Denver Broncos in der Sezierstunde

Die Denver Broncos haben eine eigenartige Saison hinter sich gebracht, in der sie eigentlich nach Effizienz-Stats mal wieder die beste Mannschaft der Liga gestellt haben und mit 12-4 Siegen auch einen entsprechenden Record einfuhren, und trotzdem versprühte die Mannschaft in der zweiten Saisonhälfte nur noch die Sexyness von feuchtem Toastbrot. Nach dem leblosen Playoffaus wurde die komplette sportliche Leitung rasiert.

John Fox trotz vier Playoffteilnahmen und einer Superbowl in vier Jahren nebst Assistenten zum Teufel gejagt und durch den in Denver sehr beliebten Gary Kubiak ersetzt: Es hat offensichtlichere Head-Coach-Wechsel gegeben als diesen. Mit diesem Move sandte der Boss John Elway ein klares Signal: Nicht die Zusammenstellung des Kaders war schuld am Versagen der Broncos, sondern der Trainerstab (logisch, der Manager ist niemals schuld).


Dass die ganze mausetote Playoff-Vorstellung gegen Indianapolis am Ende auch ein ganz klein wenig mit dem wadenverletzten QB Peyton Manning zusammenhängen könnte, gestand man sich erst Tage später kleinlaut ein.

Manning wurde zumindest offiziell nicht wirklich mit Nachdruck zum Bleiben gedrängt, hängt nun aber mit 38 Lenzen noch eine wohl letzte Saison dran. Seine 2014er-Saison war nicht „schlecht“, wenn wir sie in einem Vakuum sehen: 66% Completion-Rate, 4938yds, 22% tief geworfen und mit 7.2 NY/A die viertbeste Effizienz eingefahren – allein, es wurde mit zunehmendem Saisonverlauf immer zäher, sodass wochenlang (zurecht) über seine Verletzung diskutiert wurde:

Peyton Manning 2014/15

Peyton Manning 2014/15

Mit Kubiak in der Hütte wird sich Manning auf seine alten Tage noch einmal auf eine neue Offense einstellen müssen. Spiel-Schemen in der NFL sind nicht mehr so verschieden, dass man von Grund auf was Neues implementieren muss, aber wenn Manning seit nun 17 Jahren gewohnt ist, in dreiviertel der Snaps der Shotgun zu stehen und 3 WR plus TE in der Aufstellung zu haben, kommt Kubiak von einer doch rigoros anderen Denke.

Kubiaks Offense stellt den Quarterback in nur einem Viertel der Snaps in die Shotgun, arbeitet dafür in 33% bis 50% der Snaps mit 2 RB und nur in zirka 30% der Fälle mit 3 WR. Sprich: Shotgun und 3 WR werden prinzipiell fast nur in logischen Pass-Situationen aufgestellt – für Manning völliges Neuland.

Weil Kubiak eine relativ ausbalancierte Offense zwischen Lauf und Pass bevorzugt, dürften in Denver auch die Zeiten vorbei sein, in denen der Quarterback jedes Jahr die 5000yds kratzt und zwei Receiver an die 1500yds fangen. Dafür gilt das System als außerordentlich Runningback-freundlich: RB C.J. Anderson, mit 929yds bei 4.7yds/Versuch eine der Entdeckungen 2014, und RB Montee Ball dürfte es freuen.

Ein potenzielles Fass ist in der Offensive Line aufgegangen, nachdem RT Orlando Franklin zum Divisionsrivalen San Diego wechselte, man C Manny Ramirez nach Detroit verkauft hat und sich Wochen später LT Ryan Clady schwer verletzte. Denver holte im Draft zwar in OT Ty Sambrailo (2te Runde) und dem Entwicklungs-Prospect Max Garcia (4te Runde) zwei Jungspunde, aber beide hätte man lieber langsam eingelernt als sie schon heuer ins kalte Wasser zu werfen.

Offense Line in Denver 2013
LT Clady | LG Beadles | C Ramirez | RG Vasquez | RT Franklin

Offense Line in Denver 2015
LT Clark | LG Smith | C Gradkowski | RG Vasquez | RT Sambrailo

Potenziell sind das zwei Welten. Nun gilt das Zonenblock-System von Kubiak als System, in dem auch durchschnittliche Athleten überleben können, und Kubiak kennt zumindest den Center Gradkowski aus gemeinsamen Zeiten in Baltimore, aber Manning dürfte in dieser Saison mehr Druck sehen als in der Vergangenheit.

Manning ist mit seiner extrem niedrigen Sack-Rate quasi über seine ganze Karriere nie ein Quarterback gewesen, der die allerbesten Vorblocker brauchte, aber je älter und immobiler der Mann wird, desto wichtiger dürften adäquate Offensive Liner werden. Sprich: Es ist eine potenzielle Sollbruchstelle.

Auf Wide Receiver dürfte man gesattelt sein: WR Thomas und WR Sanders geben ein mehr als verlässliches Top-Duo, und dahinter wartet in WR Cody Latimer ein Talent, das mit den Hufen scharrt. Auf Tight End muss man den abgewanderten Julius Thomas und Jacob Tamme ersetzen, aber als kurzfristige Übergangslösung dürfte sich Owen Daniels nicht schlecht machen – Daniels ist Kubiak quasi zeitlebens gefolgt, von Houston nach Baltimore nach Denver. Als Zukunftsoption wurde in Runde 3 Jeff Heuerman gedraftet.

Defense

Man kann über John Fox und sein Playcalling sagen was man will, aber der Mann hatte in seiner ganzen Karriere immer gute Defenses unter seinen Fittichen. So auch 2014: Denver mit 5.3 NY/A gegen den Pass als #1 der Liga, und mit 63% Erfolgsquote gegen den Lauf die #3. Angepasst an den Schedule stellte man nach Effizienz die drittbeste Defense der Saison.

Fox und DefCoord Del Rio sind bekanntlich Geschichte. Der neue Mann ist Wade Phillips, ein Mann mit suspekter Historie als Headcoach, aber ein sehr, sehr guter Defensive Coordinator. Phillips gilt als Verfechter der 3-4 Verteidigung mit druckvoller Front-Seven und 1-Gap Schemen (in just diesem Schema wurde J.J. Watt zum Monster) – ein System, das sich mit dem Personal in Denver mehr als gut fügen sollte.

Der Pass Rush sollte die absolute Stärke der Mannschaft bleiben: Die Edge Rusher lauten Von Miller (zuletzt 14 Sacks), DeMarcus Ware (11 Sacks) und Rookie Shane Ray (1te Runde). Selbst mit kleineren Verletzungssorgen und dem Sternchen des Alters bei Ware sollte das einen erstklassigen Pass Rush ergeben.

In der Defensive Line musste man in DT Knighton und DT Unrein zwei Rotationsspieler abgeben, aber in DT Sylvester Williams, DE Derek Wolfe und den Tackle/Ends Smith/Walker bleibt ein guter Mix aus jungen Talenten und alten Recken im Kader – zumindest sollte die Run-Defense nicht komplett abstürzen.

In der Secondary baut die Defense in Denver auf die starken Manndecker um CB Talib, Slot-CB Chris Harris und den jungen CB Bradley Roby sowie die Physis von SS T.J. Ward. Eine mögliche Schwachstelle tut sich mit dem Abgang von FS Rahim Moore auf, der nicht 1:1 ersetzt wurde.

Ausblick

Möglicherweise ist die Aussicht zu optimistisch, aber wenn die Schlüsselspieler fit bleiben, hat Denver trotz einer aufstrebenden AFC nicht schlechte Chancen auf eine weitere Superbowl-Qualifikation.

Entscheidend wird trotz aller Systemumstellungen und neuer Coaches der Fitnesszustand von QB Manning sein, der nach wie vor das Hirn der Offense bleiben wird. Er wird nicht mehr Herz, Hirn und Lunge sein, weil man die Last aufteilt, aber am Ende des Tages brauchst du ein rattenscharfes Passspiel um durchzukommen.

Der Kader ist nicht mehr so breit aufgestellt wie in den letzten Jahren und man wird anfälliger gegen Verletzungen sein. Aber Denver macht das gerade nicht schlecht. Man hat einen Kader, in dem viele Schlüsselspieler in 1-2 Jahren ihren Zenit überschritten haben werden – insofern muss man umbauen. Insofern auch keine schlechte Idee, Offense Line und Pass Rush (Ware ist 33!) zu draften. Insofern auch verständlich, dass man Manning nicht mehr auf Teufel komm raus halten wollte – das Team kann diese Saison wenn es ideal läuft noch einen Ring abstauben, aber es wird gleichzeitig schon auf die Zeit „post Manning“ vorbereitet.

2 thoughts on “Denver Broncos in der Sezierstunde

  1. Guter Artikel, nur hast du in der D-Line der sehr starken Malik Jackson vergessen. MMn könnte er mit dem neuen Scheme endgültig zum Superstar aufsteigen….

  2. Pingback: Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Titelaspiranten | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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