Philadelphia Eagles in der Sezierstunde

Chip Kelly und seine Philadelphia Eagles bekommen den Preis für die markanteste, weil umstrittenste, Offseason der NFL 2015 – mit Recht. Kelly hatte im Jänner bekanntlich den hausinternen Machtkampf mit dem ehemaligen GM Howie Roseman gewonnen und die volle Kontrolle über den Spielerkader bekommen, und im Lauf der nächsten Wochen in Ed Markowynski einen Strohmann als GM eingestellt sowie mehrere Roseman-Vertraute zum Teufel gejagt. Aber das ist mit „umstritten“ nicht gemeint…

Die Namen, die man bei Kelly und seiner Offseason durch den Äther jagt, sind unter anderen folgende: Bradford, Foles, Mariota, McCoy, Murray, Herremans, Mathis, Cox, Maxwell und Maclin. Bestimmendes Thema war von Anfang an die Diskrepanz zwischen Kellys Kommunikation nach außen und seinen tatsächlichen Handlungen. Und natürlich die Tatsache, dass Kelly Moves machte, für die man eine Graupen-Franchise wie Cleveland oder Jacksonville schon nicht mal mehr nackt durch die Straßen treiben würde, sondern nur noch resignierend abwinkt.

Dabei begann die Offseason vielversprechend: Der Trade von RB McCoy für Bills-LB Kiko Alonso geht isoliert betrachtet als einer der besseren Moves in diesem Frühling durch – McCoy, der offensichtlich nicht zu 100% zu Kellys Offense-Philosophie (kein Tänzeln, sondern sofort nach Süden abbiegen) passt und einen schweren Vertrag mit sich rumschleppte, gegen den jungen Alonso, der zwar von Kreuzbandverletzung zurückkehrt, aber kaum eine Million einsäckelt.

Was danach jedoch folgte, war nicht gut: WR Maclin und RG Herremans wurden ziehen gelassen. Philadelphia kaufte sich Seahawks-CB Maxwell für einen absurden Vertrag (10 Mio./Jahr für 6 Jahre mit viel Handgeld) ein – jenen Maxwell, der letztes Jahr CB Thurmond nicht ausstechen konnte. Thurmond erlebte 2014 fern von Seattle kein gutes Jahr, und unterschrieb ebenso in Philadelphia… für annähernd Liga-Minimum.

Ohne McCoy lachte man sich binnen weniger Stunden den Offensive Player of the Year, RB DeMarco Murray aus Dallas und RB Ryan Mathews aus San Diego an – beide keine schlechten Spieler, aber: Murray kostet 8 Mio/Jahr und ist erstmal 2-3 Jahre nicht zu traden, und Mathews ist seit Jahren ein Verletzungsrisiko. Allein die Tatsache, dass Dallas seit Murrays Abgang ihn nicht einmal mit einem Mid-Round Pick zu ersetzen versucht hat, spricht Bände.

„Kronjuwel“ der Eagles-Offseason ist der Trade für Rams-QB Sam Bradford, der die Eagles QB Nick Foles kostete, plus einen 2nd Rounder im nächsten Jahr (dazu tauschte man quasi 4th Rounder über zwei Jahre und Philadelphia bekommt einen 5th Rounder). Ob der Bradford-Deal nur als Zwischenstation auf einer Mission gen Mariota war, wird im Unklaren bleiben, aber in einem Vakuum kannst du den Trade schlicht nicht erklären.

Bradford ist nach fünf Profijahren ein QB-Bust in seinem letzten Vertragsjahr. Er war 2010 der letzte der horrend teuren 1st-Overall Picks, und glänzte seither mit Kreuzbandrissen und 2yds-Dumpoffs in einer leblosen Rams-Offense. Bradford kostet die Eagles 13 Mio. in dieser Saison und ist in einem Jahr Free-Agent – eine Situation, die du nicht gewinnen kannst:

  • Spielt Bradford wider Erwarten ein starkes Jahr, wird er nächstes Jahr für 18-20 Mio/Jahr unterschreiben, aber ein „One Year Wonder“ bleiben, und mit seinen lädierten Knien zusätzliches Risiko für die Eagles oder einen anderen Abnehmer sein.
  • Spielt er mittelmäßig bis schlecht, hast du die untere Leistungsgrenze von Foles für Foles und einen 2nd-Rounder ergattert.
  • Spielt er schlecht, ist seine Karriere als Stammspieler vorbei und Kelly womöglich schon dead man walking.

Einen Grund, schon dieses Jahr zu verhandeln, gibt es für Bradford nicht. Man hängt sich daran auf, dass Kelly als Wunder-QB Entwickler gilt, aber neben Foles gibt es Vick, Sanchez oder Barkley, die die These nicht unterstützen – wäre es nicht Chip Kelly, man würde den Ausreißer in diesem Quartett suchen und finden und darauf verweisen, dass selbst dieser nur ein gutes halbes Jahr absolvierte und dabei absurdes Interception-Glück hatte.

Und weiter: Weil man zwar McCoy los wurde, aber Maxwell, Bradford und McCoy für Monster-Verträge einkaufte, hatte man weder genug Körner, um auf dem Transfermarkt nach einem Revis zu greifen oder in Maclin den verlässlichsten der eigenen Receiver zu halten – mit der Folge, dass man seinen 1st-Rounder für USC-WR Nelson Agholor verbrennen musste. Agholor ist obwohl etwas blass vielleicht keine schlechte Wahl, aber sie zeigt die Opportunitätskosten, die die Eagles in dieser Offseason zahlen.

Im Jänner verwies ich darauf, dass Kelly aufgrund seines Potenzials zum neuen starken Mann in Philadelphia gemacht wurde – und ich verwies darauf, dass ein Coach als Quasi-GM durchaus ein großes Risiko stellt. Coaches sehen Spieler anders als GMs, sie neigen dazu, Marktwerte falsch einzuschätzen und haarsträubende Kaderplanung zu betreiben. Man muss nach Kellys erster wirklicher Offseason festhalten: Es gibt nun gute Gründe für die Befürchtung, dass Kelly einer von ihnen ist.

Die Eagles stellen natürlich weiterhin keine schlechte Mannschaft. Gut möglich, dass sie die nächste Saison erneut um die 10 Siege einfahren und um die Playoffs mitspielen. Das heißt aber trotzdem nicht, dass die Offseason als gelungen zu bewerten ist. Eine starke Eagles-Saison bedingt höchstwahrscheinlich einen starken Bradford, was eine schlechte Verhandlungsposition für Philadelphia im Winter 2016 bedeutet. Ein teurer Bradford macht die Eagles zu Dallas 2.0, und wir alle wissen, wie lange die Cowboys nicht nur auf diesem Blog für ihr Team-Management verspottet werden.

Kelly bleibt weiterhin ein spektakulärer Coach, der sich immerhin bis auf Alonso und den Rauswurf der Roseman-Bande nicht den Vorwurf der Vetterwirtschaft gefallen lassen muss: Er holte keine weiteren Oregon-Spieler. Seine Offense und seine Trainingsmethoden werden weiterhin ein Gesprächtsthema in der National Football League bleiben und diesen Sport womöglich voranbringen.

Als Frontmann der Eagles-Bewegung hat Chip Kelly jedoch noch so einiges zu lernen, wie diese Offseason schonungslos offen legte.

18 Kommentare zu “Philadelphia Eagles in der Sezierstunde

  1. Sehr gut analysiert. Ich bin mittlerweile öfter auf dieser Seite als auf Facebook ☺.
    Wenn jetzt noch meine Bears so fachkundig seziert werden bin ich ein noch größerer Fan der Seite.

  2. Hast du Vick mit Tebow verwechselt? Bei Tebow ist wohl davon auszugehen, dass Kelly nur Minimum bezahlt, trotzdem ein merkwürdiger Move.
    Miles Austin zu signen verstehe ich genauso wenig. Verletzungsanfällig und nicht den Hauch eines Maclin-Ersatzes. Aber wer weiss was Kelly im Sinn hat. Ich gehe auch von einer größeren Rolle als Passempfänger bei Zach Ertz aus.
    Bleiben alle RBs gesund, könnten diese die Offense sehr gefährlich machen, Sproles wird vielleicht als Passempfänger noch mehr in ERscheinung treten…?

  3. Ist halt der NFC East Virus, der befällt über kurz oder lang fast alle GM’s. Mal gucken wie lange er braucht um wieder in WAS zuzuschlagen… 😉

    Dem Eindruck eines „Coaches Frontoffice“ schließe ich mich uneingeschränkt ein, wobei ich Kelly auch für so smart halte, dass er auch fix dazulernt und nächstes Jahr etwas anders auftritt.

  4. Hast du Vick mit Tebow verwechselt?

    Warum? Bei Vick ist Kelly gescheitert, bei Tebow steht das Urteil noch aus… (ich könnte das Ergebnis auch vorwegnehmen)

  5. Nene, passt schon. Ich hab nicht aufmerksam genug gelesen. Mein Fehler.

  6. Zum Thema QBs hatte sich Chip letztens bei ESPN geäußert. Seiner Meinung wird Nick Foles die Eagles nie zum SB führen. Um nicht 2-3 Jahre es weiterhin erfolglos zu versuchen (siehe Bengals usw.) und in der 1. Runde Playoffs zu verlieren musste halt ein neuer QB her. Und neue QBs vom Elitekaliber bekommt man halt in der Regel entweder durch hohen Draftpick (Dieses Szenario würde Chip wohl nicht erleben) oder halt durch Trades mit Risiko.

    Insgesamt Boom or Bust. Bin da eher Pro Bradford wegen accuracy INT/Ratio eingestellt. 25+ Punkte werden die Eagles auch weiterhin einfahren. Der Knackpunkt wird halt Defense sein.

  7. Bradford hat trotzdem zwei Probleme:

    – Sein Vertrag ist ein Ausschlusskriterium
    – Er ist in jeder Kategorie unter Foles einzuordnen, v.a. seine Unfähigkeit eines ansatzweise tiefen Balls.

    Wie man Bradford für Foles eintauschen kann und noch obendrein draufzahlt, bleibt ein Mysterium.

  8. „Wie man Bradford für Foles eintauschen kann und noch obendrein draufzahlt, bleibt ein Mysterium.“

    Aber hallo. Bradford war eigentöich bislang nur schlecht. Noch dazu dieser miese Vertrag.

  9. wenn bradford die ersten spiele versagt,werden tebow rufe in philli zu hören sein.

  10. Kein Player hat bei PFF mehr Lorbeeren bekommen als Mathis und immer haben sich alle gefragt, warum (weil man ihm die guten und Peters die schlechten Plays zugeschrieben hat).
    Den Eagles ist er nicht mal eine ernsthafte Vertragsverhandlung wert.

  11. Mathis ist schon einer der wirklich besseren Guards in der NFL, Sein Runblocking kann sich jedenfalls sehen lassen. Aber für einen 34? jährigen Guard ist 5,5 millionen etwas happig. Gehaltskürzung nimmt er nicht, man weiß ja auch nicht wie gut es ihm noch in Philly gefällt. Denke schon daß er für eine Vertragsneuverhandlung noch nen Abnehmer findet. Solide Guards sind immer heißbegehrt in der NFL.

    -Snoopy´s American Football Blog-
    „X´s and O´s“ des American Football
    https://americanfootballsnoopy.wordpress.com/

  12. Die Eagles haben Brandon Boykin für einen 5th-Rounder nach Pittsburgh getraded. Mal abgesehen davon, dass ich mich natürlich freue, aber was denkt sich Chip Kelly eigentlich? Boykin ist einer der besten Slot Corners der NFL und laut PFF auf Platz 19 aller CBs geranked, zudem ist er noch sehr jung und hat Potential. Es ist auch bei Boykin durchgekommen, dass Kelly anscheinend Probleme hat, abweichende Meinungen zu akzeptieren und sich mit Schwierigkeiten/Spielern auseinanderzusetzen.

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