Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde

Neuerliche 3-13 Saison für die Jacksonville Jaguars, die damit in den letzten vier Spielzeiten auf ganze 15 Siege kommen. Trotzdem bekommt man langsam das Gefühl, dass sich die Mannschaft Schritt für Schritt von Head Coach Gus Bradley und GM David Caldwell in die richtige Richtung entwickelt.

In Teilen ging der Matchplan schon 2014 auf: Die Defense hat schon einige Bausteine im Kader und war nach Power-Ranking als #20 schon recht nahe am Liga-Mittelfeld, unter anderem dank des zweit-effizientesten Passrushes der Liga nach Sacks (8.5% Adjusted Sack-Rate).

Freilich wurde vieles durch die unterirdische Offense in die falsche Richtung gezogen, aber selbst dort wurden erste Schritte gesetzt. Erstens und wichtigstens: OffCoord Jedd Fisch wurde gefeuert. Fischs Offense hatte keine Mitteldistanzen im Playbook, und wenn du einen komplett ungeschliffenen Rookie-Quarterback hinter einer mäßigen Offensive Line nur Hopp-oder-Topp spielen lässt, mit langen Passrouten für die Receiver, Flat-Routen für Tight Ends und Runningbacks, sind 4.8 NY/A und nur 35% Success-Rate im Laufspiel vorprogrammiert.

Fisch wird durch Greg Olsen ersetzt – der von vielen erwartete Move für den QB-Flüsterer Marc Trestman blieb aus. Olsen muss dieses Jahr mit neuem Personal liefern – ansonsten ist auch nicht auszuschließen, dass Head Coach Bradley im Jänner dem Arbeitsmarkt zugeführt wird.

Blake Bortles und seine Offensive Line

QB Blake Bortles hatte kein gutes Rookie-Jahr. Man hatte nicht viel von ihm erwartet, aber das von ihm gezeigte war dann doch ernüchternd, selbst wenn man die Umstände betrachtet: 3.5% INT-Quote bei nur 58% Completion-Rate, eine Sack-Quote von 10.3%. Er konnte die Zweifel an seiner unausgegorenen Technik und seiner Entscheidungsfindung nicht ausräumen.

Mit zunehmendem Saisonverlauf fiel immer mehr das Gabbert-Phänomen“ auf, der Quarterback, der im Angesicht des Pass Rushes die Contenance verliert und anstatt auf seine potenziellen Anspielstationen auf die gefletschten Zähne der Defensive Ends starrt. Bortles wurde in einigen Spielen gegen Ende der Saison bei lebendigem Leib verspeist – häufig, weil er dem Pass Rush zu viel Beachtung schenkte.

Gib einem jungen QB die Schlüssel in die Hand, ohne Anweisungen und ohne Schutz, und du hast das effektivste Mittel gefunden um ihn zu verbrennen. OffCoord Olsen und der künftige Offense-Linecoach Doug Marrone werden ganze Arbeit leisten müssen um den Totalschaden hinzubiegen.

Die Offensive Line galt letztes Jahr als nicht wirklich überzeugend (#18 im PFF-Ranking). Der große Hoffnungsschimmer soll auf den Guard-Positionen sein, wo zum Beispiel RG Brandon Linder (5 zugelassene Sacks, aber nur 8 weitere Hurries) überzeugt haben soll. C Wisniewski wurde vom Transfermarkt aus Oakland eingekauft, und so sollte die Line 2015 etatmäßig so aussehen:

LT Luke Joeckel (8 Sacks, 29 Hurries)
LG Zane Beadles (2/12)
C Stefen Wisniewski
RG Brandon Linder (5/8)
RT Austin Pastzor (4/12)

Problematisch war zuletzt die Entwicklung von LT Luke Joeckel, vor zwei Jahren als #2 im Draft geholt, aber bislang völlig enttäuschend. Joeckel gilt immerhin als selbstkritisch genug um sich was sagen zu lassen.

Rest der Offense

Der WR-Corps der Jaguars gilt als durchaus unterschätzte Komponente. Es gibt in WR Allen Hurns, WR Allen Robinson und WR Marquise Lee drei sehr junge Spieler mit guten Ansätzen. Vor allem Hurns galt 2014 als ungedrafteter Rookie als große Entdeckung, war mit 51 Catches in 97 Anspielen und 6 TD der beste Offensivspieler im Kader. Hurns wie Lee sollen jedoch noch Probleme mit Butterfingern haben.

Beim potenziell besten, aber noch immer wegen Drogenproblemen suspendierten, WR Justin Blackmon stehen drei Dinge in den Sternen: Ob er zurückkehren darf, ob er zurückkehren will, und ob sich die Jaguars überhaupt noch für ihn interessieren. Kannste getrost den Rotstift ansetzen bei diesem Namen.

Dafür wurde in TE Julius Thomas der teuerste und vermeintlich beste verfügbare Tight End vom Markt geholt. Thomas fuhr in Denver in den letzten beiden Jahren monströse Zahlen ein, hatte aber natürlich Peyton Manning auf QB. Man wäre überrascht, wenn Thomas ähnliche Stats wiederholen könnte, aber zumindest gibt er Jacksonville und seinem QB eine ernst zu nehmende Alternative.

Auf Runningback wurde in Runde 2 T.J. Yeldon aus Alabama gedraftet, der in der Rotation mit Toby Gerhart, Storm Johnson, Bernard Pierce und Denard Robinson fast schon per Akklamation der neue Topmann sein dürfte.

Defense

2014 machte sich erstmals bemerkbar, dass in Jacksonville in Gus Bradley und seinem aus Seattle importierten „System“ eine gute Defense im Aufbau ist. Der Pass Rush war wie eingangs erwähnt durchaus eine der Stärken, obwohl dem Kader der individuelle Topstar abging.

Diesen Topstar glaubte man im Draft 2015 gefunden zu haben: DE Dante Fowler von der nahen University of Florida. Aber weil es in der NFL Franchises gibt, die das Pech anzuziehen scheinen, riss bei Fowler in seiner allerersten Trainingseinheit die Achillessehne, weswegen er die komplette Saison ausfallen wird.

In Ryan Davis gibt es einen wenig bekannten Sprössling als potenziellen neuen LEO: Davis, 2012 nicht gedraftet, spielte letztes Jahr nur 310 Snaps, machte dabei aber 6.5 Sacks und 13 QB-Pressures – sehr gute Werte. DE Clemons wird seine Stammrolle auf LEO vermutlich noch behalten, aber er ist 33 und könnte Spielzeit an Davis übergeben.

Zudem gibt es in der Defensive Line in DT Senderrick Marks einen sehr starken Passrusher, und die Tiefe wurde mit dem teuren DT Odrick aus Miami sowie dem Rookie-DT Michael Bennett von Ohio State verstärkt. Für die zweite Reihe wurde Dan Skuda aus San Francisco geholt, womit die Front-Seven auch nach Fowlers Ausfall sowohl qualitativ als auch quantitativ besser aufgestellt sein sollte als in den letzten Jahren.

In der Secondary gilt es aufzupassen, dass man den jungen FS Cyprien nicht verheizt. Die Pass-Deckung galt 2014 als zu wenig aggressiv (nur 1.1% INT-Quote), hat aber angesichts der dünnen Personaldecke besser gehalten als erwartet. Vom überhitzten CB-Markt ließ man sich nicht wirklich treiben, verpflichtete in Davon House einen eher billigen Mann, der die Tiefe im Kader verbessern soll. Ebenso eine Tiefenverpflichtung: S Sergio Brown.

Ausblick

Die Gesamtausrichtung in Jacksonville stimmt, aber bei nur 15 Siegen in vier Jahren bleibt die Frage, wie lange der Geduldsfaden bei Owner Shadid Khan noch hält. 2015 muss eine deutliche Steigerung in der Siegbilanz her, ansonsten könnte der Headcoach tatsächlich fallen – ob fair oder nicht.

Der Aufbauprozess unter Caldwell und Bradley geht wie in Oakland eher schleppend, was aber nicht unbedingt schlecht sein muss. Man tut sich schwer, starke Free-Agents für Marktpreis zu holen, weswegen man auf gute Drafts angewiesen ist. Und Caldwell hatte ein gutes Gespür für seine Personalien in den mittleren und späten Runden – CB Dwayne Gratz, G Linder, CB Colvin oder LB Telvin Smith haben sich alle schon im Stamm etabliert.

Das Problem ist mehr, dass die hohen Picks bislang versagt haben: LT Joeckel, QB Bortles, und jetzt wandert Fowler schon vor dem ersten Snap auf die IR. Dass man letztes Jahr allem Aufbautrend zum Trotz seine Aktien in die alles andere als sichere QB-Option Bortles gesetzt hat, könnte dieser sportlichen Leitung am Ende um die Ohren fliegen. Man hat in dieser Offseason viele Ressourcen investiert um Bortles das Leben in der NFL zu vereinfachen – jetzt muss der Mann antworten um nicht nächstes Jahr mit neuem Trainerstab aufzulaufen.

8 thoughts on “Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde

  1. Ich denke, dass die nackten Zahlen der o-line gar nicht so schlecht aussahen. Laut PFF waren die Jaguars in PBE (pass block efficiency, also sacks, hurries and hits mit einem höheren Gewicht für die sacks auf die snaps gerechnet) an Nummer #8 mit einem Rating von 81,6!!!

    Trotzdem war Blake Bortles unter Druck der viertschlechteste, OHNE Druck aber der schlechteste aller qualifzierten QBs laut PFF: https://www.profootballfocus.com/blog/2015/05/20/qbs-in-focus-under-pressure/

    Deshalb spricht mMn schon sehr viel gegen Bortles anstatt unbedingt gegen die o-line.

    Ich denke, dass Jeremy Parnell auf RT starten wird. Den haben die Jags extra für viel Geld aus Dallas geholt. Im letzten Jahr hat Parnell in der besten o-line der Liga sehr gut gespielt als Ersatz für Doug Free.

    Schöne Sezierstunde. Ich denke dass die Jags besser als letzte Saison abschneiden werden, weil sie ganz gute Moves gemacht haben. Darüber hinaus wird man wohl einige knappere Spiele mehr sehen als noch in 2014.

    Gruß, suuma

  2. Was meinst du denn damit, wenn du Davon House billig nennst?
    Wenn du von Contract sprichst habe ich 6 Mios per year in Erinnerung gehabt. Relativ teuer für jemanden, der noch nie Starter war. War der Grund warum die Packers House und tramon Williams ziehen ließen.

  3. „Billig“ ist vielleicht eine suboptimale Formulierung. Ich meine eigentlich „günstig“ in dem Sinn, dass House nach Ablauf dieser Saison kaum Cap-Hit mehr hat (ab 2017 gar keinen mehr).
    Jacksonville sitzt bei ihm auf alle Fälle am längeren Hebel, und das wollen alle NFL-Teams bei allen Spielern erreichen.

  4. @suuma: Jacksonville hat zweimal JJ Watt gesehen und ansonsten 14 Spiele lang nichts. PFF verzichtet auf Schedule-Anpassung, weswegen eine Jags-OL an #8 nicht ernst genommen werden kann.

  5. http://www.reddit.com/r/nfl/comments/3795lh/2014_rookie_qb_analysis_hub_postlooking_at/
    Ist nicht von mir, ist noch in der Fertigstellung, aber hier kann man sehen, wie häufig Blake Bortles einfach schlechte Entscheidungen trifft oder „schlechte“ Pässe wirft. Vor allem gegen die Browns. Auch ohne Druck.
    Und das Hurns Butterfinger hat, sehe ich nicht.
    http://gfycat.com/ChiefCautiousEel
    http://gfycat.com/DemandingHappygoluckyGannet (Vor allem bei diesem ist der Pass eigentlich eine schlechte Entscheidung, allerdings haut Hurns ihn raus.)
    http://gfycat.com/FalseMetallicBuckeyebutterfly

  6. @korsakoff: Guter Hinweis. Habe mir die PBE von PFF nochmal genauer angeguckt und finde die grad etwas suspekt. Habe die Tabelle nur von einem Kumpel per Excel bekommen. Miami und Baltimore waren allerdings auch noch im schedule dabei. Wie würdest du denn mathematisch adjusten?

    Gruß, suuma

  7. Ohne groß darüber nachgedacht zu haben: Klingt nach einer 32-mal-32 Matrix, dürfte aber auch recht genau mit ein paar Schleifen errechenbar sein.

    Man würde wohl PBE gegen PRP (als ein Beispiel) gegenüber stellen. Ich kenne die Kennzahlen nicht genau. Sprechen sie die gleiche Sprache? Und: Man stellt immer noch nur die komplette Unit gegen eine komplette andere Unit. Nächste Frage: Wie viele Leute tragen zu PRP bei? 3 DL, 4 DL, 7 Front Seven?

  8. Pingback: Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Kellerkinder | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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