New Orleans Saints in der Sezierstunde

Die letzten 12 Monate der New Orleans Saints muss man immer unter der Prämisse betrachten, die Lesern dieses Blogs bereits bekannt sein dürften: Die Mannschaft hatte 2014 eine letzte ernsthafte Chance auf einen Superbowl-Ansturm, bevor der Kader auseinanderfliegen würde. Der Grund hierfür ist das schlechte Cap-Management von GM Mickey Loomis in den letzten Jahren. Loomis beging dieselben Fehler, die auch in Pittsburgh gemacht wurden: Er hielt zu lange am alternden Kern der Superbowl-Heroen von 2009/10 fest, und merkte mindestens zwei Jahre zu spät, wie kerzengerade man auf die Wand fuhr.

Unter diesen Voraussetzungen machte es letzte Offseason durchaus Sinn, noch ein letztes Mal auf Einkaufstournee zu gehen, wissend, dass spätestens heuer der Hammer zuschlagen würde. Gleichzeitig machte es Loomis in dieser Offseason gar nicht so schlecht. Seine Strategie scheint kein kolossaler Cut wie beispielweise in Oakland zu sein, sondern ein bestimmter und zügiger Umbau über zwei Offseasons.

Einzig der auffälligste Move der Offseason passt nicht so wirklich ins Bild eines smarten General Managers: Der Trade von TE Jimmy Graham, der für einen 1st-Rounder plus C Max Unger nach Seattle verscherbelt wurde. Blenden wir alles vor 2015 Geschehene aus, ist der Move ein sehr guter: Man verkauft einen zwar sportlich wertvollen, aber doch teuren Offense-Spieler für sehr guten Gegenwert, und bekommt im Gegenzug Freiheiten in der Salary-Cap. Aber: Grahams Mega-Vertrag wurde vor nicht einmal 12 Monaten abgeschlossen. Ich tue mir schwer, Loomis in diesem Zug Weitsicht zu unterstellen.

Sei’s drum. Fast jeder Move der Saints-Offseason muss in Zusammenhang mit der Gehaltsstruktur im Kader gesehen werden. Sportlich scheint man sich zu einer Mannschaft wandeln zu wollen, die vom ganz krassen Spread-Passspiel auf eine etwas lauflastigere Philosophie geht.

Das beginnt ganz vorne: In der Offensive Line verramschte man OG Grubbs zu den Chiefs, kaufte im Gegenzug C Unger und im Draft OT Andrus Peat (#13 Pick overall) ein. Das sind zumindest zwei relativ preiswerte angedachte neue Stammspieler… Wobei bei Peat die Frage ist, wo er auflaufen soll: RT Strief gilt als Top-Mann, und auf links gibt es in Terron Armstead einen jungen Mann, mit dem man nicht immer zufrieden war, der aber durchaus Potenzial für eine große Karriere gezeigt haben soll.

Bei den Ballfängern entledigte man sich Grahams und WR Kenny Stills‘ und verzichtete auf große Einkäufe. Man scheint darauf zu vertrauen, dass QB Brees in seinem vielleicht letzten Jahr als Saints-QB mit Leuten wie dem blutjungen Burner WR Brandin Cooks und dem nur noch ächzenden und knatschenden WR Colston durchkommt, und sich aus den Kadertiefen wieder einige Talente zu 50 Catch/600 Yards Saisonen hochspielen.

Bei den Runningbacks gab es das große Goodbye für verdiente Saints wie Pierre Thomas, aber RB Ingram wurde gehalten, und man fand sogar das Geld, um in CJ Spiller einen potenziell sehr gefährlichen Allrounder aus Buffalo zu locken. Die Moves riechen nach verstärktem Fokus auf härteres Laufspiel in nächster Zeit.

QB Brees ist mit seinem monströsen Vertrag (26 Mio. Cap-Space dieses Jahr, 27 Mio. nächstes Jahr) mittlerweile ein kleines Ärgernis im Big Easy geworden. Brees ist eine Legende und der wichtigste Spieler der Franchise-Geschichte, aber der Vertrag, dem man ihm unterschob, ist ein Tribut an den Superbowl-Ring von 2009 – so viel Geld ist selbst Brees nicht wert. Heuer machte es keinen Sinn, ihn zu verkaufen, aber in einem Jahr könnte ein Trade/Cut von Brees Sinn machen, würde New Orleans dann doch 20 Mio. Cap-Space einsparen und könnte schnurstraks in die Zukunft abbiegen.

Der mögliche Nachfolger steht seit dem Draft schon in den Startlöchern: QB Garrett Grayson, der in der 3ten Runde einberufen wurde.


In die Scheiße gerissen wurden die Saints letztes Jahr von ihrer absurden Defense, 2013 noch gelobt, aber 2014 brach das aggressive Konzept von DefCoord Rob Ryan komplett zusammen, auch weil man kein Spielermaterial hatte.

In der 1ten und 2ten Runde Draft holte man sich in LB Stephone Anthony und in Edge Rusher Hauoli Kikaha zwei Abwehr-Talente, in Runde 3 kam in CB P.J. Williams neues Blut für die Secondary dazu. Sie alle werden, wenn sie fit bleiben, schon als Rookies gute Einsatzzeit bekommen, schon allein weil die erste Reihe nur noch durchschnittlich besetzt ist.

Das Personal in der Secondary würde ich immerhin als passabel einstufen: FS Jairus Byrd ist vielleicht nicht der 100% verlässliche Superstar, zu dem er in Bills-Zeiten gehypt wurde, aber er wirkt immer wie einer derjenigen, bei denen seine schiere „Präsenz“ zumindest einige Optionen im gegnerischen Playbook irrelevant werden lässt. Seine Safety-Kollege Vaccaro, 2013 als Rookie zum neuen Ankermann erkoren, muss beweisen, dass sein absurdes 2014er Jahr ein Ausreißer nach unten war.

Auf Cornerback hat man in Keenan Lewis zumindest schon mal einen Mann für gehobene Ansprüche. Dahinter wurde CB Browner aus New England geholt, ein Mann mit vielen Strafen, aber zumindest eine physische Präsenz. Dazu kommen Rookie Williams, oder Talente wie Jean-Baptiste oder Kyle Wilson (der bei den Jets den Durchbruch verpasste).

Stehen und fallen wird bei den Saints für 2014 alles mit der Beantwortung der Frage, wie die Defense Pass Rush generieren kann. Schafft sie das mit modifiziertem Personal (verbesserte Deckung kann einem Pass Rush auch helfen), kann das in der NFC South schon ausreichen, dass man den zu erwartenden Effizienz-Abfall in der Offense auffangen kann und sich für die Playoffs qualifiziert.

Längerfristig gedacht könnte 2015 aber das letzte Halali für die Legende Brees sein – weil man sich auf zirka 50% des notwendigen Kader-Umbaus befindet. Die Saints scheinen aber zumindest ohne kompletten Abriss und Neubau durchzukommen.

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12 Kommentare zu “New Orleans Saints in der Sezierstunde

  1. Starke Zusammenfassung der Saints Situation. Angenehm daß Du ohne die oft ahnungslose Überkritik der Presse und ohne dem erfolgsverwöhnten rosaroten Brillenblick der Fans auskommst.

    Denke auch daß dieser kontrollierte Umbau 2015 und 2016 zu Records zwischen 7-9 und 11-5 führen kann, und die Saints so kompetitiv bleiben.

    Gespannt darf man auf die Combo Brees-Spiller sein, die ähnlich wie damals 2008 mit Bush, oder 2011 mit Sproles einiges an Yards und Unberechenbarkeit produzieren kann.

    Der Wegfall von Graham ist natürlich ein Verlust, aber bei weitem nicht so massiv wie in manchen Medienberichten behauptet.
    Seit 2006 war man eigentlich nur einmal keine Top Ten Offense, und in diesen letzten 9 Jahren war mal sogar 5x 1st Overall Offense.
    Und Leute wie Joe Horn, Deuce McAllister, Reggie Bush, Darren Sproles, Jeremy Shockey, Lance Moore und Robert Meachem sind alle gekommen und gegangen und die Offense blieb produktiv, grade weil sie nicht auf einigen wenigen 1000y Receivern aufgebaut ist sondern die Last auf das gesamte Corps verteilt.

    Hoffe sehr daß Rob Ryan es schafft die Defense wieder an die Leistung 2013 heranzuführen. Dann werden die Sainst Spiele zumindet mehr Spaß machen als bei vielen anderen Rebuild Kanidaten die Regel ist.

    -Snoopy´s American Football Blog-
    „X´s and O´s des American Football“
    https://americanfootballsnoopy.wordpress.com/

  2. Grundkonzept einer Spread Offense ist es, dass Feld für die Defense möglichst weit zu machen. => Jeder Defense Spieler muss also mehr Raum covern, was potenziell zu mehr Erfolg führt.
    In der Praxis läuft dies häufig auf mehrere Reciever raus; musss es aber nicht zwingend

  3. Exzellente Analyse!! In dieser Saison kann es für die Saints in alle Richtungen gehen, im schlechtesten Fall sehe ich eine 6-10 Saison, im besten Fall eine 11-5 Saison. Die NFC South ist dieses Jahr weit offen, einzig die Bucs sehe ich bissl hinten, aber in guter alter NFC South Tradition müsste das eigentlich bedeuten, dass sie die Division gewinnen 😉
    Einer der großen Schwachpunkte, der zu wenig Beachtung fand letztes Jahr, war die O-Line – die scheint nun besser aufgestellt, abzuwarten bleibt ob Lelito die Guard Position wirklich ausfüllt.
    Die Offensive ist auch ohne Graham, gerade durch die Wild Card Spiller sicher in jedem Spiel für mindestens 21-24 Punkte gut. Entscheidend wird sein wie schnell Ryan, die aus meiner Sicht klugen Linebacker/End Draftpicks in seinen Plan einbauen kann und wie schnell sie auch liefern. Kikaha hat das Zeug um in aus dieser Draftklasse heraus zu stechen!
    Ein WildCard Playoff Platz würde mich in dieser Saison zufriedenstellen

  4. Re: Spread Offense
    Die “Air Raid” Version der Spread-Offense ist passlastig, aber man sollte die Spread-Offense nicht auf Passspiel reduzieren.

    Gerade in den letzten Jahren gab es massiv viele Spread-Offense Systeme, die vor allem auf Läufe und Options/Triple Options gebaut haben -> beispielsweise Coaches wie Rich Rodriguez bei West Virginia oder Michigan, Urban Meyer bei Utah, Florida und jetzt Ohio State oder aber auch die komplette Oregon-Offense und sogar die Offense von Nevada unter Chris Ault, die allesamt Spread spielen, aber vergleichsweise selten werfen.

  5. Völlig Richtig korsakoff, aber diese Varianten nennt man ja dann auch Spread Option Offense um sie von der „normalen“ Spread zu unterscheiden
    Air Raid treibt das Prinzip der Spread natürlich auf die Spitze.

    Ist aber unterm Strich alles eine Frage der Definition, und da gibts viele verschiedene richtige Meinungen.
    Im Bezug auf die Saints wird wohl jedem Deiner Leser einigermaßen klar sein was damit jetzt gemeint war 🙂

  6. „Trade von TE Jimmy Graham, der für einen 1st-Rounder plus C Max Unger nach Seattle verscherbelt wurde“

    Wieso spricht man bei diesem Trade von verscherbelt ? Ist ein TE mehr Wert als ein C ? Ich versteh diese Sichtweise nicht ganz.
    Liegt es vielleicht an der Tatsache das ich gar keine bis kaum Erfahrungen über Football habe/besitze oder ist diese Aussage mehr als objektive Meinung zu sehen ?

    Kann mir bitte jemand erklären?

  7. Die Wertigkeit von Spielern ist immer schwer zu vergleichen. Natürlich gehört Unger zu den absoluten Top Center der Liga, aber ein Tight End wie Jimmy Graham gehört halt zu den ballberührenden Spielern auf dem Feld und wird so vom Einfluss auf das Spiel natürlich höher geschätzt.
    Unterm Strich haben solche Trades immer einen sportlichen und finanziellen Aspekt, nach ein oder zwei Saisons kann man ernsthaft darüber urteilen wie clever ein Move war.

    -Snoopy´s American Football BLog-
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