Atlanta Falcons in der Sezierstunde

Die Atlanta Falcons gehen nach der erneut enttäuschenden Saison (6-10 Bilanz) und dem wiederholten Verpassen der Playoffs neue Wege: Head Coach Mike Smith wurde nach sieben Jahren gefeuert und durch den ehemaligen Defensive Coordinator der Seahawks, Dan Quinn, ersetzt. Quinns primäre Aufgabe: Pflanze der Mannschaft toughness ein!

Eine Aufgabe, die nicht einfach sein wird, gilt der Kader in Atlanta doch nach einigen missglückten Drafts und etwas richtungslosen Transfers als reichlich ausgedünnt. Der Letztverantwortliche für das Schlamassel, GM Thomas Dimitroff, durfte zwar bleiben, befindet sich nach der Einführung von Quinn – den er nicht selbst aussuchen durfte – in einer seltsamen Zwickmühle zwischen gut klingendem Posten und wenig Entscheidungsgewalt.

Quinn ist der neue starke Mann in Atlanta – und er hat eine schwierige, aber nicht unlösbare Aufgabe vor sich. Die wichtigsten Ingredienzien sind da: QB Matt Ryan gilt trotz der erfolglosen Serie der letzten Jahre als einer der besten Quarterbacks der Liga, und er ist im besten Alter (2014: 6.9 NY/A Passspiel, #7 der Liga trotz unterirdischem Laufspiel). In WR Julio Jones gibt es einen der gefährlichsten Receiver. Die Defense, so problematisch sie als Gesamt-Konstrukt war, hat eine Handvoll guter, junger Playmaker im Kader.

Auf der anderen Seite kann Quinn nicht gerade über einen langjährigen Erfahrungsschatz zurückgreifen, was Team-Building angeht, und ob sich das Seahawks-Modell, das auf exorbitantem individuellen Spielermaterial, aber nur wenigen schematischen Kniffen basiert, einfach so auf Atlanta übertragen lässt, ist erst zu beweisen.


Quinn wird in erster Linie die Defense in die Hand nehmen. Er gilt als Verfechter der druckvollen Abwehrarbeit mit dem primären Ziel, den QB niederzuschlagen bzw. zu sacken. In Seattle rechnete man ihm hoch an, die Karrieren von Leuten wie Red Bryant oder Chris Clemons wiederbelebt zu haben, indem er für sie in der Anfangszeit unter Carroll entsprechende Positionen mit sehr speziellen Aufgaben schuf.

In Atlanta wird ähnliches vonnöten sein: Die Falcons haben seit Jahren eine Sack-Rate von konstant unter 6% – schlechtester Wert über mehrere Jahre. Der Kader sieht zwar in Leuten wie DE Jackson, DE Hageman, DT Soliai oder DT Babineaux recht solide Defense Liner, aber keiner von ihnen ist eine echte Waffe im Pass Rush. Sie alle sind brauchbare Leute gegen den Lauf und gelten als gutes Material für verschiedene Aufstellungen in 3-4 und 4-3 Defense. Letzterer gilt jedoch noch wegen schematischer Bedenken als Entlassungskandidat.

Trotzdem: Ziel Nummer 1 dürfte es sein, Pass Rusher zu finden. Draft wie Free Agency bieten verschiedene Möglichkeiten, mehr oder weniger preiswerte Optionen für einen dünnen Kader zu finden.

Verbesserter Pass Rush dürfte der Back-Seven helfen, die zuletzt 7.6 NY/A gegen den Pass aufgab, einer der schlechtesten Werte ever. In den jungen CBs Trufant und Alford gibt es zwei passable Deckungsspieler, in LB Weatherspoon kehrt der Sprecher der Defense nach schwerer Verletzung in den Kader zurück, aber auf Middle Linebacker und auf beiden Safety-Positionen gilt Atlanta als offene Scheune, die zu schließen ist. Es ist davon auszugehen, dass man sich hier jeweils Übergangslösungen bedient.


In der Offense geht man mit der Einstellung von OffCoord Kyle Shanahan neue Wege: Shanahan, der immer noch aussieht wie ein Lehrbub, wurde geholt um den Falcons die Zone-Block Offense beizubringen, ein System, das in den letzten 15 Jahren immer wieder fantastisch effiziente Lauf-Offenses kreiert hat.

Notwendig dafür sind für gewöhnlich leichtfüßigere Offensive Liner, die ruhig auch kleinere Spielertypen sein können, Hauptsache keine unbeweglichen Bolzen. Nicht viele Teams in der NFL spielen die Hardcore-Variante der Zonen-Offense, wie sie Shanahan vorgibt, weswegen es durchaus im Draft billige Optionen für die eine oder andere OL-Position geben könnte. LT Matthews traut man die Umstellung locker zu, aber auf Center, Left Guard (Blalock wurde wegen Inkompatibilität mit dem Spielsystem entlassen) und Right Tackle könnte die Einberufung eines Jungspunds durchaus Notwendigkeit werden.

Auf Runningback hat man sich von Steven Jackson getrennt, da man dem jungen Devonta Freeman zu vertrauen scheint. Freeman ist allerdings schmächtiger gebaut als die meisten der „typischen“ Shanahan-Backs, die für gewöhnlich größere, kräftigere Backs waren. Freeman wie dem Shanahan-Idealtyp ist jedoch gemein, dass sie alle bedingungslose „one cut“-Läufer sind, die nicht lange zaudern, sondern nach dem entsprechenden Read sofort in die Lücke abbiegen. Im Zweifelsfall dürfte Atlanta sich der guten Draft-Klasse bedienen einen Runningback ziehen.

Verbesserungswürdig sind natürlich auch Tight End und Tiefe bei den Wide Receivers (Douglas wurde gefeuert), aber hier schreit es eher nach Suche nach billigen Übergangslösungen oder jungem Entwicklungsmaterial.


Interessanter Case-Study, die Falcons. Weil die Schwachstellen so klar aufzuzeigen sind und man den Franchise-QB bereits im Kader hat, ist ein schneller Turnaround mehr als denkbar. Quinn kommt wie ein gewinnender Typ rüber, der einem leblosen Haufen per sofort Energie einzuimpfen imstande scheint. Quinn wird der Defense eine direktere Art geben und besseres In-Game Management betreiben als es Mike Smith zuletzt machte.

Auf der anderen Seite ist Quinn aber auch ein sehr unbeschriebenes Blatt in Sachen Kader-Zusammenstellung. Wie funktioniert sein Zusammenspiel mit Dimitroff, der durchaus die beleidigte Leberwurst spielen könnte und gute Gruppenarbeit stören könnte. Quinn muss in erster Linie beiden Seiten der Anspiellinie den nötigen Punch geben und die richtigen Athleten dafür finden. Die Schwachstellen sind nicht an einer Hand abzuzählen, und das könnte dazu führen, dass Atlanta doch mehr als ein Jahr von echter Superbowl-Relevanz entfernt ist.

4 thoughts on “Atlanta Falcons in der Sezierstunde

  1. Gute Zusammenfassung über eines der Teams, die ich als erstes in der NFL verfolgt habe. Ich finde, Ryan fliegt zur Zeit etwas unter dem Radar, zu den absoluten Top-Quarterbacks wird er nicht gezählt, wobei die Einschätzung als Franchis-QB natürlich nicht falsch ist. Nach dieser Saison kann ich mir gut vorstellen, dass die Falcons mit einem guten Draft schnell in Playoff-Reichweite kommen werden. Das Augenmerk aber nur auf die Defense zu legen, könnte da der falsche Weg sein.

  2. Den Falcons könnte aber die sehr schwache NFC South zuhilfe kommen.
    Bucs: noch mindestens zwei Jahre von Relevanz entfernt.
    Saints: kurz vor dem Ende einer Ära und keine FA Aktionen möglich aufgrund der Salary Cap.
    Panthers: Zu viele Schwachstellen, zu viele Fragezeichen.

    Hätte mir gewünscht, dass Atlanta Rex Ryan holt, aber auch Quinn ist ein logischer Hire. Er kann den Falcons straightere Defense beibringen und aufgrund der beschriebenen guten Offense (ich glaube, Shanahan wird einschlagen) kann das locker reichen für den Divisions Sieg.

    Ich hoffe, ich sehe es nicht zu rosig. Würde es Matty Ice gönnen, er kriegt zu viel auf die Mütze für Dinge die er nicht beeinflussen kann.

  3. Klasse zusammenfassung🙂
    Die Falcons werden mit Quinn defensiv auf alle Fälle ein härteres Brett in 2015.
    Denke aber dennoch das sie sich hinter den Saints und vll sogar Panthers einreihen werden. Carolina hat recht starkes Personal und die Saints sind vermutlich durch das enttäuschende 2014 wach geworden.

    Snnopy´s American Football Tactics
    https://americanfootballsnoopy.wordpress.com/

  4. Pingback: Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Titelaspiranten | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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