragsverhandlungem mit bestehendem Personal kurzfristige Needs, auf jeden Fall aber langfristige Needs entstehen werden, plus Defensive Front-Seven, wo man sich von der eklatanten Abhängigkeit von Superstar Watt lösen muss. Eher in der preiswerten Lage verorte ich die Suche nach einem komplementären Running Back sowie einem weiteren Tight End für den Mixer.

Houston wird auch 2015 noch ein gutes Stück von echter Superbowl-Qualität entfernt bleiben, aber weil man in einer banalen Division spielt, bleibt zumindest eine Playoff-Qualifikation in Reichweite. Mittelfristiges Denken ist in der NFL immer schwierig, aber würde man mir volle Power am Schalthebel geben, ich würde versuchen, 2015 als Jahr des Grundlagenbauens zu sehen, in der Hoffnung, ab 2016 mit einem dann fitten Clowney und vielleicht einem angemessenen Franchise-QB ganz oben anzugreifen.

6 thoughts on “Houston Texans in der Sezierstunde

  1. super, dass nun doch noch, die ein oder andere Sezierstunde da ist.
    Auf welche Teams darf man sich denn noch freuen in nächster Zeit?

  2. Louis Nix war letztes Jahr lange verletzt ung hat 0 Snaps in der regular Season gespielt (laut PFF). Sollten die Texans ihn tatsächlich schon aufgeben, hoffe ich, dass die Chargers zugreifen.

  3. Würde mich auch wundern, wenn man einen hohen Pick nach einem Jahr schon aufgibt, noch dazu wenn er sich nicht mal richtig beweisen konnte.

    Bitter für die Texans, was mit Clowney abläuft. Aber ich meine, man hat das doch sehen können, oder? Clowneys Verletzungsprobleme waren ja vor dem Draft schon ein ernstes Thema.
    Schade, denn mit Clowney und einem fitten Cushing hätte die Defense schon jetzt Potenzial für Top 5.

  4. Clowneys Verletzung vor dem Draft war am Fuß, wo er sich Knochensplitter entfernen ließ. Es war nie die Rede von einem Knorpelschaden im Knie, der wohl übersehen wurde oder zu der Zeit noch nicht vorlag. Sonst wäre er sicher nicht an erster Stelle gezogen worden.

  5. Nun also 2015 mal ohne Johnson. Denke das die Texans 2015 vor einer Saison der Neustrukturierung leigen-. Der Franchise QB fehlt immernoch, jetzt ist auch noch das Licht im WR Corps fort und Arian Foster kann den Karren auch nicht alleine schieben.
    Defensiv geht JAckson…wird spannend wie gut aufgestellt die Texans zu beginn der Saison sind

    Snoopy´s American Football Tactics
    https://americanfootballsnoopy.wordpress.com/

  6. Pingback: Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Das Niemandsland | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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