Tennessee Titans in der Sezierstunde

Die Tennessee Titans gelten seit einigen Jahren als gesichtsloseste Franchise ist in der NFL, was nicht zuletzt an der wenig greifbaren Ära von Mike Munchak („We are going to run to win“) und jahrelangem Herumkrebsen im Liga-Mittelmaß liegt. Unter dieser Prämisse war die 2-14 Debütsaison von Head Coach Ken Whisenhunt sogar sowas wie ein Erreger von Aufmerksamkeit, mehr als die letzten fünf Titans-Jahre zusammen.

2-14 bedeutet aber auch gleichzeitig die Chance auf den Neuaufbau, und so langweilig die Mannschaft daherkommt, so hat sie bei genauerem Betrachten durchaus einige Ingredienzien bereits im Kader: In keiner Effizienz-Statistik war man absurd schwach, mit 6.1 NY/A in der Pass-Offense war man beispielsweise nahe am Liga-Mittelfeld, und auch in der Defense sind keine katastrophalen Schwachstellen zu verzeichnen. Die Pythagoreische Erwartung von 3.3 Siegen ist nicht gut, aber ein Zeichen für eine sofortige Verbesserung der Bilanz, und 1-4 in engen Spielen deutet ebenso auf einen etwas unglücklichen Saisonverlauf hin.

Der Heilsbringer

Tennessee zog im Draft an #2 eine Position hinter den Titans, und so viel wie im Vorfeld über Trades und Picks gemunkelt wurde, so langweilig war letztendlich die Wahl von Tennessee: QB Marcus Mariota, der angedachte neue Heilsbringer auf der wichtigsten Football-Position. Mariota ist der Mann, der den Titans quasi per Knopfdruck wieder eine Identität gibt – noch nicht mit seinem Spiel, aber zumindest vom Star-Potenzial her.

Mariota ist kein Lautsprecher und kein glamouröser Typ, aber allein die von ihm hinterlassenen Impressionen dieser Glitzer-Offense von Oregon lassen die Fans sabbeln. Sein Trikot mit der #8 ist seit seiner Einberufung ein Verkaufshit, und man erwartet sich wahre Wunderdinge von dem laufstarken Mariota.

Aus sportlicher Sicht ist aber viel, viel interessanter, wie Mariota in die Offense eingebaut wird. Da wären zwei Dinge, die aus philosophischer Sicht zu beachten sind: Ken Whisenhunt und die Offense, die in vielen Facetten eigentlich als Lauf-Offense konzipiert wurde.

Das erste ist Whisenhunt, der keine gute Vergangenheit mit jungen Quarterbacks hat. Sein Verkaufsschlager ist nach wie vor Ben Roethlisberger, aber hernach flogen in Arizona die Flops wie die Fliegen. Wie Whisenhunt in Tennessee mit Mariota zu Werke gehen wird, ist eine der spannenden Fragen der Saison.

Mariota gilt durchaus nicht als profi-reifster Spieler. Er kommt aus einer Spread-Offense, und Spread-QBs hatten in den letzten Jahren fast durchwegs am Übergang zur NFL zu knabbern. Eric Stoner hat eine sehr famose Analyse zu Mariota verfasst, der man nicht viel hinzufügen muss. Quintessenz aus dem Artikel: Mariota sollte nicht zu schnell mit zu vielen Aufgaben bedacht werden, andernfalls riskiert man ein Verbrennen dieses Talents.

Es ist nicht auszuschließen, dass der letztes Jahr in der 6ten Runde gedraftete QB Zach Mettenberger dieses Jahr auch noch seine Chancen bekommen wird, aber im Normalfall ist davon auszugehen, dass Mariota in Tennessee recht schnell Der Mann sein wird.


Das Personal um den Quarterback herum wurde in den Munchak-Jahren eher lauf-orientiert zusammengestellt, was den Titans zuletzt um die Ohren flog. Immerhin hat man junges Talent in der Offensive Line im Kader. LT Taylor Lewan galt in seinen zirka 350 Snaps als Rookie durchaus als Versprechen und soll aus seinen anfänglichen Patzern schnell gelernt haben; nach dem Rücktritt des jahrelangen Ankermanns Roos wird er der neue Blindside-Bewacher von Mariota/Mettenberger sein.

Auf den Guard-Positionen gibt es in Levitre und Chance Warmack zwei hoch bepreiste Optionen. Levitre konnte seine Versprechen noch nicht alle einhalten, gilt aber auf der Höhe als einer der besten Guards in der Liga. Warmack ist ein klassischer Bulldozer, der zu 90% für Laufspiel gemacht ist. Er kam 2013 in der ersten Runde des Drafts, soll aber einen harzigen Einstand in der Liga gehabt haben und nicht zu Whisenhunts Favoriten zählen.

Auf Center soll der jungen Brian Schwenke übernehmen, auf der rechten Tackle-Position dürfte es ein Rennen zwischen dem Rookie Poutasi (3te Runde) und den nur leicht erfahreneren Byron Bell/Byron Stingily werden.

Auf Runningback war man zuletzt extrem ineffizient besetzt. RB Bishop Sankey war als Rookie mit 569yds (3.7yds/Carry) der beste, was alles aussagt. Auf dem Blatt die Nummer eins dürfte Shonn Greene bleiben, der noch nie eine echte Führungsrolle einnehmen konnte. Vermutlich wird deshalb der Rookie David Cobb (5te Runde) in seiner Debütsaison schon etliche Carries bekommen. Cobb gilt als wuchtiger Back, der aber nur den direkten Weg kennt und ohne gute Offensive Line aufgeschmissen ist.

Problematisch ist auch die Entwicklung im Corp der Ballfänger. WR Kendall Wright gilt als einer der besseren Slot-WR der Liga, hatte aber keinen guten Einstand unter Whisenhunt (64 Catches in 2014, über 90 in 2013). Whisenhunt designt seine Offense für gewöhnlich so, dass sie eine Defense an vordefinierten Punkten angreifen soll, weswegen der Coach extremsten Wert auf präzise WR-Routen legt – und Wright soll diesbezüglich ein bissl zu viel als Freelancer unterwegs gewesen sein, mal hie ein Yard zu früh abgebogen, mal dort ein paar Meter zu lasch durchgezogen. Das hasst der Coach – doch man scheint Wright mangels Alternativen noch zu vertrauen.

Justin Hunter – auch ein junger Mann wie Wright – ist ein anders gelagerter Fall. Hunter hat physisch alle Tools zum Top-Wideout, ist aber mit Butterfingern ausgestattet und lässt sogar unbedrängt mehr als die Hälfte seiner Anspiele fallen. Vor Beginn der Offseason hat man gesagt, was die Titans auf WR anstellen ist eine Indikation dafür wie sehr man Hunter noch vertraut.

Nun haben sie doch drei Moves gemacht: Harry Douglas aus Atlanta und Hakeem Nicks aus Indianapolis eingekauft, und WR Dorial Green-Beckham in der 2ten Runde gedraftet. Douglas und Nicks gelten nicht mehr als Burner früherer Tage, und Green-Beckham ist nicht nur charakterlich ein Risiko, sondern auch als schlampiges Genie verschrien – Hunter könnte eine letzte Chance bekommen.

Wie gesagt: Insgesamt schwer zu greifen, was Tennessee mit seiner Offense machen wird, aber das neue Personal – Poutasi, Cobb und vor allem Mariota und Green-Beckham – sorgt durchaus für Interesse an einer Franchise, für die zuletzt keiner freiwillig zwei Stunden länger wach geblieben ist. Es bleibt zu hoffen, dass man für sie einen Plan hat, und ein Mariota nicht nur – wie auch schon gemunkelt wurde – geholt wurde um den Preis für einen Team-Verkauf in die Höhe zu treiben.


Die Defense steht unter der Leitung von DefCoord Ray Horton, der für abwechslungsreiche Fronten zwischen 3-4 und 2-4-5 steht. Horton gilt als Despot, aber er hat gute Resultate nachzuweisen. In seiner ersten Saison in Tennessee verschlechterte sich die Defense trotz Systemumstellung immerhin kaum. Auch ein DE Jurrell Casey, bei dem man befürchtet hatte, seine Talente würden komplett verschwendet, lieferte allem Anschein nach eine gute Saison ab.

Interessant war, dass man am Personal kaum was änderte, mit Ausnahme der potenziell großartigen Verpflichtung von Edge-Rusher Brian Orakpo. Orakpo unterschrieb für 2 Mio. einen Einjahresvertrag. Er fiel zuletzt in Washington durch den Raster, weil dauerverletzt. In fittem Zustand war Orakpo einer der besten Pass Rusher in der Liga. Sein Counterpart, Derrick Morgan, bekam trotz moderater Sack-Zahlen einen neuen Vertrag.

Potenzieller Knackpunkt bleibt die sehr durchwachsen (um nicht zu sagen: schlecht) besetzte Secondary, die weder auf besondere Erfahrung noch auf besondere Stars oder Tiefe setzen kann. Dank Hortons Scheming wird die Verteidigung in Tennessee nicht komplett zusammenbrechen, aber eine Stärke sieht definitiv anders aus.


Tennessee wird sich von zwei Siegen gen Mittelfeld verbessern, davon ist auszugehen. Wie weit es nach oben geht, bleibt sicher abzuwarten, dafür hat der Kader noch zu wenige echte Stärken. Aber dank des Moves der Offseason (Mariota) wandert man wieder auf den nationalen Radar, und vielleicht hat man in Orakpo einen echten Glücksgriff getätigt.

Als jemand, der sich nur allzu gern an seine Anfangszeit in der NFL erinnert, in der eine ikonische Mannschaft mit einem unvergessenen farbigen Scramble-Quarterback (Steve McNair), als Tennessee Titans Angst und Schrecken verbreitete, kann bzw. darf ich die Offseason-Moves in Nashville diesmal goutieren.

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7 Kommentare zu “Tennessee Titans in der Sezierstunde

  1. OT – ich poste das am besten hier, weil es zu den Sezierstunden passt, wenn auch nicht zu den Titans:

    SPOX hat auf seiner Page 2 einen sehr schöne Analyse zur Broncos Defense aufgemacht. Ich glaube der Autor ist der User Satansbraten. Erfreulicherweise wird mit PFF Grades und den von diesem Blog bekannten Efficiency Stats z.B. NY / A oder Success Rate % argumentiert.

    http://www.spox.com/de/sport/page-2/us-sport/nfl/wade-phillips-denver-broncos-demarcus-ware-von-miller.html

    Gibt seit einiger Zeit wieder gute NFL Coverage bei SPOX, kann man sich schon anschauen.

  2. Sack-Zahlen sagen nicht immer(z.B. Morgan) alles…. Orakpo und er könnten ein sehr gutes Edge-Duo abgeben. Dazu Casey und Martin/Klug in der Mitte, das könnte eine sehr starke Nickel/Sub D-Line sein.

    Finde auch die Verpflichtungen von Searcy und Cox für die Secondary gut und sinnvoll! Die kommt mir hier bisschen zu schlecht weg, mit JMac hat man auch einen soliden #1 CB.

  3. Pingback: Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Kellerkinder | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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