Oakland Raiders in der Sezierstunde

Die Oakland Raiders bleiben auch Jahre nach dem Ableben von Übervater Al Davis eine der unkonventionellsten Franchises in der National Football League. Nicht nur, dass über der Franchise eine Wolke der Unsicherheit schwebt, was einen möglichen Ortswechsel nach Los Angeles oder einen Besitzertausch mit St Louis angeht, nein auch das sportliche Herangehen bei den Raiders bleibt gemessen am Liga-Standard etwas eigen.

Der Mann im Zentrum bei den Raiders bleibt GM Reggie McKenzie, der der Franchise seinen Stempel aufgedrückt hat. Wo man aber den „Stempel“ noch vor zwei Jahren, als McKenzie mit der Mistgabel ausrückte um den katastrophalen Kader-Zustand (Stichwort „dead money“) zu sanieren, noch unzweifelhaft als positiv angesehen hat, fragt man sich mittlerweile ob McKenzies Herangehensweise, ob der Mann überhaupt noch eine weitere Offseason 2016 sieht.

In aller Kürze: McKenzies oberste Priorität im Verpflichten neuer Spieler ist „Cap-Flexibilität“. McKenzie vermeidet auf Teufel komm raus größere Handgelder für seine Spielerverpflichtungen. Damit vermeidet McKenzie, dass sich der Kader wieder alsbald in einem Zustand wie nach der Davis-Zeit befindet. Damit wahrt McKenzie Offseason für Offseason einen sehr guten Salary-Cap Zustand seiner Franchise (man ist aktuell zum Beispiel 20 Mio. unter der Cap und könnte dank der Vertragsstrukturen ohne viel Dead-Money im nächsten Jahr weitere Dutzende Millionen generieren).

Die Kehrseite der Medaille ist aber, dass sich bei dieser Strategie kein großer Name für die Raiders interessiert, denn jeder Agent will in der heutigen NFL zu allererst eines: Großes Handgeld für seine Klienten. Zweite Kehrseite: Die 1B-Garnitur (bzw. zweite oder dritte Garnitur) bekommst du auch nur überbezahlt, denn wer kein fettes Handgeld bekommt, will wenigstens mit einer Portion Grundgehalt entlohnt werden.

Das Resultat ist ein Kader, der aus einer Handvoll vielversprechender Rookies und zwei Handvoll alternden Durchschnittskickern kurz vor ihrer Pensionierung besteht – wobei die Rookies nur darauf warten, groß abzucashen, und die Alten zu teuer eingekauft werden müssen und mehr an ihren Ruhestand denn Siege und Zukunftsvisionen denken. Und: Weil die Alten Jahr für Jahr durchgetauscht werden, gibt es jedes Jahr für Turnover im Kader – da kann der Controller mal eine Kaderumschlagshäufigkeit als neuen KPI einführen.

Letztes Jahr kaufte McKenzie u.a. Leute wie Woodley, Schaub, Jones-Drew, Smith, Rogers oder Brown ein – sie alle gehören schon jetzt nicht mehr dem Kader an. Heuer sind die Glücklichen Leute wie RB Trent Richardson (in Cleveland und Indianapolis schwer gefloppt), FS Nate Allen (permanentes Verletzungsrisiko), WR Michael Crabtree (in San Francisco nach Achillessehnenriss abgetaucht), LB Malcolm Smith (bis auf den Super-Bowl MVP nix gewesen) oder LB Curtis Lofton.

Um fair zu sein: McKenzie spendierte immerhin drei gutklassigen jungen Leuten kurz vor ihrer Blüte ein paar Millionen Grundgehalt mit dem Ziel, sie längerfristig in Oakland zu behalten: C Rod Hudson aus Kansas City, DT Dan Williams aus Arizona und RB Roy Helu aus Washington. Sie sind die einzigen Einkäufe, bei denen du sicher davon ausgehen kannst, dass sie 2016 noch in Raiders-Trikot auflaufen werden.


Es wirkt so, als ob sich McKenzie ein letztes Jahr der Evaluierung gönnt – nun, im dritten „echten“ Jahr als General Manager, wo „seine“ Draftklassen der letzten Jahre nun erstmals eine legitime Chance bekommen – bevor 2016 eine echte Chance auf einen Durchbruch nach vorn bietet.

Die Trainer-Entscheidung finde ich durchaus nicht grundübel: Jack Del Rio, einst Headcoach in Jacksonville und DefCoord bei Carolina und Denver (jeweils unter John Fox), wird als neuer Cheftrainer installiert.

Del Rio ist kein glamouröser Mann der großen Worte, aber wenn er es schafft, das Team in den nächsten 1-2 Saisons mit limitiertem Spielermaterial in Sphären von – sagen wir – sieben bis neun Siege zu führen (durchaus nicht auszuschließen in einer Division, in der Peyton Manning nimmer lange machen wird und San Diego auseinanderzufallen droht), ist Oakland vermutlich besser dran als mit einem „heißen“ jungen Nachwuchsstar, der wie einst Kiffin oder Cable in hellen Flammen aufgeht.

Del Rio – die Durchgangslösung der Raiders auf dem Weg nach oben? Konsolidierung im Liga-Mittelfeld, um in zwei Jahren den Angriff nach oben anzugehen?


McKenzie knüpft seine Zukunft aber nicht nur an Del Rio, sondern auch und vor allem an die Entwicklung vom jungen QB Derek Carr, 2014 als Rookie eine interessante Gestalt. Fakt ist: Carr führte mit 5.0 NY/A die zweit-ineffizienteste Pass-Offense der Liga an und gehörte zu den Quarterbacks mit den kürzesten Pässen.

Seine Verteidiger sagen nun, mit dem Raiders-Personal sieht jeder junge QB schlecht aus. Auf der anderen Seite gibt es nur wenige historische Beispiele, in denen Quarterbacks nach derart wenig rentablen Rookie-Jahren den Durchbruch zu einem höherklassigen Quarterback geschafft haben.

Erster Move der Raiders im Draft 2015: An #4 wurde WR Amari Cooper aus Alabama einberufen, unisono als Mann der präzisen Routen und fangsicheres Ziel gepriesen. Call me not convinced. Es gibt auch hier kaum Beispiele aus den NFL-Annalen, in denen ein Wide Receiver einen Quarterback sichtlich besser gemacht hat. Selbst die besten von ihnen – Kategorie Calvin Johnson, Randy Moss oder Terrell Owens – hatten bestenfalls nur leichte Verbesserungen bewirkt.

Die Frage ist, ob Oakland nicht besser woanders, zum Beispiel in den Lines, investiert hätte. Einen DL Leonard Williams sah man beispielsweise weithin als besten Mann im Draft. Aber McKenzie wollte wohl kein dritte Jahr en suite hohe Picks in die Defense investieren.

So wird die Combo Cooper / Crabtree plus 3rd-Rounder TE Clive Walford schon im jeweils ersten Jahr in die Pflicht genommen, QB Carr eine gescheite Receiver-Combo zu sein und dem jungen QB zu helfen, NFL-Standard zu erreichen.


In der Defense berief McKenzie DE Mario Edwards in Runde zwei ein, ein Move, den ebenso nicht alle goutierten. Edwards kommt von der Florida State University, galt aber längst nicht als reifstes Produkt – und er soll Motivationsprobleme haben. Rein im Vakuum betrachtet ist es aber nie eine schlechte Idee, Pfeffer für die Anspiellinie zu verpflichten – und so kann sich die Front-Seven in Oakland mittlerweile sehen lassen.

Der Superstar ist OLB Khalil Mack, der zwar nicht den Preis als Defense-Rookie des Jahres kassierte, aber allem Anschein nach alle in ihn gesteckten Erwartungen als Rookie erfüllen konnte und schon jetzt als großer Stern der Zukunft gefeiert wird. Mack und der Altstar DL Tuck werden hauptverantwortlich für den Passrush in Oakland sein, wohingegen Ankermann Dan Williams den Nose Tackle / Defense Tackle geben wird.

Die Linebacker bestehen aus einer Serie an Durchgangsstationen wie Moore, Armstrong oder eben die eingekauften Lofton und Smith.

In der Secondary ist die große Hoffnung, dass CB D.J. Hayden auf seine Form der letzten Wochen 2014 aufbauen kann; Hayden galt 2013 nach Wunderheilung als Wunder-CB der Draftklasse, hatte dann in den ersten beiden Jahren Eingewöhnungsprobleme und viele Verletzungssorgen – aber die zuletzt gezeigten Ansätze sind vielversprechend, glaubt man den Experten.

Trotzdem ist immer skeptisch zu bleiben, wenn ein 38jähriger Charles Woodson noch immer einen Stammspieler auf Safety geben soll.


McKenzie geht mit seiner Politik der kleinen Schritte einen eher selbstlosen Weg. Langfristig gesehen sind seine Moves alle verständlich, und auch dass 2015 als vermeintlich letztes Jahr der Evaluierung verkauft wird, kann den Raiders a lungo termine nur helfen.

Sollte sich der junge Kern um Carr, Mack und Hayden in der anstehenden Saison beweisen und hoffnungsvolle Resultate einfahren, sind die Raiders in 10 Monaten in einer hervorragenden Position, auf große Einkaufstournee zu gehen – wissend um ihren sehr guten Nukleus und ihre ausgezeichnete Salary-Cap Position.

Sollte es aber – und das ist bei der Kaderzusammenstellung durchaus zu befürchten – erneut eine harzige Saison der Güteklasse 3-5 Siege geben, ist eine Rasur McKenzies im Jänner zu erwarten. Insofern geht McKenzie mit seiner Strategie einen Pakt mit vor allem Carr ein – die Entwicklung des Quarterbacks ist lebenswichtig für den weiteren Verbleib des General Managers in Oakland.

8 thoughts on “Oakland Raiders in der Sezierstunde

  1. Ich sehe in Oakland schon Potential für eine 8-8 oder 9-7 Saison. Natürlich muss dafür einiges stimmig ablaufen 2015, aber ich halte die Raiders für die hellste der jetzigen NFL Graupen.

    Habe mir 2014 so 4 bis 5 Spiele von Carr angeschaut und halte ihn ebenfalls für einen talentierten QB mit es zumindest Sinn macht es einige Jahre zu probieren. Accuracy und Spielübersicht ist gut, die schlechten Durchschnittwerte seines Passpiels liegen teilweise auch an dem für Rookies verständlichen Tendezen zu oft die Check Down Route zu bedienen. VIelleicht sind da Leute wie Cooper oder Crabtree eine kleine Hilfe zukünftig Anspielstationen zu finden (Das WR Corps der Raiders 2014 war furchtbar).
    LB Mack ist nach „Pro Football Focus“ Kriterien mit das beste was letztes Jahr auf der Linebacker Position rumgelaufen ist und die Einschätzung teile ich.

    Unterm Strich triffst Du den Nagel jedoch auf den Kopf; 2015 kann für die Raiders und im speziellen für McKenzie in beide Richtungen gehen und es ist schwer einzuschätzen in welche es laufen wird.

    -Snoopys American Football Blog-
    „X´s and O´s des American Football“
    https://americanfootballsnoopy.wordpress.com/

  2. Der Punkt ist ja, dass die Pässe gegen die Blitz entweder zumeist „Hot“ sind und der Raumgewinn durch YAC in der Man-Coverage entsteht, oder etwas „schlechter“. Bei einem schlechten Reciving-Core gibt es kaum YAC. Und wenn dann noch 5,42% der Pässe fallen gelassen werden (Nach Jaguars, Chiefs und Colts der 4. schlechteste Wert) wird es insbesondere ohne Laufspiel. Zum mal der beste WR irgendwann auch noch auf die IR gewandert ist. Wer sich das Spiel gegen Kansas anguckt, wird alles sehen, was man von einem 2. Runden-Pick mit schlechten Recivern in seiner Rookie-Season erwartet.

    Ich glaube, dass Tuck einen Edwards, welcher in der UNI teilweise 40 Pfund zu schwer gespielt hat, definitiv motivieren kann. MMn weniger Risiko als Gregory.

    Und mit Helu und T-Rich sowie Murray gibt es jetzt vielleicht auch mal ein Laufspiel zur Unterstützung.

  3. @Panthers: Natürlich sah Carr 2014 nicht wie ein kommender Hall of Famer aus, aber eine „against the blitz“ Statistik gegen einen Rookie NFL QB aufzufahren ist auch etwas gemein😉
    Grade in den Situationen tut man sich auf der Postition in den ersten Jahren schwer.
    Oakland steht meiner Meinung nach mit Carr auf der QB Position aber besser dar als z.b. die Browns, Bills, Jets, Jaguars usw.

    -Snoopys American Football Blog-
    „X´s and O´s des American Football“
    https://americanfootballsnoopy.wordpress.com/

  4. Ich habe mich zugegebener Maßen nicht groß mit Carr beschäftigt. und bin zu kurze Zeit beim Football dabei, um mir Prognosen zu entwicklungen zuzutrauen.
    Mir war eben die PFF Statistik (die ja auch ein vs. no Blitz beinhaltet) ins Auge gefallen im Hinblick auf den letzjährigen Draft => als Blake Bortles auf einmal gehypt wurde und Teddy Bridgewater nach unten viel, während hier das ganze eben anders gesehen wurde. Und da fand ich es schon auffällig, das Bortles katastrophal nach unten fällt, Brigewater ohne Blitz richtig gut und mit blitz in Ordnung ist und carr dann eben doch eher im unteren Mittelfeld herumkrebst.

  5. Wobei Du daß mMn mit Bortles und Bridgewater sehr gut erkannt hast. Das Teddy soweit fiel überraschte mich damals schon, weil der ebenfalls das Zeug hat ein sehr solider QB NFL zu werden.

  6. Pingback: Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Kellerkinder | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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