Baltimore Ravens in der Sezierstunde

Die auffälligsten Moves in der AFC wurden in New York, Miami und Buffalo gemacht, aber wenn du mich fragst, ist der größte Sleeperkandidat für einen Durchbruch nach vorne in einer anderen Stadt beheimatet – Baltimore. Die Ravens kommen aus einer für die Erwartungen exzellenten Saison, und sie haben in der Offseason viele gute Transaktionen gemacht. Let me explain.


OFFENSE – Seit Jahren ist der Angriff der Ravens eine Achterbahn ohne große Konstanz, was am boom or bustQB Joe Flacco liegen mag, aber vermutlich liegt die größere Verantwortlichkeit an den ständigen Coordinator- und Systemwechseln, die innerhalb weniger Jahre von Cam Cameron über Jim Caldwell zu Gary Kubiak für so ziemlich alles an verschiedenen Philosophien gesorgt haben was NFL-Football zu bieten hat.

Kubiak hat Baltimore nun verlassen um in Denver Headcoach zu werden. Sein Nachfolger ist einer, der bis zuletzt Headcoach war, und zwar in Chicago: Marc Trestman. Trestman ist für mich einer der Moves der Offseason. Trestman ging in Chicago mit fliegenden Fahnen unter, weil er die Umkleidekabine nicht mehr im Griff hatte. Er gilt als Persönlichkeit, die schwierigen Diskussionen aus dem Weg geht, weil er nicht gerne mit Menschen streitet.

Ein Männlein, zu nett für die Welt. In Baltimore hat er aber keine Gesamt-Verantwortung mehr. In Baltimore gibt es einen Cheftrainer mit der ultimativen Autorität in John Harbaugh, den schon vor dem Superbowl-Run von 2012/13 keiner angreifen konnte, und seither schon gar nicht. Hast du Harbaughs Rückendeckung, kannst du ungestört arbeiten.

Und Trestman gilt als genialer Offensiv-Stratege. Quarterbacks lieben seine Offenses, weil sie ihnen in jedem Spielzug eine Antwort geben. Trestman scheiterte in Chicago auch daran, dass er in Jay Cutler einen eigenwilligen Quarterback hatte, der schlicht und ergreifend nicht das machte, was das Offensiv-Design von ihm verlangte. Deswegen versuchte Trestman dort auch ständig, Cutler zu ersetzen.

In Baltimore existiert dieses Problem nicht. Joe Flacco gilt als pflegeleichter Charakter. Flacco ist gleichzeitig rein zufällig auch ein Quarterback, der kompetente Führung dringend nötig hat. Die letzten Jahre wackelte er immer wieder bedrohlich über ganze Saisonphasen, mit teilweise atemberaubend unrhythmischen Abschnitten.

In der Kubiak-Offense groovte sich Flacco letztes Jahr aber extrem gut ein: Die langen Bälle wurden reduziert, was zu einer Verbesserung der Completion-Rate auf 62% führte, zu viel weniger Sacks (nur 20, nachdem es die Jahre zuvor immer um die 40 gewesen waren), und auch die Interceptions wurden stark beschnitten (nur 14 Stück).

Wenn Flacco nun mit Trestman zusammenarbeitet, ist nur noch weitere Verbesserung im Spielfluss zu erwarten. Dazu passt auch die auffälligste Personaländerung im Spielerkader: WR Torrey Smith wird durch den 1st-Round Rookie Breshad Perriman von UCF ersetzt. Smith galt als komplettes one trick pony (langer Ball und sonst nix), während man Perriman bei aller Unerfahrenheit schon jetzt ein deutlich geschliffeneres Spiel nachsagt. Leute wie Greg Cosell sahen in Perriman den drittbesten Receiver der Draftklasse 2015.

Perriman und der in Runde 2 geholte TE Maxx Williams (soll Owen Daniels ersetzen) sind die beiden Jungspunde in der Ravens-Offense, wo es auch noch den Oldie Steve Smith gibt, der partout nicht eingehen will, auch letztes Jahr wieder über 1100yds machte und 25% tiefe Anspiele sah.

Die Offensive Line wurde 2014 unisono gelobt. Der Sprung von Kubiaks Zonensystem zu Trestmans doch eher traditionellerer Offense wird vielleicht für kleine Regression sorgen, aber auf der anderen Seite fuhren die Ravens bis 2013 mit einer Power-Offense auch nie schlecht – und sie werden in der anstehenden Saison den großen Schwachpunkt von 2015 – OG Hurst – nicht mehr im Starting-Lineup sehen.

Laufspiel war in Trestmans Offenses noch nie ein großes Problem, und wenn doch, gibt es in RB Justin Forsett einen vielseitigen, sehr wendigen kleinen Back, der dir zumindest in jedem Snap 1-2 Gratis-Yards herauswringt, die vielleicht der Spielzug vom Design her nicht hergegeben hätte.


DEFEFNSE – Wie GM Ozzie Newsome in Baltimore die Defense nach dem Superbowl-Triumph umgebaut hat, gefällt mir extremst. Newsome ließ dieses Jahr in NT Haloti Ngata und Edge-Rusher McPhee zwei Leistungsträger ziehen – und er konnte sie ziehen lassen, weil die Ersatzleute schon Schlange stehen.

DT Timmy Jernigan dürfte nach einem vielversprechenden Rookiejahr bereit sein für eine Stammrolle. Quasi schon Stammspieler letztes Jahr war NT Brandon Williams, ein Mann aus dem 2013er Draft. In den DTs Canty und Guy wurden zwei unauffällige Run-Defender für billige Kohle im Kader gehalten – die beiden werden sich einen der 3-4 End Plätze teilen. Für die Rollen hinter Jernigan/Williams steht im Rookie Carl Davis (3te Runde) ein vielversprechender Jüngling für die Rotation bereit.

Passrush von den Flanken passt in Baltimore seit Jahren: Terrell Suggs, Elvis Dumervil und Courtney Upshaw machten zuletzt inklusive Playoffs 38 Sacks. In DE Za’Darius Smith kann hinter dem Trio ein Rookie aus der 4ten Runde eingelernt werden, sozusagen als neuer Pernell McPhee, dem man keine 7-10 Mio. nachschieben konnte bzw. wollte.

Die Secondary bleibt ein Fragezeichen. CB Ladarius Webb hatte zuletzt nicht seine beste Saison, und ein CB Jimmy Smith allein reißt dir keine Bäume aus. Für den Slot wurde Kyle Arrington aus New England geholt, damit man nicht wieder auf CBs wie Vaughn oder Melvin in den Playoffs zurückgreifen muss.

Auf Safety hofft man, dass sich Will Hill keine erneuten Böcke abseits des Feldes leistet, und dass eventuell Matt Elam doch noch den Schritt zur NFL-Reife packt. Elam, 1st-Rounder 2013, ist der einzige der Post-Superbowl Picks in Baltimore, die bislang nicht so wirklich glücklich aussehen.


AUSBLICK – Der sehr optimistische Grundton bei den Ravens für die Saison 2015/16 kommt nicht zufällig. Ich erwarte mir extrem viel von der Verpflichtung des OffCoords Trestman und dem WR-Upgrade von Smith auf Perriman.

Ozzie Newsome verfolgte diesmal im Draft eine auffällig neue Strategie, in dem er direkte Nachfolger für abgegangene Spieler draftete (WR: Perriman für Smith, TE: Williams für Daniels, DT: Davis für Ngata, OLB: Smith für McPhee). Bislang war in Baltimore stets eine klarere Best-Player Richtlinie verfolgt worden, aber so sehr Newsome diesmal Positionen draftete, so sind zumindest die Defense-Rookies und mit Abstrichen auf Maxx Williams nicht sofort als Rookies für große Rollen vorgesehen. Sie sind alle eher Ergänzungsspieler mit mittelfristigem Fokus.

Von der Defense erwarte ich leichte Regression gegen den Lauf (wo man mit 64% die #3 war), aber mindestens gleichbleibende Qualität gegen den Pass (wo man mit 6.3 NY/A ziemlich genau Durchschnitt war). In der Offense dagegen gehe ich davon aus, dass Flacco mit seinen Ravens nahe 7 NY/A einfahren wird.

Baltimore ist für mich ein heißer AFC-Anwärter in diesem Jahr – und die Ravens müssen es auch sein, denn ab 2016 schlagen bei Joe Flacco die horrenden Gehaltssummen zu Buche, die man ihm nach dem Titelgewinn nachschob, und die bislang künstlich niedrig gehalten wurden. Dann werden die Ravens Schwierigkeiten haben, einen Elite-Kader weiter zu finanzieren – aber 2015 hat alle Zutaten für eine exzellente Saison.

Advertisements

3 Kommentare zu “Baltimore Ravens in der Sezierstunde

  1. Schönes Ding, 100% agree. Seit dem Draft habe ich die Ravens auf der Rechnung. Vorher habe ich alles noch etwas suspekt gesehen. Man sollte eventuell noch erwähnen, dass das backfield Verletzungspech hatte. In der letzten Saison wurde fleißig herumrotiert, Jimmy Smith fiel über die Hälfte der Saison aus. Wenn der fit bleibt, wäre das schonmal eine solide Konstante. Mit Kyle Arrington haben die Ravens nun auch was Gutes für den Slot, wie du schon erwähnt hast. Das könnte ein nettes Ass im Ärmel sein mit Hinblick auf die Playoffs. Arrington hat T.Y. Hilton in der letzten Saison in beiden Spielen nahezu ausgeschaltet.

    Der große Vorteil, den die Ravens haben, ist die großartige offensive line. Besonders in Sachen pass-blocking für Joe Flacco. Es wird eine sehr interessante Division.

    Gruß, suuma

  2. Auch wieder schön dargestellt. Aus meiner Sicht werden die Ravens in der kommenden Saison (leider) sehr stark sein und ich erwarte ein Kopf-an-Kopf-Rennen Ravens-Steelers um den AFC North Titel. Sehe aber auch Baltimore minimal vorne, weil sie den etwas leichteren Spielplan haben.
    Bei Perriman verstehe ich allerdings den Hype nicht ganz, weil er schon noch sehr ungeschliffen ist und anscheinend auch noch immer Probleme mit den Händen hat (soll nicht den besten Eindruck im Ravens Minicamp hinterlassen haben).

  3. Pingback: Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Titelaspiranten | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s