Chicago Bears in der Sezierstunde

Die Chicago Bears kommen vom Totalschaden der letzten Saison, in der man als hoffnungsvoller Außenseiter gestartet, letztlich als Lachnummer gestrandet ist. Folge: Die sportliche Leitung um GM Emery und Head Coach Trestman musste gehen. Als Nachfolger wurde die ungewöhnliche Combo aus dem 37-jährigen GM Ryan Pace und dem 59-jährigen Head Coach John Fox installiert. Ihnen mitgegeben wurde ein auseinanderfallender Kader mit dem QB-Fragezeichen schlechthin.

Pace kam als relative Unbekannte aus dem Umfeld der New Orleans Saints. Er führte sich in Chicago aber gleich mal als Mann der harten Entscheidungen ein und reorganisierte vor und nach dem Draft die Scouting-Abteilung. Wo genau seine Präferenzen liegen, ist nach der ersten Offseason noch nicht klar, auch wenn die Einstellung von Fox darauf hindeutet, dass er zuerst Ruhe im Locker-Room haben will, und dann als zweite Priorität die Rückkehr zu grundsolidem, altem Bears-Football.

John Fox ist ziemlich genau das Gegenteil vom passfreudigen Offensiv-Strategen Marc Trestman. Fox liebt lauflastige, konservative Offense, und liebt harte, knackige Defense. Fox ist ein rückständiger Coach gemessen an modernen NFL-Standards, aber nichtsdestotrotz hatte er in der NFL seine Momente, führte Carolina und Denver in die Super Bowl, ohne allerdings den ganz großen Titel zu gewinnen. Alle seine Mannschaften hatten aber immer ein Markenzeichen: Sie spielen grundsolide. Es werden kaum große Böcke geschossen, weil die Basics passen.

So etwas kann Chicago nach einer Saison brauchen, in der die halbe Mannschaft gegen den Trainerstab rebellierte und es immer wieder tumultartige Szenen gegeben haben soll.

Offense

Fox brachte für den Trainerstab seinen Lieblingsschüler OffCoord Adam Gase aus Denver mit nach Chicago. Gase, vor zwei Jahren erst als Wunderkind gefeiert, machte sich aus nicht offensichtlichen Gründen bei den Broncos zuletzt extrem unbeliebt. Man munkelte zuerst, er würde sicher irgendwo als Head Coach unterkommen – aber es blieb bei den Gerüchten. In Chicago hat er nun die Chance, seine Karriere zu revitalisieren – allerdings bekommt er gleich die ultimative Aufgabe vorgesetzt: QB Jay Cutler zu biegen.

Cutler gilt als eigensinnig und schwer trainierbar. Das wäre alles kein Problem, würde man ihn loswerden, aber die Bears haben sich mit einem Multimillionenvertrag in eine Situation manövriert, in der sie gegen Cutler am kürzeren Hebel sitzen. Vor einem Jahr, als Cutler der Vertrag untergeschoben wurde, sah es noch wie ein akzeptabler Deal aus. Dann aber vermurkste Cutler die Trestman-Offense – eine Offense, die so designt ist, dass noch jeder halbwegs lernwillige Quarterback darin Erfolg hatte. Schon sieht es zappenduster um Cutler aus.

Chicago wurde ihn bislang nicht los, und wird ihn vermutlich auch nicht loswerden. Dafür räumte Pace mit WR Brandon Marshall auf, einen der Chef-Intriganten in der letzten Saison. Marshall wurde nach New York verschifft. Sein Nachfolger wurde direkt im Draft geholt: WR Kevin White von West Virginia, dem alle nachsagen, er sei der talentierteste Receiver im Draft gewesen. White soll gemeinsam mit dem monströsen WR Jeffery die neue Ausgabe der Twin Towers in Chicago geben.

Gespannt sein darf man ob der Richtung, die die Offense einschlagen wird. Fox ist wie gesagt Lauf-Fetischist, aber Gase gilt eher als passorientiert – und auch das Spielermaterial lässt es zu, die Luftwaffe loszulassen.

Chicagos Offense-Personal ist beileibe nicht schlecht: QB Cutler ist in motiviertem Zustand ein Gunslinger, der durchaus das Repertoire im Arm hat für eine variantenreiche Offense. Er hat in Chicago schon vieles gesehen, aber rein auf dem Papier steht diese Saison vielleicht sein bislang bester Support-Cast auf dem Feld:

White/Jeffery in Ehren, aber es sind dann auch noch Slot-WR Royal und TE Martellus Bennett plus der flexibel einsetzbare RB Forte nebst Backups Carey und Langford. Dazu hat die Offensive Line trotz 39 Sacks im letzten Jahr durchaus Potenzial, zu den besseren in der Liga zu gehören: LT Bushrod, LG Slausson, C Montgomery und RG Long gehören alle zu der Spezies der Spieler, die in den meisten Mannschaften ihre Einsatzzeit bekommen würden – einzig auf der rechten Tackle-Position existiert noch eine Sollbruchstelle.

Defense

Die Defense ist der kritischere Teil. Hier wurde in Vic Fangio der DefCoord der San Francisco 49ers geholt. Fangio war bei den Niners beleidigt, weil man seinen Untertanen, den Positionscoach Tomsula zum Headcoach machte, nicht ihn, den Coordinator. Also ging er. Fangio ist ein Mann, der bislang vor allem 3-4 Defense hat spielen lassen, im Gegensatz zu Fox, dessen Spezialgebiet die 4-3 ist. Nach allem, was bislang bekannt ist, wollen die Bears vor allem 3-4 Front spielen – keine unkritische Entscheidung.

In Eddie Goldman hat man gleich mal via Draft (2te Runde) die wichtige Nose-tackle Position bedient. Aber Goldman ist immer noch ein Rookie. Seine Profitauglichkeit steht nicht allein wegen seiner Konditionsschwäche auf dem Prüfstand. Goldman hat im Oldie Ratliff maximal einen veritablen Nebenmann, nachdem die jungen DTs Sutton / Ego Ferguson bislang auch noch nicht viel gezeigt haben.

Immerhin sollte der Passrush von den Flanken passen: OLB McPhee wurde von Baltimore losgeeist, OLB Houston wird nach Bizarro-Verletzung (Kreuzbandriss beim Abfeiern eines Sacks) wieder fit sein. Als Backups stehen im Edge-Rush Leute wie Willie Young oder Sam Acho bereit, und der olle Jared Allen steht auch noch im Kader. Das Problem bei diesem Quintett ist allenfalls, dass sie alle von der natürlichen Veranlagung her eher wie 4-3 DE gebaut sind.

Sollbruchstelle Nummer 1 in der Defense bleibt weiterhin das Spielermaterial auf Linebacker. In LB Foster, LB Bostic und LB Jones gibt es drei extrem unerfahrene Inside-Linebacker im Kader, und der einzige Mann mit mehr als zwei Jahren in der Liga ist LB Shea McClellin, der zuerst zwei Jahre lang als 4-3 DE verbrannt wurde, ehe er letztes Jahr in neuer Rolle auf Linebacker zumindest ansatzweise NFL-Tauglichkeit nachgewiesen haben soll.

Als relativ okay besetzt gilt der erste Anzug in der Secondary, wo man sich aus New York mit Safety Antrel Rolle allerdings einen nicht einfachen Charakter als neuen Leader geholt hat.

Ausblick

Die Offense ist trotz gut besetzem Kader eine Wundertüte, weil weder klar ist, wer das Kommando vorgibt, noch klar ist, was genau gespielt werden soll, noch klar ist, ob Cutler überhaupt noch Bock hat. Die Defense ist schwer einzuschätzen, weil sie mit Fox und Fangio zwei neue Leadertypen mit unterschiedlichem Background bekommt, weil ein neues System eingeführt wird und die Front-Seven extrem dünn besiedelt ist.

Diese Prämissen vorausgeschickt, halte ich Fox für einen exzellenten Coach, solange er sich nicht an in-Game Entscheidungen vergreift. Fox hat vor Jahren in Carolina innerhalb von eineinhalb Jahren einen Totalschaden in die Superbowl geführt. Er hat die Denver Broncos mit Tebow ins Viertelfinale gebracht. Die Basis war dabei stets ein sich schnell entwickelndes Spielermaterial.

Chicago birgt natürlich erstmal die Gefahr, in einer nicht einfachen Division unterzugehen. Aber wenn wir die ganz negativen Gedanken was alles schief gehen könnte mal beiseite legen und uns auf das fokussieren, was da ist, hat Chicago mit dem Personal auf und neben dem Spielfeld durchaus auch Potenzial, zu einer Überraschungsmannschaft zu werden.

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2 Kommentare zu “Chicago Bears in der Sezierstunde

  1. Coole Zusammenfassung. Wobei ich die überaus positive Darstellung der Trestman Offense nicht ganz teile. Es lag zwar auch vieles an Cutler (und das wird auch heuer so sein), aber einige plays in 3rd down Situationen waren letzte Saison sehr, ich sage mal, interessant und hätten wohl auch mit einem QB Tom Brady o.ä. nicht zum Erfolg geführt.

  2. Pingback: Die furchtlose NFL-Vorschau 2015/16 | Die Kellerkinder | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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