Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

Ende einer großen Ära in Pittsburgh: 2015 wird das erste Mal seit über einem Jahrzehnt sein, in der die Steelers ohne den legendären DefCoord Dick LeBeau in eine Saison gehen werden. LeBeau, 77 Lenzen auf dem Buckel, trat nach der schlechtesten Saison für eine Steelers-Defense seit minimum 25 Jahren zurück und verabschiedete sich gen Tennessee.

Dass wir eine LeBeau-Defense erleben werden, die im Power-Ranking den sagenhaften 31ten Platz belegt, hätte ich auch nicht erwartet, auch wenn die Zeichen in den letzten Jahren doch recht konstant und recht deutlich südwärts gezeigt haben. Die Steelers sind mittlerweile ein Offensiv-Team (#4 Offense, mit 7.4 NY/A die zweitbeste Pass-Offense), was für eine 11-5 Bilanz und Divisionssieg in der NFC North reichte, in den Playoffs aber zum recht sang- und klanglosen Aus gegen Erzfeind Baltimore führte.

Zurück zu LeBeau, dem Mastermind hinter der epischen 2008er Steelers-Defense, dem NFL-Kreator des Zone-Blitz, dem Mann, der seit Jahrzehnten für geballte Defense-Kompetenz steht. Der Blick auf das Alter lässt vermuten, dass beim Greis LeBeau Alterserscheinungen eingesetzt haben – aber tatsächlich soll es eher so gewesen sein, dass LeBeaus extrem kompliziertes Playbook von der jüngeren Generation schlicht nicht mehr verstanden wurde.

Es mag ein glücklicher Zufall gewesen sein, dass LeBeau im letzten Jahrzehnt in Polamalu, Farrior, Harrison, Porter, Timmons, Hampton, Taylor und einigen mehr schlicht eine goldene Spielergeneration betreuen durfte, die in Symbiose mit einem massiven Playbook („Blitzburgh“) aus eins und eins eben drei machte.

Fakt ist: Auch nach 2008 wurde in Pittsburgh über die Jahre konstant Jugend in der Abwehr gedraftet, aber die vielen Spunde schafften nie den Durchbruch, weil sie das System nicht verstande. Folge: LeBeau musste stets und immer weiter auf die Alten bauen. Der Kader alterte, überteuerte, stumpfte ab. Nun die Rasur. Nun der Cut. Neben LeBeau hat auch Safety-Legende Troy Polamalu den Rücktritt eingereicht.


Als neuer DefCoord übernimmt Keith Butler, seit vielen Jahren Linebacker-Coach in Pittsburgh. Auch von Headcoach Mike Tomlin erwartet man sich künftig wieder mehr Einbindung im Tagesgeschäft, was das Defense-Playbook angeht.

Das Spielermaterial ist relativ unerfahren. ILB Lawrence Timmons ist der einzige verbleibende Starter vom letzten Superbowl-Besuch der Steelers 2010/11. Vor Timmons besteht die Drei-Mann Defense Line aus ziemlich grünschnäbeligen Leuten: DE Cameron Hayward (2011er Klasse) ist der Erfahrenste der Stammspieler. Neben ihm sollen blutjunge Leute wie NT Dan McCullers, DT Steve McLendon oder DE Stephen Tuitt den Laden zusammenhalten. Sie alle sind es noch nicht gewohnt, den Großteil einer Saison durchzuspielen.

Für die Flanken, die zuletzt für so wenig Punch gesorgt haben, kam über den NFL Draft Edge-Rusher Bud Dupree in der 1ten Runde. Dupree gilt als athletischer Freak, soll aber völlig ungeschliffen sein. Damit ist Dupree so ziemlich das Gegenteil von ER Jarvis Jones, der vor zwei Jahren mit Pauken und Trompeten in der 1ten Runde gedraftet wurde, aber bislang als krasse Enttäuschung gilt. Jones, am College ein super-dominanter Spieler, gilt als technisch feiner Mann, aber zu wenig Punch für die NFL. Resultat: Nur 3 Sacks in zwei Jahren. Wenn Dupree keine Drohansage in Richtung Jones war, weiß ich auch net mehr.

Jones wird vermutlich trotzdem Spielzeit bekommen, weil der beste Passrusher der letzten Saison – Jason Worilds – überraschend mit 26 Jahren seinen Rücktritt einreichte: Sorge um die Gesundheit. Einen Worilds hätte man gewiss gut gebrauchen können. Als potenzieller Ergänzungsspieler wurde wohl deshalb Miamis DE Chickillo im Draft geholt – ein Mann, den etliche als durchaus interessante Personalie einstufen.

Gesattelt dürfte man in Pittsburgh auf Inside Linebacker sein: Neben Timmons soll der letztes Jahr gedraftete LB Ryan Shazier auflaufen, ein furioser Tackler gegen den Lauf. Shazier galt als Rookie nicht wirklich als geschliffener Spieler, soll aber fantastische Ansätze gezeigt haben.

Sorgen macht das Defensive Backfield, wo man in Polamalu und CB Taylor die letzten beiden Mohikaner verlor. Angesichts des Personals überrascht es durchaus, dass GM Colbert nicht mit mehr Nachdruck die schwächste Unit der Mannschaft verstärkte. 7.1 NY/A (#29 der Liga) und wenig Upgrades – hier könnte sich die Sollbruchstelle auch 2015 aufmachen.

CB Senquez Golson wurde in der 2ten Runde geholt. Er kommt in eine Secondary, wo CB Cortez Allen und Slot-CB William Gay die Ankermänner geben sollen. Auf Safety scheint man darauf zu vertrauen, dass der 25-Millionen Mann Mike Mitchell noch einmal ein Zufallsjahr wie 2013 zustande bringt. Oder dass Rookie-FS Gerod Holliman aus der 7ten Runde das Tackling lernt. Vielleicht ist auch der Mann, der 2014 exakt drei Snaps mehr spielte als korsakoff, Shamarko Thomas, die Antwort, die jetzt noch keiner vermutet.


In der Offense scheinen sich QB Big Ben Roethlisberger und OffCoord Todd Haley zusammengerauft zu haben. Roethlisberger erlebte 2014 sein bestes Profijahr, aber mit über 30 und einer endlosen Verletzungsgeschichte sollte man bei Roethlisberger vielleicht nicht darauf vertrauen, dass er nochmal einen Scheit drauflegen kann. Sollte er annähernd seinen Level halten können, dürfte das für die Steelers schon ein Riesending sein.

Immerhin hat Roethlisberger zum ersten Mal seit Äonen eine Offensive Line, auf die er vertrauen kann. LT Beachum, LG Foster, C Pouncey, RG DeCastro und RT Gilbert gelten als beste Blocker-Gruppe, die Pittsburgh seit über einem Jahrzehnt gesehen hat. Entsprechend wurden in der Offseason keine Änderungen am Personal vorgenommen. Dass Roethlisberger trotzdem 39 Sacks einstecken musste, ist natürlich auch seinem manchmal zu zögerlichen Spielstil zu verdanken, da kannst du der Offensive Line keinen Strick drehen.

Auch WR Antonio Brown wird sich schwer tun, sein sensationelles 2014er Jahr zu wiederholen: 138 Catches, 1813yds, 13 Touchdowns. 27% tiefe Anspiele, 30% der Anspiele der Steelers gesehen – mehr kannst du von einem Einzelspieler in der NFL nicht verlangen.

Brown wird umso mehr in den Fokus der Offense rücken, weil RB LeVeon Bell (über 2100yds in 370 Ballberührungen und 11 TD) den Saisonstart mit Drogensperre verpassen wird. Bells letzte Saison war eine der wenigen eines zeitgenössischen Runningbacks, bei denen du mit Fug und Recht behaupten kannst, er hat die Offense wirklich vorangebracht: 2.05 WPA, 61 EPA – Werte, die der sehr fangstarke Bell einfuhr und den Rest der Liga pulverisierten.

Hinter Bell wird der Depth-Chart schnell schmal. Entweder das Fliegengewicht Archer oder der 32jährige Methusalem DeAngelo Williams werden ihn zuerst ersetzen und dann entlasten müssen. Auf Wide Receiver ergänzte man via Draft in der 3ten Runde Sammie Coates aus Auburn zu einem Kern, der hinter Brown, TE Miller, dem jungen WR Wheaton und Deep-Threat Bryant (49% tiefe Anspiele) in den Mixer soll.


In der sehr gutklassig besetzten AFC North wird es für Pittsburgh mit diesem Riesenknackpunkt Defense nicht einfach, die Divisionskrone zu verteidigen. Ich kann mir Szenarien ausmalen, in der ein verschlanktes Playbook zu besseren Resultaten als 2014 führt, aber auf der anderen Seite ist von dem Dreigestirn in der Offense jetzt auch nicht unbedingt zu erwarten, dass sie ihren Level halten kann.

Die Secondary ist und bleibt ein Riesenfass und dass die eher dünn besetzte Defensive Line eine ganze Saison durchhalten kann, muss auch erst einmal bewiesen werden. Es gibt insgesamt auch einige Anzeichen, dass die 11-5 Saison 2014 die Steelers überschätzte (Pythagorean von 9.7 Siegen), weswegen ich von einer Regression zur Mitte bei den Steelers ausgehen würde.

2 thoughts on “Pittsburgh Steelers in der Sezierstunde

  1. Finde als Steelers Fan die Analyse ziemlich gelungen, auch was Dick LeBeau angeht. Er war und ist ohne Zweifel eine Legende, aber am Ende muss man auch seine Defense an die Spieler anpassen und du hast halt nicht immer einen Hampton, der 2 Mann aus dem Spiel nimmt, einen Farrior und Timmons die perfekt harmonieren, einen Polamalu, der zu Hochzeiten einfach unfassbar war oder eine Maschine wie Harrison, vor dem sich der Gegner schon vor dem ersten Snap in die Hose macht. Dazu waren halt auch der Rest mindestens sehr gut mit ProBowl Potential (bis auf die Corners, außer Taylor). Die letzten Jahre hatte man in der Defense einfach Verletzungsprobleme und war echt mies aufgestellt (klassische Übergangsjahre). Allerdings sehe ich die nächsten Jahre eine gute Defense heranwachsen, da Heyward schon letzte Saison überragend war, Tuitt, als er die letzten Spiele starten durfte, schon richtig starke Ansätze zeigte, wie auch Ryan Shazier. Dazu hat man noch McCullers auf NT, der ein Berg von einem Mann ist und ebenfalls schon geflasht hat, zum Ende der letzten Saison. OLB hat man mit Dupree und Moats die linke Seite ordentlich besetzt und auf rechts hat man ein kleines Fragezeichen, da Jones bis jetzt noch nicht so viel gezeigt hat (zur Ehrenrettung: er war letztes Jahr am Anfang stark verbessert mit 2 Sacks und einem FF in den ersten 2 1/2 Spielen, doch dann hat er sich die Hand zerschossen). Aber da läuft halt auch noch Harrison rum, der ein Phänomen ist und an guten Tagen immer noch zu den besten OLB gehört die rumlaufen, man muss ihn halt dosiert einsetzen. Secondary weiß keiner so recht wie sich alle machen werden. Kann zwischen positiver Überraschung und Vollkatastrophe alles passieren. Alles in allem haben die Steelers viele sehr vielversprechende junge Leute und wenn es bei einigen davon klickt, könnte es schon bald wieder eine sehr gute Defense sein. Wenn nicht…

  2. Pingback: Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Kronprinzen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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