Washington Redskins in der Sezierstunde

Dass bei den Washington Redskins ein neuer Wind weht, ist spätestens seit der Einstellung von Scot McCloughan als neuer General Manager bekannt. Dieser Einstellung habe ich im Jänner schon einen eigenen Eintrag spendiert, der versucht, die verschiedenen Perspektiven der Person McCloughan aufzuzeigen.

Die ersten zwei Monate brachten die Moves, die man sich von diesem General Manager erwartet – also einen Paradigmenwechsel in D.C.: Es gab keinen Run auf die teuersten Free-Agents, dafür wurden die Schützengräben verstärkt und sämtliche Vorbereitungen Richtung Draft getroffen. Die Schlagzeilen überließ man dem ungeliebten Nachbarn aus Philadelphia.

Washingtons größter Totengräber war in der vergangenen Saison die unterirdische Pass-Defense, die 7.1 NY/A zuließ. Einzelne Elemente waren in der Defense schon immer vorhanden, aber eine wirklich kongruente Einheit war man nie.

Der erste Move war der Austausch von DB-Coach Morris gegen Perry Fewell. Auf Spielerseite versucht man, die Deckung in Form von CB Chris Culliver (kommt aus San Francisco) zu verstärken. Culliver galt bei den 49ers lange Jahre als verlässlicher Nickelback, aber viel mehr schien man ihm nie zuzutrauen. Dann kam 2014, und Culliver brillierte das eine Jahr in seiner #1-Rolle.

Culliver kommt in ein Backfield, wo in DeAngelo Hall, Bashaud Breeland und David Amerson eher mittelprächtiges Cornerback-Personal vorhanden war. Vor allem von Amerson hatte man sich mehr erwartet – aber prinzipiell sagen alle, du musst diesem Backfield mit einer solideren Front-Seven helfen.

McCloughans oberstes Credo war und ist stets gewesen: Die Anspiellinie entscheidet über gute und schlechte Ergebnisse. Er trennte sich von den teuren Tackles Cofield/Bowen und kaufte sich preiswertes Personal ein.

Der Krösus ist DT Terrance Knighton, der relativ nahe an den NFL-Idealtyp des Nose Tackles kommt: Fetter Körper, kein wirklicher Pass Rusher, aber der typische „clogger“ vor dem Gesichtsgitter des Centers, der auch mal zwei Blocker aufnehmen kann. Knighton war schon in Jacksonville ein Monster. Er ging hernach nach Denver, wo er als „pot roast“ landesweite Bekanntheit erlangte. Nun Washington – und immer bliebt Knighton erstaunlich preiswert. Die Redskins kauften ihn für einen banalen Einjahresvertrag ein.

Die beiden anderen Einkäufe betreffen eher Ergänzungsspieler bzw. Spezialisten: DT Jean-Francis, in Indianapolis mit einem überteuerten Vertrag nur noch Ballast, wurde für annähernd Liga-Minimum geholt um zirka 300 Snaps in der Rotation beizutragen. DT Stephen Paea kam als Spezialist für Pass Rush über die Mitte – auch Paea hat sich trotz aller Voraussetzungen nie in einen „vollwertigen“ Spieler entwickeln können, aber auf seinem Spezialgebiet gilt er als veritabler Fachmann.

Knighton, Jean Francis und Paea plus DT Baker und DL Hatcher: Klingt nach einer grundsoliden Defensive Line. An den Flanken ließ man das Supertalent OLB Orakpo ziehen – ein verständlicher, aber nicht bejubelter Move. Orakpo ist in fittem Zustand ein Kronjuwel. Problem: Er war zuletzt so oft verletzt, dass du ihm keinen Mega-Vertrag mehr anbieten willst. Orakpo kam in Tennessee für billige Kohle unter – die zwei Millionen hätte Washington auch noch aufbringen können.

So bleibt man im Pass Rush auf den aufstrebenden Ryan Kerrigan (13 Sacks, 51 QB-Hurries) und den „Sophomore“ Trent Murphy angewiesen: Keine schlechte Combo, aber hinter den beiden wird es schnell dünn. Eine Einberufung eines Top-Passrushers im Draft würde alles andere als überraschen. Weitere Problemfälle im Kader bleiben darüber hinaus Inside-Linebacker und Safety. Auf beiden Positionen gilt der Draft-Jahrgang als nicht wirklich erstklassig besetzt.


Zehn Absätze und noch kein Wort über Robert Griffin III bzw. Head Coach Jay Gruden – könnte dran liegen, dass die beiden meistdiskutierten Personen im Umfeld der Redskins beide als dead man walking in die nächste Saison gehen werden. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die beiden auch nicht wirklich riechen können. Gruden designt seine Offense an den Talenten von RG3 vorbei. RG3 kommt nicht damit zurecht, dass sein Weg auf den Schoß von Owner Dan Snyder nun unterbunden wird durch einen starken General Manager.

Griffin bleibt auch nach drei Achterbahn-Jahren ein Talent, für das Menschen irrational werden können, aber man wird den Eindruck nicht los, dass sich hinter dem strahlenden Zahnpastalächeln Dinge verbirgen, die depressiv machen. 2015 wird für Griffin das Jahr der letzten Chance: Es ist unwahrscheinlich, dass Washington seine „5th Year Option“ ziehen wird – insofern steht und fällt mit seiner Performance im kommenden Herbst das mutige Investment, das einst für seine Dienste getätigt wurde.

Die Frage ist, ob Gruden RG3 eine echte Chance eingestehen wird. Grudens „Power-Offense“ passt nicht wirklich zu Griffin. Das Personal um den Quarterback herum ist in Form einer halbwegs soliden Offensive Line, RB Morris und einem WR-Duo Garcon und deep threat Jackson (fast 20yds/Catch) durchaus abgedeckt. Aber es besteht dringender Nachholbedarf in der Einschulung einer echten „Read“-Abfolge in den Passspielzügen bei Griffin: Selbst für relative Laien wie mich war es in manchem Game-Tape derbe offensichtlich, wie ungestüm RG3 seine Receiver-Abfolge durchgeht. Die Folge sind etliche verschenkte Spielzüge.

Ob der Trainerstab Griffin diesbezüglich hinbiegen kann, wird über Wohl und Wehe der Offense entscheiden. Natürlich kannst du immer noch einen Guard und einen Right Tackle nachdenken, natürlich ist ein ernstzunehmender dritter WR keine schlechte Idee, aber die Offense steht und fällt am Ende des Tages mit der Entwicklung vom Franchise-Hoffnungsträger Griffin.


Dass Washington an #5 im Draft ernsthaft eine Quarterback-Option in Erwägung zieht, halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Alle Moves bzw. Nicht-Moves seit der Einstellung von McCloughan deuten darauf hin, dass 2015 ein Übergangsjahr wird, in dem sich Quarterback, Head Coach und etliche weitere Bausteine sich beweisen müssen. Ein aggressiver Move wie das Einberufen eines neuen Franchise-QBs würde diesen eingeschlagenen Weg in seinen Grundfesten erschüttern.

Er würde auch nicht zur Philosophie von McCloughan („baue dein Team über die Offense und Defense Line“) passen. Trotzdem wird es bis zuletzt Gerüchte geben – und sei es schon allein durch die Tatsache, dass sie den Redskins nur Vorteile bringen (Stichwort Trades).

Die verbleibende Offseason bleibt somit aufgrund der vielen Optionen im Draft interessant. Zu beobachten ist darüber hinaus auch die mittelfristige Entwicklung bei der Hauptstadt-Franchise, nachdem Headcoach wie QB-Hoffnung um ihre Zukunft spielen. Washington hat die Chance, mit einem gestandenen GM wieder zu alter Stärke zurückzufinden. Die Führung muss es nur zulassen.

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7 Kommentare zu “Washington Redskins in der Sezierstunde

  1. QB-Hurries sind quasi die Vorstufe zum Sack. Gezählz werden Situationen, in denen der defender den QB nicht die Zeit läst, die er eigentlich braucht und entweder einen „überhasteten wurf“ abgibt, oder aber die Pocket verlässt und Scramben muss. In jedem Fall unterbricht es den Read des QBs.
    Es wird durchaus agumentiert, dass Hurries de bessere Grundlage im Vergleich zu Sacks, die bessere Grundlage sind um die Effektivität des Pass Rushes zu bewerten.

  2. sorry, da war ich mit dem Kopf nicht ganz da – Rechtschreibung etc. Hoffe, es ist dennoch klar geworden

  3. Es gibt QB-Hurries, Hits und Sacks. Wenn man die zusammenzählt kann man einen Pass Rusher deutlich besser bewerten als wenn man nur auf die Sacks schaut.

    Ein kleines Beispiel:
    Björn Werner hatte letztes Jahr bei 360 Pass Rush Snaps 5 Sacks gemacht, Dwight Freeney bei 372 PRS 4 Sacks. Jetzt könnte man denken Werner wäre knapp der bessere Pass Rusher… Aber Werner hatte zusätzlich nur noch 4 Hits und 18 Hurries geschafft, während Freeney noch 9 Hits und 40 Hurries drauflegte.
    Wenn man also Hits+Hurries miteinrechnet ist Werner einer der ineffizientesten Pass Rusher der Liga, während Freeney relativ weit vorne dabei ist.

  4. Pingback: Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Kellerkinder | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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